Ein bisschen legendär

Saison 2012/2013: 18. Spieltag – Hoffenheim 0:0 Gladbach

Auch ohne auf einer echten Erfolgswelle zu schwimmen, fehlt von echten Aufregern am Niederrhein derzeit jede Spur. Wo diese Saison hin will, hat sich nicht in Hoffenheim entschieden und wird sich auch nicht gegen Düsseldorf entscheiden. Da würdigt man doch eine Legende, die alle lieben, ohne sie zu lieben.

Borussia Mönchengladbachs prominenteste Neuzugänge sind eine nackte Frau und ein nackter Mann, die Rücken an Rücken auf dem Boden sitzen. Sie telefoniert, er friert. Vielleicht sind die beiden auch gar nicht nackt, sondern tragen Trikots des Herstellers, dessen Logo sie zieren. Kappa hat die ultra-körperbetonten Dinger Anfang des Jahrtausends quasi mit erfunden. Vielleicht gibt es die Trikots ab Sommer 2013, wenn die Borussia erstmals darin aufläuft, ja auch in der extended Bierwampen-Edition.

Aber was soll ich großartig meckern? Mein erstes Gladbach-Trikot war von Asics, dann kam Reebok, um 2003 von Lotto abgelöst zu werden. Was den Ausrüster angeht, ist die Zeit seit dem Pokalsieg 1995 ähnlich verlaufen wie auf dem Platz – wenige Aufs, viele Abs. Immerhin haben es die mit den beiden Nackten mal geschafft, drei Bundesligabrüste gleichzeitig zu zieren. Werder Bremen (2004) und Borussia Dortmund (2011, 2012) sind in Kappa-Trikots sogar Meister geworden. Okay, und Kaiserslautern ist abgestiegen.

Überhaupt ist es in der Bundesliga in dieser Hinsicht eintönig geworden. Oligopol nennt es der Wirtschaftswissenschaftler, wenn wenige Wettbewerber den Markt unter sich aufteilen. Adidas liegt mit sechs Vereinen aktuell vorne, es folgen Puma und Jako (sic!) mit je vier. Nike rüstet nur noch drei Klubs aus, davon mit Mainz und Freiburg sicherlich keine Premiumpartner von eminenter Bedeutung für den Weltmarkt. Mit Lotto ist Gladbach regelrecht alternativ unterwegs und wird es auch mit Kappa in Zukunft sein. Wobei drei Millionen Euro pro Jahr nicht gerade Indie-Style sind. Aber auch hier gilt: Wer wird sich ernsthaft beschweren?

Zwei Schultern, viele wichtige Tore

Beinahe unbemerkt hat die Rückrunde begonnen – mit einem 0:0 in Hoffenheim, das sich jeder drehen und wenden kann, wie er will. Kurz davor gab es die Nachricht, dass Igor de Camargo den Verein verlassen darf, wenn er will und vor allem einen neuen findet. All das geschah vor dem Hintergrund, dass jeder weiß: Kaum jemand hat den Belgier in zweieinhalb Jahren je richtig lieb gewonnen. Doch de Camargo hat Geschichte geschrieben in einer Zeit, die auch dann geschichtsträchtig gewesen wäre, wenn seine überraschend zahlreichen Heldentaten auf mehrere Schultern verteilt worden wären.

November 2010: De Camargo schießt seine ersten beiden Bundesligatore in den furiosen Spielen gegen den FC Bayern (3:3) und den 1. FC Köln (4:0), bevor die Borussia bis Weihnachten sechs Pflichtspiele in Folge verliert.

Januar 2011: De Camargo trifft zum entscheidenden 1:0 bei Eintracht Frankfurt, ohne das – mal angenommen, es wäre schlichtweg beim 0:0 geblieben – der VfL vermutlich noch heute in der 2. Liga spielen würde. Offenbar hat man sich auch in Frankfurt daran erinnert und will ihm jetzt ein neues Zuhause geben.

Februar 2011: Ja, ich weiß – was jetzt kommt, ist in etwa so umstritten wie die Evolutionstheorie an manch einer amerikanischen High School. Achtung, es folgt ein kleines Konjunktiv-Massaker: Wäre de Camargo gegen den FC St. Pauli nicht so ungestüm auf Matthias Lehmann zugestürmt, wäre der nicht zu Boden gegangen und hätte eine unberechtigte Rote Karte provoziert, dann hätte die Borussia vielleicht nicht am Millerntor verloren, Michael Frontzeck wäre noch eine Weile Trainer geblieben, Lucien Favre wäre nicht gekommen und der Verein würde selbst mit de Camargos Siegtor in Frankfurt noch im Unterhaus spielen. Ich glaub’ dran, traut euch auch!

