Alte Schweden!

Ab und zu winkt das Schicksal so sehr mit dem Zaunpfahl, dass es weh tut. Und trotzdem kapiert man es manchmal nicht. Aber aus einem 0:2 ein 3:2 machen? Auswärts? In Hannover? Das zu erwarten, ist nach objektiven Maßstäben auch halbwegs verrückt. Umso besser, dass der Fußball einen immer wieder verblüfft, wenn man meint, doch so ziemlich alles schon erlebt zu haben.

Ich hatte innerlich bereits abgeschlossen mit dem Wohnzimmer meiner Eltern. Es war ausgemacht, dass ich erst wieder ein Gladbach-Spiel dort gucken werde, sobald die Fernseh-Krise an anderen Orten ähnlich dramatische Züge angenommen hat. Am 25. November gegen Augsburg wollte ich Mutter, Vater und Bruder in die WG einladen. Doch dann klingelt am Tag des Marseille-Spiels das Telefon.

Mein Chef ist dran und ahnt mit Sicherheit nicht, dass die folgenden 63 Sekunden vielleicht den Wendepunkt der Post-Wunder-Saison bringen. Es geht um einen einfachen Dienstetausch, spät gegen früh. Ein Telefonat könnte im Hinblick auf die Borussia scheinbar nicht irrelevanter sein.

Aber der Tag, über den wir sprechen, ist Sonntag, der 28. Oktober: 9. Spieltag, 17:30 Uhr, auswärts in Hannover. Erst als ich wieder aufgelegt habe und meine Arbeitszeit im Kalender ändern will, wird mir klar, in welche Bredouille mich mein Entgegenkommen gebracht hat. Will ich ernsthaft den Besuch bei meinen Eltern verweigern und nach Dienstende in der Redaktion verharren, um das Spiel bloß nicht im Krisen-Wohnzimmer schauen zu müssen? Ich spüre einen kurzen Schmerz am Hinterkopf. Das Schicksal hat mit dem Zaunpfahl gewinkt. Das Engelchen auf der Schulter sagt: “Nein, tu’ es nicht.” Der Teufel schreit: “Tu’ es, gib’ dem Wohnzimmer noch eine Chance, wie geil das wäre!” Aberglaube ist ein Arschloch.

Ampel mal anders
Also stehe ich fünf Minuten vor dem Anpfiff auf der Matte. Die ominöse Glücks-Ampel ist genauso rot gewesen wie mein Hannover-farbener Pullover. Aber Rot ist das neue Grün. Denn Ampel ist natürlich nicht gleich Ampel, wenn man aus der Richtung kommt, in die man sonst links abbiegt. Will heißen: Die Ampel, auf die es ankommt, war so grün wie am Donnerstag auf dem Weg zur Europa League.

Das sind soweit die Grundlagen, die nichts mit elf Borussen und ihrem Trainer zu tun haben. Bei den elf Borussen fehlt einer, der bislang fast immer dabei war und nun voraussichtlich erst einmal sechs Wochen gar nicht dabei sein wird. Die Rede ist von Luuk de Jong. Mit “den Kürzeren gezogen” habe ich es am Ende viel zu optimistisch umschrieben, wie sehr der Niederländer im Duell mit Joey Barton vernichtet wurde. “Offene Kapselverletzung mit Knochenödem” klingt nach einer Blessur, mit der man nicht nur in Mönchengladbach länger ausfällt.

Ob diese Diagnose die Bezeichnung “Hiobsbotschaft” verdient, wird man erst sagen können, wenn de Jong wieder fit ist. Und ob die Borussia mit ihm in dieser Phase nun bessere, schlechtere oder exakt gleiche Resultate eingefahren hätte, wird ohnehin für immer ungeklärt bleiben. Deshalb versucht man am besten erst gar nicht, sich mit Mutmaßungen aufzuhalten.

De Camargo als de-Jong-Ersatz
Fest steht, dass es für den Rekordtransfer (nach “22-Jähriger” und “Niederländer” ist das nun einmal das naheliegendste Synonym) verdammt schade ist, weil er zuletzt sicherlich nicht auf einem schlechteren Weg war als zu Beginn der Saison. Der letzte Satz zu dieser Verletzung sei mit dem Hinweis verbunden, dass es in dieser Szene gegen Marseille übrigens Freistoß für die Franzosen gab.

Lucien Favre entscheidet sich für Igor de Camargo als de-Jong-Ersatz. Der Weg von der Tribüne auf den Platz ist in dieser Saison verdammt kurz. Für den gehirnerschütterten Tony Jantschke rückt Roel Brouwers in die Startelf und schiebt Martin Stranzl auf die rechte Seite der Viererkette. Ansonsten setzt der Trainer auf Nachhaltigkeit: Thorben Marx und Lukas Rupp machen ihr fünftes bzw. viertes Spiel in Folge von Anfang an. Patrick Herrmann darf als Neuneinhalber wieder in den Fußstapfen von Marco Reus versinken.

