Ohne Frankfurt wär’n wir gar nicht hier!

Hätte die Borussia sich erinnert, wie einfach Gewinnen ist, wären seit dem 2:1 in Kiew womöglich nicht 39 Tage vergangen. Doch es ist ihr früh genug wieder eingefallen. Unterm Strich steht die erste Niederlage für Überflieger Frankfurt zu Buche. Und Gladbach beschert sich eine ruhige Länderspielpause.

Verlieren ist wie Fahrradfahren. Dass ich mich schneller wieder an die Krise gewöhnt habe als an den Höhenflug der vergangenen Saison, glauben mir wahrscheinlich nur Gladbach-Fans. Und selbst von denen werden noch einige widersprechen. Nämlich all jene, für die Verlieren nach dem Ende der glorreichen 70er niemals ein immer einkalkuliertes Übel war.

Dementsprechend bin ich wenig optimistisch, als ich am Sonntagmittag in den Zug von Dortmund nach Mönchengladbach steige. Aber sieben Spiele ohne Sieg waren noch nie ein Grund, von Kopf bis Fuß Trübsal zu blasen. Die Borussia hat lediglich wieder die Umlaufbahn betreten, auf der sie von 1996 bis 2011 gekreist ist. So fühlt es sich für mich an. Aber das könnte auch einfach so ein Generationending sein.

“Weißte was…?”
Freitagabend habe ich mir tatsächlich Häme von einem Frankfurt-Fan anhören müssen. Sein einziger Besuch im Borussia-Park: beim 0:4 in der Saison 2010/2011. “Weißte was?”, habe ich nur trocken entgegnet, “am Saisonende konnte ich mit der Klatsche ziemlich gut leben.” Es ist immer wieder schön, zu beobachten, wie viele Fans vieler Vereine auf der Erfolgswelle die Bodenhaftung verlieren. Auch Gladbach ist davon nicht verschont, lediglich die Zahlen hinter “viele” variieren. In Frankfurt genügen 16 Punkte aus den ersten sechs Spielen nach dem Wiederaufstieg allemal.

Noch hat sich die Euphoriebremse namens Krise nicht auf den Zuschauerandrang ausgewirkt. 51.193 sind es gegen die Eintracht. Das macht bislang 49.942 im Schnitt, wobei das Mittwochspiel gegen den Hamburger SV die Zahl noch deutlich drückt. So richtig lässt es sich erst sagen, wenn die Mannschaft in den kalten Monaten auf Platz zwölf rumdümpelt. Aber bis hierhin ist die Freude am Verein ungebrochen. Die paar Schrammen lassen sich verkraften.

In der Startelf hat Lucien Favre drei Änderungen vorgenommen. Tony Jantschke spielt wieder rechter Außenverteidiger, dafür rückt Havard Nordtveit auf die Sechserposition. Zu Tolga Cigerci schreibt der Kicker, dass er “passen musste” – weiß nicht, ob die Doppeldeutigkeit Absicht war. Alvaro Dominguez löst Roel Brouwers in der Rotationsschleife ab und auf rechts feiert Lukas Rupp sein Startelf-Debüt in der Bundesliga anstelle von Alexander Ring.

Gar nicht so viel rotiert
Nun kann man beklagen, Favre habe seine erste Elf noch immer nicht gefunden. Längst ist aber klar, dass er es weder muss noch wird. Die Stützen, die ihm aus dem vergangenen Jahr geblieben sind, haben an nichts eingebüßt. Viel eher verblüfft es mich, dass in der Bundesliga gleich sechs Spieler immer in der Startelf standen. Mit Granit Xhaka ist nur ein Neuzugang dabei. Zudem war Martin Stranzl einmal gesperrt und Luuk de Jong einmal verletzt. Bis auf die Nummer von Nikosia war Favre in Sachen Rotation geradezu zurückhaltend.

Einer, der auf Zypern schmerzlich vermisst wurde, eröffnet das Spiel in der 8. Minute. Doch ein Juan Arango ist rein fußballerisch nicht für leise Töne zu haben. Der Mann kann nur Sinfonieorchester oder Stadionrock für 50.000. Und manchmal spielt er auch mit einem Drumstick Kontrabass. Wie eben in dieser 8. Minute, als Frankfurts Olivier Occean ein fürchterlicher Ballverlust unterläuft.

Aus irgendeinem Grund denke ich wieder, es sei abgepfiffen. Schon gegen Fenerbahce war zweifelnde Freude nur halbe Freude, weil der Schiedsrichter so merkwürdig mit ausgestrecktem Arm auf die Jubeltraube um de Jong zuging. Diesmal ist es die Passivität der Frankfurter, die mich stutzig macht. Man kann in einem Zweitligajahr viel versäumen, aber doch nicht, Juan Arango auf die Liste der Spieler zu setzen, die man auch aus 33 Metern nicht schießen lassen darf.

