Eine große sportliche Veranstaltung

5775 Tage war Borussia Mönchengladbach weg von der internationalen Bühne. Die Rückkehr nach 16 Jahren hatte fast alles, was das Gefühlsspektrum bereithält. So kam es, dass auf den vorläufigen Höhepunkt meines Fanlebens unmittelbar große Ernüchterung folgte. Das 1:3 gegen Kiew ist zwar schnell verdaut, aber nicht so leicht verarbeitet. Und dennoch lebt die Hoffnung auf ein Wunder.

Ein Bild für die Ewigkeit – so viel Pathos muss sein.

Ein Bild für die Ewigkeit – so viel Pathos muss sein.

Das war wohl gemeint mit “eine Woche Sandstrand”. Es ist 14 Uhr, nicht einmal mehr sieben Stunden bis zum Anpfiff im Borussia-Park, und wir lassen es uns im Pool gut gehen. Dass es Breyell statt Braga heißt, ist bei knapp 30 Grad in der niederrheinischen Sonne gerade so zu verkraften.

Eigentlich wollte ich die Champions-League-Play-off-Feierlichkeiten mit Nils schon am Abend vor dem Spiel einläuten. Doch mein Kumpel mit der größten Raute im Herzen hatte es sich kurzfristig anders überlegt – und wollte seinen neuen Doppelhalter nun doch erst basteln, falls Gladbach in die Gruppenphase einzieht. Ganz schlicht sollte er werden, weiß mit schwarzer Schrift. Lediglich “Eine große sportliche Veranstaltung” sollte darauf zu lesen sein, die poetischste Zeile der gesamten Champions-League-Hymne.

Tabuthema Europa
Dann also Breyell am Dienstagmittag. Alexander hatte großzügig den Pool im Garten seiner Eltern angeboten – plus Grillfleisch und Bier. So lässt es sich würdig auf das Spiel hinfiebern, auf das Gladbach 16 Jahre lang gewartet hat. Wobei man in der Hinsicht etwas präziser sein und festhalten muss, dass spätestens seit dem zweiten Abstieg im Jahr 2007 niemand mehr explizit auf diesen Tag gewartet haben wird. Man hat ab und an auf die Fairplay-Wertung geschielt, wenn die Borussia sich im Abstiegskampf mal wieder vornehm mit Gelben Karten zurückhielt. Ansonsten war Europa quasi ein Tabuthema und tauchte lediglich in Dokus über die rund 110-jährige Vereinsgeschichte auf.

Wenn Sommer und Niederrhein aufeinandertreffen...

Jetzt, 112 Jahre und 20 Tage nach der Gründung des Vereins, war es an der Zeit für Größeres. Genau genommen für das Größte, was Borussia Mönchengladbach seit 1996 erlebt hat: die Rückkehr in den Europapokal und damit die Zusammenführung zweier Fan-Generationen. Jahrelang waren Jung und Alt im Leiden verbunden. Nun sollten sie zum ersten Mal einen Auftritt auf der großen Fußballbühne gemeinsam erleben. Zwei Welten, die so verschieden und doch so gleich sind – praktisch ein Familientreffen an der Grenze zwischen dem Nord- und dem Südkorea des Fanseins. You’re my heart, you’re my Seoul.

Um halb fünf steige ich aus dem Pool und mache mich auf nach Hause. Dort wartet mein persönliches und teuer erstandenes Europapokal-Outfit. Das Greuther-Fürth-Design anno 2012 hat mich so sehr geschockt, dass ich beschlossen habe, in etwas Retromäßiges zu investieren. Ich kam, bot und kaufte ein schwarzes Diebels-Trikot von 1996 mit der Nummer 4, Patrik Andersson, für 71 Euro. Man gönnt sich ja sonst nur zu viel.

Doch kein Geigenunterricht
Bereits nach dem Aufwachen am Morgen war ich sofort beim Spiel am Abend gewesen. Nicht, dass das an Spieltagen sonst großartig anders wäre. Aber meist strecke ich mich wenigstens kurz, denke ‘Man ey, ganz schön hell hier’. Diesmal jedoch war es, als würden in meinem Kopf blitzartig die ersten Takte der Champions-League-Hymne ertönen. Fußball ist, wenn man morgens schon weiß, dass man abends Tränen in den Augen haben wird.

