Reif für die Couch

Es gibt inzwischen genügend Gründe, in Weltuntergangsstimmung zu verfallen. Aber man kann es genauso gut auch lassen. Dass die Borussia gegen Bremen in der Abwehr ähnlich verfahren ist, war nicht so schön. Immerhin gibt es glaubhafte Entschuldigungen – man kann sogar darauf sitzen.

Ich war mit diesem Verein inzwischen in der Ukraine und auf Zypern. Doch vor lauter Europapokal und heiler Borussia-Welt habe ich völlig vergessen, wie lange es her ist, dass ich ein Gladbach-Spiel bei meinen Eltern auf der Wohnzimmercouch gesehen habe, dem Synonym für völlig geerdeten Fußball-Konsum. Es war der 15. April 2011, der Tag, an dem der VfL zum bislang letzten Mal aus der Fußball-Bundesliga abstieg. Zumindest fühlte es sich damals so an.

Zum Glück war die Saison 2010/2011 aber eine Spielzeit, in der man während eines Jahres mehrfach ab- und sofort wieder aufsteigen konnte. Nach dem 0:1 in Mainz – André Schürrle traf kurz vor Schluss ins Tor und in zehntausende Herzen – gelang der Borussia schon im nächsten Spiel zu Hause gegen Dortmund der direkte Wiederaufstieg. Und so hält sich der Verein nun seit 18 Monaten ununterbrochen in der ersten Liga. Gefühlte Abstiege: Fehlanzeige.

Ich mag nicht nur meine Eltern, ich mag auch ihr Wohnzimmer. Aber in Bezug auf die Borussia habe ich nicht nur wegen des Mainz-Spiels verdammt schlechte Erinnerungen an diese vier – genau genommen sind es sechs – Wände. Seit einem Auswärtssieg in Bielefeld im November 2008 habe ich 20 Mal dort vor dem Fernseher Platz genommen und dabei 18 Niederlagen erlebt. Einmal gab es ein 0:0 in Karlsruhe, einmal köpfte Dante in der Nachspielzeit das 1:1 in Bremen. Ansonsten war es egal, wo die Borussia wann gegen wen spielte – es setzte mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Niederlage.

Alles für den Klub!
Als ich am Samstagabend auf dem Sofa Platz nehme, ist mir die Tragweite meines Handelns aber nicht so richtig bewusst. Bielefeld 2008, klar! Aber 20 Spiele, 18 Niederlagen? Wie gesagt, es ist lange her, dass ich nicht im Stadion, nicht in Saarbrücken oder völlig verhindert war. Und wenn es um meine verdammten Rituale geht, dreht sich in der Regel auch alles um die Frage, wie man den Erfolg erzwingen kann. Das reine Verhindern von Misserfolg steht selten zur Debatte.

Immerhin ist die Sitzgarnitur inzwischen eine andere. Meine Eltern haben verstanden. Klappt es nicht mehr, sich das Trikot mit Senf zu besudeln – neues Trikot kaufen. Haut das mit den auftauenden Eiswürfeln nicht mehr hin – neuen Kühlschrank kaufen. Hat die grüne Ampel keine Wirkung mehr – neues Auto kaufen (oder neue Ampel). Alles für den Klub!

Die Länderspielpause war wohltuend, weil Gladbach 13 Tage lang ungeschlagen blieb. Nach zuvor sieben Spielen in 23 Tagen ist das zwar nicht verwunderlich, aber dennoch bemerkenswert. Bis Weihnachten gibt es nun maximal fünf Tage Pause. Zum Auftakt dieser rastlosen acht Wochen hat sich Lucien Favre entschlossen, erstmals in dieser Saison nicht die Startformation zu ändern. Das heißt in aller Kürze: Thorben Marx spielt immer noch.

Ein sehr gutes Auswärtsspiel
Die erste halbe Stunde sieht wirklich ordentlich aus. Vergangene Saison hätte man wahrscheinlich gesagt: Joa, ganz nett, da ist aber noch Luft nach oben. So aber steht Max Eberl in der Pause am Spielfeldrand und konstatiert: “Wir haben ein sehr gutes Auswärtsspiel gemacht.” Sein nächster Satz beginnt mit “aber”. Würde im Wohnzimmer meiner Eltern eine Michael-Frontzeck-Puppe mit Gesangsfunktion stehen, wäre sie in diesem Moment wahrscheinlich angesprungen. Und wäre ich eine Katze, hätte ich mich wohl unter dem Sofa verkrochen.

