Mission 40/23: Wende in der Warteschleife

Gladbach schickt den HSV mit einem atemberaubenden 4:1 nach Hause und verkürzt den Abstand zum rettenden Ufer auf zwei Punkte. Warum der Böklunder-Junge jetzt weiter vom Heuboden springen darf, ein Nintendo-Kommentator am Rad dreht und Logan Bailly bei den Backstreet Boys anheuert.

Der Böklunder-Junge feiert wieder Geburtstag bei Oma auf dem Bauernhof. Das tut er jetzt seit fünf Jahren, jeden zweiten Samstag, mit ungeminderter Freude. Inzwischen dürfte er das Rentenalter erreicht haben. Opi lässt ihn jedoch immer wieder mit seinen Freunden vom Heuboden springen. Das macht Spaß – und weil es dem Jungen so viel Spaß macht, essen auch wir zuhause Tag für Tag Bockwürste der erwähnten Marke.

Natürlich tun wir das nicht wirklich. Im Gegenteil. Nach fünf Jahren Geburtstag auf dem Bauernhof entsteht eher eine gewisse Abneigung. Egal ob die Borussia gewonnen, verloren oder unentschieden gespielt hat: Der Stadionregie ist es egal, wenige Minuten nach dem Abpfiff beginnt die Werbebeschallung von vorne. Und so stoßen auch Kyoceras Drucker- und Faxgeräte weiterhin auf taube Ohren.

Der Fan im Stadion ist an einem Samstagnachmittag ohnehin nur vermindert aufnahmefähig, was Dinge angeht, die mit Fußball ungefähr soviel gemein haben wie deutsche Bockwürste mit japanischen Faxgeräten. Gewinnt seine Mannschaft, zu Spielbeginn Inhaber der roten Laterne, dann auch noch vor 50.000 Zuschauern mit 4:1 gegen den Tabellenzweiten, schreit seine brennende Seele nach ganz anderen Dingen: Am liebsten würde er seinen Schal in voller Spannbreite gen Himmel recken, um völlig freudetrunken „You’ll never walk alone” und Konsorten anzustimmen. Die geschundene Abstiegskampfseele will einzig und allein Punkte für den Klassenerhalt – und keine Pixel auf dem Papier.

Um kurz vor halb sechs regiert die Ungläubigkeit im Borussia-Park. Es ist einfach nicht zu fassen. Wie sagt der agrarökonomisch verwurzelte Niederrheiner mit Vorliebe? Das geht auf keine Kuhhaut! 4:1 gegen den HSV! 4:1! An Tagen wie diesen möchte man den Erfinder des Ausrufezeichens für den Nobelpreis vorschlagen. Frieden, Literatur, Medizin, Chemie, Physik, Wirtschaft – gebt sie ihm alle!

Ein Parkplatz aus dem Nichts und die Gewissheit: Wir gewinnen!

Zwei Stunden zuvor sieht das alles noch um einiges verhaltener aus. Filip Daems gewinnt die Platzwahl und sorgt damit bereits für das zweite Erfolgserlebnis des Nachmittages. Neunzig Minuten zuvor waren wir noch wahllos um den Gladbacher Hauptbahnhof gekurvt, auf der verzweifelten Suche nach einem Parkplatz. Ich erinnerte mich an den lehrreichen Artikel über das Phänomen des Wartens aus der GEO, den ich am Donnerstag beim Augenarzt gelesen hatte. Nur ruhig bleiben und die Warterei als Hort der Vorfreude betrachten, als unentbehrliche Etappe auf dem steinigen Weg zu einem großen Moment der Glückseligkeit.

Es half. Genau wie die Gebete gen Himmel, doch bitteschön einen Parkplatz aus dem Nichts erscheinen zu lassen – in gewisser Weise biblische Wunder in Mönchengladbach zu bewirken. Auf einmal war er da: Sechs Meter lang, parkscheibenfreie Zone, 200 Meter Fußweg zum Bus-Shuttle. Irgendwo musste ein Haken sein. Es gab keinen, kein Halteverbot weit und breit, es passte einfach. Wer wie ich an Omen glaubt und sie teilweise beharrlich sucht, dem kann in diesem Moment nur klar sein: Wir gewinnen!