So trage ich die Raute durch Europa.

So trage ich die Raute durch Europa.

Im Februar nach dem 3:0 gegen Schalke war ich mir des vierten Platzes so sicher, dass ich schon Geigenunterricht nehmen wollte, um die Hymne bis August spielen zu können. Natürlich war das Schwachsinn. Ich habe instrumentenmäßig so wenig drauf, dass ich mir mittlerweile selbst den dummen Witz spare, ich könne nur Arschgeige spielen.

Aber immerhin habe ich mir die Noten der Hymne angeguckt, um herauszufinden, was diese markante Melodie ausmacht. Na klar, es sind die acht aufsteigenden Notenpaare. Los geht es mit dem d und dem f. Dann zweimal f-a, zweimal a-d, zweimal d-f, zum Schluss das f und das hohe h. Fertig ist das Gedudel, das mir gegen 20:44 Uhr Tränen in die Augen jagen wird. Jedenfalls habe ich es mir ein halbes Jahr lang so vorgestellt.

Als wir gegen halb sieben gleich zwei Rotphasen an der berühmtesten Ampel des Aberglaubens erwischen, ist der Abend eigentlich gelaufen. Da es die Ampel aber noch gar nicht gab, als die Borussia zuletzt international spielte, fahren wir trotzdem weiter nach Mönchengladbach. Schließlich ist es der entspannteste Zeitpunkt in puncto Aberglaube, wenn zum Saisonbeginn noch alle Rituale ruhen.

Unbeholfen bei Naturgesetzen
In den vier Monaten nach dem Erreichen der Champions-League-Qualfikation bin ich vor lauter Hymnen-Hören und Planen von Auswärtsreisen, die das Los dann doch verhinderte, gar nicht dazu gekommen, mir ernsthafte Gedanken über die sportliche Perspektive zu machen. Selbst nach der Auslosung konnte ich mich nur dazu durchringen, die Chancen aufs Weiterkommen diplomatisch bei 50 Prozent anzusiedeln. So unbeholfen in Sachen Naturgesetzen war ich zuletzt mit acht Jahren, als wir mit einem Fußball stundenlang auf eine Hochspannungsleitung schossen – und am Ende enttäuscht waren, dass der Ball gar nicht explodierte, nachdem wir im 500. Versuch endlich getroffen hatten.

Eine gute Viertelstunde vor dem Anpfiff ist ohnehin keine Zeit mehr für sportliche Analysen. Es wird auf dem Platz sowieso anders kommen, als ich es mir nicht ausgemalt habe. Dafür sind meine Vorstellungen vom ganzen Vorgeplänkel rund um die Aufstellung, die “Elf vom Niederrhein” und das Abspielen der Champions-League-Hymne sehr präzise. Ich habe Großes erwartet – und muss dennoch nach wenigen Momenten feststellen, dass ich noch viel zu wenig erwartet habe.

Bereits bei der Mannschaftsaufstellung übersteuert mein Gehör völlig. 45.000 Zuschauer schreien jeden einzelnen Namen so unfassbar laut in den Abendhimmel. Eigentlich müsste über dem Mittelkreis ein riesiges Schallknäuel entstehen und die Luft Feuer fangen. Schon da wird mir klar, dass jeder Einzelne sich verantwortlich fühlt, diesen Abend zu etwas Großem zu machen. Pardon, wenn ich hier inflationär von “etwas Großem” schreibe. Aber so nennt man es eben, wenn etwas verdammt, nun ja, groß ist.

Lebensweisheiten aus den USA
Dann kommt der zweite Akt der Borussia-Oper, die beste Vereinshymne der Bundesliga, weil sie völlig ohne Folklore à la “Heja BVB” und “Blau und Weiß, wie lieb’ ich dich” auskommt. Samstagmittag, es geht los, die Stimmung ist riesengroß – was will man mehr? Dass das auch am Dienstagabend prächtig funktioniert, stellen 45.000 bei der “Elf vom Niederrhein” eindrucksvoll unter Beweis. Schon in der zweiten Strophe versagt mir erstmals die Stimme. Es ist dieser Moment, wenn man weiß, dass dieser Spieltag, unabhängig vom Ergebnis, wenigstens für kurze Zeit ein guter gewesen sein wird. Meine Gastmutter in den USA hat mir die Weisheit mit auf den Weg gegeben, dass ich jeden Tag sofort nach dem Aufstehen mein Bett machen soll. So hätte ich bereits nach wenigen Minuten etwas vollbracht. Insofern ist die “Elf vom Niederrhein” wie das Falten der Bettdecke am Morgen.

