Keiner unten, einer oben

Max Eberl hat in seiner Karriere nie ein Tor erzielt. Nach seinem Treffer an der Torwand im Sportstudio kann aber kein Mensch mehr behaupten, Gladbachs Sportdirektor habe “niemals einen reingemacht”. Und ich habe diesen historischen Moment live vor Ort erlebt.

Es ist ein Scheinwerfer vor meinem Gesicht, kein Heiligenschein. Quelle: ZDF Mediathek

Es ist ein Scheinwerfer vor meinem Gesicht, kein Heiligenschein. – Quelle: ZDF Mediathek

Zwei Minuten vor der Sendung habe ich mit Sarah noch schnell den Platz getauscht. Wahrscheinlich hätte ich mich im gesamten Verwandten- und Freundeskreis ewig rechtfertigen müssen, wenn meine Begleitung in ihrem Dortmund-Trikot neben Max Eberl gesessen hätte, nicht ich. Und das live im Fernsehen, in Zeiten von Mediatheken, die alles abrufbar machen. “Eberl, reserviert” steht nun auf dem Sitz links neben mir. Dann: Licht aus, Spot an. Guten Abend und herzlich willkommen zum Aktuellen Sportstudio!

Die Beachvolleyball-Olympiasieger Julius Brink und Jonas Reckermann haben bereits kurz mit Katrin Müller-Hohenstein geplaudert, als Eberl ins Studio gerufen wird. Er hat Geschenke mitgebracht. Dem Leverkusen-Fan Brink und dem Kölner Reckermann drückt er zwei signierte Gladbach-Trikots in die Hand. Brink zuckt nur kurz erschrocken, Reckermann steht der Ekel ins Gesicht geschrieben. Sehr feiner Humor von Eberl!

Die Höhner sind in Köln einst geächtet worden, nachdem sie auf einer Karnevalsfeier in Gladbach einen Borussia-Schal angenommen haben. Was würde ich tun, wenn Toni Schumacher mir live im ZDF ein FC-Trikot in die Hand drücken würden? “Herr Schumacher”, würde ich (hoffentlich) sagen, “Geschenke darf man wohl nicht ablehnen, erst Recht nicht vor Millionen Zuschauern im deutschen Fernsehen. Also fasse ich dieses Trikot jetzt sogar an. Ich habe aus diesem Grund immer einen Gefrierbeutel in der Hosentasche, wie bei CSI. Und wenn sie weg sind, werde ich das Trikot sofort bei Ebay reinstellen und mir von dem Erlös ein paar Kästen Altbier kaufen. Alles Gute in Aalen!”

They put the “Leben” in “Lebensdauerkarte”
Eberl verschwindet nach der gelungenen Bloßstell-Aktion erst einmal wieder hinter den Kulissen. Links neben mir haben sich zwei Nagelstudio-Besitzerinnen mit entsprechenden Kunstwerken an den Fingern so breit gemacht, dass der reservierte Sitz für den Sportdirektor kaum noch sichtbar ist. Ey, macht mal Platz da!

Wenigstens den Zettel hätte ich ja eigentlich mitnehmen können.

Dann sind die Beachvolleyballer abgefrühstückt. Reckermann hat, in der Tat von Toni Schumacher, eine Lebensdauerkarte für den 1. FC Köln überreicht bekommen. “Solange wir im Vorstand sind, darfst du bei uns sitzen”, verspricht Schumacher und merkt im selben Atemzug, dass das dem Begriff “Leben” in “Lebensdauerkarte” nicht ganz gerecht werden könnte. Also fügt er hinzu: “Und wenn es einen neuen Vorstand gibt, dann sitzt du bei dem.” Reckermann wird geahnt haben, dass mit dem verwandelten Matchball in London der Höhepunkt erreicht war.

Anschließend kommt der übliche Quoten-Pokalheld. Mit getackerter Augenbraue erzählt Metin Cakmak, dass ihm im Vorfeld kein Hoffenheimer Spieler eingefallen war, dessen Trikot er wollte. Also hat er seinen Berliner AK mit zwei Toren einfach in die nächste Pokalrunde geschossen – und wenn die Hoffenheimer nicht so verdutzt gewesen wären, hätten sie sich Cakmaks Trikot gesichert.