Den ersten Grund für das Eberl’sche “aber” bringt die 37. Minute. Zuvor hat Havard Nordtveit nach einer Ecke die Latte getroffen. Der Rest ordnete sich unter allen Auswärtsspielen der vergangenen 15 Jahre sicherlich in der oberen Hälfte ein. In der Schlussphase der ersten 45 Minuten vertändelt die Borussia also vorne den Ball. Blitzschnell kontert sich Werder an den Gladbacher Strafraum. Man muss es beinahe nachschlagen, aber der VfL hat sich sein erstes Konter-Gegentor vergangene Saison am 32. Spieltag in Dortmund gefangen. Ich verstehe alte Leute, wenn sie kopfschüttelnd von einer “immer schnelleren Welt” reden.

Martin Stranzl setzt an der linken Strafraumecke zu einer seiner berüchtigten Grätschen an, bei denen er meistens nicht nur dem Gegner, sondern auch sich selbst eine Verletzung zufügt. Es gibt einen Freistoß, aus dem für Bremen ein paar Yards Raumgewinn und damit eine Ecke resultieren. In der Mitte gibt Stranzl Dominguez offenbar Deutsch-Unterricht. Arango hält sich fein raus, weil Fremdsprachen für jemanden, der kaum spricht, genauso sinnvoll sind wie Autos in Millionenmetropolen.

50 Quadratmeter Platz
Das wäre alles noch zu verkraften, weil Nils Petersen trotz einer Zwei-Zimmer-Wohnung Freiraum den Ball nicht wuchtig ins Tor, sondern eher parallel zur Linie köpft. Nur macht Marx, zunächst noch auf jener nicht unwichtigen Linie stehend, einen Schritt nach links. Das bedeutet in diesem Fall: ins Tor, wohin ihm der Ball brav folgt. Werder führt 1:0, dabei hatte doch nicht nur Sportdirektor Eberl bis dahin “ein sehr gutes Auswärtsspiel” gesehen. Wo Frontzeck wohl geguckt hat?

In der Folge ist die Mannschaft wieder völlig verunsichert. Tony Jantschke spielt grausame Fehlpässe im Minutentakt. Nordtveit steckt all das Grauen in einen einzigen Rückpass, den Marc-André ter Stegen gerade noch entschärft. Ich habe kaum Zeit, mich ernsthaft mit meiner Mutter zu streiten, da fällt schon das 2:0 für Werder. Aaron Hunt schickt Marko Arnautovic auf die Reise, der locker über ter Stegen hinweg ins Tor lupft. Es ist das erste Bundesliga-Tor des Österreichers seit sieben Monaten. Binnen wenigen Minuten verkommt “ein sehr gutes Auswärtsspiel” zu einer Blitz-Karikatur der vergangenen 15 Jahre (minus eins).

Favre wechselt zur Halbzeit Patrick Herrmann ein. Bevor ich es vergesse, weil die zweite Hälfte keinen Anlass bietet, näher auf Herrmann einzugehen: Der 21-Jährige steht immer mehr stellvertretend für die Frage, ob der Erfolg der vergangenen Saison nicht nur ein ausgedehnter Lauf zwischen dem 11. und 22. Spieltag gewesen ist, als die Borussia 29 Zähler in zwölf Partien holte und Herrmann neben fünf Toren noch acht Assists beisteuerte. Denn im Weserstadion ist rein gar nichts von ihm zu sehen.

Wintersemester 2011/2012
Was war denn wirklich überragend, bevor dieser Lauf losging und nachdem Herrmann sich in Kaiserslautern das Schlüsselbein brach? Davor war Gladbach die Binärcode-Borussia, die zum Glück (und manchmal auch durch Glück) häufiger 1:0 gewann als verlor. Danach gab es noch genau fünf Siege aus 20 Bundesliga-Spielen. War dieses zauberhafte und wundersame Wintersemester 2011/2012 etwa nur eine Laune dieses Sports, in dem deutlich unterlegene Schweden in weniger als einer halben Stunde aus einem 0:4 ein 4:4 machen können?

Jetzt bin ich zwar mächtig abgedriftet von diesem Fußballspiel in Bremen. Aber in diesen Wochen scheint es bei der Borussia ja um mehr zu gehen als um reine Resultate. Von Spiel zu Spiel denken? “Am Arsch geleckt!”, würde Bruno Labbadia sagen. Von der Pause bis zum Abpfiff gedacht, bringen die zweiten 45 Minuten im Weserstadion noch viel mehr Unheil.