Mai 2011: De Camargo macht ein geflügeltes Wort namens “Colautti-Tor” vergessen, dreht den Borussia-Park mit dem unkonventionellsten Abstauber seit Jahren auf links (wer dabei war, wird dies nicht als Metapher betrachten) und sorgt in der 93. Minute des Relegations-Hinspiels gegen den VfL Bochum für den Siegtreffer. Im Rückspiel wird er wieder eingewechselt und bereitet das entscheidende Tor durch Marco Reus auf eine Art und Weise vor, die man als ersten Zeugungsversuch von “Borussia Barcelona” bezeichnen kann.

August 2011: De Camargo lässt in München gleich zwei Nationalspieler so schlecht aussehen, dass der Rekordmeister anschließend vor lauter Wut 1147 Minuten lang kein Tor mehr kassiert. Nebenbei sorgt der Treffer am ersten Spieltag für den ersten Gladbacher Sieg bei den Bayern seit 1995, den erst zweiten in der Bundesliga-Historie – und die Borussia ist ja jetzt nicht der SSV Ulm.

September 2011: De Camargo erzielt mal wieder ein 1:0-Siegtor. Diesmal hat es nur zur Folge, dass der Hamburger SV seinen Trainer Michael Oenning entlässt. Langweilig.

Februar 2012: Fußball ist dieser merkwürdige Sport, in den man einen Assist dafür erhält, wenn man im Strafraum eine Kopfnuss des Gegners vortäuscht. In Berlin bei der Hertha meinen sie sicherlich immer noch, dass sie abgestiegen sind, weil de Camargo sich im Viertelfinale des DFB-Pokals (!) nicht als astreiner Sportsmann gezeigt hat. Die Sache kocht so hoch, dass der Borussia-Park das Schauspiel-Schaf eine Woche später solidarisch in Schutz nimmt. Er gehört doch zur Familie.

März 2012: Man kann in einer WG-Küche verdammt viel anstellen. Lucien Favre jedoch würde sich vermutlich in 99 Prozent aller Fälle für einen ruhigen Gesprächsabend bei einer Flasche Rotwein entscheiden. Wäre die BayArena in Leverkusen eine WG-Küche, dann hat die Fußball-Bundesliga den VfL-Trainer mindestens einmal betrunken zu “Never Forget” auf dem Tisch tanzen sehen. Es war die 89. Minute, als de Camargo – mal wieder eingewechselt – alleine aufs Tor zulief und die Borussia zum Auswärtssieg schoss. Völlig enthemmt sprintete Favre in Richtung Eckfahne. Und am nächsten Morgen roch es zwischen leeren Bierflaschen und der zerbrochenen “Bravo Hits 11″ schwer nach Europapokal.

November 2012: Niemand weiß, ob die Borussia auch ohne einen Sieg gegen Limassol in der Europa League überwintert hätte. Aber de Camargo hat sich in zweieinhalb Jahren Mönchengladbach dadurch ausgezeichnet, dass er lieber auf Nummer sicher geht. Schließlich hätte sich der VfL rein rechnerisch ja auch ohne sein Last-Minute-Tor in der Relegation gegen Bochum durchgesetzt. Also beendete er das Gegurke gegen die Zyprer. Neu war nur, dass er sich gleich zweimal nicht bitten ließ.

Sollte der Deal mit Frankfurt doch noch platzen, wäre dieser Abgesang zwar umsonst geschrieben. Selbst dann hätte es der ewig Ungeliebte aber verdient, dass jeder Fan diese Meilensteine runterbeten kann wie die Hauptstädte der Bundesländer. Man muss ja auch nicht immer lieben, um zu lieben. Irgendwie passt es zu dieser Zeit ohne echte Aufreger, dass da einer mit diesen Verdiensten quasi vom Hof gejagt wird, jedoch auf geradezu elegante Weise, so dass es wahrscheinlich nicht einmal dem Spieler selbst sauer aufstößt.

Besser als “Herumdümpeln”

Wenn die Geschichten nicht auf dem Platz erzählt werden, hilft häufig ein Köpper ins Schwimmbecken der Statistiken. Irgendwo kurz vor Mittelmaß befindet sich die Borussia. “Herumdümpeln” wäre nicht nur vor dem Hintergrund der vergangenen zwei Jahre viel zu negativ. Jedenfalls sieht es derzeit folgendermaßen aus: die meisten Unentschieden, aber nur die Bayern und Dortmund haben seltener verloren, neuntbeste Abwehr, achtbester Angriff, siebtbestes Auswärtsteam, neuntbestes Heimteam. Das ist in allen Belangen so solide, dass man sich immer wieder zwingen muss, es ausreichend zu würdigen.

Wo soll es noch hingehen in dieser Saison? Es sagt einiges über den Stellenwert dieser Spielzeit aus, dass die Antworten meistens Städte sind, einige davon außerhalb Deutschlands. Seit dem 0:4 in Bremen Ende Oktober hat die Borussia keine Rückschritte mehr gemacht. Klammert man sich an die FIFA-Regel, dass Niederlagen in der Verlängerung keine sind, hat Gladbach von 15 Spielen nur noch ein einziges verloren – durch das “Eigentor des Jahres” von Roel Brouwers gegen Stuttgart.