18-mal Schönheit
Und so tut er es einfach. Arango schießt, Infos über den Fuß sind überflüssig. Der Ball verschwindet kurz im Sonnendunst unter dem Tribünendach. Dass dem Jahrhundertfußballer Venezuelas da gerade eines der schönsten Tore gelingt, seit er für die Borussia spielt, wird mir erst klar, als der Ball wieder auftaucht, gegen die Unterlatte klatscht und das Tornetz streift. Falls ich irgendwann in meinem Leben einmal ein perfektes frühes Tor malen sollte, wird es dieses sein.

Man täte ja so vielen seiner 18 Pflichtspieltore unrecht, wenn man dieses Ding nun als schönstes Arango-Tor im Gladbach-Trikot bezeichnen würde. Da sind schließlich allein sechs direkt verwandelte Freistöße. Hinzu kommen dieses wahnsinnige Außenrist-Ding vergangene Saison gegen Werder und das noch viel wahnsinnigere Außenrist-Ding in Kaiserslautern. Für Arango müsste eine Sportart erfunden werden, bei der die Spieler ausschließlich mit links aus der Distanz schießen dürfen. Ein Torwart kann sich aussuchen, ob er sich das antun will.

Wer nun ruft: “Tjaha, ein bisschen Glück gehört eben auch dazu!”, der hat die 18. Minute noch nicht gesehen. Marc-André ter Stegen leistet sich einen Bock, wie man ihn in dessen zweitem Bundesligajahr auch von Manuel Neuer desöfteren gesehen hat. Doch Occean vergeigt die Szene dermaßen, dass sich alle Welt im Nachhinein fast noch mehr fragt, was dem Kanadier da durch den Kopf gegangen ist. Alex Meier kann das Nicht-Tor des Tages nicht verhindern, weil er Abseits steht. Wer so viel Glück wie in dieser Szene hat, steht normalerweise nicht in der zweiten Tabellenhälfte.

Erstmal klarkommen
Nach nicht einmal einer halben Stunde spielt Nordtveit einen Pass vom Favre-Index. Carlos Zambrano leistet sich einen Stellungsfehler, wie er überall auf der Welt auf dem Index steht. So wunderschöne Dropkicks wie von de Jong sind dagegen immer gerne gesehen. Zweimal setzt der Ball auf, dann knallt ihn der Niederländer mit links in die rechte Ecke. Und wieder kann ich nur sagen: Wenn er das 15-mal pro Saison macht, sei ihm jeder Anflug Kahê’scher Ballverarbeitung sowas von verziehen.

Und plötzlich führt die Borussia 2:0. Das gab es bislang für wenige Sekunden beim Pokalspiel in Aachen und nur für wenige Minuten in Kiew. Knapp 50.000 Borussen werden also Zeuge eines absolut seltenen Ereignisses und trotzdem tanzt niemand nackt in der Kurve. Darauf muss man ja auch erst einmal klarkommen. “Für ein Heimspiel seid ihr ganz schön laut!”, ironisiert der Gästeblock. Knapp 17 Monate nachdem die Eintracht eine Acht-Punkte-Rückrunde vollendete und die Borussia dafür in die Relegation durfte, will ich zurückrufen: “Ohne Frankfurt wär’n wir gar nicht hier!”

In der Folge hat es den Anschein, Favre hätte auf einer Serviette einen Nichtangriffspakt unterzeichnet. Die Eintracht darf kommen, tut es aber nicht. Das kennt man sonst nur von der Bahn. Stattdessen ist die Borussia ohne größeren Aufwand noch zweimal dem 3:0 ganz nah. Erst wird Rupp zu Recht aus dem Abseits zurückgepfiffen, dann fällt Xhaka der Ball kurz vor der Pause eigentlich perfekt auf den Kopf. Aber das Wörtchen “eigentlich” gibt es ja eigentlich gar nicht.

1042 Zeichen für ein halbes Eigentor
Der Spielbericht auf kicker.de ist meist ein guter Indikator, um auf die Klasse und die Intensität eines Spiel zu schließen. Drei Absätze oder auch 163 Wörter oder auch 1042 Zeichen genügen dem Sportmagazin, um die zweite Halbzeit zusammenzufassen. Dem dritten Tor des Spiels am nächsten kommt Jantschke, als er ter Stegen mit einem Rückpass-Aufsetzer aus 30 Metern testet.