Der VfL fällt auswärts zum zweiten Mal in Folge auseinander. Inzwischen ist es wieder so weit, dass ter Stegen keine zwei Gegentore pro Spiel kassiert – es sind leider noch mehr. Das 0:3, das erst eine Viertelstunde vor Schluss die endgültige Entscheidung bringt, ist viel zu grausam, um es von vorne bis hinten zu beschreiben. Aber wenn ein Faust-Eigentor von Logan Bailly der Maßstab ist, muss man da zweifellos durch.

Bloß nicht zurückschauen
Stranzl spielt einen Zehn-Meter-Pass in der gegnerischen Hälfte nur einen Tick zu hart. Nordtveit bringt das aber völlig aus dem Konzept, als habe man ihm die Knie zusammengetackert. Als Stranzl lossprintet, um die Lücke in der Viererkette zu schließen, ist Arnautovic bereits so viel schneller unterwegs, dass er nicht mehr einzuholen ist. Netterweise wartet der Österreicher im Strafraum auf seinen Landsmann, übernimmt sogar kurz dessen Job als Deutsch-Lehrer für Dominguez.

Doch Stranzl, inzwischen hinten angekommen, fällt auf den billigen Enkeltrick herein. Unbeeindruckt von all der fußballerischen Kleinkriminalität hat sich der eingewechselte Füllkrug am zweiten Pfosten positioniert und schiebt ein zum 3:0. Filip Daems hat es geschafft, 50 Meter zu sprint-traben, ohne sich einmal umzusehen. Es gibt keine Liga in keinem Land der Welt, in der die Kuhhäute groß genug sind, so dass der ganze Wahnsinn darauf Platz findet.

An dieser Stelle müsste es doch reichen. Sogar Günter Perl, der zuvor schon zweimal einen Drei-Tore-Sieg von Werder gegen Gladbach gepfiffen hatte, ist zu seinem Recht gekommen. Aber dann schlägt Mehmet Ekici eine Ecke herein, Mike Hanke köpft sie genau vor die Füße von Zlatko Junuzovic. Wenigstens ist das Sofa, in dem ich versinke, nagelneu. Aber der Wohnzimmerfluch ist definitiv nicht mit der alten Couchgarnitur auf dem Sperrmüll gelandet.

Gegen den Fluch
21 Spiele, zwei Unentschieden, 19 Niederlagen – das ist so schlecht, das geht eigentlich gar nicht. Klar, es waren allesamt Auswärtsspiele und die Borussia in den vergangenen vier Jahren in der Fremde nur selten eine Macht. Aber nur zum Vergleich: Im selben Zeitraum habe ich 34 Auswärtsspiele gesehen, 15 davon gewonnen, neun Unentschieden und zehn Niederlagen erlebt. Mit diesen 54 Punkten landet man in den meisten Jahren im Europapokal.

Und falls sich jetzt jemand fragt: Muss er denn bald wieder zu Hause im Wohnzimmer gucken? Ja, wahrscheinlich am 25. November gegen Augsburg. Aber das wird wohl auf eine Einladung an meine Eltern und meinen Bruder hinauslaufen, zu mir in die WG zu kommen. Meine Gladbach-Bilanz in allen WGs der Welt: Sechs Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlagen. Das klingt schwer nach einem Plan.

Als ich diesen Text begonnen habe, hatte ich gerade keine Rituale und mein Aberglaube war etwas eingeschlafen. Eine Lösung für alle Probleme habe ich aber auch nicht gefunden. Alle fragen, was los ist bei der Borussia, und sind dabei nicht einmal hämisch. An der Stelle wird es immer gefährlich. Zum Glück habe ich ja meine Freunde, die mein Inventar um einen Einrichtungsgegenstand erweitert haben. Die Rote Laterne ist zurück, nach fast auf den Tag genau eineinhalb Jahren.

Niemand weiß nichts
Ich weiß, Letzter ist die Borussia nicht. Als die Laterne zuletzt monatelang in meiner Wohnung stand, sah das anders aus. Nun steht sie wieder auf dem Regal, weil sich in meinem Freundeskreis keine Hoffenheim-, Nürnberg-, Augsburg-, Fürth- und Wolfsburg-Fans befinden (was meinen Freundeskreis auf jeden Fall ehrt). Platz 13 ist trotzdem kurz vor Keller. Montagabend wollte ich das Drei-Euro-Ding von Ikea anzünden, fand aber nirgendwo ein Feuerzeug.

Kurioserweise fielen zwischen die beiden Laternen-Besuche die besten 18 Monate meines – und sicherlich nicht nur meines – Fanlebens. Wo wir gerade beim fröhlichen Serien-Aufzählen sind: 57 Pflichtspiele, 29 Siege, 14 Unentschieden, 14 Niederlagen in fünf verschiedenen Wettbewerben.

