Wie eine verschleppte Erkältung

Inter Mailand – raus. Juventus Turin – ausgeschieden. AS Rom – auch nicht mehr dabei. Das Viertelfinale der Champions League findet zum dritten Mal in seiner Geschichte ohne Vereine der Serie A statt. Auch im UEFA-Cup sieht es kaum besser aus

Mitte September letztens Jahres ging die Bombe hoch. Die große Blase auf dem Finanzmarkt platzte, als die amerikanische Bank „Lehman Brothers” pleite ging und den Stein der weltweiten Krise zum Rollen brachte. Den Arbeitslosenzahlen war es zunächst bis Jahresende egal. Mittlerweile ist jedoch auch die Beschäftigungsrate unsanft auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Ein kleines Stirnrunzeln an dieser Stelle ist durchaus nachvollziehbar. Finanzkrise, Lehman Brothers, Arbeitslosenzahlen – was hat das, mehr als nur oberflächlich, mit Fußball gemein?

Zwischen Turin und Sizilien wird man vielleicht schon eher drauf kommen. Denn im übertragenen Sinne durchläuft der italienische Vereinsfußball derzeit dieselbe Krise wie die Weltwirtschaft: Die Infrastruktur, das Funktionärsgeschäft und die Entwicklung der Gewalt haben schon in den letzten Jahren gehörig Aufsehen neben dem Platz erregt. Jetzt, ein paar Jahre nach dem Auffliegen des Wettskandals und einige Zeit hinter dem Zenit der Ausschreitungen, ist der italienische Fußball auch zwischen den Torlinien arg gebeutelt und aktuell nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Krise ist auf dem Platz angekommen.

Es gab eine Zeit, da wurde der Serie A ein Götterstatus zuteil, wie es heute nur die Premier League gewohnt ist. In Italien wurde ein Transferrekord nach dem anderen gebrochen. Was Rang und Namen hatte, tummelte sich auf der Apenninen-Halbinsel. Von 1991 bis zur Jahrtausendwende verdienten sieben von zehn Weltfußballern ihr Geld in der Serie A. Der Anteil ist seit Zidanes Ehrung im Jahr 2000 von einst 70 Prozent auf 37,5 gesunken.

In den 90ern gewannen italienische Vereine sechsmal den UEFA-Cup. Seitdem hat es kein einziger mehr geschafft. Was die Champions League angeht, steht es wenigstens unentschieden zwischen der Zeit vor der Jahrtausendwende und den Jahren danach. Dafür standen in der Blütezeit der Serie A zusätzlich vier Teams in den Endspielen der Königsklasse. In den letzten acht Jahren waren es dagegen nur noch zwei, die im Finale unterlagen.

Der sportliche Niedergang der einst besten Liga der Welt ist gestern an seinem vorläufigen Tiefpunkt angelangt. Alle drei verbliebenen Mannschaften mussten im Achtelfinale der Königsklasse die Segel streichen – ausgerechnet gegen die neuen Mächte aus England waren sie machtlos. Für Juve, Inter und die Roma war es zwar teilweise knapp. Unterm Strich findet die Champions League von nun an jedoch ohne italienische Beteiligung statt.

Kaum anders sieht es im UEFA-Cup aus. Für Genua, die Fiorentina und Milan war in der Runde der letzten 32 bereits Endstation. AC Mailand, in diesem Jahrtausend immerhin zweimal Champions-League-Sieger und ein weiteres Mal im Endspiel, gab gegen Werder einen Zwei-Tore-Vorsprung aus der Hand, der lange einer Wildcard fürs Achtelfinale gleichkam. Das Ende ist bekannt.

Udinese Calcio hält damit heute Abend die Fahnen einer ganzen Fußballnation alleine hoch. Der einstige Glanz des viermaligen Weltmeisters auf den Schultern eines Underdogs, der weder aus Mailand noch aus Rom noch aus Turin kommt. Sieben Nationen sind es, die derzeit mehr als eine Mannschaft unter den verbliebenen 24 im Europacup haben. Das stolze Italien muss sich in dieser Hinsicht hinten anstellen.

Marode Stadien, schwindende Zuschauerzahlen, korrupte Funktionäre, gewaltbereite Fans und jetzt auch noch eine handfeste sportliche Krise. Jahrelang hat der italienische Fußball gehüstelt. Jetzt liegt er flach mit einer hartnäckigen Grippe, deren Inkubationszeit endgültig vorbei ist. Heilung ungewiss.

12. März 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auswärtiges Amt | Schreibe einen Kommentar

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