Als Schiedsrichter Michael Kempter (der mit dem Gel-Hahn auf dem Kopf) um 15:30 Uhr anpfeift, steht es also bereits 2:0. Zwar für Gladbach, jedoch nicht gegen Hamburg, das erst jetzt als unmittelbarer Gegner in den Vordergrund rückt. Der HSV ist als Tabellenzweiter angereist. Gladbachs sechs Rückrundengegner standen demnach im Schnitt auf dem sechsten Rang – jedes Wochenende sozusagen ein Europacup-Anwärter. Fünf Punkte aus fünf größtenteils alles andere als leichten Spielen sprechen durchaus für die Borussia und gegen die Schlussfolgerung, das Duell des Zweiten gegen das Schlusslicht sei eine klare Angelegenheit. Dass die Sache am Ende tatsächlich ziemlich deutlich enden wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Nils hatte zwar (in nüchternem Zustand wohlgemerkt) auf ein 4:0 gesetzt. Doch wenn das rationale Denken vom verzweifelten Herbeisehnen einer Wende übertüncht wird, setzt man im Leben auf vieles, woran man selbst nicht so richtig glaubt. Gegen die Hertha hatte ich meinem redaktionellen Mitarbeiter noch einen Kasten Bier versprochen, falls ein ähnlich kühner Tipp wahr werden sollte. Zum Glück hat er diesmal auf keinerlei Wetteinsätze bestanden.

Tomas Galasek ist derweil wieder in die Startelf zurückgekehrt. Logan Baillys neue Frisur bedeutet die zweite Änderung in der Anfangsformation. Gladbachs Teufelskerl hat den magischen Haarreifen abgelegt und liebäugelt nun mit einem Gastauftritt auf der nächsten Deutschland-Tour der Backstreet Boys.

Marin wie in der Carrerabahn, Gohouri im falschen Film

Was sich in den ersten zehn Minuten auf dem Rasen abspielt, ist weder Fisch noch Fleisch. Beide Mannschaften passen sich der Fastenzeit an und treten zunächst in Offensivaskese. In aller Seelenruhe kann ich mir zwei Derbykarten fürs nächste Wochenende besorgen, dabei minutenlang auf dem Handy rumtippen und muss nicht einmal den Kopf heben, um nachzusehen, warum der Geräuschpegel die Schallmauer von 50 Dezibel durchbricht.

Nach einer knappen Viertelstunde bin ich voll bei der Sache und muss sofort hilflos mit ansehen, wie Steve Gohouri sich in ein Privatduell mit Ivica Olic verabschiedet. Gladbachs Innenverteidiger geht dabei gewohnt intensiv zur Sache und wird seinen Einsatz später leider noch teuer bezahlen müssen.

Die Borussia ist noch ohne zwingende Torchance, als Marko Marin auf der linken Seite angesprintet kommt wie ein unbezähmbares Auto in der Carrerabahn. Nach einem butterweichen Zuspiel von Galasek flankt Gladbachs Youngster zielgenau in die Mitte, wo Rob Friend den Ball nur noch über die Linie drücken muss. Bisweilen ist das in den letzten Monaten keine allzu leichte Übung für den Kanadier gewesen. Diesmal behält er die Nerven und erledigt seinen Job für seine Verhältnisse mit Bravour. Die Borussia führt nach 24 Minuten, Friend hat getroffen: Gefühlt zählen solche Tore doppelt. Demnach steht es inzwischen 4:0 für das (Ex-)Schlusslicht in der Nebendisziplin „gute Omen”.

