In Kiew schellt das Telefon

Braga, Moskau, Kiew, Kopenhagen, Athen – das Quintett hat sich eingebrannt. Vier Namen können nun gestrichen werden. Kiew ist übrig geblieben und wird am 21. August Gast bei einer historischen Veranstaltung sein: Im Borussia-Park absolviert Gladbach sein erstes Champions-League-Spiel aller Zeiten. 

Am 29. August kommt wieder ein Stempel aus der Ukraine in den Reisepass.

Am 29. August kommt wieder ein Stempel aus der Ukraine in den Reisepass.

Wenn es um die Borussia geht, habe ich seit dem 3. Januar 2012 keine guten Erinnerungen an Judith Rakers. Es war der Tag, als Marco Reus seinen Abschied verkündete. Genau das verkündete Rakers in der Tagesschau – und was in der Tagesschau verkündet wird, ist fix. Nun hat es bis zum 10. August gedauert bis zur Versöhnung. Diesmal hatte Rakers die Mittagsschicht. Ihre Nachricht: Borussia Mönchengladbach trifft in den Play-offs zur Champions League auf Dynamo Kiew. Es muss also stimmen. Doch diese scheinbar bürokratisch-schnöde Auslosung hat mich weitaus mehr mitgenommen als eine Tagesschau-Sendung.

12:02 Uhr, der Stream auf der offiziellen UEFA-Seite müsste längst laufen, weigert sich aber noch. Zum Glück schaue ich lange genug Europacup-Auslosungen ohne Gladbacher Beteiligung, um nicht noch nervöser zu werden. Denn selbst, wenn die UEFA keine altgedienten Stars einlädt und in unnötigen Smalltalk verwickelt, kann sich das Prozedere in die Länge ziehen.

12:05 Uhr, Nyon meldet sich jetzt auch im Bild. Lucien Favre kommt aus demselben Schweizer Kanton. Was kann solch ein Heimvorteil ausrichten, wenn es um Plastikkugeln und Faltzettel geht? Was kann die Gemeinde Nyon überhaupt außer auslosen? Erste gute Nachricht: Bei der UEFA kommen tatsächlich echte Zettel zur Anwendung, wie ich sie früher im Kinderzimmer bei fiktiven Auslosungen aus der Salatschüssel benutzt habe. Der DFB gibt sich im Pokal zwar immer Mühe mit den eingesetzten Vereinslogos. Aber auch beim Auslosen bin ich Romantiker.

Nicht Borissow, nicht Maribor
Giorgio Marchetti heißt der Mann, der zum ersten Mal seit 16 Jahren auf dieser Bühne “Borussia Mönchengladbach” in den Mund nimmt. Bei Google hat er auf jedem dritten Bild einen Loszettel in der Hand, er muss es also wissen. Doch zuerst sind die Teams an der Reihe, die sich auf dem Meisterweg befinden. Michel Platini hat diesen Modus eingeführt, 17 Meister sind so sicher dabei in dem Wettbewerb, der nach ihnen benannt ist. Ergibt Sinn. Deshalb kann Zagreb auf Maribor treffen, Borissow auf Kirjat Schmona – und der Sieger ist sicher dabei. Glückwunsch!

In den fünf Durchgängen für den Meisterweg bleibt also genügend Zeit, um den Modus so zu verinnerlichen, dass sich zur Anspannung nicht auch noch Verwirrung gesellt, wenn Gladbach an der Reihe ist. Marchetti und sein glatzköpfiger Kollege Gianni Infantino (der auf den meisten Bildern bei Google neben ihm steht) haben die Sache voll im Griff. Drei Töpfe, in zweien sind je fünf Kugeln, in dem dritten platzieren Marchetti und Infantino je eine Kugel. Wer zuerst gezogen wird, hat im Hinspiel Heimrecht. Es könnt’ alles so einfach sein – ist es auch.

Dann sind die Meister abgefertigt, die Tafel mit Gladbachs potentiellen Gegnern erscheint und – noch sensationeller – Gladbach steht auch drauf. Obwohl die UEFA Borussia mit einem “B.” abkürzt, hat der Verein den längsten Namen. Ein erster Teilerfolg! SC Braga, Spartak Moskau, Dynamo Kiew, FC Kopenhagen, Panathinaikos Athen – das Quintett werde ich meinen Kindern wahrscheinlich noch auf dem Sterbebett aufsagen können.