Nicht so scharf wie 2011/2012
Während Eberl kurz darauf wieder ins Studio geholt wird, läuft der Spielbericht aus Aachen. Auch wenn es 70 Minuten gedauert hat bis zum erlösenden 1:0, hatte vor dem Fernseher eher die Arrabiata-Nudelsoße für einen Schweißausbruch gesorgt. Dieses Spiel könnte ein Vorgeschmack gewesen sein auf die neue Borussia: Hinten gewohnt sicher, nach vorne mit weniger Hurra, aber in den entscheidenden Momenten effektiv – eher Napoli als Arrabiata. Es wird noch ein paar Wochen dauern, bis die Rädchen wieder ineinandergreifen wie bei einem opulenten Glockenspiel im Rathausturm. Aber schön angemalt sind die Figuren schon. Jetzt muss Favre nur noch ein bisschen Öl dazu geben.

Juan Arango kann man nach seiner großartigen Vorstellung nur einen Vorwurf machen: Dass er immer noch nicht konstant spielt. Nein, mal liefert der Venezolaner lediglich einen guten Auftritt ab, aber dann ist er auch wieder ein Fußballgott wie in Aachen: Freistöße knapp drüber, Freistöße an den Pfosten, Vollstreckerqualitäten in Mittelstürmermanier und dann kurz vor dem Ende noch ein Antritt, als hätten sich die Meteorologen vertan und die Außentemperatur in Fahrenheit angebenen. Eiskalt bei 37 Grad! Was die Neuzugänge angeht, werde ich bis zum Hinspiel gegen Kiew warten müssen, um mir über 90 Minuten ein Bild zu machen.

Favre fand das alles noch gar nicht gut. Aber das ist sein gutes Recht. Auch wenn sechs Bundesligisten in der ersten Pokalrunde ausscheiden und für einen neuen Rekord sorgen, gibt es keinen Grund, ein 2:0 in Aachen überzubewerten. Außer Tickets für die 2. Runde gibt es nur vage Erkenntnisse zu gewinnen. Eine könnte sein, dass die Borussia das Hinspiel gegen Kiew am besten wie ein einzelnes Pokalspiel angeht und sich dann erst Gedanken ums Rückspiel macht.

Sympathischer Auftritt
Eine Minute noch, bis der Beitrag zu Ende ist. Der Aufnahmeleiter sucht verzweifelt Eberls Platz im Publikum. Das Nagelstudio-Duo rückt mir noch immer auf die Pelle. Ich will im Scheinwerferdunst trotzdem nicht winken und laut “Max, hier drüben!” rufen. Aber was macht der Aufnahmeleiter stattdessen? Lässt den einzigen Zuschauer mit Köln-Trikot ein wenig nach links rücken und platziert Eberl gleich daneben. Der schaut leicht irritiert – in etwa wie ein Beachvolleyball-Olympiasieger aus Köln, dem man ein Gladbach-Trikot in die Hand drückt. Naja, und ich kann meinen Kindern später eine Geschichte mit der Überschrift “Wie ich einmal im Sportstudio fast neben Max Eberl saß” erzählen.

Eberl, Mann mit Karohemd, Metin Cakmak, Kölner (v. l. n. r.) – Quelle: ZDF Mediathek

Der Sportdirektor legt einen sympathischen Auftritt hin. Als er über die schwere Zeit in der Saison 2010/2011 spricht, merkt man Eberl an, wie schwer ihn die harsche Kritik damals getroffen hat. Manches war zwar gerechtfertigt, aber vieles rückblickend unter der Gürtellinie. Und man glaubt ihm auch, dass ihn diese Erfahrungen gestählt haben, er aber zum Glück nicht abgestumpft ist unter dem Druck.