Nach dem Spiel regt sich Frankfurts Trainer Armin Veh auf, dass sich eine Heimmannschaft gegen einen Aufsteiger 60 Minuten lang hinten reinstellt. Gleichzeitig stellt er aber fest, dass es wohl das probate Mittel war. Vielleicht ist das etwas, was die Borussia aus den ersten vier Europacupspielen mitgenommen hat: Unbequem sein, die Räume enger machen, bei Freistößen auch mal den Ball blockieren, ein klein wenig provozieren, um den Gegner aus dem Konzept zu bringen. In der 70. Minute lässt sich Xhaka 30 Sekunden Zeit, um vom Platz zu traben. Diese Langsamkeit bei Auswechslungen war zuletzt so selten, dass man sie jetzt schon genießen muss.

Es gibt Siege, die sind glücklich, ja sogar unverdient. Dieser ist es mit Sicherheit nicht. Gladbach hat ein spektakuläres und ein schönes Tor geschossen. Ansonsten galt es, hinten alles dafür zu tun, dass sich zu neun Gegentoren in gut einer Woche kein weiteres gesellt. Hätte die Eintracht nach diesem Saisonauftakt auf die gleich Weise gewonnen, hätte sie sich vielleicht ansatzweise rechtfertigen müssen. Nicht aber der VfL nach sieben Pflichtspielen ohne Sieg.

Sprachliche Feinheiten
Wenn Lucien Favre die Worte “sehr, sehr schwer” benutzt, spricht er meistens über die Zukunft. Diesmal darf er den Konjunktiv II benutzen und es tut einfach nur gut: “Es wäre sehr, sehr schwer geworden” – ohne diesen Sieg vor der Länderspielpause. Nun aber ist der völlige Bundesliga-Fehlstart abgewendet. Überhaupt hat Gladbach seit 1996 nur dreimal mehr als neun Punkte aus den ersten sieben Spielen geholt. 2005 rutschte die Mannschaft noch auf Platz zehn ab, 2006 folgte auf vier Siege aus den ersten sieben Spielen der Abstieg. Und was vor genau einem Jahr passiert ist, hat sich ohnehin auf einem anderen Planeten abgespielt.

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PS: Ganze drei Bundesliga- und zwei Europa-League-Spiele habe ich noch nicht verarbeitet – zumindest nicht textlich. Das wird ab jetzt stetig nachgeholt. Ich bin lediglich mit dem aktuellsten Spiel eingestiegen, weil ich dieser kleinen Zwangspause sonst noch bis Weihnachten hinterherschrieben hätte. Aber manchmal ist eine Länderspielpause auch für so etwas gut.

09. Oktober 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 8 Kommentare

Kommentare (8)

  1. Pingback: Blog- & Presseschau für Mittwoch, den 10.10.2012 | Fokus Fussball

  2. Schön das du wieder Zeit hast.

  3. Hallo Jannik,
    wieder toll geschrieben, ich freue mich auf die Berichte der nächsten Spiele.
    Übrigens kennen auch die Zeitzeugen der 70er dieses Gefühl, denn die die Bezeichnung “Launische Diva” (H. Grashoff) kam nicht von ungefähr. Erinnert sei z. B. an das 7:1, die Niederlagen gegen Liverpool, dem Pfostenbruch, …
    Allerdings gab auch rauschende Feste z. B. das 7:1 (Inter) und in der gleichen Woche 7:0 (Schalke), sowie 12:0 (BVB) …
    Ich wünsche dir weiterhin die Inspiration für deine unterhaltsamen Berichte rund um die Borussia.

    Grüße M.

  4. Hallo Jannik,
    habe selten einen so tollen Bericht zu unserer Borussia gelesen.
    Ich würde mich freuen, wenn ich in dieser Saison noch recht viel von Dir hören
    bzw. lesen dürfte.

    Viele Grüße von der Schwäbischen Alb
    Norbert

  5. Hallo Jannik,
    wieder mal ein schön geschriebener Kommentar.
    Ich freue mich schon auf den Bericht von unseren Tagen (und Nächten) auf Zypern… :-)
    S-W-G Grüße
    Andreas

  6. Besonders gut hat mir die Stelle mit Cigerci und dem “passen” gefallen!!!

  7. Vielen Dank für eure Kommentare! Die positive Resonanz tut gut nach der langen Pause!:)

    @Andreas: Klar, die Abende/Nächte im Pub werden natürlich nicht fehlen.;) Hoffe, ich komme die Tage endlich mal dazu, den Bericht zu schreiben.

  8. Hilfe Jannik, bitte sprich zu uns, spende der Gemeinde Trost und Orientierumg. Es scheint Unglück zu bringen, ohne die Sorgatzsche Aufarbeitung des letzten Spiels in das nächste zu gehen (ist mein nagelneuester Aberglaube im angesicht der Rückkehr des so wenig vermissten Gladbach-Blues’)
    Hilfe!

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