Sterne, die die Welt bedeuten.

Dieser Abend wäre also ohnehin ein guter geworden. Aber um 20:38 Uhr, zeitgleich mit den letzten Takten und dem unverkennbaren “Jlabbach!”, ist der nächste Höhepunkt da. 45.000 Zuschauer recken schwarze, grüne oder weiße Pappe in die Luft. Die Choreo zieht sich durch den gesamten Borussia-Park. Bei dem Anblick ist es absolut zu verkraften, dass die Kombination eigentlich schwarz-weiß-grün und nicht schwarz-grün-weiß sein müsste. Die ersten Leute, inklusive mir, haben sowieso einen Tränenschleier vor den Augen, durch den sie alles verschwommen sehen.

Aber unmittelbar vor dem Höhepunkt einer Viertelstunde voller Höhepunkte ist das Gehör sowieso das wichtigste Sinnesorgan. Gleich wird jemand den Play-Knopf drücken, die Champions-League-Hymne wird ertönen. Unendlich oft ist mir dieser Moment in den vergangenen Monaten durch den Kopf gegangen. Schon da war es solch ein gigantisches Gefühl, dass ich um 20:40 Uhr Angst habe, die Realität könnte nicht halten, was die Vorstellungskraft versprochen hat.

40 Sekunden
Dann kommen die Mannschaften. Noch läuft ein Intro, das ich schon einmal gehört habe. Aber in dieser Minute ist die Musik, die jeden Moment verstummen wird, nur Platzhalter für die schönste Melodie des Vereinsfußballs. Als Borussia und Dynamo stehen, wird es kurz still. Es ist, als müsse jeder Luft holen. Tief durchatmen. Wie im Freizeitpark auf dem Freefall-Tower, wenn der höchste Punkte erreicht ist und man weiß: Gleich geht es runter.

Nur geht es diesmal hoch, 40 Sekunden lang, dd-fa-fa-ad-ad-df-df-fh, immer wieder. Und es ist tatsächlich noch viel schöner als in meinem Kopf. Diese Freudentränen kann mir niemand mehr nehmen. Egal, was im Anschluss kommt. Das bleibt. Für immer. Im Anschluss bin ich froh, nicht selbst auf dem Platz stehen zu müssen. Ich fühle mich im positiven Sinne auf links gedreht, völlig fertig. Das kann man sich ruhig mal gönnen – mit 23 Jahren in einem Fußballstadion zu stehen und vor Glück zu weinen.

Nun könnte diese Viertelstunde als die schönste meines bisherigen Fanlebens in die Geschichte eingehen, ohne dass überhaupt ein Ball gerollt sei. Aber auch in dieser Hinsicht beginnt der Abend mehr als nur ordentlich. Gladbach hat in den ersten Minuten deutlich mehr Ballbesitz als Kiew. Zumindest den Laufstil von Granit Xhaka und Alvaro Dominguez habe ich mir schnell eingeprägt, Luuk de Jong ist noch untergetaucht. Man will die Neuen schließlich nur anhand der Bewegungen ihres Schattens erkennen können.

Alles beim Alten
In der 12. Minute gibt Igor de Camargo den ersten gefährlichen Schuss ab – aus einer Arango-Position, mit Arangos starkem linken Fuß. ZDF-Kommentator Béla Réthy verwechselt die beiden sogar. Doch was Arango liegt, tut noch lange nicht jedem Fußballer gut. Der Ball geht ein gutes Stück über das Tor. Aber die Borussia macht zumindest gleich deutlich, wer die Heimmannschaft ist und wer sich besonders ins Zeug legt, weil Tore der Gastgeber allenfalls gefühlt doppelt zählen. 1996 hat mich die 2:4-Heimniederlage gegen Monaco besonders getroffen, weil ich davon ausging, sie würde als 2:8 in die Statistik eingehen. Aber damals schoss ich ja auch noch mit Fußbällen auf Hochspannungsleitungen.