Nur fünf Minuten später zeigt die Instant-Glückseligkeit ihr wahres Gesicht und entpuppt sich als abgekartetes Spiel: Nach einer Ecke kommt Trochowski aus dem Hinterhalt zum Schuss, der Ball landet zufällig und unkontrolliert bei Petric, der mit seinem ersten Ballkontakt für den Ausgleich sorgt. Dabei ist es leidig, über „verdient” oder „unverdient” zu diskutieren. Der Schub durch die 1:0-Führung ist innerhalb kürzester Zeit verpufft, das steht fest.

Nach einer halben Stunde ist die Borussia scheinbar zurück auf dem Boden der Tatsachen. Wenig verheißungsvoll geht es zudem weiter: Gohouri muss in der 33. Minute verletzt raus. Beim Versuch, GuerreroOlic den Ball abzulaufen, hat seine Oberschenkelmuskulatur den Geist aufgegeben. Für ihn kommt Brouwers ins Spiel.

Gladbach mit einem anderen Gesicht und dem 2:1

Doch der VfL im März 2009 zeigt ein anderes Gesicht als das triste, hoffnungslose, das man vom Letzten der Bundesliga erwarten könnte. Schon zwei Wochen zuvor gegen Hannover hatte man sich nach dem Verspielen einer 2:0-Führung resistent gezeigt und war sofort wieder aufgestanden. Auch letzte Woche wollte niemand das designierte Schicksal hinnehmen. Fast gelang es der Borussia, nach einem Zwei-Tore-Rückstand noch einen Zähler aus der Hauptstadt mitzunehmen. Kurz vor der Pause sind es Marin, Baumjohann und Levels – der Nachwuchs unter sich -, die die Initiative ergreifen und die dritte Pausenführung im dritten Heimspiel nach der Winterpause erzwingen.

Von Jüngsten zum Ältesten des Trios spielen sie den Ball im Stakkato durch die HSV-Abwehr, so dass es ein wenig an die Bewegungen aus dem legendären Nintendo-Spiel „International Superstar Soccer” erinnert. Als Levels den Ball (liegend, im zweiten Versuch und von der Grundlinie aus) ins Tor befördert, hätte sich auch der virtuelle Nintendo-Kommentator nicht mehr unter Kontrolle gehabt. Sein sicheres Urteil: What a cracker!

Erst Rob Friend nach 714 torlosen Minuten, dann Tobias Levels mit seinem ersten Bundesligator: Es sind allein schon Gladbachs Torschützen, die jeden in der Annahme bestärken, dass heute einfach nichts schiefgehen kann. Mit einem durchaus verdienten 2:1 geht es in die Halbzeit. Zum dritten Mal in Folge herrscht freudige Stimmung im Borussia-Park, der zur Abwechslung einmal wieder gut gefüllt ist. Der HSV hatte sich in Hälfte eins eher durch seine Anhänger im Gästeblock in den Mittelpunkt gerückt, die dort genau das Feuer versprühten, an dem es dem Gründungsmitglied auf dem Platz mangelte.

Unter diesen Voraussetzungen ist die Devise für die zweiten 45 Minuten eindeutig. Wenn es jedoch um die Borussia geht, darf man bei derartigen Sätzen auf keinen Fall die Einschränkung „eigentlich” vergessen. Ein schnelles drittes Tor aus einer soliden Defensive heraus – das wär’s. Auch der Konjunktiv an dieser Stelle ist behutsam gewählt. Ein Fußballfan ist zwar ohnehin selten davon überzeugt, dass seine Mannschaft sich an Naturgesetze halten wird. Was Gladbach angeht, ist bezüglich sportlicher Logik jedoch höchste Vorsicht angesagt. Da wird ein herausgespieltes 2:1 schon einmal auf die brachiale Maurerart über die Runden gebracht. Doch an diesem Nachmittag soll es anders sein. Wie so vieles.

“Die Ersten kratzen sich verwundert an den Schläfen.”