Dennoch darf niemand so tun, als wisse er ganz genau, wie es nun weitergeht. Ganz drastisch ausgedrückt, bin ich davon überzeugt, dass die Borussia sowohl absteigen als auch in der Rückrunde noch in Richtung Europapokal durchstarten kann. Und dafür müsste sie auf beiden Seiten der Wunder-Skala nicht einmal neue persönliche Bestleistungen aufstellen.

Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum sich Wut und Gelassenheit bei mir immer noch die Waage halten. Alles andere wäre doch unglaubwürdig und übertrieben. Ich kann mich doch nicht über Leute aufregen, die bei 20 Grad ihre Winterjacke tragen, nur weil es Ende Oktober ist, und gleichzeitig bei neun Punkten aus acht Spielen die Welt untergehen lassen. Die Champions League ist punktemäßig genauso nah wie der Relegationsplatz. Noch nie in 50 Jahren Bundesliga hatte der Vierte nach dem 8. Spieltag so wenige Punkte. Ich kann doch auch nichts dafür, dass dieser Sport so bescheuert ist.

24. Oktober 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Recht hast Du. Ich bin da jetzt mal Optimist. Gegen Dortmund 5:0 verloren, gegen Bremen 4:0. Bedeutet also, 3 Auwärtsspiele noch und danach haben wir wieder ein Unentschieden auf des Gegeners Platz. Und sei es ein 0:0. Was mich beim Spiel im Bremen am Meisten erschrocken hat (auch Bezahl-TV geschaut) war die Schwäche nach Vorne. Da kam ja so gut wie kein Ball an. Aber spätestens zur Rückrunde geht es wieder Aufwärts. Dann haben haben wir weniger Spiele und der Trainer mehr Zeit mit den Leuten intensiv zu arbeiten. Oder male ich mir die Welt jetzt zu bunt?

  2. Hi Janik, ich habe das Spiel nicht gesehen, war beim Wandern in den Alpen mit meiner Frau. Deshalb finde ich deinen Bericht über die Gegentore einfach genial. Du beschreibst es wie ich wahrscheinlich gedacht hätte, wenn ich das Spiel gesehen hätte.
    Zu den Ritualen kann ich nur sagen: wenn ich ein Spiel seit Favre Trainer ist, nicht gesehen habe (bei Sky) ging es verloren. Ansonsten zuhause im Wohnzimmer, stehend, T-Shirt Elf vom Niederrhein an und eine Flasche Sprudel griffbereit, wie der Trainer auf der Bank. Das Ergebnis ist ja bekannt. Ich kann jetzt nicht sagen wieviele Siege, Niederlagen und Unentschieden das waren. Aber dieses Jahr funktioniert das nicht mehr. Also liegt es nicht an uns Fans bzw. unseren Ritualen, wenn es nicht klappt.
    Aber an irgend was müssen wir uns ja festhalten.
    Ich hoffe dass Favre das hinbekommt und freue mich auf deinen nächsten Bericht, auch wenn es gerade nicht so gut läuft. Aber erst da erkennt man die wahren Fans.

  3. Was soll ich sagen?? Du sprichst mir mal wieder aus der Seele. Und noch bleibe ich ebenso wütend-gelassen wie du und hoffe (schon fast) auf die Rückrunde. Danke wie immer für deine Beiträge über den besten Club der Welt.

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  5. So. Zu diesem Zeitpunkt hat Borussia gerade OM mit 2:0 geschlagen. Jantschke und de Jong sind verletzt und werden wohl die Niederlage (evtl. auch ein 0:0 oder 1:1) gegen Hannover von zuhause (Tribüne) aus erleben.
    Ich bin mittelmäßig optimistisch/pessimistisch ob wir es in der Euroleague zu was bringen werden, aber ich bin recht optimistisch das es keine Abstiegsängste geben wird. Selbst wenn es vor der “Pause” bestimmt noch ein paar mal Dresche geben wird, so ist genug Potential in der Mannschaft (und im Trainer) um auch ein paar mal zu punkten.

    Die Mannschaft ist jung. Jünger als ich jedenfalls. Die können noch besser werden.

  6. Naja, gegen Bremen kann man ja auch mal verliern ;-) bzw. irgendwann müssen sie ja auch mal Tore schießen. Und wenn selbst der Astronautovic mal trifft, dann hat sich halt Alles gegen einen verschworen. Grüße aus Saarbrücken von einem anonymen Werder-Fan…

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