22 Sekunden oder auch sechs Stationen genügen anschließend, um zu zeigen, dass in der neuen Borussia noch immer viel von der alten steckt (die vergangene Saison ja noch selbst die Neue war). Marc-André ter Stegen wirft den Ball nach links zu Alexander Ring. Der Finne ist Gladbachs einzige kleine Überraschung in der Startelf. Er passt zurück zu Filip Daems. Über Dominguez und Martin Stranzl geht es auf die rechte Seite zu Juan Arango. Dem genügt ein Fünfzig-Meter-Pass, eine geniale Seitenverlagerung, um den Kreis im wahrsten Sinne zu schließen. Ring nimmt den Ball ungelenk und damit geradezu perfekt an. Danilo Silva lässt er problemlos aussteigen. Kurz darauf schlägt Rings Schuss so trocken im kurzen Eck ein, dass einem schon wieder die Augen feucht werden. 16 Jahre nach Michael Klinkert hat wieder ein Borusse Europapokal getroffen!

Spätestens da fühlt es sich an wie ein Traum. Und wenn es dabei geblieben wäre, würde ich all die YouTube-Videos für Fakes halten. So schön kann Fußball nicht sein, ohne dass man stutzig wird. Exakt 15 Minuten hält dieses Gefühl an. Der Lautstärkepegel in meinem Gehörgang ist permanent im roten Bereich, alles übersteuert. Zu laut, um wahr zu sein. Das hat der Borussia-Park in den acht Jahren seines Bestehens noch nicht erlebt. Und er hat immerhin Igor de Camargo und die 93. Minute des Relegations-Hinspiels gegen Bochum erlebt.

Mitten ins Herz
Hätte sich die 28. Minute gegen Kiew exakt so gegen Bochum abgespielt, hätte es am 21. August 2012 wahrscheinlich nie eine 28. Minute gegen Kiew gegeben. Eine Ecke kommt, Daems köpft in die Mitte. Dort steht Taras Mikhalik und zieht aus 25 Metern ab. In der Relegation hat Daems den Ball in beiden Spielen je einmal mit dem Kopf gegen die Latte gelenkt. Diesmal reicht eine leichte Berührung mit dem Bein, um unhaltbar abzufälschen. Kiews Kapitän Mikhalik ist selbst perplex. Falls ein Tor ein Herz hat, ist der Ball exakt dort eingeschlagen.

Urplötzlich realisiert die Borussia, dass dies kein Pokalspiel ist, das nach spätestens 120 Minuten im Elfmeterschießen entschieden wird. Nach einer knappen halben Stunde steht es 1:1 und Kiew ist dennoch im Vorteil. In den Minuten danach bleibt die Verwirrung groß, wenig läuft noch zusammen. In der Anfangsphase stand das Durchschnittsalter von 25 Jahren für Unbekümmertheit, nun strahlt die “Elf vom Niederrhein” Unsicherheit aus.

Entsprechend dämlich fängt sich der VfL das zweite Gegentor. Am Ende wird man festhalten, dass die Mannschaft dieses Spiel mit etwas Glück gewinnen kann, stattdessen aber verdammt viel Pech hatte. Nur in einer Szene läuft so ziemlich alles falsch, was falsch laufen kann, selbstverschuldet. Xhaka und de Jong passen sich am Mittelkreis den Ball zu. Nach dem ersten Zuspiel signalisiert de Jong, dass Xhaka nach rechts spielen soll, doch der Schweizer sucht den Doppelpass. Es geht völlig nach hinten los. Im wahrsten Sinne.

