Mit einem Funkeln in den Augen

Nicht nur der DFB-Pokal hat seine eigenen Gesetze. Auch im Europacup läuft nicht immer alles so, wie man es vorher erwartet. Werder Bremen hat gestern einen weiteren bemerkenswerten Abend hinzugefügt zu den Sensationssiegen, Aufholjagden und Favoritenstürzen, die den Europapokal zu einem der liebsten Kinder eines jeden Fußballfans gemacht haben.

Das Bremer Weserstadion hat schon einige große Europacup-Nächte erlebt. Nächte, an die man sich immer wieder gerne erinnert und seine Erinnerungen meist mit den Worten „Weißt Du noch, als…?“ beginnt. Dabei leuchten die Augen, dabei schlägt das Fußballherz höher.
1987 geht Werder zunächst mit 1:4 bei Spartak Moskau unter, um dann mit einem fulminanten 6:2 nach Verlängerung doch noch das Ticket für die nächste Runde zu buchen. In der darauf folgenden Saison ist das Aus im Cup der Landesmeister nach dem 0:3 beim BFC Dynamo schon so gut wie besiegelt, bevor die Berliner im Weserstadion mit 5:0 abserviert werden.
1993 gelingt es der Elf von „König Otto“ ein weiteres Mal, nach einem drei Tore Rückstand noch die Wende zu schaffen – diesmal jedoch innerhalb von nur 90 Minuten. Werder liegt zwanzig Minuten vor Schluss mit 0:3 gegen den RSC Anderlecht zurück. Am Ende verzeichnet die Anzeigetafel ein 5:3. Ein „stinknormales“ Vorrundenspiel in der Champions League schreibt Geschichte.
Sechs Jahre später reißen Bode, Herzog, Baumann und Pizarro ein 0:3 aus dem Hinspiel bei Olympique Lyon herum und erreichen mit ihrer Mannschaft sensationell die nächste Runde. Die vier „Wunder von der Weser“ nehmen einen würdigen Platz in der Geschichte des Europacups ein.

Gestern Abend vollbrachte die Schaaf-Elf zwar kein echtes Wunder. Aber der 3:2-Sieg gegen die „Königlichen“, gegen die einst „Galaktischen“ aus Madrid wird dennoch im Gedächtnis haften bleiben. Es war eine dieser Nächte, für die wir den Europacup lieben. Ein Wechselbad der Gefühle mit fünf Toren, Tempofußball über die gesamte Distanz und einem Bremer Sieg, der am Ende nicht einmal hoch genug ausgefallen ist. Und vielleicht war es gerade so schön, weil beide Teams nicht fehlerlos blieben, sich kein Duell lieferten, das an Ballett erinnerte, sondern permanent den Platz auf und ab ackerten und Fehlpässe en masse fabrizierten.
Vor allen Dingen signalisiert der unerwartete, aber keineswegs sensationelle Erfolg von Werder, dass “Geld” nicht automatisch gegen “Teamgeist” die Nase vorn hat und die Bundesliga sich einfach nicht verstecken muss, sondern sich die Misserfolge in letzter Zeit häufig selbst einbrockt hat.

In zwei Wochen kämpfen sowohl Werder Bremen als auch Schalke 04 in alles entscheidenden Endspielen um den Einzug ins Achtelfinale. Womit vor ein paar Wochen eigentlich niemand mehr gerechnet hätte. Die Gegner heißen dann nicht mehr Real, Chelsea oder Valencia, sondern Piräus und Trondheim. Genau wie der DFB-Pokal hat auch der Europacup seine eigenen Gesetze. Um deren Gunst auf ihre Seite zu ziehen, müssen die beiden nun ganz einfach auf ihre Einstellung zählen und das abrufen, was sie können. Dann wird diese Champions-League-Saison doch noch ein unerwartetes Happy End erhalten. Und wenn nicht, können wir wenigstens mit einem Funkeln in den Augen an den gestrigen Abend zurückdenken – an das 3:2 von Werder Bremen gegen Real Madrid.

PS: Es gibt ein kleines Jubiläum zu feiern – dies ist der 50. Post auf entscheidend-is-aufm-platz.de

29. November 2007 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auswärtiges Amt, Innenrist | Schreibe einen Kommentar

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