Mlapaukenschlag

In Europa sind sogar die Krisen komprimierter. Ein Unentschieden auf Zypern und eine Heimpleite gegen Istanbul besiegeln beinahe das Ausscheiden. Aber zum Glück gleicht ein einziger Erfolg in diesem Wettbewerb einer berauschenden Siegesserie. Ein Spiel in Folge hat die Borussia in der Europa League gewonnen – und sie weiß nun immerhin, dass zwei weitere folgen müssen.

Mannschaftsfotos sind eine Kunst für sich. Wahrscheinlich denken die meisten bei diesem Stichwort zuerst an wacklige Bierbänke, üppig beklebte Medizinkoffer und Torhüter, die Bälle sponsorengerecht in die Kamera halten. Dabei sind die Gruppenbilder unmittelbar vor dem Anpfiff doch viel authentischer, emotionaler und nicht annähernd so inszeniert. Da ist keine Bierbank, kein Medizinkoffer, nicht einmal ein Ball. Die Bilder sind Dokumente der fußballerischen Zeitgeschichte, Teil der Zeremonie genau wie der Wimpeltausch.

Elf Spieler stellen sich auf, vertrauen völlig ihren Instinkten, ob sechs Mann oben stehen oder unten hocken, wo der Torwart seinen Platz hat. Im Champions-League-Sonderheft des Kicker sind 16 der 32 Mannschaften in dieser puristischen Form abgebildet. In 13 von 16 Fällen umfasst die obere Reihe sechs Spieler, bei fast jeder zweiten Mannschaft steht der Torwart oben links. Das schafft Respekt, weil das Auge des Betrachters ihn zuerst erfasst.

Die Südeuropäer tendieren in der unteren Reihe dazu, den Oberkörper nur so weit vorzubeugen, dass die Hinterleute nicht verdeckt werden. Das vermittelt ein “Aux armes!”, eine Auf-geht’s-Mentalität. Wer tief in der Hocke sitzt, hat vielleicht beim Skispringen gute Karten, kommt aber in keinen Zweikampf.

Reihe aus dem Lehrbuch
Insofern macht die Borussia gegen Olympique Marseille bereits vor dem Spiel fast alles richtig. Marc-André ter Stegen steht oben links. Er schaut konzentriert, verübt mit seinem Blick aber keine Mordanschläge auf die Fotografen. Oben rechts spreizt Filip Daems den Arm mit der Kapitänsbinde genau so weit ab, dass es Respekt einflößt. Hervorragende obere Reihe!

Nach unten hat es die Kleinen wie Patrick Herrmann, Tony Jantschke und Lukas Rupp verschlagen. Sie hocken zwar, genau wie Havard Nordtveit. Aber die leichten Defizite in der Haltung macht Juan Arango wett, der in der leichten Hocke noch einmal kurz die Oberschenkelmuskulatur anwärmt. Der Mann ist definitiv bereit für einen großen Europapokal-Abend. Ansonsten: Trikots, die gar nicht mehr so schlimm aussehen, und elf Frisuren, von denen keine einzige haarsträubend ist.

Es gibt aber noch einen letzten Punkt, der aus einem vermeintlich schnöden Teamfoto ein starkes Signal machen kann. In dieser Hinsicht gilt ein Dank den gut 1000 Marseille-Fans, die mit ihrer Fackelei und Böllerei zwar dafür gesorgt haben, dass die “Elf vom Niederrhein” wahrscheinlich zum allerersten Mal nicht bis “Und geht das Spiel auch mal verlor’n” gekommen ist. Aber dieser Dunst im Hintergrund, gepaart mit dem Flutlicht und den Schattenwürfen, ist einfach genial. Um dieses Loblied auf das Vorspiel-Mannschaftsfoto auf den Punkt zu bringen: Hätte mir jemand beim Anpfiff sofort einen Abzug dieses Bildes in die Hand gedrückt, wäre ich in den folgenden 90 Minuten weitaus entspannter gewesen.

Kathedralenbesichtigung mit Kopf
So aber geht es los mit der Gewissheit, dass die letzten drei Gruppenspiele bei einer Niederlage höchstwahrscheinlich zu einer Abschiedstour aus Europa würden. Will heißen: Das Abenteuer wäre sportlich vorbei, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Diese internationale Saison soll schließlich nicht nur ein einziges Fest im Herzen werden, sondern hat auch einen sportlichen Zweck. Das ist in etwa wie damals auf der Abschlussfahrt in der Oberstufe: Bis zum Morgengrauen wurde gefeiert, aber trotzdem war die Besichtigung der Kathedrale von Canterbury am nächsten Vormittag Pflicht, Kater hin oder her.