Sommerurlaub in Osteuropa?
Seit Mittwochabend bin ich jedes Szenario gefühlt tausendfach durchgegangen. Braga: ausgedehnter Roadtrip mit dem Auto. Kopenhagen: ausgedehnter Roadtrip mit Halt in Hamburg. Athen: Flug, zwei Übernachtungen. Kiew: hin und direkt wieder zurück. Moskau: weinen, hin und direkt wieder zurück. Seit Monaten habe ich allen möglichen Menschen erzählt, dass am 10. August das Ziel meines Sommerurlaubs ausgelost wird. Erst am Tag vor der Auslosung habe ich realisiert, dass eine Tagestour nach Osteuropa nun nicht gerade nach Sommerurlaub klingt.

Aber Marchetti und Infantino, die Herren der Lose und Kugeln, beenden die Gedankenspiele, indem sie endlich beginnen. Los geht’s mit Braga. Gleich ist das Nervenkostüm in einem Zustand wie sonst nur im Elfmeterschießen gegen Heidenheim. Aber Marchetti verschießt! Holt Udine aus der Kugel!

Nächstes Los: Spartak Moskau. Nein, bitte nicht. Diesmal ist Marchettis Fehlschuss ein Gewinn – Fenerbahce Istanbul muss nach Russland. Anschließend werden Malaga und Panathinaikos Athen gefühlt im Zeitraffer ausgepackt. Es läuft auf eine K-oder-K-Qualifikation hinaus, Kiew oder Kopenhagen? Die Anspannung könnte beim Blind Booking nicht größer sein.

Was mit K
Und dann ist der historische Moment da. “VfL Borussia Mönchengladbach” steht auf dem Zettel – welch ein Name und was für ein Tier von Zettel! Marchetti hat den Gegner in der Hand, braucht eine gefühlte Ewigkeit. Ob die Falttechnik der EU-Norm entspricht? Ein K! Dynamo Kopenhagen! Jawoll! Janein! Nix mit Kopenhagen, es ist Kiew. In Kiew schellt das Telefon.

Das Mitzittern, bis der Topf mit den fünf möglichen Gegner komplett war, hatte mich am Mittwoch schon unglaublich mitgenommen. Jetzt sitze ich vorm PC und bin geschafft wie nach einem Elfmeterschießen, bei dem am Ende die Torhüter antreten mussten. Ich war doch gerade erst in der Ukraine, beim Spiel zwischen Deutschland und Dänemark in Lwiw. Jetzt wird es der zweite Trip binnen einem Jahr ins EM-Gastgeberland, wieder werden es nicht einmal 24 Stunden. Die Ökobilanz schlägt vor Freude Purzelbäume.

Sekunden nach der Auslosung sind die ersten Meldungen da. Das berüchtigte “Hammerlos” hat es natürlich in die Überschriften geschafft. Aber warum Angst haben vor einem Verein, der Herthas Raffael verpflichtet hat? Andryi Yarmolenko soll so viel wert sein wie Luuk de Jong, hat aber vergangene Saison nur zwölf Treffer in 28 Ligaspielen erzielt. Und nochmal frage ich: Warum Angst haben?

Jürgen Arango
Positiv ist, dass der erste Takt der Champions-League-Hymne am 21. August im Borussia-Park erklingen wird. Sportlich mag das ein Nachteil sein, aber sentimental ein dicker Vorteil. Dynamo Kiew war der einzige Verein im Topf, gegen den die Borussia in ihrer Historie bereits ein Pflichtspiel absolviert hat. Es war das Halbfinale im Landesmeister-Wettbewerb 1977. Jürgen Wittkamp erzielte im Rückspiel nach einer unfassbaren Freistoßvariante ein “Tor des Monats”. Das riecht nach einer Aufgabe für Juan Arango.

Auf der offiziellen Seite von Dynamo Kiew ist kurz nach der Auslosung ein Interview mit Igor Belanow erschienen. Europas Fußballer des Jahres von 1986 absolvierte Ende der 80er insgesamt 24 Bundesligaspiele für die Borussia. An seinem Intermezzo am Niederrhein lässt Belanow kein gutes Haar und auch das Gladbach von heute scheint er nicht richtig ernst zu nehmen. “Keine Chance”, sagt er und meint Borussias Chancen. Das wollen wir doch mal sehen.

