C wie Champions League

Bis in die Weihnachtszeit werden die Borussen nicht zur Ruhe kommen. Während die Mannschaft von Hochzeit zu Hochzeit tanzt, stecken die Fans in teils kuriosen Reiseplanungen. Aber wir haben es so gewollt. Da handelt man selbst das erste Derby gegen Düsseldorf eher im Vorbeigehen ab.

Alle sprechen von der Doppelbelastung aus Bundesliga und Europacup, ja von der Dreifachbelastung mit dem DFB-Pokal, von den vierfach belasteten Nationalspielern. Dabei ist es in Wirklichkeit doch eine Fünffachbelastung! Auslosungen, Auslosungen, Auslosungen – danke, lieber Fußballgott, dass sich die Kugelöffnerei mit Einführung der Gruppenphase in der Europa League etwas verringert hat. So eine Auslosung nimmt mich nämlich mindestens so sehr mit wie ein Tagestrip ins knapp 2000 Kilometer entfernte Kiew.

Am 10. August in Nyon war es noch eine vergleichsweise entspannte Angelegenheit: fünf Länder, fünf mögliche Gegner. Und nun der 31. August in Monaco: 21 Länder, 36 Gegner. Das macht 1728 verschiedene Konstellationen, wenn man mal außer Acht lässt, dass nicht zwei Mannschaften aus einem Land in einer Gruppe landen können.

Aber wir denken nur von Auslosung zu Auslosung. Deshalb konnte ich mir bis zum Abend davor auch noch gar keine Gedanken über Wunschgegner oder vielmehr Wunschreiseziele machen. Erst Aachen, dann Kiew, dann Düsseldorf – welches Trio würde diesmal aus den Lostöpfen geholt werden?

Kopenhagen war so greifbar in den Champions-League-Play-offs. Braga, Moskau, Athen – alles weg. Doch dann kam Kiew. Am Freitagmittag, Auslosung der Europa-League-Gruppen, ist Kopenhagen wieder im Rennen. Diesmal ist die Wahrscheinlichkeit geringer, aber immerhin würde einer von elf möglichen Gegnern aus Topf 2 ein Telefon zum Schellen bringen.

Wünsche und Anti-Wünsche
Und sonst so? Vielleicht eine Revanche für die Büchsenwurf-Affäre gegen Inter Mailand, vielleicht ein bisschen Anfield Road in Liverpool, vielleicht ein Wiedersehen für Luuk de Jong mit Twente Enschede. Was braucht eine wohldosierte Europacup-Gruppe noch? Ein kleiner Exot darf es gerne sein, aber nicht im reisepasspflichtigen Ausland, und vor allen Dingen: Nicht schon wieder die Ukraine!

Gianni Infantino und Giorgio Marchetti sind wieder da. Die Herren der Töpfe, Kugeln und Loszettel schreiten zum letzten Mal zur Tat, bevor sie bis zum Ende der Gruppenphasen wieder arbeitslos sind – they put the “loser” in Ausloser. Patrick Kluivert schaut als offizieller Botschafter des Endspielortes Amsterdam vorbei. Der Niederländer ist erst 36 Jahre alt, was mich daran erinnert, wie jung er war, als Ajax 1995 die Champions League gewann. Ganz so sportlich sieht Kluivert nicht mehr aus, aber die Kugeln sollte er schon irgendwie aufgedreht bekommen.

“Liverpool!”, entfährt es mir beim ersten Los, als sei damit alles entschieden. Der Puls ist bereits im dreistelligen Bereich, obwohl die zwölf Mannschaften aus Topf 1 lediglich auf die zwölf Gruppen verteilt werden. Vereinsnamen und Buchstaben vereinigen sich. Jede Teleshopping-Sendung ist interessanter. Und dennoch: It smells like Königsklasse, was Kluivert da ans grelle Kunstlicht des Grimaldi Forums in Monaco befördert. Zwei Kilometer Luftlinie vom noblen Auslosungsort hatte die Borussia 1996 ihr letztes Auswärtsspiel in Europa absolviert. “Hatte absolviert” – nie war das Plusquamperfekt so schön. Vollendete Vergangenheit, das heißt so viel wie: Willkommen in der Zukunft!

