Herlig!

Saison 2012/2013: 24. Spieltag – Frankfurt 0:1 Gladbach

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Wer ab und an bei RP ONLINE liest, hat es vielleicht schon mitbekommen: Seit dem 1. März schreibe ich dort regelmäßig über die Borussia. Das passiert alles in bewährter Art und Weise wie hier auf dem Blog. In Kürze werden meine Artikel dort auf einer eigenen Seite gesammelt, einen Namen bekommt die Rubrik auch noch.

Für mich ist das eine großartige Sache, weil ich mit der Arbeit, die ich als 18-Jähriger hobbymäßig begonnen habe, inzwischen meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Vor fünf Jahren hätte ich das nie für möglich gehalten. Dafür gilt es euch Lesern ganz besonders zu danken, ohne die eine Seite wie diese natürlich nicht funktionieren würde!

Für “Entscheidend is auf’m Platz” bedeutet meine neue Tätigkeit dennoch, dass es so weiter geht wie bisher. Wobei: Eher nicht so wie in den vergangenen Monaten, als diese Seite ziemlich eingeschlafen ist. Damit soll jetzt Schluss sein, ein für allemal. Während hier die aktuellen Spiele aufgearbeitet werden, schreibe ich parallel an all den Texten, die bislang noch nicht erschienen sind (ambitioniert, aber das schaff’ ich schon). Schließlich habe ich mir vorgenommen, im Sommer aus “So weit die Raute trägt” und “Gegen Gladbach kann man mal verlier’n” eine Trilogie zu machen. Aus dem Keller in die Relegation in den Europapokal – wieder in den Europapokal?

Also hoffe ich, euch weiterhin zahlreich bei “Entscheidend is auf’m Platz” und in Zukunft auch bei RP ONLINE begrüßen zu können.

 

Euer Jannik

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Eintracht Frankfurt soll ja die Borussia der Saison 2012/2013 sein: Jung, frisch, überraschend erfolgreich. Nachdem der große Zauber in Gladbach ab dem Ende des Winters 2011/2012 etwas verflog, beginnt nun auch der Aufsteiger aus Hessen zu straucheln. Beim VfL beschwert sich darüber jedoch niemand. Und so ist Frankfurt rein auswärtssieg-technisch inzwischen das neue Köln.

Es wird im Fußball so manche Unwahrheit verbreitet. Zum Beispiel ist das mit den Auswärtstoren im Europapokal, die doppelt zählen, natürlich Schwachsinn. Für ein weiteres vermeintliches Hirngespinst muss ich an dieser Stelle aber mal eine Lanze brechen: das Sechs-Punkte-Spiel. Tatsächlich geht es für die Borussia bei Eintracht Frankfurt um die doppelte Ausbeute, alles hat eben seine Relation (nicht “Relegation”, wohlgemerkt!). Bei einem Sieg sind es nur noch vier Punkte auf Platz vier. Bei einer Niederlage sind es zehn. Und da zwischen “Voll drin im Geschäft” und “Quasi raus aus dem Rennen” alles drin ist, geht das mit dem Sechs-Punkte-Spiel schon in Ordnung.

Das letzte Saisondrittel bricht an. Dieses Jahr ist es aufgrund der Europa-Tour sogar nur ein Viertel. 35 ihrer 46 Pflichtspiele hat die Borussia bereits hinter sich. Da könnte man meinen, für die Mannschaft von Lucien Favre sei jedes der verbleibenden elf Spiele weniger anstrengend als für die meisten Gegner. Und wenn nicht, kann man ja trotzdem an die Theorie glauben. Erinnert an Ruhrpott-Legende Horst Szymaniak, der in Verhandlungen einst “mindestens ein Viertel” mehr Gehalt gefordert haben soll, nachdem ihm nur ein läppisches Drittel angeboten worden war.

Ohne Arango
Vor dem Spiel steht Arie van Lent bei Sky, Ex-Borusse und Ex-Frankfurter in Personalunion. Wobei seine Zeit bei der Eintracht in eine der hinteren Ecken meines Gedächtnisses gerutscht ist. Noch eher ist der letzte Torschütze auf dem Bökelberg für mich Bremer oder Fürther. Während mein Blick an van Lents kahlem Schädel hängen bleibt, schreit es in meinem Kopf geradezu nach Hereingaben für Luuk de Jong. Flanken auf sein Haupt!

Einer, der das als bislang einziger Borusse erfolgreich praktiziert hat, muss gegen Frankfurt kurzfristig passen. Das einzig Positive am erneuten Ausfall von Juan Arango: Sollte es gegen die Eintracht einen Sieg geben, stellt sich die Frage, wie gut es denn nach der Rückkehr des Venezolaners noch werden soll. So aber bleibt offen, ob Lucien Favre sich auch mit Arango für de Jong, Patrick Herrmann und Amin Younes in der Offensive entschieden hätte.