Bradley und Daems haben kurz nach der Pause das 3:1 auf dem Fuß, während der HSV sein Angriffsspiel weiter dahinplätschern lässt wie einen winzigen Gebirgsbach im Hunsrück. Frank Rost und dem linken Pfosten ist es zuzuschreiben, dass es zunächst bei der knappen VfL-Führung bleibt. In der 53. Minute ist es dann soweit: Daems sieht nach einer Standardsituation den freistehenden Brouwers, der den Ball in Friend-Manier nur noch ins offene Tor bugsieren muss. Erst acht Minuten sind im zweiten Durchgang gespielt und dennoch kann man mit Verlaub sagen, dass sich die Borussia das dritte Tor bereits in dieser kurzen Zeit absolut verdient hat.

Langsam macht sich Ungläubigkeit breit im weiten Rund. Die Ersten kratzen sich verwundert an den Schläfen. Manch einer macht sich daran, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass Gladbach diesen Vorsprung noch in den Sand setzt. Hinzu kommt, dass es auch auf den anderen Plätzen nach Maß läuft. Die Hertha hat einen Rückstand in Cottbus gedreht. Genau wie die Bayern, die gegen Hannover zunächst ins Hintertreffen geraten waren. Stajners Führungstreffer hatte für Hochstimmung im Borussia-Park gesorgt. Anscheinend schafft es selbst die ärgste Abstiegsnot nicht, Schadenfreude in den Hintergrund zu rücken. Wolfsburg führt zudem nach einer Stunde gegen Karlsruhe – alle Konkurrenten um den Klassenerhalt liegen also zurück. Alles riecht nach einem perfekten Tag.

Und so hat es kurz darauf erneut den Anschein, als wollten die Fohlen innerhalb von 90 Minuten sämtliche Gesetze widerlegen, die sie in den letzten Jahren selbst aufgestellt haben. Gladbach bekommt selten bis nie einen Elfmeter? Denkste.

Matmour ersprintet sich mit viel Einsatz einen langen Ball auf der linken Seite. Wie ein Nascar-Auto in den Steilkurven von Daytona umkurvt er Mathijsen im großen Bogen. Der Algerier ist gerade in den Strafraum eingedrungen, als sein holländischer Widersacher seine Hacken touchiert und ihn zu Fall bringt. Schiri Kempter fackelt nicht lange und zeigt auf den Punkt. Die Borussia bekommt den zweiten Elfmeter hintereinander zugesprochen. Dabei war Kempter selbst in dieser Saison eher dafür bekannt, Strafstöße gegen Gladbach zu pfeifen. Nach fünf weniger erheiternden Urteilen im Laufe dieser Spielzeit ist der Spieß diesmal umgedreht worden. Marin tritt an und verwandelt so sicher wie die Bank von England (wobei diese Redewendung neuerdings ja auch nicht mehr das ist, was sie mal war).

Die Welle schwappt durchs Rund – erstmals seit drei Jahren vier Tore

Fünfundzwanzig Minuten vor dem Ende ist der Drops wohl endgültig gelutscht. Noch nehmen die 50.000 dieses unbeschreibliche Glücksgefühl etwas misstrauisch zur Kenntnis. Es ist ein bisschen wie bei der überraschend erfolgreichen Parkplatzsuche vor dem Spiel: Man sucht partout einen Haken, wird jedoch nicht fündig.

Welche eine Genugtuung, 25 Minuten lang das Spiel nach Belieben zu diktieren, weil man es sich erstens getrost erlauben kann und der Gegner zweitens kaum noch Gegenwehr zeigt. Folglich wird es im Anschluss nur noch selten gefährlich vor dem Tor von Logan Bailly. Gladbachs Belgier beweist zudem, dass sein Verzicht auf den magischen Haarreifen anscheinend keine negativen Konsequenzen mit sich bringt.

