Die Linksschutzversicherung

Die Borussia scheint so langsam resistent gegen Traumata zu sein. Diesmal sind nicht nur die Fans schnell wieder aufgestanden – wenn sie denn überhaupt am Boden lagen. Auch die Spieler haben gezeigt, dass sie auch dann Resultate einfahren können, wenn noch nicht viel gelingt. Und zur Not gibt es ja noch einen Mann, der den aufregendsten linken Fuß der Bundesliga mit sich herumträgt – Juan Arango.

Skispringer, radfahrende Kinder und Fußballer haben etwas gemeinsam. Nach einem Sturz sollten sie sich – wenn es irgendwie geht – schnell wieder aufrappeln, schnell weitermachen, den Zweifeln und der Angst keinen Raum zur Entfaltung geben. Insofern ist die Doppelbelastung, mit der die Borussia in dieser Saison umgehen muss, derzeit noch ein Segen. Das Spiel gegen Hoffenheim ist nicht nur das erste der Bundesligasaison. Es ist auch das Spiel danach – nach dem 1:3 gegen Kiew.

Dass zumindest Fans und Umfeld kein Trauma erlitten haben an diesem Dienstagabend, ist bereits Sekunden nach dem Abpfiff klar geworden, als die Mannschaft unter stolzem Applaus verabschiedet wurde. Zumindest bei mir hielt die Ernüchterung maximal bis zum folgenden Mittag an. Danach hatte ich schon wieder lust auf naive Gedanken an Fußball-Wunder. Wie war das eben? Genau, den Zweifeln und der Angst keinen Raum zur Entfaltung geben.

“Tagesgeschäft”
Gleiches gilt für die Mannschaft, die 89 Stunden nach dem Spiel gegen Kiew im übertragenen Sinne wieder auf die Skisprungschanze bzw. das verkratzte Puky-Fahrrad (ohne Stützräder) steigen muss. Es ist wieder Bundesliga. “Tagesgeschäft” haben die Verantwortlichen diese Aufgabe mehr als nur einmal in den vergangenen Wochen genannt.

Nach den Erfahrungen aus dem ersten Europapokal-Spiel meines Lebens interpretiere ich das mal so: Unter der Woche werden die Geschichten für die Ewigkeit geschrieben, negativ wie positiv. Am Wochenende geht es darum, den Verein in der ersten Tabellenhälfte zu etablieren, so dass es mit Sicherheit nicht wieder 16 Jahre dauert, bis die Borussia im elitären Kreis der europäischen Geschichtsschreiber mitmischen darf.

Es ist Alltag, wenn die “Elf vom Niederrhein” ohne Choreo ertönt und der Körper nicht schon im Weinkrampf-Modus vor der Champions-League-Hymne ist. Aber der Alltag im Borussia-Park war zuletzt so schön, dass das Wort “Alltag” alles darf, nur nicht nach Langeweile klingen. Hoffenheim liegt als Gegner also nicht zwischen Kiew, sondern wird lediglich umrahmt. “Tagesgeschäft” eben.

Roels Chance
Am Samstagmorgen hat sich Alvaro Dominguez via Twitter krankgemeldet, von einer Magen-Darm-Verstimmung außer Gefecht gesetzt. Auf Spanisch las sich das ziemlich gefährlich, weil er von einer “Gastroenteritis” schrieb. Die romanischen Sprachen neigen beiweitem nicht zu Metaphern wie beispielsweise das Deutsche, wenn es um Durchfall und Co. geht. Freitags hatte Dominguez noch ein Bild vom Mittagessen am Rhein in Düsseldorf gepostet. Das Lokal sei an dieser Stelle nicht genannt. Die Unschuldsvermutung gilt. Nur so viel sei gesagt: Dominguez’ Tweet begann mit dem Wort “desafortunadamente”.

Und schon bekommt im dritten Pflichtspiel der Saison der beste Ersatz-Innenverteidiger der Bundesliga seine Chance. Wobei Roel Brouwers in dieser Wertung unter Umständen ausgerechnet von seinem ehemaligen Vorgesetzten überflügelt worden ist. Schließlich bekleidet Dante nun bei den Bayern diese Position. Aber ich habe meine Zweifel, dass Brouwers sich um solche Dinge Gedanken macht. Langgezogene “Roooeeel”-Rufe sind da wohl eher sein Metier.

Neben Brouwers ist Mike Hanke neu in der Startelf. In dieser Saison wird sich zeigen, ob Lucien Favre den Ex-Nationalstürmer wieder zum sportlichen Leben erweckt hat, ob Marco Reus unter Favre so stark wurde, dass Hanke gar nichts anders konnte, als mitzumachen, oder ob der Hanke’sche Wahnsinn als Mischung aus Mittelstürmer und Zehner nur eines von vielen Gladbacher Fußballwundern war.

