Ausgebügelt

Saison 2012/2013: 26. Spieltag – Gladbach 1:0 Hannover

Was für ein Spieltag! Zu gut, um wahr zu sein! Aber der Haken an der Sache will einfach nicht auftauchen. Die Borussia ist in dieser Saison ein echtes Sonntagskind – und hat einen großen Schritt gemacht, um es nächste Saison zu bleiben.

Konfirmationen, Handballspiele, Uni-Seminare – mehr Anlässe fallen mir nicht ein, zu denen ich in den vergangenen 15 Jahren die Bundesliga am Samstag verpasst hätte. Immer blieb ich zähneknirschend vom Fernseher oder aus dem Stadion weg. Denn der Samstag ist heilig, da gibt es gar nichts zu überhöhen, es ist einfach so. Zufall kann es demnach nicht sein, dass ich einen Job habe, in dem sich samstags ab 15:30 Uhr alles darum dreht, Sky zu gucken.

Da ich weiß, dass sie da oben selbst über diese Randnotiz schmunzeln wird, kann ich auch erzählen, dass meine Oma vor fünf Jahren an einem Freitag in der Länderspielpause starb. Mit Sicherheit wären wir nicht ins Stadion gegangen an jenem Wochenende. Aber die Frage stellte sich gar nicht, weil Deutschland in Liechtenstein spielte.

“Tor in Irgendwo!”
Diese Saison ist alles anders, weil die Borussia nicht mehr mit ganz so großer Vehemenz das Samstagsprogramm diktiert. Nur jedes zweite Spiel fand bisher am traditionellen Fußballtag statt. Doch das hat keineswegs zur Folge, dass ich mir einen Hund zugelegt habe, neuerdings einen Kaffee in der Stadt trinken gehe oder Rennrad fahre, wenn es “Tor in Irgendwo!” heißt. Stattdessen bekomme ich von den anderen 17 Mannschaften so viel mit wie seit Zweitliga-Zeiten nicht mehr. Trotzdem wäre es früher wohl nie vorgekommen, dass ich samstagnachmittags am Bügelbrett stehe (gut, früher wäre es nie vorgekommen, dass ich überhaupt am Bügelbrett stehe). Europapokal, was hast du nur mit mir gemacht?

Doch die Hemden und Hosen ziehen sich diesmal. Vier der sechs Gladbacher Konkurrenten sind in vier verschiedenen Spielen im Einsatz. Als der FC Augsburg beim Hamburger SV in Führung geht, ist mein Mitbewohner Sebastian aus dem Schwabenland nicht so begeistert, weil seine Stuttgarter momentan ganz andere Sorgen haben. Nachdem ich ihn davon überzeugt habe, dass der VfB dann eben am Sonntag in Frankfurt gewinnt, ist er auf meiner Seite.

Nicht einmal zwei Kilometer Luftlinie von unserer WG schießt dann der SC Freiburg das 1:0 in Dortmund. Das kommt weder bei Schwaben noch bei Borussen mit Europacup-Hoffnungen gut an. Als der BVB die Partie zur Pause aber gedreht hat, Schalke in Nürnberg zurückliegt und Mainz sich in Hoffenheim schwer tut, ist ein nahezu perfekter Samstag auf dem Weg.

Versaute Freiburger
Fast schon surreal gut gestaltet sich die Lage nach 90 Minuten. Ich habe nicht nur dieses elendige braune Hemd gebändigt, sondern bis auf Mainz hat kein einziger Konkurrent einen Punkt geholt. Freiburgs Torverhältnis trägt nach der erneuten Fünf-Tore-Klatsche nunmehr Züge von “Shades of Grey” – völlig versaut. Und sogar Schalke bewegt sich nach dem unerwarteten 0:3 wieder in neutralen Sphären. Im Vorhinein hätte sich wahrscheinlich niemand getraut, solch unverschämte Forderungen an den Spieltag zu stellen. Um 20:20 Uhr hat mich der Samstag so losgelöst von der Erde, dass ich Leverkusens Niederlage gegen Bayern als weiteren Gewinn für die Gladbacher Ambitionen sehe.