Mut war jedenfalls immer ein guter Begleiter in dieser Saison. Andere Mannschaften können nur kämpfen oder spielerisch überzeugen. Bei Gladbach kam mit dem Einsatz auch immer die fußballerische Klasse ins Spiel – als müsste sich ein Maler immer erst zwei Stunden wie ein Navy Seal durch den Matsch kämpfen, um zu seiner Staffelei zu gelangen.
Die Eintracht hat drei Spiele in Folge nicht gewonnen, wartet seit 324 Minuten auf einen Treffer und Top-Torjäger Alexander Meier hat sogar seit 462 Minuten keinen zählbaren Arbeitsnachweis mehr erbracht. Wäre ich ein Wettunternehmen, würde ich die Quote für einen Frankfurter 1:0-Sieg durch ein Tor von Meier ganz schnell auf 1,01 heruntersetzen. Sonst könnte es teuer werden.

Das Ende der Auswärtsdeppen
Gladbach beginnt tatsächlich mutiger als gegen Dortmund, Rom oder Leverkusen. Lucien Favre hat dieser Mannschaft das Auswärtsdeppen-Dasein in seiner zweijährigen Amtszeit erfolgreich ausgepeitscht oder vielmehr aus den Köpfen philosophiert. Das muss man sich mal vorstellen: In achteinhalb Spielzeiten im 21. Jahrhundert durften sich Borussias Fans in der Bundesliga gerade einmal über 18 Auswärtssiege in 147 Versuchen freuen. (In diese Klammer schreibe ich lediglich einen Füllsatz, damit jeder ein paar Sekunden hat, um all die Zahlen zu ordnen.) Es gab keine Gelegenheiten, die Bilanz in Europa zu verbessern. Und bis auf die Erfolge in den Erstrundenspielen gewann der VfL selbst im DFB-Pokal kein einziges Auswärtsspiel.

Nach einer Anfangsphase ohne große Möglichkeiten auf beiden Seiten offenbart sich ein weiterer bemerkenswerter Wandel – gegen den sich Favre vergangene Spielzeit noch vehement gewehrt hat. Gladbach schießt inzwischen die zweitmeisten Tore nach Standards. Da die Borussia in Frankfurt nicht auf “venezolanische Elfmeter”, besser bekannt als “direkte Freistöße”, zurückgreifen kann, muss es eben mal wieder eine Ecke richten. Herrmann hat sich zuvor auf rechts stark durchgesetzt und Younes in der Mitte gesucht. Beinahe wäre dem 19-Jährigen im zweiten Spiel von Beginn an sein zweiter Treffer gelungen, aber Sebastian Jung rettete auf der Linie zur Ecke.

Und die sind mittlerweile so etwas wie “norwegische Elfmeter”. Havard Nordtveit bringt den Eckball wie gewohnt von rechts rein. Der 22-Jährige hat sich eben seine Nische gesucht, nachdem gegen Arangos Freistoßmonopol nichts auszurichten war. Am ersten Pfosten verlängert Thorben Marx auf Luuk de Jong, der wunderbar einläuft und den Ball unhaltbar ins Tor köpft.

Ich muss zugegeben: Ich bin trotzdem eher ein Fan von Spielzügen wie aus dem Museum. Mike Hankes 2:0 damals gegen Schalke will ich irgendwann immer noch eine eigene Ausstellung widmen. Aber diese Schönheit der Einfachheit ist auch faszinierend. Nach 22 Minuten führt Gladbach 1:0. Bis auf das Heimspiel gegen Stuttgart reichte das bislang immer zu mindestens einem Punkt (in der Bundesliga, wohlgemerkt – diese Differenzierungen sind schon anstrengend diese Saison).

Der Schotten-Hype
Im Gästeblock jubelt ein Mann, der sich nach dem Aus in der Europa League als “Borusse der Woche” fühlen durfte. Am Sonntag nach dem Spiel gegen Dortmund sind bei YouTube endlich zwei Videos vom “Traumtor an der Spanischen Treppe” aufgetaucht. Markus Schotten heißt der Mann, der sich kurz vor dem Aufbruch in Richtung Stadion den gelben Postbank-Ball schnappte und die riesige Reisegruppe so überheblich anheizte, dass von Stufe eins bis Stufe 89 auf der Spanischen Treppe wohl jeder dachte: ‘Was ein Vogel! Das gibt eh nichts!’