Ein paar Milligramm Wunder
Denn gleichzeitig ist Daems links über die Mittellinie spaziert, steht sogar noch höher als Arango. Der Pass in seinen Rücken auf Andriy Yarmolenko setzt das Unheil fort. Vielleicht hätte Havard Nordtveit das Zuspiel verhindern können, wenn er sich nicht in jener Sekunde gebückt hätte, um seine Stutzen zu richten. Am Ende sind Nordtveits Stutzen das einprägsamste Symbol der Fehlerkette, auch wenn nur ein Bruchteil der Schuld auf sie fällt. Jedenfalls lässt Yarmolenko seinen Gegenspieler Dominguez mit Leichtigkeit aussteigen und trifft zum 1:2. Bereits nach 36 Minuten steht fest, dass Gladbach wenigstens ein paar Milligramm Wunder benötigen wird, um die Gruppenphase der Champions League zu erreichen.

Es ist der erste Pausenrückstand im eigenen Stadion seit dem 3. Dezember 2011. Mikhaliks abgefälschtes Ding war überhaupt das erste Gegentor seit jenem Spiel gegen Borussia Dortmund, das sich Gladbach in der ersten Halbzeit gefangen hat. Elf Spiele lang war für den Gegner mindestens 45 Minuten lang nichts zu holen gewesen im Borussia-Park. Und jetzt holt sich Kiew binnen acht Minuten wahrscheinlich alles auf einmal.

Nach der Pause ist die Hoffnung vor allem mathematischer Natur. Zwei minus eins ergibt eins. Ein abgefälschtes Ding, ein unberechtigter Elfmeter – das würde alles offen halten und ein echtes Endspiel in der Ukraine ermöglichen. Doch die zweite Halbzeit verläuft eher trist. In Juan Arango hätte Gladbach einen Mann, der keine abgefälschten Dinger oder unberechtigte Elfmeter benötigt. Aber es kommt kein Geniestreich. Und so behält Georg Friedrich Händel, der die Vorlage für die Champions-League-Hymne komponiert hat, seinen Status als größter Künstler des Abends.

De Jong weiß, wo das Tor steht
Kiews Kunst hält sich in Grenzen. Die Versuche, Zeit zu schinden, sind zwar plump, aber erfolgreich. 25, 30, 35 Minuten fliegen regelrecht an mir vorbei, ohne dass die Borussia dem Ausgleich sonderlich nah kommt. Immerhin sind die Versuche teilweise so sehenswert, dass einem mit Blick auf die Bundesliga nicht angst und bange werden muss.

Da können sich Kölner, Hamburger und Co. noch so sehr das Maul zerreißen. Ich bin kurz davor, mich beim BVB für all die internationale Häme zu entschuldigen. Denn die 80. Minute zeigt, dass aus einer schlechten Ausgangssituation ganz schnell eine aussichtslose Lage werden kann. Erst foult Xhaka unnötig, dann trifft de Jong ins eigene Tor (hätte auch nicht sein müssen) und sorgt so für den Tiefpunkt des Abends. Der Abstand zwischen Höhepunkt und Tiefpunkt dürfte noch nie so groß gewesen sein. An diesem Abend ist eben alles groß – selbst die Ernüchterung.

Im Nachhinein dürfte niemand der Mannschaft böse sein. Im Gegenteil, auch ein paar Tage danach ist der Stolz noch ungemein groß. Gladbach ist maximal mit einer 50:50-Chance in dieses Duell gegangen. Wer auf “Kopf” setzt, muss genauso mit “Zahl” rechnen. Jetzt muss eben wieder ein Wunder her. 2011 dürfte es weitaus naiver gewesen sein, nach Baillys Faust noch an den Klassenerhalt zu glauben. Warum also nicht in Kiew gewinnen? Warum nicht drei Tore erzielen?

Durchhalten
Nachdem ich in den Stunden nach dem Abpfiff bereits mit dem Thema Champions League abgeschlossen hatte, ist nun nicht nur die Vorfreude auf diese Reise in die Ukraine wieder da. Ich habe mich sogar dabei erwischt, wie ich Kiews Europacup-Ergebnisse der letzten 20 Jahre durchgegangen bin. Achtmal hat eine Mannschaft bei Dynamo so hoch gewonnen, wie es Gladbach im Rückspiel gelingen müsste. Von Rapid Wien über Bayern München bis Manchester United waren alle Kaliber dabei. Das letzte Team, das in Kiew dreimal traf, war 2011 Maccabi Tel Aviv bei einem 3:3.