Am nächsten Morgen bin ich wieder auf dem Boden der Tatsachen. Der einzige Grund: Ich kenne doch meine Borussia. Die hat bis dahin zwar erst eines ihrer acht Sonntagsspiele verloren, aber es war ausgerechnet das ohne Europapokal-Auftritt am Donnerstag davor. Stuttgarts Sieg in Frankfurt – ein Schwabe hält eben Wort – erscheint mir nur als zusätzliches Argument, dass dieser Spieltag einen Haken haben wird und der mit großer Wahrscheinlichkeit im Borussia-Park zu suchen ist. Wer meint, dass dies nicht typisch Gladbach wäre, muss von Bergisch-Gladbach reden.

Lucien Favre ändert die Startelf aus dem Heimspiel gegen Bremen nur auf einer Position. Granit Xhaka oder Thorben Marx? Das war vorab das einzige Fragezeichen gewesen. Der Trainer, der unter der Woche in Barcelona Champions League geguckt hat, entscheidet sich gegen Experimente und für den Mann, gegen den sich partout kein Argument findet, warum er hier und heute nicht der Richtige sein sollte. Einen Namen mit X haben beide. So solide der Auftritt des Schweizers gegen Bremen auch war – dass Xhaka einen Satz mit X produziert, ist in dieser Phase wahrscheinlicher als bei Marx.

Gladbach tastet sich heran
Das “Magische Viereck in spe” macht vorne von Beginn an Druck. Da “spes” das lateinische Wort für Hoffnung ist, kann man ja getrost bei der Formulierung bleiben. Juan Arango sucht Luuk de Jong mit einem Diagonalball, den der Niederländer in seiner Zeit bei der Borussia schon besser verarbeitet hat. Kurz darauf macht es der Meister selbst, zielt jedoch vizemeisterlich über den Querbalken. Marx hat sogar Offensivlunte gerochen und prüft Ron-Robert Zieler mit einem Schuss von der Strafraumgrenze. Und Amin Younes verpasst nach einer Flanke von Patrick Herrmann nur knapp.

Das Schöne an den Hannoveranern ist, dass sie sich prinzipiell gerne am Spiel beteiligen. In der ersten halben Stunde steigert 96 seine Sympathiewerte am Niederrhein sogar, weil das nicht wirklich gelingt. Alvaro Dominguez und Martin Stranzl werden am Ende nur halb so viele Ballkontakte wie gegen Bremen haben.

Dass Hannovers Johan Djourou bei einer Ecke in Winterschlussverkauf-Wühltisch-Manier seinen Arm in Stranzl rammt, bleibt nicht nur den meisten der 46.000 Zuschauer, sondern offenbar auch Schiedsrichter Manuel Gräfe verborgen. Zum Glück kennen sich Herrmann und de Jong in der Unterhaltungsbranche aus und wissen, wie man Aufmerksamkeit generiert.

Der Niederländer tauscht mit Marx die Positionen. Während der Sechser in die Spitze durchläuft, zieht de Jong vier Gegner auf sich. Drei kümmern sich danach um Herrmann, der mit einem feinen Außenristpass Hannovers Aufmerksamkeitsdefizite der anderen Art aufdeckt. Zieler rutscht noch aus, so dass de Jong den Ball nur über den Keeper ins Tor chippen muss. Nachher ist von einem “Zaubertor” die Rede. Und tatsächlich könnte dieser Treffer als Blaupause dienen für die Art und Weise, wie der VfL in Zukunft spielen will.