Und irgendwie ist da bei mir ein unerschütterlicher Glaube, dass es mindestens so weitergeht. Was ist das für eine großartige Saison, in der es keine echten Ziele gibt, sondern nur noch Träume? An ein 0:0 in Hoffenheim werden sich in ein paar Jahren nur noch die erinnern, die dabei waren oder sich sowieso an jedes Ergebnis erinnern. Ich schaue mir bis zum Spiel gegen Düsseldorf lieber ein paar De-Camargo-Tore an und fange an, fürs Kappa-Trikot zu fasten.

24. Januar 2013 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , | 12 Kommentare

Kommentare (12)

  1. Hallo Jannik,

    schön, dass es mal wieder was von Dir zu lesen gibt. Und an die mögliche Folge der Nichtkopfnuss gegen St. Pauli habe ich noch gar nicht gedacht. Traue mich, daran zu glauben.

    Gruß,
    Ian

  2. Ja Servus aus Bayern, Jannik!

    Schön, dass Du wieder aktiv bist!
    Danke auch für die Würdigung von IdC – er hat das echt verdient! Und wenn er tatsächlich nach Frankfurt wechselt, dann hoffen wir, dass er nicht gegen uns trifft….

    Gruß

    Manfred

  3. Klasse Artikel Jannick!

    Besser als “Herumdümpeln”
    Hast Du auch gesehen, dass seit dem Wendt in der Abwehr spielt, wir nur ein Spiel verloren haben…gegen Stuttgart!

    Gruss
    Reini

  4. Sehr schöner Artikel, Jannik. In diese Richtung habe ich auch gedacht. Igor war so oft der Mann der “wichtigen Tore”, aber leider gab es dann auch immer wieder viel Schatten. Trotzdem… diese Würdigung ist völlig verdient! Danke, Igor! Und Favre betrunken auf einem Tisch tanzen sehen – kann ich mir irgendwie gar nicht vorstellen – aber lustig ists alle Mal. Ich freue mich jedenfalls sehr, dass es weitergeht mit den Artikeln. Und, ach ja, ich war in Hoffenheim dabei. Außer dass es kalt war, werde ich mir wohl auch nicht viel mehr merken. Das Essen hinterher beim Griechen war viel besser als das Spiel. Fazit: “Hauptsache, nicht verloren”… Nun müssen unsere Jungs es gegen Düsseldorf etwas besser machen – schließlich will ich da auch hinfahren.

  5. Kappa – meiner Meinung nach kann es nur besser werden…Wenn man sich die Trikotvorschläge angeschaut hat, die nach dem Veröffentlichen unseres bescheidenen Euro-Trikots im Netz zu sehen waren – so hoffe ich, dass sich die Kappa Leute diese angeschaut haben….waren klasse Teile dabei… Igor werde ich wahrscheinlich nie so richtig vermissen, doch war er immer präsent – deshalb Danke für die Würdigung !………und Welcome back an Dich !!

  6. Da bist Du ja endlich wieder. Möge das Jahr 2013 beginnen!

    “… erster Zeugungsversuch von ‘Borussia Barcelona’ …” :)

    Aber hilf mir mal, ich stehe auf dem Schlauch: “Never forget”!? Take That? :o

  7. Ich finde es ja sehr amüsant wieviele unserer Stürmer in Frankfurt landen, schließlich wäre Igor nach Karim, Rob und Mo schon Stürmer Nr.4 den wir nicht mehr gebrauchen konnten und in Frankfurt unterkommt.

  8. Frohes Neues Jahr Jannik,

    :D

    nur noch 11 Punkte bis zum theoretischen Klassenerhalt. Dann kommt die Kür.

    Ich stimme zu. IdC hat wichtige Tore gemacht, aber er ist auch des öfteren unsportlich aufgefallen (Stichwort: Berlin).

    Der Neue “de” LdJ hat schon mal bewiesen das er auch wie IdC ein ganzes Spiel untertauchen kann. Vielleicht kann er ja auch die wichtigen Tore. Dann hätte man zwar viel Geld ausgegeben, aber immerhin einen jüngeren Spieler.

    P.S. Ich fand die letzten 30 Minuten gegen die Fortuna sehr, sehr sicher. Das hat schon fast Spaß gemacht zuzuschauen.

  9. Ach herrlich, dass du wieder da bist. Und ich bin der Meinung, dass wir schon wesentlich schlechtere Jahre als dieses hatten. Wann konnte man sich denn schon zu Beginn der Rückrunde relativ sicher sein nicht abzusteigen ( Ausnahme letztes Jahr ). Also bitte, bitte weiter machen, ich freue mich auf die Artikel von dir.
    Gruß von einem Borussen-Fan aus Zeitz in Sachsen-Anhalt.

  10. Ach einfach herrlich =D

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