Aber dann zog der Erkelenzer ab, der Ball verschwand durch in geöffnetes Fenster in der dritten Etage eines Hotels – und eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Roms “döpte” vor sich hin. Zum Glück sind die Übernachtungen mit 100 Euro aufwärts dort bezahlbar. Das lässt darauf schließen, dass der Mann seine Haftpflichtversicherung nicht überstrapazieren muss – falls beim Schuss seines Lebens doch etwas zu Bruch gegangen ist. Es ist wie ein Chuck-Norris-Witz: Markus Schotten schießt sogar Auswärtstore in Rom.

Wenn man so will, ist dieser Hype mit dem 1:0 jedoch zu Ende gegangen. Es zählt wieder das Hier und Jetzt rund um den VfL, der ja nicht weniger als die zweite einstellige Platzierung hintereinander anstrebt. Nicht zu vergessen: Zwischen dem vereinseigenen Streben und dem wahrhaftigen Rahmen der Möglichkeiten ist sogar noch Luft.

Wie die Ringer
Apropos Hypes, die zu Ende gehen. Mike Hanke war “Borusse der Woche”, was die negativen News anging. Unterm Strich hat er das jedoch am allermeisten selbst so empfunden. Kaum jemand wird es als “unumgänglich” bezeichnen, Hankes auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. “Menschlich schade, sportlich vertretbar” war dennoch eine mehrheitsfähige Meinung. Einige Pfeilspitzen in Richtung Eberl, Favre und Co. haben mich an das Olympia-Aus für die Ringer erinnert: Noch wenige Tage zuvor hatten Zehntausende über Hankes Leistung gegen Dortmund geflucht. Nachdem sein Abschied auf Zeit eingeläutet wurde, liegt die Betonung plötzlich wieder auf “Ex-Nationalspieler”.

Als es in der zweiten Halbzeit noch immer 1:0 für Gladbach steht, die Eintracht aber mehr und mehr drückt, kommt Hanke für de Jong. Der Siegtorschütze in spe hat sein bestes Spiel gemacht. Einer seiner Vorgänger soll 13 Minuten lang mithelfen, den Gegner von Marc-André ter Stegens Tor fernzuhalten. Anfangs habe ich geschrieben, dass mit dem Einsatz bei der Borussia die spielerische Klasse kommt. Der nächste Effekt in dieser Erfolgskette ist anscheinend das Glück. Einmal vergisst Frankfurts Inui bei einer riskanten Grätsche an der Grundlinie, das Elfmeter-Geschenk anzunehmen. Stefan Aigner köpft einen Ball knapp drüber, den er in den Top-Wochen des Aufsteigers noch in zwei Metern Höhe mit der Hacke verarbeitet hätte.

Kurz vor dem Ende muss Armin Veh, der Gladbach-Fan in der Frankfurter Coaching-Zone,  auf die Tribüne. Er hatte sich über ein Foul an Nordtveit, für das Sebastian Rode Gelb sah, so sehr echauffiert, wie das ein echter Borusse nie tun würde. Schließlich gibt es immer noch einen Unterschied zwischen “Ball gespielt” und “Ball berührt”.

Überraschungsteam-Nachfolger mit Defiziten
Hinterher geht der Ärger weiter. Vor dem Pass, der Herrmann vor der Chance von Younes, die die Ecke brachte, die zum Siegtor führte, auf die Reise schickte, soll es ein Foul im Mittelfeld gegeben haben. Die gesundheitsgefährdende Verschachtelung dieses Satzes spricht wohl Bände.

Am Ende steht die zweite Heimpleite für Frankfurt, den Überraschungsteam-Nachfolger des VfL in dieser Saison. Wobei der Vergleich so nur akzeptabel ist, wenn man der Eintracht einen Aufsteiger-Bonus zugesteht. Nach 24 Spieltagen hatte die Borussia vergangene Saison 47 Punkte auf dem Konto, neun Punkte mehr als Frankfurt dieses Jahr, und damals nur einen weniger als der FC Bayern. Im März 2012 hatte ich ja schon meine zweite Unterrichtsstunde hinter mir, um die Champions-League-Hymne spielen zu können.

Jetzt hat Gladbach in sieben Rückrundenspielen genauso viele Zähler geholt wie in der Hinserie. Schon gegen Bremen, den Lieblingsgegner im Borussia-Park, kann die Bilanz des ersten Halbjahres deutlich überholt werden. “Herlig!”, freut sich Nordtveit, @Northboss16, bei Twitter über den dritten Sieg in Frankfurt hintereinander. Zehn Spiele noch, sechs Siege könnten schon reichen für Platz sechs. Und nachdem Freiburg vielleicht im Pokalfinale gegen die Bayern spielt, kommt der Siebte unter Umständen erneut in den Europacup. Aber wir machen das wie in besten Wunderzeiten: Immer schön von Spiel zu Spiel denken.