Die zweite Ankunft
Während de Jongs Kritiker den fünften Strich beim Zählen seiner Bundesligatore machen können, tauchen andere wertvolle Eigenschaften des Stürmers natürlich nirgendwo auf. Der 22-Jährige läuft, ackert, schreckt vor keinem Zweikampf zurück. Dass dabei nicht alles gelingt, ist logisch. Wie de Jong manch einen Abschlag annimmt, behauptet und weiterleitet, nachdem seine Mitspieler aufgerückt sind, ist aber bemerkenswert. Dominguez war als erster Spieler des 30-Millionen-Trios angekommen. Wer behauptet, de Jong sei es noch immer nicht, sollte ihn sich live im Stadion ansehen, oder zumindest ein ganzes Spiel aufzeichnen und nur auf den Niederländer achten.

Zu einer bemerkenswerten Statistik dieses Spiels trägt de Jong auch dabei, weil er sich im Luftkampf fast immer fair behauptet. Nur sieben Fouls leistet sich die Borussia über 90 Minuten. Eines hat schwerwiegende Folgen, wobei die Gelbe Karte gegen Arango noch eher zu verschmerzen ist. Früher hätte sich der Venezolaner solch eine Verwarnung niemals abgeholt, weil er nach einem Ballverlust nicht 25 Meter einem Gegner hinterhergespurtet wäre – und er hätte sich bei seinem Grätschversuch nicht am Oberschenkel verletzt. Arango muss in der Kabine bleiben, zur zweiten Halbzeit kommt Filip Daems und schickt Oscar Wendt ins Mittelfeld.

Nach 61 Minuten ist mal wieder Brouwers-Time, weil sich Stranzl über dem Auge verletzt hat. Am nächsten Tag legt der Österreicher dafür bei der Präsentation des neuen Mannschaftsbusses einen astreinen Hangover-Auftritt mit Sonnenbrille hin. Auf Roel Brouwers ist zwar Verlass. Dennoch läuft es nicht gerade optimal, wenn Favre zweimal verletzungsbedingt wechseln muss. Obendrein gefiel Wendt hinten links diesmal ganz gut.

Matchwinner Pinto
Neutrale Beobachter mögen die letzte halbe Stunde als langweilig bezeichnen. Den Borussen im Stadion geht dafür – sowohl auf als auch neben dem Platz – ganz schön die Pumpe. Das zwölfte Unentschieden der Saison wäre fatal, die Vorlagen der Konkurrenz plötzlich nur noch Beihilfe zur Schadensbegrenzung. Hannover spielt noch immer schwach, aber nach Hause gefahren ist der Gegner auch nicht.

Sergio da Silva Pinto – einst unter dem Decknamen Sergio Pinto als erfolgreicher Bobadilla-Provokateur in Erscheinung getreten – lockert die angespannte Stimmung kurz vor Schluss auf. Nach diversen Versuchen bei Gräfe wird Pinto an der Seitenlinie konkreter. Der Linienrichter schickt ihn mit einem “Hau ab!” weg. Das ist nicht nett, aber immerhin ehrlich. Gelb für Pinto gibt es als Reiseproviant für den Weg zurück in die eigene Hälfte.

In der 85. Minute will es Pinto wissen. Im Luftkampf mit Daems bekommt er dessen Hand ans Ohr (ja, war so unspektakulär, wie es sich liest). Ein Blick zum Schiedsrichter, der aber nicht reagiert, dann sackt Pinto zusammen und täuscht einen Ohrmuschelbruch vor. Für den gestreckten Daumen – man nennt ihn auch den “ironischen Mittelfinger” – gibt es Gelb-Rot.

Somit ist Pinto eindeutig Gladbachs bester Mann in der Schlussphase, weil er den abgekämpften Borussen Verschnaufpausen gewährt. Erst in der 93. Minute wird der Hannoveraner von Marc-André ter Stegen abgelöst. Der 20-Jährige lenkt einen Schuss von Christian Pander über die Latte.

Vertrauen aufs Happy End
Dann ist Schluss und Tausende fahren wahrscheinlich übervorsichtig nach Hause, weil sie den Haken dieses perfekten Spieltags in Form eines Wildschweins befürchten, dass die Fahrbahn kreuzt. Denn die Ergebnisse waren einfach zu gut, um wahr zu sein. “Alle haben für uns gespielt. Sogar mal wir selbst”, twittert der Fanclub “Block B” und bringt die Verwunderung auf den Punkt.

