Fohlengeflüster (13): Weckruf met et Trömmelche

Es gibt grausame Spiele, für die man im Nachhinein noch von ganzem Herzen dankbar sein wird. Mehr ist auch nicht mitzunehmen aus einer Partie, die doch so heiter begonnen hatte.

Karneval und Fußball, das ist geballte Ironie. Zumindest wenn der Ball im Gladbacher Borussia-Park rollt. Und so bietet sich am 01. Februar 2008, es ist das erste Spiel nach 47-tätiger Abstinenz dank Winterpause, ein seltsames Bild, das Soziologen einen Anlass für eine ganze Diplomarbeit liefern könnte. Der Prinz ist gekommen, nicht Poldi, sondern der mit dem halben Vogelpark auf dem Kopf – der Karnevalsprinz. Und da Karneval zwangsläufig mit einer ganz bestimmten Stadt verbunden wird, ist dieses Bild so kurios. Denn an 360 Tagen im Jahr kann der eingefleischte Borusse jedes Lied, jedes Wort, jeden Atemzug, der in Verbindung mit dem 1.FC Köln steht, auf den Tod nicht leiden. Doch wenn Kamelle fliegt, Kölsch in den fragwürdigen Status eines Bieres erhoben wird und „Alaaf“ bzw. „Helau“ an die Stellen von „Hallo“ treten, ist alles anders. Auch im anti-colognialen Borussia-Park.

Noch 25 Minuten bis zum Anpfiff. Nach einer halbstündigen Irrfahrt durch den Gladbacher Berufsverkehr leuchtet der Himmel grün. Das Stadion erstrahlt in seinem eigentlich nicht vorhandenen Glanze, aber es ist nun einmal unser Stadion. Die lästige Zeit im Bus, stehend, erstickend vor Wärme und mit einem Hauch von Landfürst-Alt in den Schuhen, ist vergessen. Es geht wieder los und allein das zählt. Wer ihn nicht kennt diesen Moment, wenn man die Treppen zum Block hoch schreitet und das Licht am anderen Ende erblickt, der wird auch nicht nachvollziehen können, dass es schlichtweg etwas Erhebendes an sich hat.

Wir sind spät dran. Unten auf dem Platz ist das Vorprogramm in vollem Gange, noch eine Viertelstunde bis zum Anpfiff. Das Gladbacher Kinderprinzenpaar kreischt artig seine perfekt sitzenden Zeilen ins Mikrofon. Die Mehrheit der 37000 scheint das nicht sonderlich zu interessieren, bis aus den Lautsprechern unverkennbare Karnevalsmusik ertönt. Die Räuber singen: „Denn wenn et Trömmelche jeiht, dann stonn mer all parat, un mer trekken durch de Stadt, un jeder hätt jesaht…“, nein, kein „Kölle Alaaf“. Das wäre auch zuviel des Guten. Sondern selbstverständlich schallt es aus allen Ecken: „Kölle steigt ab, steigt ab. Kööölle steigt ab“. Karnevalistische Huldigung und gewohnte Unmutsbekundungen in einem Satz – das gibt es nur, wenn Fastelovend und Fußball aufeinander treffen. Für ein paar Sekunden ruht die Abneigung, um dann für ein paar Momente wieder leidenschaftlich aufzuflackern.

Bis auf die erste Spielminute sind es die einzigen Momente der Freude, was den gesamten Abend angeht. Die „Elf vom Niederrhein“ wird von einem Feuerwerkskörper aus dem Lauterer Block abrupt unterbrochen. Der Mann, der sich nur zu Wort melden darf, wenn mal wieder ein paar Idioten am Werk sind, säuselt nimmermüde seine Parolen à la „wir müssen Euch jetzt leider anzeigen, hört bitte auf mit dem Blödsinn“ ins weite Rund. Ich bezweifle, dass ihm jemand zuhört. Eigentlich ist es aber auch kein Wunder, dass es nahezu jedes Spiel „knallt“. Vielleicht sollte ich mich auch geehrt fühlen, dass ich anscheinend so vertrauenswürdig aussehe. Aber unter meiner Montur hätte sich durchaus etwas anderes als ein Fleece- und ein Rollkragenpullover befinden können. Kommt also die Frage auf, warum offenbar jeder zweite Zuschauer ohne Abtasten durchgewinkt wird?