Ohne einen typischen “Müller-Hohenstein” kommt die Moderatorin auch diesmal nicht aus. “Marco Reus, Dante, Marko Marin”, zählt sie auf, als es um Gladbachs Spielerverkäufe geht. Eberl zuckt zusammen wie ein Restaurantbesucher, dem der Kellner aus Versehen die Rechnung von der 17-köpfigen Geburtstagsrunde am Nebentisch gebracht hat. Irgendwann haben dann alle verstanden, dass KMH nicht nur von diesem Sommer spricht, sondern von Eberls gesamter Zeit als Sportdirektor. Trotzdem schaut der noch zwei Minuten lang so verdutzt, als wolle er KMH künftig aus Mitleid ihr Kicker-Abo finanzieren.

30 Schüsse, sogar Eberl trifft
An der Torwand legen Brink und Reckermann dann los, als ginge es um Profiverträge bei ihren Lieblingsvereinen. Der arme Eberl tut mir schon leid. Nach drei Schüssen aufs untere Loch hat er noch keinen Treffer. Auch oben stacheln sich die Beachvolleyballer gegenseitig zu Höchstleistungen an. Aber dann, ein historischer Moment: Eberl setzt den fünften Schuss wunderschön in den Winkel! 2001 habe ich ihn gegen Chemnitz verschießen sehen. Spätestens jetzt, elf Jahre später, hat er sich damit rehabilitiert. Dass der Sportdirektor “noch nie ein Tor geschossen” habe, ist damit eindeutig widerlegt.

Dann: Licht an, Spot aus. Die Hände sind nach dem Torwand-Marathon mit fünf Schützen wundgeklatscht. Noch ist die rechte jedoch intakt genug, um Eberl die Hand zu schütteln und “viel Erfolg am Dienstag” zu wünschen. Der Sportdirektor schaut etwas verdutzt, dabei habe ich doch unverkennbar ein weißes Gladbach-Trikot an, in dem die Borussia erst auf Platz 18 abgestürzt ist und dann in den Europacup gebeamt wurde. Vielleicht war das “reserviert” auf dem Platzzettel auf Eberls Gemütszustand bezogen. Wahrscheinlicher ist aber, dass man nach 90 Minuten auf der Bank bei fast 40 Grad, anschließender Reise nach Mainz und bevorstehendem Auftritt im Doppelpass am nächsten Morgen einfach fix und fertig ist. Gute Nacht, Max!

20. August 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Schöner Bericht und schönes Erlebnis!!! Habe das ASS Samstag Abend gesehen. Dich aber leider nicht.

    Ich selbst hatte überlegt (nachdem ich am Freitag vom sonntäglichen Auftritt Eberls im DSF-Doppelpass erfahren hatte), am Sonntag nach Wolfsburg zu fahren. Hatte aber fußballuninteressierten Besuch aus Berlin. Schade. Um sehr mehr als kein einziges Gladbach-Trikot im Publikum zu sichten war.

  2. Sicher, dass die 6 ausgeschiedenen Bundesligisten einen neuen Rekord für die erste Runde bedeuten? Nicht dass ich hier in diesem Blog Zweifel hätte, aber ich frag noch mal so halbrhetorisch nach.

  3. Zumindest sind noch nie sechs Bundesligisten gegen unterklassige Teams ausgeschieden, weil sie damals noch aufeinandertreffern konnten. Hörte ich gestern so, ist aber blind von Sky (?) übernommen.

  4. Herrlich! Besonders die kleinen Ausflüge rund ums Köln-Trikot. Unter uns: Ich täts auch nehmen und dann bei Ebay vertickern… Ich meine, ich kann mir ja hinterher gründlich die Hände waschen *g*. Die Sendung habe ich “nur” aufgenommen, aber am nächsten Morgen den DoPa gesehen, wo Eberl (auch) sehr sympathisch rüberkam. Die Aufzeichnung werde ich dann demnächst mal schauen, nach DEM Bericht bin ich extra gespannt drauf. Danke aber für dieses Appetithäppchen in schriftlicher Form. Wie immer: Top!

  5. Pingback: Die Blog- & Presseschau für Dienstag, den 21. August 2012 | Fokus Fussball

  6. …und beim Torwandschießen blitzte sein Witz, mit dem er auch die eine oder andere trockene Unterrichtsstunde auflockerte, auf.

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