Fohlengeflüster (9): Rituelle Machenschaften

Fußball ist ein Tagesgeschäft. Da verändern sich die Vorzeichen beinahe im Minutentakt. Ähnliches bekommt man täglich zu hören, wenn Trainer-Koryphäen einen baldigen Erfolg heraufbeschwören oder eben zur Vorsicht ermahnen, weil es gerade einfach zu gut läuft. Ein Zitat meiner Wenigkeit, das ich im April von mir gelassen habe, hat seinen Sinn inzwischen zum Beispiel vollkommen auf links gedreht. Fußball ist eben ein Tagesgeschäft.

Auf regnerische Tage folgen sonnige, auf sonnige folgen wieder regnerische. Irgendwann geht es immer zurück in die entgegensetzte Richtung – manchmal schneller, manchmal langsamer. Monate des sportlichen Erfolges können da ganze Weltbilder auf den Kopf stellen und Aussagen, die vor einiger Zeit noch Gültigkeit besaßen, drehen ihre Bedeutung plötzlich auf links.
Im April dieses Jahres verleitete mich die Misere der Borussia, später mit dem qualvollen Abstieg gekrönt, zu folgender Behauptung über mein damaliges fußballerisches Empfinden: „Länderspiele und der Gladbacher Bundesliga-Alltag sind wie Telenovelas und die Tagesschau – erst bekommt man eine heile Welt vorgespielt und wird dann abrupt in die oft so grausame Realität zurückgeholt.“
Die deutsche Nationalmannschaft hatte gerade ihr bestes Spiel unter Jogi Löw gezeigt und Tschechien mit 2:1 in Prag besiegt. Gladbach schlitterte zeitgleich unaufhaltsam dem Abstieg entgegen. Fast acht Monate später bricht sich die DFB-Elf gegen Wales den ein oder anderen Zacken aus der Krone, während das andere Objekt der fußballerischen Begierde seit 94 Tagen in der Zweiten Bundesliga unbezwungen ist und diese inzwischen souverän anführt.
Dementsprechend kann ein maues 0:0 wie das gegen die Westbriten vergleichsweise nüchtern weggesteckt werden. Schließlich öffnete der Borussia-Park 43 Stunden nach der Offenbarung von Frankfurt schon wieder seine Pforten. Und die Schadenfreude über die englischen Trottel – egal ob mit oder ohne Schirm – entschädigte ohnehin für die Hälfte aller Fehlpässe gegen kampfesmutige Waliser.

Mit den Kickers Offenbach versucht das drittschwächste Auswärtsteam des Unterhauses, der Gladbacher Serie von zehn Punktspielen ohne Niederlage ein Ende zu bereiten. Da kann man als Gladbacher Fan aus eigener schmerzvoller Erfahrung eigentlich nur mitfühlen. Trotzdem findet der ungebrochene Optimismus gerade in der Offenbacher Auswärtsflaute eine weitere Quelle.
Obwohl einer baldigen Niederlage wenigstens eine klitzekleine positive Sache abzugewinnen wäre: Die beiden Glückstrikots, die mein krankhafter Aberglaube seit drei Monaten von der Waschmaschine fernhält, schreien geradezu nach einem ausgiebigen Bad mit 1600 Umdrehungen pro Minute. Pils aus Gladbach, Weißbier aus München, Angstschweiß vom Spiel gegen Jena und Freudentränen vom 5:0 gegen Koblenz haben sich mittlerweile auf dem grünen und weißen Polyester vereinigt. Die Trikots besitzen so zumindest einen historisch wertvollen Charakter und stehen nach der Saison – hoffentlich dann immer noch ungewaschen – der Ausstellung „Zweite Liga – erste Sahne“ zur Verfügung, die der Verein zu Ehren der überragenden Rückkehrer in die Bundesliga ins Leben rufen wird.

Ein Risiko musste jedoch vor der Partie gegen Offenbach in Kauf genommen werden: Das weiße Untertrikot verweigerte partout seinen Dienst über der Jacke und musste eine Etage nach unten weichen. Kein gutes Omen, gegen Bayern ging das bekanntlich schief. Aber irgendwie muss man ja austesten, welches der spieltäglich angewandten 94 Rituale überhaupt eine siegbringende Wirkung besitzt. Das Pensum kann man ja kaum eine ganze Saison durchhalten. Deshalb zeige ich dem Pizzawagen vor dem Spiel die kalte Schulter und probiere es ausnahmsweise mit einem köstlichen Backfisch-Brötchen von Fischkönigin „Heidi“. Meinem Freund Nils scheint aufgrund dieser Abwendung von gleich zwei Ritualen ein kalter Schauer über den Rücken zu laufen. „Wenn das mal gut geht“, schwant ihm schon Böses.

Coulibaly, der sich zuletzt bei seinen Kurzeinsätzen als Joker durchaus empfohlen hatte, ersetzt den kranken Rösler. Marin darf auf links wieder für den in München weniger überzeugenden Touma ran. Bei Offenbach feiert Ex-Nationalspieler Marco Reich sein Comeback in der Startelf. Einst gestand er, sich über die Euro-Einführung zu freuen, da er dann nur noch der „3-Millionen-Euro Fehleinkauf“ sei. Reich nähert sich mittlerweile der 30 und besitzt einen Eintrag im Brockhaus beim Stichwort „ewiges Talent“.