Spende in der BayArena
Kaum ist Topf 2 an der Reihe, hat es sich mit dem Traum von Kopenhagen auch schon wieder erledigt. Der VfB Stuttgart drängelt sich vor. Und dann stecken Bukarest und Rom auch noch im selben Topf wie die Borussia. Rotterdam ist am Vorabend ausgeschieden. Damit ruht die Hoffnung auf Mailand und irgendeinem Teneriffa-Ersatz, wo sich “eine Woche Sandstrand” einrichten lässt. Wenigstens hat Leverkusen das Traumlos Charkow gezogen. Dnjepropetrowsk kann es auch nicht werden. Die elf Griwna aus der Ukraine lasse ich gerne in der Spardose ruhen. Oder ich lege sie beim Auswärtsspiel in der BayArena Ende September auf meinen Sitz.

Dann ist die Hälfte der Auslosung rum und der wichtigste Teil beginnt. Noch immer bin ich mir nicht sicher, was es denn sein darf. Bevor ich zu einer Entscheidung gelange, ist es auch schon passiert: Borussia Mönchengladbach landet in Gruppe C – C wie Champions League. Ich bin nicht schockiert über Marseille und Istanbul, sondern darüber, so plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Einmal Mittelmeer und einmal Bosporus.

Doch eine Gruppe, die noch gar nicht komplett ist, kann man weder gut noch schlecht finden. Zumal in Topf 4 so ziemlich alles wartet: Reisen in die skandinavische Kälte, europäische Hauptstädte, Trips nach Israel, das Todeslos Machatschkala und sein böser Bruder Baku am Kaspischen Meer. Ach ja, und natürlich eine Woche Sandstrand auf Zypern oder Madeira. Wobei ich bereits im Vorfeld erfahren habe, dass Madeira nicht für Badeurlaube taugt. Aber immerhin wäre es schöner als kurz vor Sibirien an einem Donnerstagabend in der Kälte zu stehen – das taugt nur für Tränen.

Ein bisschen Willkür
Patrick Kluivert lässt andauernd die Kugeln auf den Boden fallen. Aber Giorgio Marchetti lächelt nur milde und winkt ab wie eine Großmutter, die sagen will: “Ach lass’ mal, ich heb’ das gleich auf.” Immer wieder dürfen Lose und Gruppen aus irgendeinem Grund nicht zueinander finden. Es wirkt ein bisschen wie Willkür, wenn ein Team nicht in Gruppe B, sondern in J landet. Aber Giorgio, wir vertrauen dir.

Als Gruppe C auf ihr viertes Mitglied wartet, ist ohnehin klar, dass es das wird, was Kluivert in die Kamera hält. Und es ist – AEL Limassol, Zypern. Vielleicht nach Limassol, eine Woche Sandstrand! Exotisch, aber nicht haarsträubend. Ich habe gerade einmal elf von 27 EU-Mitgliedsstaaten besucht. Da darf der Trip nach Zypern doch gerne das Dutzend voll machen.

Bis in die Weihnachtszeit darf sich die Borussia also in sechs Spielen an drei Gegnern abarbeiten, von denen zwei nach Champions League riechen und der dritte es beinahe geschafft hätte (2:1 und 0:2 gegen Anderlecht). Das ist insofern eine gute Ausgangslage, als niemand behaupten kann, das Weiterkommen sei Pflicht. Dennoch ist es zu schaffen. Genauso wie Kiew zu schaffen war. Und wer dort gewonnen hat, wird sicherlich (oder besser: hoffentlich) nicht mit 0:3 in Marseille untergehen.

Saftloses Derby
Jetzt ist es aber auch gut mit den Auslosungen. Frühestens nach einem Sieg in Düsseldorf im Pokal kann Gladbach wieder als Los in Erscheinung treten. Ansonsten ist entscheidend erst einmal auf’m Platz. Bis zur Winterpause stehen mindestens 22 Pflichtspiele an. Das fünfte der Saison war ziemlich unspektakulär. Aber was soll man vom einem Derby erwarten, das ohnehin nur die Nummer zwei ist? Dann kommt auch noch der DFB mit seinem Urteil und dreht der Spannung zu 40 Prozent den Saft ab.