07. März 2013 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , | 11 Kommentare

Kommentare (11)

  1. absolut herlig! ab sofort werde ich stammgast bei rp-online. und in dem zusammenhang herzlichen glückwunsch an dich.

  2. Eine Trilogie??? Wäre echt super. Die anderen Bücher habe ich schon des öfteren zu Geburtstagen verschankt! Bitte weitermachen und deinen Lebensunterhalt damit verdienen.

  3. DANKE! Schön, dass Du wieder regelmäßig schreiben willst, habe Deine Spielberichte schon sehr vermisst!
    Gestern habe ich zufällig Deinen “Auswärtsdeppen” Artikel bei rp-online entdeckt und mich gefreut, überhaupt etwas von Dir zu lesen. Mein zweiter Gedanke war: Hoffentlich bleibt auch etwas Kohle für Dich hängen. Aber in Deinem Vorwort hast Du ja schon alle Zweifel beseitigt ;-)
    Also, freue mich auf MEHR von Dir!!!
    ElkeHB

  4. Herlig! Du bist wieder da!! Soooo oft habe ich auf die Seite geklickt und…. *seufz*… nichts! Aber jetzt! Hurra. Und obwohl ich regelmäßig RP Online anklicke, hauptsächlich natürlich wegen Borussia, schon klar… habe ich dich noch nicht entdeckt. Werde dies zeitnah nachholen! Und eine Trilogie – witzig – ich hatte vor ein paar Tagen gerade gedacht: Oh weh, das wird nichts mit einem 3. Band zu Ehren der Europa League. Muss wohl geholfen haben, dass du das jetzt schreibst, haha. Ich freu mich drauf. Und nun: Ab zur RP!! Beste Grüße, Fohlenfreundin

  5. Hi Jannik, war vorgestern über einen Artikel bei der RP gestolpert (ohne auf den Autoren zu schauen) und dachte beim Lesen des selbigen plötzlich: Moment mal, den Schreibstil kennst du doch. :)

    Freue mich sehr für Dich …

    Und ich freue mich natürlich auf viele weitere Artikel von Dir. Und auf ein drittes Buch!!!

    Viele Grüße von der Elbe.

    PS: Insgesamt bin ich bei den 5 Auswärtsfahrten knapp unter Deinen Kosten geblieben. Habe dafür aber weitaus mehr Zeit in den Transportmitteln verbringen “müssen”. :)

  6. Super Jannik,

    es wäre toll, in Zukunft noch mehr von Dir lesen zu können.

    Liebe Grüße von der Schwäbischen Alb

  7. Hallo Jannik,
    hab gerade “So weit die Raute trägt” durch und lese Deine Artikel in der RP. Hier werde ich nun wohl auch öfter mal vorbeischauen. Ich wünsche Dir für Deine Zukunft als “Schreiberling” viel Erfolg!!
    Da ich auch in Frankfurt war, schicke ich Dir als Gruß ein Video vom Abspann: Danke, Mike Hanke!
    http://www.youtube.com/watch?v=NXmf5F82Chs
    Ich hoffe unsere Borussia holt mal wieder einen Titel, wobei ich persönlich auch mit einem Live 5:1 gegen Real Madrid dienen kann :-)
    Herzliche Grüsse aus Grevenbroich, Niederrhein
    Stefan

  8. PS Ich hoffe nur, du liest nicht die Kommentare von diversen Leuten, die unten drunter stehen. Das sollte man sich bei der RP (leider) zumeist ersparen…

  9. Hallo Jannik,

    schön, dass Du hier wieder schreibst Die rp-online Artikel habe ich ebenfalls mit Begeisterung gelesen. Deinen typischen Schreibstil konnte ich schon nach zwei Sätzen identifizieren und ein kurzer Blick auf den Autor bestätigte meine Vermutung.
    Toll, dass Du ein drittes Buch planst. Schaffst Du es eigentlich noch hin und wieder unsere Borussia live spielen zu sehen.?

    Liebe Grüße aus Viersen (oder aus Block 19)

  10. Das ist natürlich ein echtes Ding. Schön auch, dass die RP sich Qualität leisten will. Eine echte Win-Win, und ich wünsche noch weiterhin schönes Freuen über diesen Umstand. Einer von “uns Bloggern” …

  11. Danke euch für die lieben Kommentare!

    Und keine Sorge, zu Hause bin ich immer da – und auswärts bis Saisonende auch. Die ganzen Europapokal-Touren arbeite ich momentan schriftlich auf. Also, gibt einiges zu tun!;)

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