Sollte die Borussia doch noch weiterkommen, würde am nächsten Tag in mehr als nur einer Überschrift das Wort “Wunder” vorkommen. Aber ich gönne mir nicht nur teure Nostalgie-Trikots, sondern auch diese Portion Naivität. Ich glaube noch dran. In der Saison 2010/2011 gab es nicht einmal ein Auffangnetz namens Europa League. Damals war es geradezu absurd, wie befreit sich die Borussia in den entscheidenden Spielen teilweise präsentierte. Auch jetzt hat die Mannschafts nichts mehr zu verlieren. Und selbst wenn der Traum von der Champions League in Kiew platzt, bleibt die Erinnerung an den 21. August 2012 für immer. Danke, Händel!

Kiews höchste Heimniederlagen im Europapokal seit 1992 Denen kann es die Borussia nachmachen 
2007: 1:4 gegen AS Rom, 2:4 gegen Manchester United
2006: 0:3 gegen Olympique Lyon, 1:4 gegen Steaua Bukarest
1998: 1:4 gegen Juventus Turin
1996: 2:4 gegen Rapid Wien
1994: 1:4 gegen Bayern München
1992: 0:3 gegen RSC Anderlecht

25. August 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 8 Kommentare

Kommentare (8)

  1. Ich war so alt wie Du jetzt, als ich damals im Düsseldorfer Rheinstadion neben der Anzeigetafel stand und vom strömenden Regen ein klatschnasses Gesicht hatte. Am Dienstag im Borussia Park war es wieder nass, diesmal allerdings, weil mir bei der Hymne die Tränen über die Wangen liefen (Ich hab mich sogar noch nichtmal geschämt…) Es war – wie Du sagst – einfach gigantisch, obwohl selbst “gigantisch” nicht all die Gefühle in diesem Moment widerspiegeln kann.
    Dass wir nach dem 1:3 jetzt nur noch recht geringe Chancen auf das Erreichen der Gruppenphase haben, ist sicherlich mehr als schade, aber wir haben ja immer noch das “Auffangbecken” Europa League. Selbst davon hat doch niemand in den vergangen Jahren zu träumen gewagt.
    Und für alle Fälle hab ich einfach mal Katja Ebstein zu meiner Playlist hinzugefügt – Wunder gibt es immer wieder…

  2. Das war übrigens mein letztes Europacup-Spiel beim 5:1 gegen Real Madrid.

  3. Hast nen kleinen Schreibfehler im letzten Satz. Ich denke du erinnerst dich eher an den 21. August 2012, oder? ;-)

    Aber wie immer ein toller Bericht über diesen tollen Abend!

  4. Oh, vielen Dank für den Hinweis!:) Wer was findet, und es sei nur ein Tippfehler, immer gerne Bescheid sagen.

  5. Wie immer sehr gut geschrieben Hoofe, es gibt nachträglich keine Anzeigen wegen des Schießens mit einem Ball auf eine Hochspannungsleitung! ;)

    Sehen uns Mittwoch in Kiew. :)

  6. Danke, jetzt weiß ich, dass es viele Tausende so ging wie mir!
    Mit Tränen in den Augen, hab schon gedacht ich wäre anders.
    Ich hatte so einen Kloß im Hals ich konnte nicht einmal mitsingen.
    Danke für diesen Bericht, der mich diesem Moment noch einmal nah brachte.
    Auf ein Wunder, ich will die CL noch nicht abschreiben.

  7. wie die beiden Bücher, wie immer hier mir aus der “brennenden” seele gesprochen (geschrieben).
    danke…!!!

  8. Das war was für die Ewigkeit, da kann man seinen Enkeln von erzählen. Danke für den Text und an alle Fans für die tolle Stimmung im Stadion. Ich war an dem Abend auf Dienstreise und hatte mein Stück Heimat im TV.
    Lasst uns die Hoffnung nicht aufgeben, Kiew ist zu packen und dann geht es in die Gruppenphase.
    De Jong drückt denen nächste Woche zwei Dinger rein und Arango zwirbelt zwei Freistöße ins Tor von Kiew. Dann können wir uns sogar noch einen Gegentreffer leisten. =:)

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