Natürlich weckt der Sprung auf Platz sieben Sehnsüchte. Am 26. Spieltag hat Gladbach dreimal so viele Punkte geholt wie alle sechs Konkurrenten zusammen. Platz vier ist nur noch einen Zähler weg. Vorhin habe ich zum ersten Mal in dieser Saison den Tabellenrechner malträtiert, die Aktion aber nach zwei Spieltagen abgebrochen. Das ist mir dieses Jahr zu anstrengend. Also vertraue ich darauf, dass auch diese Saison ihr Happy End bekommt.

Der VfL hat aus den 13 Spielen, die nicht an einem Samstag stattfanden, jetzt 26 Punkte geholt. Am scheinbar heiligen Fußballtag sind es nur zwölf Zähler bei gerade einmal zwei Siegen (zu Hause gegen Hoffenheim und Düsseldorf). Lasst uns den Samstag doch zum offiziellen Borussia-Bügel-Tag machen und nur noch sonntags, freitags und mittwochs spielen!

18. März 2013 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Danke Jannik, so ähnlich ging es mir auch. Habe Samstag sogar auch Wäsche gemacht beim Konferenz schauen :D
    Wie genial der Spieltag für uns lief, lässt sich kaum in Worte fassen. Und weiter regelmässig schreiben ;) seit dem läuft es besser.

  2. Ja, jetzt nur nicht nachlassen. Das gilt sowohl für die Borussia, als auch für Dich :-)
    Ich hab den Haken des Spieltags übrigens sogar noch am Montag gesucht…^^

  3. Mir ist auch aufgefallen, das es besser läuft seit Du wieder schreibst. Danke =D.
    Also bitte nicht aufhören. Und davon mal abgesehen fehlt etwas in der Woche, wenn meine Mutter und ich nicht deine Kommentare lesen können (inklusive Lachkrämpfe und beifälliges Nicken).

  4. “Ironischer Mittelfinger”…wie geil ist das denn!!!

  5. Ja, ja jaaaaa! Ich bin froh, dass es hier wieder regelmäßig abgeht. Denn ich habe deine Texte so vermisst. Hier das absolute Highlight: Das Wildschwein, das zum Haken des Spieltages mutieren könnte! Danke, dieser Text hat mir heute den Tag etwas aufgehellt – wenn schon nicht die Sonne scheint… Trotzdem blicke ich mit leichtem Bangen auf den nächsten Spieltag, in Freiburg. Puha! Aber vielleicht spielen ja wieder einige für uns :) – wer weiß. Ich werde deinen Rat befolgen und in den nächsten Partien extra viel auf de Jong schauen (obwohl ich das bisher auch schon teilweise getan habe). Nun erst einmal zurücklehnen und die 3 wichtigen Punkte in der Länderspielpause sacken lassen. Gut, dass die Blessuren weder bei Stranzl noch bei Arango schwerwiegend zu sein scheinen, ganz nebenbei noch gesagt.

  6. Entzückend!
    So viele wahre Worte, angefangen von Freiburgs “shades of grey” über “den Mann, gegen den sich partout kein Argument findet” [Marx], “Winterschlussverkauf-Wühltisch-Manie” [was für ein böses Foul!] bis hin zu “Ohrmuschelbruch” [Pinto], einfach grandios geschrieben!!!
    Ich hatte eigentlich die gleichen Befürchtungen, alle anderen Team spielen FÜR uns, und wir machen mal wieder nichts daraus… nun, wir wurden eines Besseren belehrt ;-)
    Platz vier will ich gar nicht, aber für Platz sechs sollte es reichen?!!!
    Bitte weiter bloggen, Jannik, dann schaffen wir auch zwei Siege in Folge in dieser Saison ;-)

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