Und weil einfach alles anders ist, verlässt Marko Marin in der 68. Minute ausnahmsweise ohne ein Pfeifkonzert den Platz. Stehende Ovationen ersetzen die Pfiffe der letzten Wochen. Alle haben sich lieb. Auch Oliver Neuville wird sich freuen, endlich einmal in jeder Hinsicht willkommen zu sein. Doch auch diesmal kommt er in einer irgendwie undankbaren Situation ins Spiel. Die Partie ist gelaufen, das Stadion besingt den VfL, der „wieder da” ist und nimmt ungläubig einen „schönen Tag” zur Kenntnis, wie man ihn „lange nicht gesehen” hat. Die Welle schwappt gegen den Uhrzeigersinn durchs Rund, selbst das funktioniert. Vor lauter Glückseligkeit fällt so manch einer vom Glauben ab. Immer wieder fragt irgendjemand zur Sicherheit nach, ob es schon einmal vollbracht worden ist, „ein 4:1 in 13 Minuten zu verspielen”. Auf diese Art der Geschichtsschreibung kann man jedoch getrost verzichten.

Erstmals seit dem 17. Dezember 2005 erzielt die Borussia wieder einmal vier Treffer in einem Bundesliga-Spiel. Damals wurde Eintracht Frankfurt vergleichsweise knapp mit 4:3 besiegt. Mehr als drei Jahre danach mutet das 4:1 gegen den HSV beinahe erdrutschartig an. Gladbach ist an diesem Wochenende die rote Laterne losgeworden, hat das Makel der schlechtesten Abwehr an Hannover weitergereicht und den Abstand zum rettenden Ufer auf zwei Punkte verkürzt. So dick im Geschäft war die „Elf vom Niederrhein” zuletzt vor der Winterpause.

Sollte sich die Borussia am Ende retten und dem Abstieg doch noch entrinnen, dann wäre der 7. März mit Sicherheit der Tag der Wende gewesen. Der Tag, an dem sich alles zum Guten wendete. „Der VfL ist wieder da” – das ist keine Durchhalteparole, kein verzweifeltes Klammern an einen winzigen Strohhalm, sondern ein Indiz für eine gewisse Wir-sind-wieder-wer-Mentalität, die spätestens jetzt wieder eingekehrt ist.

Das Sahnehäubchen auf einem perfekten Tag

Und so kann ich den Bockwurst-Jungen ausnahmsweise gut ertragen, gönne ihm den Sprung vom Heuballen von ganzem Herzen – Erfolg macht eben tolerant. Auf die Humba und anderweitige Feier-Rituale wird nach dem Abpfiff verzichtet. Man könnte jetzt argumentieren, dass man mitnehmen muss, was man mitnehmen kann – getreu dem Motto „Wer weiß wie viele Spiele wir noch gewinnen?”. Doch ganz im Gegenteil steckt hinter einer scheinbar banalen Entscheidung der Hinweis, dass an dieser Stelle nicht Schluss sein soll. Der VfL hat wieder Blut geleckt.

Nach dem Spiel erhält ein perfekter Tag noch sein Sahnehäubchen. Um 17:28 Uhr halte ich offiziell eine Eintrittskarte für Köln in der Hand – mit Strichcode, Platznummer und allem was eine Eintrittskarte zu einer Eintrittskarte macht. Genau das sind die Momente im Leben, in denen man gerne einen tragbaren Tresor in der Jackentasche hätte.

Fast eine halbe Stunde stehe ich am Busbahnhof. Weit und breit keine Busse in Sicht. Ich denke an die GEO beim Augenarzt, an die Verdrängungstheorie und den Aufruf, beim Warten in der Schlange einfach pausenlos an etwas Schönes zu denken. Ich stelle mir vor, wie ich nächsten Samstag zur selben Zeit im Gästeblock des Kölner RheinEnergie-Stadions stehe, die geballten Beckerfäuste gen Himmel recke und den Sprung auf einen Nichtabstiegsplatz feiere. Warten kann so schön sein.