Ich hoffe, dass die Mannschaft insgesamt besser auf die Gegner vorbereitet ist als ich selbst. Immerhin kenne ich diesmal sechs Spieler aus Marseilles Startformation beim Namen, während ich mich an keinen einzigen Limassol-Spieler mehr erinnere – bis auf den Torwart mit der langen, schwarzen Mähne, besser bekannt als “Tim Wiese”. Gut, Mathieu Valbuena ist der Kleine, der Dortmund vergangene Saison den Gnadenstoß versetzt hat. Aber wer erkennt schon Joey Barton am Laufstil, wenn er dabei nicht gerade Faustschläge verteilt? Und welcher der Ayew-Brüder war es nun, der beim Friseur so schlecht beraten wurde?

Da hat es beinahe Service-Charakter, dass sich OM nach ein paar Minuten in Gladbachs Hälfte einnistet, also genau vor der Nordkurve. Loïc Remy hinterlässt die auffälligsten Visitenkarten. Erst bekommt ter Stegen noch rechtzeitig den Arm hoch. An einer Ecke springt Gladbachs Torwart mit einem bislang unbekannten Faible fürs Segelfliegen aber vorbei und hat Glück, dass Marseille nicht das und vor allem nicht ins Tor trifft.

Wer nie schießt, schießt kein “Tor des Monats”
Gäbe es eine Meldepflicht für ernsthafte Torschüsse, würde von Gladbacher Seite erst nach einer knappen halben Stunde die erste Nachricht eingehen. Arango versucht es aus 30 Metern von halblinks. Jeden anderen Spieler würde man gefühlt auswechseln, der Venezolaner dagegen weckt die Hoffnung, dass schon hinter dem nächsten Schuss ein “Tor des Monats” lauert.

Nur kurz darauf erhält das Spiel die entscheidende Wendung. Jantschke wird ausnahmsweise nicht übersehen und stellt sich mit einem mutigen “Je m’appelle Tony” am gegnerischen Strafraum vor. Gegenspieler Lucas Mendes aber ist Brasilianer und weiß sicherlich selbst am besten, welcher fieser portugiesische Satz ähnlich klingt wie “Je m’appelle Tony”. Den U21-Nationalspieler deshalb gleich niederzustrecken, ist aber auch keine Lösung. Während Jantschke am Spielfeldrand alle Ministerpräsidenten aufzählen soll und bei “Bouffier” wieder benommen zusammensackt, bringt Arango den Freistoß herein. Es ist so ein Ding der Kategorie “Bitteschön, Torwart, schau’ mal, was du daraus machst”: möglichst hart, möglichst schnittig aufs Tor gezogen.

Mandanda bekommt gerade noch die Beine zusammen. Der Abpraller fliegt in Richtung Strafraumgrenze, wo Nordtveit ihn gleich wieder in Richtung Tor befördern will. Aber Kabouré hat seine Hände so sehr im Spiel, dass ein Elfmeter nur noch fälliger wäre, wenn er den Ball gefangen hätte.

Der 15. Streich
Ein Daems tut, was ein Daems tun muss. Zum 15. Mal bewegt sich der Belgier im Borussentrikot in Richtung Elfmeterpunkt. Und während er seines Amtes waltet, bin ich in Gedanken wieder auf Zypern. Wieder braucht der Ball scheinbar ewig, bis er endlich an der Latte angekommen ist. Dann dauert es erneut eine gefühlte Ewigkeit, bis er genau auf die Torlinie springt. Als ich aufwache, ist schon alles vorbei. Hat auch gar nicht weh getan. Daems hat verwandelt, zum 15. Mal. Jede verdammte Pflichtspielminute hat der Kapitän in dieser Saison absolviert. Lediglich am 20. September war er nicht auf Zypern. Vermutlich stand Daems in Mönchengladbach auf dem Trainingsplatz und übte vor lauter Langeweile Elfmeter.

Im fünften Europacupspiel der Saison ist der VfL zum vierten Mal in Führung gegangen. Seine beiden Heimspiele hat er anschließend verloren. Wahrscheinlich wäre ich zu diesem Zeitpunkt auch dann noch nervös, wenn ich ein Polaroid des Mannschaftsfotos in der Jackentasche hätte. Zur Pause applaudiert der Borussia-Park. 45.000 Karten sind verkauft worden. Zum Vergleich: Die drei Europacup-Heimspiele des VfB Stuttgart haben in dieser Saison insgesamt 52.855 Zuschauer besucht. Bayer Leverkusen wäre wahrscheinlich nicht einmal in der Lage, so viele Karten zu verschenken.

Doch da wären auch entsprechend viele Zeugen, wenn die Borussia zum dritten Mal im eigenen Stadion eine Führung aus der Hand geben würde. Marseilles Chancen nach der Pause sind allein aus Chronistensicht ein Thema. Richtig hoch geht der Puls erst, als Keeper Mandanda schlecht aussieht und der Ball frei im Fünfmeterraum herumliegt. De Jong und Barton rauschen heran. Es ist so ein Zweikampf, den zwangsläufig einer der beiden verlieren muss, zur Not per Sudden Death in der fünften Verlängerung. Dass es Gladbachs Niederländer ist, kann man nicht einmal dem Enfant terrible von der Insel ankreiden. Dennoch ist es fast schon zynisch, dass de Jong nicht mit einer, sondern gleich drei Wunden am Knie ausgewechselt werden muss.