Ich habe fast meine gesamte Fankarriere ohne Fortuna Düsseldorf verbracht. Dass dieser Verein mal über Jahre eine Macht im Pokal war und den FC Barcelona in einem Europacupfinale an den Rand einer Niederlage brachte, muss ich den Geschichtsbüchern, wie so vieles, einfach glauben.

Es wird nicht viel hängen bleiben von der siebten Nullnummer des Jahres 2012, auf die reguläre Spielzeit gerechnet. Immerhin habe ich diesmal nicht die Einzelspiel-Option auf Sky gegen den Besuch in Saarbrücken verteidigen müssen. Dennoch war es bezeichnend, dass zeitweise vier von fünf Menschen im Raum ein Nickerchen hielten.

Ausrufezeichen mit Beulen
Lucien Favre hat zum ersten Mal in dieser Saison das System gewechselt. Welche Erkenntnis ihm das 4-2-3-1 mit einem offensiven Tolga Cicergi gebracht hat, wird der Trainer hoffentlich wissen. Hätte ich dieses Derby beim Fußball Manager auf dem PC gespielt und es simulieren lassen, hätte ich danach wahrscheinlich schulterzuckend vorm Monitor gesessen. Was nicht schlecht war, muss ja nicht unbedingt so gut gewesen sein. Was nicht so berauschend war, muss nicht schlecht gewesen sein. Der Mathematiker in mir sagt, dass ein einziges Pflichtspiel im 4-2-3-1 nicht genügt, um es auf seine Tauglichkeit zu überprüfen.

Wenigstens hat Luuk de Jong als einzige Spitze mal eine Torchance gehabt. Aber abgesehen von seinem sehenswerten Seitfallzieher hat dieser Auftritt erneut Beulen in die Ausrufezeichen geboxt, die alle vom Rekordtransfer erwarten. Ein Ausrufezeichen mit Beulen ist leider ein Fragezeichen. Vielleicht ist die Angelegenheit aber auch so einfach, dass sich mit de Jongs erstem Tor alle Probleme in Luft auflösen würden. Noch darf man dran glauben, weil er nicht den Gegenbeweis erbracht hat.

Man meint ja, das Von-Spiel-zu-Spiel-Denken sei ein Ritt mit Scheuklappen. Dabei ist es in Wirklichkeit eine Geradeaus-Fahrt mit dem Auto. Kurzer Blick in den Rückspiegel – kann man mit dem Punkt in Düsseldorf leben? Ja, weil die Reise nach Kiew doch mehr geschlaucht hat, als ursprünglich erwartet. Ja, weil es gegen Hoffenheim den Dreier gab. Kurzer Blick auf die Schilder über der Autobahn – was muss gegen Nürnberg in zwei Wochen her? Klar, ein Sieg, denn andernfalls wäre die Borussia nach der berühmten Hans-Meyer-Rechnung im Minus.

Zunächst einmal beängstigend
Jetzt kommt die Länderspielpause, was in diesen Zeiten lediglich für Martin Stranzl, Roel Brouwers, Filip Daems, Mike Hanke und ein paar ihrer Kollegen Ruhe bedeutet. Erst zwischen dem 8. und 15. Dezember wird Favre alle in Mönchengladbach beisammen haben, ohne dass eine Englische Woche ansteht oder die Nationalspieler weg sind. Das klingt zunächst einmal beängstigend, wenn man keine Ahnung hat, wie die Mannschaft es wegstecken wird. Aber da müssen wir jetzt durch. Es sollte zu schaffen sein – schließlich stehen erst einmal keine nervenaufreibenden Auslosungen mehr an.

02. September 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Hey Mathematiker, denn wie wir alle wissen: aus EINER Stichprobe kann man ALLES oder NICHTS schließen! ;)

    Gruß von der Elbe

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