Tausche Podolski gegen Pikachu

Ja, es gab eine Zeit, als ich mich offiziell Spielerberater nennen konnte. Zwar nur nebenberuflich, aber immerhin. Mehr ist nicht drin, wenn man 32 Wochenstunden im Klassenraum verbringt.

Meine Klienten damals:
Fünft- bis Siebtklässler

Meine Arbeitszeiten:
Kleine und große Pause, gelegentlich nachmittags in der Fußgängerzone, Hausbesuche nur selten

Meine Referenzen:
Klassensprecher, dazu ganz gut in Mathe, Deutsch und Englisch; kein Jura- oder BWL-Studium

Mein Spezialgebiet:
Pokémon-Karten

Ich kannte sie alle. Alle Pokémon mit ihren Namen, Eigenschaften, Weiterentwicklungen. Dazu ihre Größe und ihr Gewicht. Ich war da, um meine Klassenkameraden zu warnen, wenn ein Achtklässler sie über den Tisch ziehen wollte. Achtklässler – allein deren Taschengeldbudget, ihr Festgeldkonto macht die doch schon unsympathisch.

Ich war da, um einzuschreiten, wenn ein Fünftklässler den Fauxpas begehen wollte, Glumanda gegen Shiggy zu tauschen. Denn Shiggy hat doch nie und nimmer eine Chance, wenn Glumanda seinen Feuerwirbel auspackt. Wer weiß das nicht? Solch ein Tausch war höchstens denkbar gegen ein stattliches Handgeld. Zwei, drei Mark würden es schon tun.

Was mich von den Spielerberatern im Fußballgeschäft unterscheidet: Ich arbeitete unentgeltlich, forderte keine Provision für Glurak, Bisaflor und Turtok. Ok, dann und wann einen Center Shock, aber mehr nicht.

Was mich mit ihnen verbindet: Ich selbst habe nie im Leben eine Pokémon-Karte besessen. Keinen Pfennig, keinen Cent dafür ausgegeben. Und im Prinzip konnte ich selten mehr in die Waagschale werfen als reines Faktenwissen und den Spaß am Zuschauen. Leidenschaft war selten im Spiel. Die arrivierten Berater, selbst lange aktiv gewesen, beäugten mich dafür kritisch. Auch sie hatten kein Jura studiert. Nicht einmal BWL.

10. März 2009 von Jannik Sorgatz
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