Standardisiert
33 Minuten lang passiert im Borussia-Park auf beiden Seiten gar nichts, so dass eben jene 33. Minute den ersten Antwortversuch liefert. 33 Minuten lang hat Gladbach den Ball nett laufen lassen. “Nett” war vor kurzem noch “die kleine Schwester von Scheiße”, befand sich durch gute Imagepflege zuletzt aber auf dem Weg der Besserung. In Bezug auf Gladbachs behäbig-ungefährliches Passspiel muss aber leider noch einmal “die kleine Schwester” herhalten.

Wenn man sich 33 Minuten lang ansehnlich den Ball zuspielt und dabei nur eine halbe sowie eine 25-prozentige Torchance “kreiert” (der gutaussehende Bruder von “erarbeitet”), gibt es im Fußball zum Glück immer noch Standardsituationen. Also sitzt er auf seinem Platz 2 in Reihe 12, sieht in 120 Metern Entfernung, wie sich Juan Arango den Ball zum Freistoß hinlegt und spricht: “Dann muss es eben mal ein Standard-Tor sein.” Und der Ball fliegt in die Mitte, Mike Hanke köpft ihn in die lange Ecke und die Borussia liegt in Führung. Nicht urplötzlich, aber dieses 1:0 ist auch alles andere als alternativlos gewesen. Sie haben ihn erhört.

Ende März gab es schon einmal eine Therapiestunde gegen Hoffenheim. Drei Tage nach der Niederlage im Elfmeterschießen gegen die Bayern war der Angstgegner im Borussia-Park zu Gast. Das ist ungefähr so, als würde eine Gesprächsrunde der “Anonymen Alkoholiker” von einer Flasche Whiskey geleitet. Auch damals ging Gladbach in der ersten Hälfte in Führung, gab sie in der zweiten Hälfte aber noch aus der Hand, ohne dass bis heute jemand genau sagen könnte, warum eigentlich. Oder doch: Es war ja der Angstgegner.

Keine Luxusprobleme mehr
Dass sich die Borussia zur Pause den zweiten Tabellenplatz mit den Bayern teilt, hat am ersten Spieltag keinen sonderlich großen Nachrichtenwert, sei aber dennoch erwähnt. 2011 sprang der VfL durch das 1:0 bei eben jenen Bayern auf Platz sieben und brachte es fertig, bis zum Saisonende nie schlechter zu stehen als Platz sieben. So darf es 2012 gerne weitergehen.

Schon aus der Halbfinal-Niederlage im DFB-Pokal wollte sich kein richtiges Trauma für die Borussia entwickeln. Nun haben Mannschaft, Umfeld und Fans auch das ernüchternde 1:3 in der Champions-League-Quali so gut weggesteckt, dass man langsam eine Resistenz gegen Traumata diagnostizieren kann. Seit Logan Bailly und seinem Faust-Eigentor hat nichts mehr bleibende Schäden hinterlassen. Und selbst dieses Trauma wurde zwei Monate später in der Relegation geheilt.

Alle Negativerlebnisse der vergangenen Saison 2011/2012 konnte man leicht als Luxusprobleme bezeichnen. Selbst für den Weggang von Marco Reus wurde der Verein millionenfach entschädigt. Nun ist jedoch die Zeit vorbei, in der man bei jedem kleinen Wehwehchen froh ist, dass es noch Wehwehchen gibt. Denn Luuk de Jong und Granit Xhaka werden nicht durch ihre schiere Anwesenheit ein funktionierender Teil der Mannschaft werden. Es ist Arbeit. Und zwar nicht seelische Arbeit, die einem ein verlorenes Pokal-Halbfinale bereitet. Es geht um Arbeit, die verhindern soll, dass Borussia Mönchengladbach wieder von einem 16-Jahres-Zyklus gefangen wird, der bis 2028 mehrheitlich Leid bereithält.

Ein Déjà-vu?
Insofern kann man in der zweiten Halbzeit festhalten, dass de Jong und Xhaka in einer Hinsicht bereits bestens in die Mannschaft integriert sind: Denn es erinnert doch stark an die 1:2-Heimniederlage gegen Hoffenheim Ende März, was sich nach der Pause abspielt. Was damals mit Reus und Neustädter (nicht) klappte, haut auch diesmal mit de Jong und Xhaka (nicht) hin.