Nach dem 0:4 in Bremen haben viele geunkt, dass das Ergebnis doch ein erkennbarer Aufwärtstrend im Vergleich zum 0:5 in Dortmund gewesen sei. In Hannover beginnt die Borussia so, dass ein Hobby-Zyniker nach der Anfangsviertelstunde tatsächlich im schlimmsten Fall ein 0:3 fürchtet. 22 Heimspiele in Folge hat 96 in der Bundesliga nicht verloren. Und ohne die bis dahin letzte Pleite vor eigenem Publikum wäre Gladbach 2011 nur aufgrund der mehr geschossenen Tore in die Relegation gekommen. Ganz optimistisch ausgedrückt, war der Knaller von Reus vor eineinhalb Jahren also verzichtbar.

0:0 und nicht einmal glücklich
Mit der Verunsicherung der vergangenen Auswärtsklatschen in den Beinen erinnert der Auftritt des VfL eine halbe Stunde lang an die Jahre nach dem ersten Wiederaufstieg. Jede gelungene Kombination ist ein Hoffnungsschimmer, jede überstandene Druckphase ein Schritt zu einem erschluderten Auswärtspunkt. Da aber niemand ein Feuerwerk à la Borussia Barcelona erwartet hat, lässt es sich damit sehr gut leben. Nur einmal taucht 96 gefährlich vor dem Tor auf. Aber Marc-André ter Stegen packt gegen Mame Diouf eine Parade aus, von der Jörg Stiel damals lediglich träumen konnte.

Im Spiel nach vorne muss sich der VfL keineswegs für unverschämtes Glück schämen. Lars Stindl trifft Juan Arango so am Fuß, dass ein Elfmeter rein theoretisch fällig wäre. Rein praktisch kann Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer die Berührung aber allenfalls erahnen. Es ist keine Fehlentscheidung, um vor lauter Ungerechtigkeit eine ganze Woche nicht schlafen zu können. Kurz vor der Pause nähert sich der derzeit wohl spektakulärste Linksfuß der Liga dem Tor an. Mehr als eine Visitenkarte, falls Ron-Robert Zieler noch nie bei YouTube war, gibt Arango aber noch nicht ab.

An dieser Stelle wollte ich ursprünglich ein Loblied auf eine torlose erste Halbzeit singen, weil die Borussia in der vergangenen Saison nach einem 0:0 zur Pause vermeintlich so viele Punkte geholt hat. In 15 Bundesligaspielen passierte 45 Minuten lang nichts Nennenswertes, aber nur viermal hat Gladbach anschließend noch gewonnen und gleich sechs seiner acht Niederlagen kassiert. Die gute Nachricht: Von den vier Spielen in der laufenden Saison, bei denen es zur Pause 0:0 stand, ging wiederum keines verloren. Dagegen sollte man sich jetzt auch nicht wehren.

Hätte ich diese Statistik vorher gekannt, hätte ich exakt drei Minuten hoffen dürfen. Dann packt Hannover zum ersten Mal seine berüchtigte Zehn-Sekunden-Regel aus. Vorne verliert de Camargo den Ball. Den Gastgebern genügt ein Gut-Glück-Pass in die Spitze, Didier Ya Konan lässt mit der Brust abtropfen und schon ist Gladbachs Mittelfeld überbrückt. Vier Hannoveraner laufen auf vier Borussen zu. Keiner geht raus, weil Drei-gegen-Drei gefühlt noch gefährlicher ist. Jan Schlaudraff verlässt sich aus 22 Metern erst gar nicht auf Gefühle und zimmert den Ball gegen ter Stegens Hand, die das Ding in den Winkel lenkt.

Um Antwort wird gebeten
Gladbachs Keeper steht genau fünf Meter vor dem Tor, tendenziell einen Tick zu weit. Aber was, liebe Hobby-Torwarttrainer, wäre optimal? Vier, drei, zwei, ein Meter? Im Tor stehen und dem Ball mit Schwung entgegenfliegen? Ich finde es eher verblüffend, dass ter Stegen die Hand so schnell hochbekommt. Wenn er unterm Strich dennoch nicht gut aussieht, sind die Haltungsnoten jedoch so wertvoll wie eine bestandene Fahrradprüfung.