Der erste magische Moment
Komischerweise ist mir in diesem Moment gleich klar, dass Favre Peniel Mlapa bringen wird – kein Gedanke an Hanke. Und er tut es, lässt den U21-Nationalspieler zum ersten Mal seit dessen Wechsel aus Hoffenheim länger als ein paar Minütchen ran. Vorher redet Favre dem 21-Jährigen noch so viel Mut zu, dass das, was in der 67. Minute passiert, fast schon folgerichtig erscheint.

Eigentlich macht Mlapa in dieser Szene fast alles falsch. Aber eigentlich soll man das Wort eigentlich auch gar nicht benutzen, weil es eigentlich überflüssig ist. Eigentlich müsste Mlapa eben zu Rupp abspielen, der genau im richtigen Moment startet. Doch Mlapa ist offenbar noch so angefixt von seiner Balleroberung gegen Barton, dass er aus 25 Metern einfach abzieht. Im besten Fall ist dieses Hammertor zum 2:0 exakt 121 Sekunden nach seiner Einwechslung der Beginn einer wunderbaren Karriere, ein echter Mlapaukenschlag. Wenn nicht, dann kann Mlapa später zumindest erzählen, der Gladbacher Europacup-Saison 2012/2013 den ersten magischen Moment verpasst zu haben – zumindest einen, der sportlich auch nach dem Abpfiff von Bedeutung ist.

Die Borussia lebt wieder in Europa. Das muss im Hinblick auf die Bundesliga rein gar nichts bedeuten. Aber immerhin darf nun gerechnet werden: Siege in Marseille und zu Hause gegen Limassol bedeuten definitiv das Weiterkommen. Ein Punkt in Frankreich und der Pflichtdreier gegen die Zyprer sind genug, solange Fenerbahce in Marseille gewinnt. Es sind ganz konkrete und vor allem realistische Rechenspiele, so konkret und realistisch wie ein Ultraschallbild von einem Fötus in der 20. Schwangerschaftswoche.

Kämpfen für den Schrägstrich
Vor dem Spiel ging es im Grunde nur darum, wie hoch die Borussia verliert. Dabei ist es doch vollkommener Blödsinn, sich die erste Europapokal-Saison seit 1996 madig machen zu lassen, nur weil es in der Bundesliga nicht rund läuft. Wer weiß, wann die nächste kommt und wer weiß, wie bitter die Warterei für alle wird, die diesen Herbst nicht in vollen Zügen genießen.

Am Freitagmorgen hat mich der Rückenwind vor den Computer geweht und wie von alleine diverse Flugportale aufgerufen. Dann hat der Rückenwind gesehen, dass es plötzlich Flüge nach Istanbul und zurück für nur 168 Euro gab. Der Rückenwind hat einfach gebucht. Ich wollte die beiden Spiele gegen Marseille abwarten, um auf keinen Fall für ein sportlich wertloses Spiel meine Ersparnisse zu strapazieren. Aber dieser Nikolaustag in der Türkei wird so oder so wegweisend. Entweder geht es darum, sich gebührend vom Europapokal zu verabschieden, weil bis zum nächsten Auftritt unter Umständen wieder 16 Jahre vergehen. Oder aber die Saison 2012 wird um einen Schrägstrich und – noch viel besser – um eine 2013 erweitert. Es wäre lediglich ein kleines Wunder, weil dieser Verein die Latte zwei Jahre lang verdammt hoch gelegt hat.

27. Oktober 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. …wieder mal lecker zu lesen, danke.
    Das Canterbury-Gefühl passt sehr treffend.
    Nur einmal lag die Latte zu niedrig in diesem Zeitraum:
    Bei Wendts Elfer auf Zypern!

  2. Hat eigentlich niemand außer mir mitbekommen, dass bei der Einwechslung unser Stadionsprecher “Knippi” Mlapa mit auf den Weg gegeben hat: “Mach et Junge!”?
    Ich denke das sollte er öfter machen…
    Alles für den VFL!!

  3. Ja der Knippi ist schon so ein Hellseher, hat ja auch schon einmal Igor mit den Worten “…und für ihn kommt unser Siegtorschütze Igor de Camargo” :D
    Leider fehlt Luuk ja nun länger, denke er wäre gegen u.a. Freiburg, Fürth und Limassol richtig wichtig geworden. Also hoffen wir auf weitere Mlapaukenschläge.

  4. …unsere Nachbarn müssen sich mal wieder tierisch gefreut haben, dass wir Fußball gucken. Das Gejohle beim 2:0 war ohrenbetäubend in unserem Wohnzimmer (und wir waren nur zu zweit). Und Mlapa habe ich es ja sowas von gegönnt…

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