Die schönste der neunzig Spielminuten ist im ersten Spiel nach der Winterpause die direkt nach dem Anpfiff. Coulibaly wird irgendwo im Niemandsland zu Fall gebracht. Zeitgleich verlangt mein Mund nach einem Kaugummi. „Oder warte bis nach dem Tor“, füge ich beschwörend hinzu, als meine Mutter längst in ihren Taschen kramt. Beschwörungen dieser Art verlaufen normalerweise immer im Nichts, nur heute nicht. Ndjeng bringt den Freistoß in die Mitte, die Lauterer Hintermannschaft im Tiefschlaf, Rösler hält den Kopf hin und der Ball schlägt im Tor ein. Wer auch immer da in der gegnerischen Abwehr noch nie etwas von Herausrücken gehört hat, er hätte es ruhig ein weiteres Mal verschlafen dürfen. Und so herrscht nach 45 Sekunden uneingeschränkte Karnevalslaune im weiten Rund. Im DSF spricht der Kommentator später am Abend vom „schnellsten Gladbacher Zweitligator aller Zeiten…in der gesamten Historie“. Gott sei Dank ist der Begriff „Historie“ relativ dehnbar. Wir sind zwar nicht neu im Unterhaus, aber alt ebenso wenig. Doch wenn die nächsten 16 Spiele dieser hoffentlich einzigartigen Zweiligasaison ähnlich verlaufen wie die 89 Minuten nach dem Führungstreffer, könnte sich die Gladbacher „Historie“ unfreiweillig noch etwas ausdehnen.

Von den Qualitäten der Torfabrik der Hinrunde ist nichts zu sehen. Nando Rafael degradiert sich selbstständig zum Joker. Rob Friend fehlt an allen Ecken und Enden. Marcel Ndjeng zeigt allenfalls Zirkusqualitäten. Allein die Abwehr steht sicher. All das ist vergleichsweise nüchtern zu ertragen, schließlich führt die Borussia mit 1:0. Dass dieses Polster keineswegs Grund gibt, sich auszuruhen, kann der Gegner vom Betzenberg nicht wirklich unter Beweis stellen. Und so geht es mit denselben Resultat in die 46.Minute, mit dem man schon die zweite Spielminute bestritten hatte.

Nach der Pause hat erst Oliver Neuville die große Gelegenheit, den Sack zuzumachen, ehe Nando Rafael gleich zwei Hochkaräter hintereinander vergibt. Eine Hereingabe von Patrick Paauwe hatte ihren Weg in Richtung Elfmeterpunkt gefunden, wo gleich zwei Gladbacher einschussbereit warten. Rafael behält im Disput um den Ball mit seinem Sturmpartner Neuville die Oberhand und bekommt den Ball mit dem schwächeren Linken nicht an Lauterns Beda vorbei.

Wenige Minuten später geht der Schuss fast nach hinten los. Aber Bellinghausen kann einen Konter nicht zum zu diesem Zeitpunkt überraschenden Ausgleich verwerten. Nach einer guten Stunde muss Mathieu Beda, gerade noch Retter auf der Linie, das Feld räumen. Schiedsrichter Deniz Aytekin zückt nach einer Grätsche von hinten gegen Oliver Neuville ohne zu zögern die rote Karte. Das „Opfer“ musste daraufhin verletzt das Länderspiel gegen Österreich absagen. Über die Berechtigung des Platzverweises braucht man also nicht zu diskutieren. Nur sechs Minuten später wird es erneut bunt. Josh Simpson hatte in einer von draußen harmlos anmutenden Aktion Filip Daems umgesenst. Die Bilder beweisen, dass der Belgier in diesem Fall eine Menge Glück hatte, so glimpflich davon zu kommen. Auch der zweite Platzverweis also absolut vertretbar.

Nun ist es müßig von roten Karten und einer doppelten Überzahl für die Borussia zu erzählen, wenn diese Überzahl letztendlich alles andere als beflügeln kann. Jos Luhukay hatte nach der ersten Hinausstellung Svärd für Rafael und Marin für Coulibaly gebracht. Sein Gegenüber Kjetil Rekdal verstärkt daraufhin den Eindruck der verkehrten Welt, als er erst Stürmer für Stürmer auswechselt und dann sogar noch einen drauf setzt und einen weiteren Angreifer für Innenverteidiger Schönheim ins Spiel bringt.

Die Borussia taumelt im Anschluss dem Abpfiff geradezu entgegen. Wie gelähmt und beinahe mit einem Anflug von Überheblichkeit will der Tabellenführer die knappe Führung über die Runden retten. Die Stimmung ist mittlerweile gekippt und nicht nur einmal ertönt ein gleichgültiges „soll’n se doch noch einen rein kriegen“. In der letzten Minute kommt es dann, wie es kommen musste. Bellinghausen bringt einen Freistoß, ähnlich wie Ndjeng 88 Minuten zuvor, scharf herein. Ouattara trifft noch die Latte, aber der eingewechselte Runström macht das Unheil im Nachschuss perfekt. Es steht 1:1.

Als wolle er sagen „jetzt habt ihr auch keine Nachspielzeit verdient“ pfeift der Schiedsrichter ein paar Sekunden nach Wiederanpfiff die Partie ab und zum ersten Mal in dieser Saison ertönen ehrlich gemeinte und unüberhörbare Pfiffe im Borussia-Park. Und diesmal gelten sie nicht dem gegnerischen Torwart, sondern der eigenen Mannschaft. Nach dem SC Paderborn entführt ein weiteres Kellerkind einen Punkt aus dem Stadion des Ligaprimus, der an diesem Abend einen gewaltigen Schuss vor den Bug erlitten hat. Hoffentlich war es ein Weckruf zur richtigen Zeit.

05. Februar 2008 von Jannik Sorgatz
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