Fressen oder gefressen werden

Warum entscheidet sich ein Betrieb, einen seiner Mitarbeiter zu entlassen?

Angestellter XY könnte einen kapitalen Fehler in einer verantwortungsbeladenen Position begangen haben und muss nun die Konsequenzen tragen. Unter Umständen hat sein Fehler dem Unternehmen nicht einmal unmittelbar geschadet, sondern einfach eine Grenze der Toleranz überschritten, ab der das berüchtigte Maß voll ist.

Vielleicht ist sein Arbeitgeber auch finanziell am Ende und XY rangiert entweder am unteren Ende der Nahrungskette, oder aber sein fürstliches Gehalt, das mit einer Entlassung wegfiele, macht die Entlassung an sich schon lohnenswert.

Andreas Müller hat als Manager bei Schalke 04 sicherlich keinen finanziellen Rahmen gesprengt. Wirtschaftliche Gründe spielen bei Entlassungen im Fußball-Geschäft ohnehin in der Regel eine untergeordnete Rolle. Müller war desweiteren in keinerlei Affären verwickelt, deren Wirkung in der Öffentlichkeit ihn untragbar gemacht hätten. Er hat schlichtweg das eine oder andere Mal auf dem Transfermarkt daneben gegriffen und derzeit einfach keine brauchbare Lösung parat, wie er diese Versäumnisse mit einem Fingerschnippen wett machen könnte. Und leider ist “Fingerschnippen” auf Schalke gewöhnlich die gewünschte Grundgeschwindigkeit.

Bekommen Führungskräfte eines Fußballvereins die Kündigung in die Hand gedrückt, ist mit dieser Entscheidung meist die Hoffnung verbunden, eine sportliche Misere zu beenden, oder Türen zu öffnen, die unter der Regie von XY mittelfristig verschlossen geblieben wären. Schalke jedoch wird nach der Trennung von Andreas Müller bis zum Saisonende nicht mehr oder weniger Punkte holen als mit ihm.

Vielleicht glauben einige Spieler jedoch so fest an den berühmten Effekt einer Trainer- oder Managerentlassung, dass sie das Tor ein- oder zweimal häufiger treffen. Sie glauben wohl selbst nicht einmal daran, dass dies mit der Abwesenheit des alten Managers zutun haben könnte. Sie werden höchstens der Ansicht sein, dass das Ganze ja irgendetwas bewirken muss. Warum, weiß niemand so richtig.

Warum also hat sich Schalke ausgerechnet jetzt von Andreas Müller getrennt – am 9. März, nach dem 23. Spieltag und einem 1:0-Heimsieg drei Tage zuvor? Die Vermutung liegt nahe, dass Müller gehen musste, damit der Verein seinen Trainer Fred Rutten einfacher aus dem Verkehr ziehen kann. Ein Schritt zurück sozusagen, um dann ungehindert zwei vorwärts zu schreiten.

Der Vize-Rekordvizemeister rangiert derzeit auf Rang acht – mit 37 Punkten und fünf Zählern Rückstand auf Platz zwei. So manch einer gerät da schon wieder ins Schwärmen und schielt insgeheim auf das internationale Geschäft. Schalke ist, man mag es angesichts der andauernden Querelen kaum glauben, Fünfter der Rückrundentabelle, hat aus sechs Spielen zehn Punkte geholt. Bayern, Hoffenheim, Leverkusen und Bremen können davon nur träumen.

Doch schon die Torausbeute nach der Winterpause zeigt gnadenlos auf, woran es S04 mangelt. Sechs Rückrundentreffer werden nur von fünf Teams unterboten. Dass Schalke dabei selten attraktiver spielt als Bielefeld, Frankfurt und Dortmund kommt erschwerend hinzu. Neunmal stand in 23 Saisonspielen die Null – nicht schlecht. Zehnmal hat Schalke bislang gewonnen – nur zweimal, wenn dem Gegner ein Tor gelungen ist. Man kann es niemandem vorwerfen, Spiele mit weißer Weste zu gewinnen. Doch solch eine Mannschaft ist verdammt leicht auszurechnen.

Mir fällt spontan nur ein Zeitabschnitt in den letzten zehn Jahren ein, als ich Schalkes Auffassung von Fußball einmal ansehnlich gefunden habe. 2000/2001 mit Sand, Mpenza, Böhme, Asamoah und Co. – das war schon was. Aus neutraler Sicht konnte man sich damals leicht dazu hinreißen lassen, Schalke den Titel ganz ehrlich zu gönnen. Doch selbst vor zwei Jahren, als die Meisterschaft erst am 33. Spieltag praktisch vergeigt wurde, stand Königsblau eher für ergebnisorientierten Fußball und ließ niemanden so wirklich mit der Zunge schnalzen.

Die Art und Weise, wie Schalke seit Jahren und auch Anno 2009 seine Siege einfährt, lässt sich leicht umschreiben: Freistoß oder Eckball, eines der Kopfballungeheuer Bordon/Kuranyi/Krstajic/Westermann wuchtet den Ball aus sechs Metern in die Maschen, es steht 1:0 und falls die Abwehr dicht hält, gewinnt S04 mit 1:0. Auch hier kann man einer Mannschaft nicht vorwerfen, seit Jahren eine Macht bei Standards zu sein. Doch wenn eine Stärke inmitten zahlreicher Schwächen existiert, läuft sie Gefahr, ihre Strahlkraft einzubüßen.

Dass eine Manager-Entlassung diese Probleme von jetzt auf gleich lösen kann, erscheint mehr als fraglich. Dass ohne einen radikalen Schnitt überhaupt eine Woge geglättet wird, erst Recht.

09. März 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf, Innenrist | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Die Entlassung Müllers kam schon zu spät, nach diesen katastrophalen Einkäufen, außerdem hatte er die Lage im Verein offensichtlich nicht mehr im Griff. Ein radikaler Schnitt – das wär schon gut für Schalke, aber dazu gehört viel Mut und Konsequenz.

  2. Sie hätten doch aber relativ wenig zu verlieren bei einem radikalen Schnitt. Weniger erfolgreich wird’s sicher nicht werden. Die Chance besteht zwar, aber am Reißbrett und mit Garantie hat sich Erfolg ja sowieso noch nie planen lassen.

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