Die Partie will zunächst nicht so richtig Fahrt aufnehmen. Die Borussia dominiert zwar mit geschätzten 80 Prozent Ballbesitz, kann die Feldüberlegenheit jedoch kaum in Torchancen ummünzen. Nach einer Viertelstunde hat Ndjeng sich eigentlich schon in der Mitte festgelaufen. Doch dann lässt er drei dilettantische Offenbacher wie Slalomstangen stehen. Marin steht mehr im Weg und spielt scheinbar ungewollt den öffnenden Doppelpass, den Ndjeng in einer flüssigen Bewegung an César Thier vorbeilegt und im Netz unterbringt. 36.000 freuen sich über das wichtige frühe Tor – die Zuschauerzahl ist bei dieser Anstoßzeit und diesem Gegner äußerst passabel. Bielefeld und Cottbus hätten eine Liga höher kaum mehr Fans angelockt.

Offenbach besinnt sich trotz des Rückstandes nicht einmal aufs Kontern. Die Hessen sind in der Folgezeit froh über jeden Befreiungsschlag, der die Mittellinie überquert. Die Borussia hat in der Offensive jedoch kein leichtes Spiel und findet gegen das Abwehrbollwerk von Trainer Jörn Andersen, der bei Amtsantritt noch angriffslustigeren Fußball versprochen hatte, kein bewährtes Mittel. Und so ergeben sich die besten Gladbacher Möglichkeiten, wenn sich der Gast dazu hinreißen lässt, das Offensivspiel einmal zu beleben und sich so Konterchancen ergeben. Neuville und Ndjeng lassen jeweils eine davon ungenutzt. Friend währenddessen offenbart wenig von seiner bisher gezeigten Stärke und macht technisch einen ziemlich ärmlichen Eindruck.
Coulibaly sorgt mit seiner linken Klebe noch für ein Highlight der ersten 45 Minuten: Einen Abpraller katapultiert er aus 20 Metern fulminant in den Winkel des leeren Tores. Der Mann an der Pfeife hatte irgendwo eine Behinderung des Torwarts gesehen. Es bleibt vorerst beim 1:0 und alle, der Stadionsprecher eingeschlossen, plädieren dennoch dafür, dass auch nicht gegebene Tore den Titel “Tor des Monats” erhalten dürfen.

Zur Halbzeit sind alle zufrieden. Der Schokoriegel in der Jackentasche ähnelt inzwischen zwar mehr einem Eiskonfekt, beruhigt aber dennoch die Nerven, die vom Geschehen auf dem Platz bisher wenig strapaziert wurden. Als der Ball wieder vom unsicheren Schiedsrichter Frank Willenborg freigegeben wird, den der Kicker nicht sehen will, „wenn er einmal eine brisante und nicht so einfache Partie wie diese pfeifen muss“, drängt die Borussia sofort auf die Vorentscheidung. Ndjeng lässt frei vor dem Tor nach einer Traumkombination die nötige Konzentration vermissen. Brouwers semmelt eine flache Hereingabe aus vier Metern über das Tor. Offenbach kommt sogar zur ersten Torchance, die Sieger allerdings nicht zum Ausgleich verwerten kann.

Roel Brouwers löst in der 63.Minute alle kurzfristigen Sorgen mit seinem zweiten Saisontor in Luft auf. Er selbst initiiert den Angriff, als er aus der eigenen Hälfte startet und Coulibaly an den Ball kommt. Der Mann aus Mali schickt einen seiner gefürchteten Distanzschüsse flach aufs Tor, Thier kann den Ball nicht festhalten. Der durchgelaufene Brouwers kommt gerade richtig, um das Leder über die Linie zu drücken.

Sieben Minuten vor dem Ende setzt Paauwe mit seinem dritten Saisontor einen Schlusspunkt unter die insgesamt gute Leistung des Tabellenführers. Gegen den blassen Gegner vom Bieberer Berg sei höchstens zu bemängeln, dass noch mehr drin gewesen ist, als das deutliche 3:0. Aber wir wollen ja nicht vermessen werden. Der Niederländer Paauwe schwingt sich langsam auf zu einem großen Schlüsselspieler in Jos Luhukays Konzept. Defensiv fängt er viele Angriffsversuche des Gegners schon früh ab, im Spielaufbau erweist er sich als unverzichtbar und vor dem Tor blitzen zumindest nach Standards von Zeit zu Zeit Torjägerqualitäten auf. Eigentlich lassen alle Neuzugänge die Gladbacher Transferpolitik in einem ungekannt guten Licht dastehen. Christian Ziege hat im Sommer ganze Arbeit geleistet und zusammen mit Luhukay eine Menge großartiger Entscheidungen getroffen.

Freiburg, Fürth, Mainz, Köln und München streiten sich unmittelbar mit der Borussia um die Aufstiegsplätze, von denen die Elf vom Niederrhein mit einem Polster von sieben Punkten auf Platz vier derzeit den lukrativsten innehat. Bis auf die Aufsteiger Hoffenheim und Wehen, die sich noch in Schlagdistanz befinden, tummeln sich oben ausschließlich die Vereine, denen man im Vorlauf ohnehin eine bedeutsame Rolle im Kampf um einen der drei Aufstiegsplätze zugerechnet hatte.

Gewonnen ist noch nichts. Selbst wenn Gladbach ab jetzt ausnahmslos jedes Spiel gewinnt und die anderen Teams sich stets die Punkte teilen, kann der Aufstieg nicht vor dem 25.Spieltag besiegelt werden. Das zeigt: Der Weg ist noch lang. Mein Aberglaube wird dabei dennoch gerne behilflich sein. Auch wenn ich am Saisonende in den Gästeblock strafversetzt werde, weil meine Montur bis zur Südkurve mit dem Riechorgan wahrgenommen werden kann. Eine Nachricht kann ich zum Schluss an den Pizzawagen und Lachs-Heidi senden: Ich brauche Euch anscheinend nicht. Leider…

26. November 2007 von Jannik Sorgatz
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