Von einem möglichen 2:0 ist keine Spur, vom Hoffenheimer Ausgleich aber genauso wenig. Und so ist das Spiel fast schon im Über-die-Zeit-bring-Modus, als Firmino scheinbar ein Déjà-vu in die Wege leitet. Im März fälschte Brouwers seinen Schuss zum Ausgleich ins Tor ab. Diesmal landet ein Weltklasse-Reflex von Marc-André ter Stegen auf Firminos Kopf, Tony Jantschke kommt zu spät – und nach 66 Minuten steht die Borussia am Scheideweg.

Zwar wusste man noch nie nach dem ersten Spieltag, wie die gesamte Saison verlaufen wird. Aus Tabellenführungen wurden schließlich Abstiege als abgeschlagener Letzter. Doch ich hatte noch nie das Gefühl, dass ein Dreier zum Auftakt so wichtig sein könnte wie jetzt. Fünfmal kassierte die Borussia in der vergangenen Saison mit einer 1:0-Führung im Rücken den Ausgleich. Zweimal rappelte sie sich auf und gewann noch (gegen Hannover und in Leverkusen). Gegen Stuttgart und Hamburg blieb es beim 1:1. Gegen Hoffenheim gab die Mannschaft das Spiel anschließend völlig aus der Hand. Obwohl die Statistik nicht dafür spricht, fühlt es sich diesmal ganz nach einer Wiederholung an. Und das liegt am wenigstens am Gegner aus Hoffenheim.

Quizshow mit Sippel
Aber es gibt zum Glück Überraschungen, gegen die sich niemand wehrt. Nach 66 Minuten bleibt erst einmal festzuhalten, dass gut 50.000 Zuschauer im Borussia-Park plötzlich ein richtiges Fußballspiel sehen. Zuvor hatte es nicht einmal nach Sommerfußball ausgesehen, wie man ihn im August häufiger zu sehen bekommt (womit auch die Bezeichnung “Sommerfußball” erklärt wäre).

Der eingewechselte Patrick Herrmann will einen Handelfmeter haben, kann Schiedsrichter Peter Sippel aber nicht überzeugen. Havard Nordtveit bringt Tim Wieses Mähne mit einem Flachschuss zum ersten Mal in Wallung. In der 78. Minute finde ich mich dann bereits damit ab, dass das Déjà-vu gleich endgültig perfekt ist. Aber Eren Derdiyok lupft den Ball nicht nur an ter Stegen, sondern auch am Tor vorbei. Was ein Ausgleich nicht alles bewirkt.

Sekunden danach fällt Xhaka a) gar nicht, b) im Strafraum, c) auf der Strafraumgrenze oder d) vor dem Strafraum. Die Antworten a) und b) eliminiert der 50:50-Joker. Aber Sippel hört nicht aufs Publikum, sondern geht mit d) volles Risiko. Sehen wir es so: Solange die Borussia keine Elfmeter mehr bekommt, kann Filip Daems’ Serie auch nicht reißen. Von daher muss man ja fast schon dankbar sein, dass Juan Arango sich den Ball zum Freistoß zurechtlegen darf.

Das Fußballherz lacht
Nun gehört es zum “Basiswissen Bundesliga”, dass exakt 16,46 Meter viel zu nah sind für den Venezolaner. Im Derby gegen Köln hat er sich vergangene Saison 2,35 zusätzliche Meter Torentfernung gegönnt, um Michael Rensing zu überwinden – so viel, dass der Ball anschließend nicht einmal mehr im Winkel einschlug. Aber einem Ästheten wie Arango passieren solche Anfängerfehler nicht zweimal. Sippel diskutiert mit der Hoffenheimer Mauer, die eigentlich ganz entspannt sein könnte, weil Arango wahrscheinlich noch nie einen Spieler abgeschossen hat. Und während sie diskutieren, hebt Arango noch zweimal den Ball auf und legt ihn je einen halben Meter zurück. Es ist angerichtet.

Wenn sich um Linksfüßer im Fußball nicht bereits unzählige Mythen rankten, wäre spätestens Arango der Trendsetter. Jetzt setzt er erst einmal zum Anlauf an, nur ein paar kurze Schritte. Die Flugkurve des Balles ist ausnahmsweise eine kurze und krumme Banane. Was die EU nie dulden würde, lässt die DFL großzügig zu. Schönheit setzt sich durch. Tim Wiese steht, guckt und guckt. Und wenn er nicht in den Mannschaftsbus gestiegen ist, guckt er noch heute. Das sechste direkte Freistoßtor von Arango im Gladbach-Trikot – es ist nach dem 1:0 in Hamburg sein zweitwichtigstes. Und diesmal hat es auch wieder mit dem Winkel geklappt. Arango war damit bislang an allen fünf Saisontoren beteiligt – dreimal als Vorlagengeber, zweimal als Schütze.