In der Folge ist das 0:0 zur Pause völlig wertlos, weil es der Borussia offenbar egal ist, wann sie nun nach dem ersten Gegentor einbricht. Einstudierte Freistoßvarianten sind nicht nur effektiv, sondern auch demütigend. Konstantin Rausch wird links freigespielt. Drei Mann wollen reparieren, was scheinbar gar nicht zu Bruch gehen konnte. Und schon hat Diouf den Platz, um mit der Wade das 2:0 zu erzielen. Ich frage meine Eltern, ob sie für den 25. November eine schriftliche Einladung haben wollen oder die mündliche in der 54. Minute genügt.

Diesmal aber ist das zweite Gegentor nicht der Aufruf zum völligen Auseinanderbrechen. Es gehört immer eine Mannschaft dazu, die den geschlagenen Gegner zurückkommen lässt. Aber der muss erst einmal in der Lage sein, diese Geschenke anzunehmen. De Camargo scheitert an Zieler wie Diouf in der ersten Halbzeit an ter Stegen. Müsste ich wetten, würde ich zu diesem Zeitpunkt davon ausgehen, dass viel zu spät der Anschlusstreffer fällt und der Ärger über Hannovers Doppelschlag am Ende riesengroß ist.

Katzen-Video-Fans aus Hannover
Fast eine Viertelstunde schaut sich Favre an, wie sich seine Mannschaft bemüht, irgendwie ins Spiel zurückzukommen. Dann bringt er Mike Hanke und Peniel Mlapa für de Camargo und Herrmann. Arango steht gerade bereit, um eine Ecke auszuführen. 15 Sekunden, nachdem er das getan hat, liegt Gladbach auf einmal nur noch 1:2 zurück.

Zunächst verdient sich die Ecke das Sportschau-Prädikat “brachte nichts ein”. Aber der Ball bleibt im Spiel. Havard Nordtveit bringt ihn eher ungefährlich zurück in den Strafraum, wo Hannovers Sakai genau vor die Füße von Arango klärt (wobei ja nur der linke Fuß wirklich relevant ist). Zweimal setzt der Ball noch auf. Arango könnte ihn fast signieren, da seine Gegenspieler bei YouTube offenbar nur Katzen-Videos gucken. Zieler denkt, er sei fein raus, weil er den Schuss lehrbuchmäßig zur Seite abwehrt. Doch da steht Alvaro Dominguez und staubt ab.

Mit 20 Minuten bleibt viel mehr Zeit als erwartet für den Ausgleich. Das verwirrt den VfL aber nur kurz. Hannover leistet sich so viele überflüssige Fouls, ich schäme mich beinahe fremd. Beim nächsten Arango-Freistoß steht Brouwers dann auch noch so frei, dass ein verblüffter Fehlschuss kein Wunder wäre. 77 Minuten sind rum, es steht 2:2 und ich entdecke die wunderbare Jubelschneise, die sich zwischen dem neuen Tisch und dem neuen Sofa auftut. Ein tolles Wohnzimmer!

YouTube weiß Bescheid
Falls ein Statistik-Student das hier liest und noch ein Thema für eine Hausarbeit sucht, hätte ich einen Vorschlag: Irgendjemand müsste mal untersuchen, ob sich seit dem 4:4 gegen Schweden verrückte Aufholjagden nicht unfassbar häufen. Bevor ich den Themenvorschlag ausformuliert habe, steht Arango jedoch schon wieder zum Freistoß bereit. Alter Schwede!

Hannover meint, es sei ausreichend, einen Ex-Gladbacher mit Pläte als Ein-Mann-Mauer hinzustellen. Arango meint, es sei ausreichend, den Ball einfach zum 3:2 in die kurze Ecke zu setzen. Recht hat am Ende wohl der, dessen Name bei YouTube inzwischen mit dem Suchvorschlag “Traumtor” verknüpft wird. Ich gehe mal nicht davon aus, dass da eine Unterlassungsklage droht.

Wie die Borussia das Ding über die Zeit schaukelt, ist fast schon beängstigend. Nach den Rückschlägen der vergangenen Wochen lässt man das gerne über sich ergehen. Als Kinhöfer abpfeift, reißen so viele Serien, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Fangen wir an bei der längsten: Zum ersten Mal seit 1994 hat die Borussia auswärts aus einem Zwei-Tore-Rückstand noch einen Sieg gemacht. Überhaupt ist ihr das in 45 Bundesligajahren erst zum sechsten Mal gelungen. Die Wahrscheinlichkeit, so etwas zu erleben, beträgt weniger als einen Prozent. Der Rekord für eine solche Aufholjagd lag bei 15 Minuten, der neue liegt bei neun.