10. August 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 8 Kommentare

Kommentare (8)

  1. Ich wünsche Dir schon mal eine gute Reise und bin ein wenig neidisch. Schlimm ist, dass ich wohl am 21. August von der Firma aus nach Stuttgart muß. Das heißt, dann dort irgendwo einen Laden suchen, der Fußball von der richtigen Mannschaft zeigt oder alleine im Hotel sitzen. Gefühlt ist der Niederrhein dann genau so weit weg wie die Ukraine…
    Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ist gar nicht das schlechteste Los. Wenn wir Kiew schlagen, dann sind die Gegner in der Championsleague-Gruppe fast egal. Und falls wir doch nicht in die Geldmaschinen-Liga kommen ist mir die Euro-League auch sehr recht. Geld ist nicht alles, Spaß daran möchte ich haben. Also am Fußball, nicht am Geld.

  2. Hi Jannick,
    Habe vorgestern deine Seite entdeckt und sofort beide Bücher bestellt!
    Dein Kommentar zur Auslosung brachte mich zu schmunzeln, da ich die Auslosung über Kicker-Ticker verfolgt habe. Es ging dort alles viel schneller, da das Update nicht so schnell war. Daher hatte ich keine Zeit mir soviel Gedanken zu machen.
    Da ich in der Schweiz (Wallis) wohne, war Nyon mein einziges Heimspiel. Hoffe ich schaffe es dieses Jahr wieder nach Freiburg.
    Wünsche Dir einen super Fahrt in die Ukraine! Forza Borussia!

  3. Ich war nach der Auslosung auch fix und alle :-)
    Und da ich nach intensiver Suche – nach 2 Stunden hab ich sogar unterm Bett nachgeguckt – inzwischen meinen RP wiedergefunden habe (ich wusste doch, dass das Teil irgendwo sein muss^^) bin ich Kiew auch dabei – falls im Flieger noch ein Plätzchen für mich frei ist.
    Vielleicht sieht man sich ja mal.

  4. Deinen Optimismus, lieber Jannik, möcht ich haben. Aber dein Text hat mir auf jeden Fall Mut gemacht, dieses Los nicht ganz so schwarz zu sehen. Wer weiß, wer weiß… vielleicht klappt es ja doch mit dem Einzug in die Gruppenphase. Der letzte Test gegen Norwich hat ja auch schon mal Mut gemacht und Igor, der alte Fuchs für die ganz besonders wichtigen Tore, scheint ja top fit zu sein. Dumm nur, dass gerade jetzt ter Stegen dieses Länderspiel machen soll. Auf der einen Seite zwar gute Gelegenheit… aber wenn ihm was passiert… darf ich gar nicht dran denken!!!

  5. Ach ja, Igor Belanow der alte Kaufhausdieb.

  6. Das Interview von Belanow ist wirklich bemerkenswert, so etwas nennt man wohl Nachtreten und nagelt man üblicherweise an die Kabinentüre.
    Kleiner Auszug aus dem google-translater:
    „Es besteht kein Zweifel, dass die stärkere Dynamo “Borussia” in jeder Hinsicht. Dies ist ein völlig anderes Niveau Teams. Daher hatten die Deutschen keine Chance, in dieser Auseinandersetzung.“
    Hübsch, wie hier die eigentliche Aussage durch google (in orakelhafter Weisheit vermute ich) ins Gegenteil verkehrt wurde.
    Auf geht’s, Borussia, du stärkerer Dynamo!

  7. Nach der Verwechslung mit dem Logo der nicht ganz so wahren Borussia glaube ich fest daran, dass Kiew die Sache nicht so ernst nimmt.

    Euch allen ein Dankeschön für die Kommentare!

  8. Jo, der Verdacht keimt bei mir ebenfalls. Erst recht nach dem Enträtseln des Belanov-Interviews mit Hilfe der Google-Übersetzung. Aber was zum Henker ist mit “wird das Stadion ständig an die Augäpfel verpackt” gemeint?? :-)

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