Lucien Favre kann ein ziemlicher Nörgler sein. Er hat schon nach berauschenden Siegen kopfschüttelnd in der Mixed Zone gestanden, weil ihm irgendetwas nicht gefallen hat. Doch selbst diese Seiten tragen dazu bei, dass ich Favre gerne zu meinem Freundeskreis zählen und mit ihm am Küchentisch bei einem Glas Wein über Fußball philosophieren würde. (Zu Favre gehört für mich Wein, kein Bier.) Doch wenn Arango einen Freistoß mit links in den Winkel setzt, als sei er ein Elfmeter, dann kann auch Favre nicht anders: Sein Fußballherz lacht. Wäre die Coaching-Zone ein Küchentisch, würde er sich hinsetzen und zufrieden einen Schluck nehmen.

Merchandising-Pläne
Im Nachhinein fällt es ja leicht, dieses erste Saisonspiel als bestandenen Charaktertest zu bezeichnen. Man kann sich die Überlegungen sparen, ob man ihn bei einer Niederlage überhaupt als gescheitert bezeichnet hätte. In den letzten zehn Minuten zeigt die Mannschaft, dass sie funktioniert, ohne zu funktionieren. Ein Lichtblick ist Branimir Hrgota, der mit 19 Jahren sein Bundesligadebüt gefeiert hat und den Sprung aus der zweiten schwedischen Liga packen könnte.

Wahrscheinlich wird diese Bundesligasaison eine pure Aneinanderreihung von 34 Ergebnissen, die am Ende eine möglichst hohe Summe ergeben. Da kann Effektivität nicht schaden. Zunächst einmal ist die Borussia auf Platz drei. Wenn man so will, hat sie sich gegenüber dem 34. Spieltag der vergangenen Saison verbessert.

Auch Herz und Hirn haben eine Doppelbelastung zu bewältigen. Das merke ich jetzt bereits, nach der ersten Woche. Da tun selbst magische Momente nur in kleinen Dosen gut. Die Ewigkeit kann ja nicht immer ewig sein. Es genügt, wenn sie bis zum nächsten Spiel andauert. Juan Arango darf bloß nicht vergessen, bei seinem Abschied in hoffentlich ferner, ferner Zukunft einen Gipsabdruck von seinem linken Fuß zu hinterlassen. Das Ding wird der Renner im Fanshop.

26. August 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Danke wiederum für diese treffende Beschreibung der Begegnung. Mein ganz persönliches Nebenschauplatz-Highlight war, in der Kurve zu stehen und Tim Wiese den Dauerbrenner “Du hast die Haare schön” zu singen – mit zunehmender Anzahl an Mitsängern.

    Ansonsten… Spiel gewonnen, obwohl man nicht überragend gespielt hat, und das gegen Hoffenheim. DIE schlagen uns diese Saison jedenfalls nicht wieder zweimal! (Dafür müssen wir aber wohl einen Sieg gegen die Bayern hergeben?!)

    Und Hrgota hat mir nach seiner Einwechslung sehr gut gefallen – hat mächtig Wirbel gemacht. Toll. Hoffe, dass er ggf. sogar ein paar Minuten in Kiev bekommt. Fußballwunder gibt es immer wieder. Ja, auch ich verspüre ein wenig Lust darauf. Ganz zaghaft zwar, aber doch. Bin wohl ein ähnlicher Naivling… :o)

    Und doch: Die EL nimmt uns niemand! Und auch das ist schon ein Fußballwunder, oder?

  2. Toller Kommentar – intelligent, humorvoll und treffend zugleich.

    Younes sollte man mal eine Chance geben – der Kleine ist schnell, trickreich und hat keine Angst vor großen Namen. Mit Hrgota rechts, Younes links und Luuuuuuuc in der Mitte könnten wir das Wunder von Kiew schaffen.

  3. Pingback: Die Blogschau für Montag, den 27.August 2012 | Fokus Fussball

  4. Gehört es eigentlich auch zum “Basiswissen Bundesliga”, dass der Strafraum in der Tiefe exakt sechzehneinhalb Meter misst oder wird das erst in der Fortgeschrittenen-Lektion gelehrt?

  5. Würde schon sagen, dass das in die Fortgeschrittenen-Lektion gehört. Aber da ich davon ausgehe, diese absolviert zu haben, sollte ich natürlich nicht vergessen, dass die Strafraumgrenze 18 yards von der Grundlinie entfernt ist. Danke für den Hinweis, ich hab’s korrigiert.

  6. Bei der Wahl zum besten Ersatz-IV der Liga hat Schalkes Kapitän auch noch ein Wörtchen mitzureden…;)

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