Zwei Drittel Kopf, ein Drittel Arango
Nach 18 Monaten verliert Hannover 96 zudem wieder ein Heimspiel. Das wäre aus Borussensicht ja erst einmal uninteressant, wenn sich nicht ein Kreis schließen würde. Und zu guter Letzt ist nicht nur eine Serie gerissen, sondern ein regelrechter Fluch gebrochen. Ich habe meinen Frieden gemacht mit dem Wohnzimmer meiner Eltern – der erste Sieg seit fast vier Jahren. Es gibt Räume, die haben eben 22 Chancen verdient.

Noch drei Stunden vorher habe ich mit meinem Chef darüber philosophiert, dass es einen Punkt im Leben eines Fans geben muss, an dem man wahrscheinlich alles einmal erlebt hat – von einem 6:3 in Leverkusen über ein 3:3 in Bochum nach 3:0-Pausenführung bis zu einem 7:1 in Offenbach. Aber da draußen lauern noch so viele Überraschungen der Kategorie “in neun Minuten auswärts aus einem 0:2 ein 3:2 machen”, die man gar nicht für möglich hält.

Dieser Sieg in Hannover war zwei Drittel Kopf und ein Drittel Arango (dessen Kopf ist bei den zwei Dritteln natürlich mitgerechnet). Dass jetzt alles gut wird, will ich erst behaupten, wenn es so weit ist. Wir werden diesen Sport nie zu 100 Prozent verstehen und werden trotzdem nie aufhören, es zu versuchen. Football, bloody hell!

30. Oktober 2012 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , | 11 Kommentare

Kommentare (11)

  1. Ex-Gladbacher mit Pläte!!! LOL!!!!!

    Mal wieder ein wunderbarer Kommentar zum Leben eines Fußballfans, Rituale mal andersrum, Wohnzimmer, die sich rehabilitieren und der Meinungsaustausch Hannover 96 – Arango, bei dem Arango Recht behält.

    Mach auch aus dieser Saison BITTE wieder ein Buch!!!!!!!!

    Jedenfalls hast du mir wieder den Beginn des Tages ordentlich versüßt. Danke! Niemand, aber auch niemand, kommt an deinen Blog heran. Das muss hier nochmal gesagt werden.

  2. Hi Jannik,
    ich lese diese tolle Seite schon seit längerem, aber heute ein erster Kommentar: Du schreibst wirklich großartig! Weiter so! Besonders Klasse: “Hannover meint es sei ausreichend …, Arango meint es sei ausreichend …”, und ebenfalls toll: “Dass jetzt alles gut wird, will ich erst behaupten, wenn es so weit ist”. Dann hoffen wir mal, dass es dazu kommt! Vielen Dank, denn Dein Blog rundet den Spieltag richtig schön ab, und die sogar in diesem Jahr viel zu lange Zeit bis zum nächsten wird verkürzt!

  3. Wie immer toll geschrieben! :-)

  4. Sensationeller Artikel!!! Daaankeschön.

    “… Katzenvideos bei youtube …” Haha.

    Interessante Statistiken führst Du an. Aber die Trikotkombinationen haben wir lange nicht behandelt. Weiß-Weiß-Grün!!! Anybody?

    Ich schließe mit einem Albumtitel von The Beautiful South:

    Miaow !!!

  5. nach den letzten – etwas verklausulierten – Berichten, nun wieder ein erfrischend einfach gestrickter Bericht. Prima !!

  6. Pingback: Tausend Mal Scheiße für das pure Glück | "Reeses Sportkultur"

  7. Sind das in der Tabelle “Zwei hinten und trotzdem gewonnen? die Bundesliga-Rekordwerte? Weil ich mich erinnern kann, dass der BVB 2004 im Spiel gegen den HSV ebenfalls einen 0:2-Rückstand innerhalb von fünf oder sechs Minuten drehen konnte…

  8. Hi Christian, nein, das bezieht sich nur auf Gladbach (Und nur auf die Bundesliga, nehme ich an. Ich müßte EC und DFB-Pokal mal nachschauen. Spontan fällt mir nichts ein.).

    Beispiele, die ich auf die Schnelle finde:
    VfL Bochum – FC Bayern München am 18. September 1976:
    5-6 nach 4-0

    letzte Saison DFB-Pokal:
    Dynamo Dresden – Leverkusen 4-3 n.V. nach 0-3

    Gruß von der Elbe

  9. Hallo Christian,

    es waren damals sogar nur vier Minuten: http://www.weltfussball.de/spielbericht/bundesliga-2003-2004-borussia-dortmund-hamburger-sv/

    Aber in meiner Tabelle geht es nur um Gladbach und auch nur um Auswärtsspiele. Das hätte ich eigentlich noch hinzufügen müssen.

    Viele Grüße

    Jannik

  10. Ach so, um den Zeitfaktor ging es auch noch. Den hatte ich jetzt mal völlig ausgeblendet. :)

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