Neben mir trägt ein Altersgenosse eine Meisterschale aus Pappe stolz vor seiner Brust, als wolle er Ansprüche auf einen Europacup-Platz geltend machen. Schließlich haben wir den ehemals Zweiten der Tabelle besiegt, was logischerweise für einen unmittelbaren Platztausch sprechen müsste. An Tagen wie diesen nimmt man den rauen Abstiegskampf mit all den sportlichen Existenzängsten relativ gelassen hin. Wenn es gut läuft im Abstiegskampf, dann möchte ich ihn – ganz ehrlich – nicht einmal gegen ein Dasein im gesicherten Mittelfeld eintauschen, irgendwo jenseits von gut und böse.

Im Prinzip ist es allein die Ungewissheit, wie solch eine Saison ausgehen wird, die das Leben in den unteren Gefilden so kräftezehrend macht. Doch seit Samstag ist die Borussia wieder auf einem guten Weg, dafür zu sorgen, dass das Glück auch am Ende der Saison auf ihrer Seite ist. Dann könnte ein 4:1 gegen den Hamburger SV im Nachhinein das gewesen sein, was man gemeinhin als „die Wende” bezeichnet.

08. März 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 10 Kommentare

Kommentare (10)

  1. Hat Spaß gemacht zu lesen.

  2. …irgendwie finde ich mich in Deinen Worten voll und ganz wieder. Auch ich habe während des Spiels eher zufällig eine Köln Karte zum Originalpreis ergattert und konnte mein Glück ob des Spiels auch nicht fassen. Nur, wär ich nicht in der Lage gewesen, dass so schön in Prosa zu packen! ;-) Gruß aus Block 15

  3. Danke!

    @Jörg: Scheint ja für alle der perfekte Samstag gewesen zu sein – genau wie der nächste!

    @Fabian: Ich glaub’ ich kenne Deinen Bruder. Kai, oder?
    Übrigens bin ich schon seit fast einem Jahr kein Schüler mehr – nur so by the way;)

  4. na hoffentlich schlagt ihr die Kölner auch 4:1!!

  5. 23 x Danke – Die Heimspiele + Bielefeld auswärts habe ich alle ebenfalls wie du empfunden und erlebt und die Auswärtsspiele erhalten für mich durch deine Berichte immer eine besondere Note. Fussball und Borussia MG ist eben
    mehr als ein Spiel um 3 Punkte. Wir leben die gleiche Leidenschaft, die du durch deine Worte auf den Punkt bringst. Mache bitte weiter so…………

  6. @Uli: Wenn ihr die Kölner sogar schlagt;)

    @Michael: Wenn ich das richtig verstehe, ziehe ich daraus einen ganz klaren Schluss: Du musst öfter nach auswärts fahren! Ansonsten kann ich das alles so unterschreiben;)

  7. Hey Jannik

    Dass mit dem Schüler wird geändert. Mea Culpa. Nochmals Lob für die schöne Seite. Bleib am Ball.
    Mein Bruder heißt tatsächlich Kai. So klein ist die Welt.

  8. Hi Jannik,

    sehr schöner Spielbericht, hat mir sehr gut gefallen, weil einfach mal aus Fansicht.
    Aber du weißt schon, dass das Thema “Gouhouri – Guerrero” bereits von der Redaktion der Borussia-HP richtiggestellt wurde? Leider finde ich den Artikel nicht mehr, aber soweit ich mich erinnere hat Gouhouri im Interview nur allgemein von den HSV-Stürmern gesprochen. Die Internetredaktion hat nachträglich zum besseren Verständnis die Namen der Stürmer hinzugefügt – also auch den von Guerrero – und sich hinterher entschuldigt, dass es dadurch wohl zu einer Mißinterpretation kam.
    So, und jetzt bitte 3 Punkte aus Köln mitbringen.

  9. @ Claudia:

    Ja, das von der Richtigstellung hab’ ich aber grade erst erfahren. Hatte von der zunächst merkwürdigen Äußerung nur in der Ursprungsform gehört. Dachte, ich könnte mich bei borussia.de wenigstens darauf verlassen, dass alles so stimmt, wie es da steht;)

  10. Danke für diesen Text! Jetzt mach das warten endlich spass obwohl ich keine Köln karte ergattern konnte ;)

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