Hochgejubelt, tief gefallen

Es besteht ein scheinbar kleiner, aber entscheidender Unterschied zwischen “das Zeug zum Superstar haben” und “es zum Superstar bringen”. Nicht erst ein hoffnungsvolles Talent ist auf dem Sprung in den Profibereich auf der Strecke geblieben. Alexandre Patos Weg ist so gut wie geebnet, doch zur Sicherheit sollte er nochmal Nachfragen bei den Zepeks, Deislers und Helbigs dieser Welt.

Geradezu artistisch degradiert Alexandre Pato zwei Verteidiger zu Statisten. Mit der Erfahrung aus 12 Jahren Serie A schiebt er den Ball lässig vorbei an Reals Iker Casillas. Es ist die 1:0-Führung für Milan im Champions-League-Finale 2020. Die Menge tobt und drei Minuten vor dem Ende ist es erneut Pato, der einen Freistoß aus 18 Metern wunderbar an der Mauer vorbei ins Tor schlenzt. Der Sack ist zu. Es ist Milans dritter Titel in der Königsklasse in den letzten fünf Jahren. Ihr brasilianischer Superstar trifft dabei so konstant, dass es einem schon Angst bereitet. Das Denkmal vor San Siro hat er spätestens jetzt in der Tasche – mit 30 Jahren. Erleichtert, strahlend vor Freude reckt der Brasilianer den Pokal in die Luft. Es ist sein großer Moment, den er in vollen Zügen genießt.

Was eigentlich noch Vision und Illusion zugleich ist, lässt das Computerspiel FIFA 08 bereits jetzt simulierte Realität werden. Im Jahr 2020 ist Alexandre Pato vom AC Milan dort ein Weltstar, der seinesgleichen sucht. Einer, dem nur ein Sergio Agüero und die Altmeister Lionel Messi und Cristiano Ronaldo das Wasser reichen können. Sein virtueller Markwert dringt in Sphären eines Zinedine Zidane in besten Zeiten vor. Mit seinem Klub räumt er jeden Titel ab. Doch kann es einem 18-jährigen überhaupt gut tun, wenn er weiß, dass er am PC schon jetzt eine Legende ist, der größte Fußballer auf der Höhe seines Schaffens? Abheben heißt hier oft das Stichwort. Nicht erst ein hoffnungsvolles Talent hat nach dem Hochjubeln den tiefen Fall erlebt. Die Liste derer, die schon als neue Maradonas, Beckenbauers und Pelés gefeiert wurden, ist lang und unbekannt. Denn schließlich kann sich keiner mehr an sie erinnern.

Freddy Adu dagegen haftet noch sehr lebhaft in unserem Gedächtnis. Kein Wunder, denn schließlich ist der Amerikaner mit ghanaischen Vorfahren gerade erst 18. Inzwischen sind fast fünf Jahre vergangen, seitdem er im Alter von 14(!) Jahren an der U-20-WM 2003 teilnahm. Damals galt er als kommender Ausnahmespieler, mittlerweile sind andere Jahrgangskollegen an ihm vorbeigezogen. Bojan Krkic, Marko Marin oder eben Alexandro Pato heißen Vertreter des 89er Jahrgangs, die es inzwischen weiter gebracht haben, als der kleine Stürmer mit dem Oberkörper eines 100m-Läufers. Adu steht seit letztem Jahr bei Benfica Lissabon unter Vertrag, immerhin mit zwei Toren in neun Partien auf dem Konto.

Besonders der deutsche Fußball kann Lieder singen von kommenden Beckenbauers, denen eine große Zukunft prophezeit worden war. In der Gegenwart bereichern sie samstags um 14 Uhr die Amateurstadien in Elversberg oder Sandhausen. Die Sportbild zeigte sich im Jahr 2001 – es herrschte die graue Zeit zwischen „Bratwurst-EM“ und „Vize-Rudi“ – so begeistert, dass sie den deutschen Talenten glatt eine Titelstory im damaligen Sonderheft widmete. „Neue Männer hat das Land“ hieß es damals vollmundig. Beachtliche 11 Spieler zählte die scheinbar aufstrebende Generation – einer davon ist heute ein Weltstar, einer hat seine Karriere bereits beendet, andere tragen immerhin den Adler auf der Brust, einige sind in den niederen Gefilden des Profifußballs verschwunden. Miroslav Klose, Christoph Metzelder und Sebastian Kehl sind aktuelle Nationalspieler. Doch was fällt einem zu Bernd Korzynietz, Sebastian Helbig und Sebastian Deisler ein? Bielefeld, Dynamo Dresden (das musste ich zugegeben schnell mal nachschlagen) und Rente.

„Großartige Zukunft, wenn er sich nicht heute schon für einen ganz Großen hält“, schwärmte die Sportbild seinerzeit über Bernd Korzynietz. Für einen ganz Großen hat der Rechtsverteidiger (damals noch Außenstürmer) sich sicherlich nie gehalten, trotzdem blieb die Weltkarriere bis jetzt aus. Sebastian Deislers Flanken verdienten damals, im Alter von 21 Jahren, zweifellos das Prädikat „weltklasse“. Doch tragischerweise zählt Deisler bis heute zu den prominentesten Opfern gnadenloser Vorschusslorbeeren und erstickenden Erfolgsdrucks, die ihn 2007 zum Frührentner beförderten.

Die Frage nach dem fußballerischen Hintergrund des Deutsch-Türken Erdal Kilicaslan verdient glatt die Einordnung in die Kategorie „den kennt doch nur einer, der Weihnachten aus dem Kicker vorliest anstatt ein Gedicht aufzusagen“. Er könnte der Dönerbudenbesitzer unseres Vertrauens sein, er könnte jeder sein, nur kennen wird ihn kaum einer. Dabei ist Erdal Kilicaslan der Gerd Müller der DFB-Junioren. In 64 Spielen vom der U15 bis zur U20 hat er beachtliche 41-mal eingenetzt. Der Profivertrag bei den Bayern blieb dem 23-jährigen dennoch versagt. Jetzt versucht er sein Glück bei Gaziantepspor in seiner türkischen Heimat, um von dort den Sprung in die dortige Nationalmannschaft zu packen. Nur leider hat er die FIFA-Statuten dafür nicht ausreichend studiert: Kilicaslan ist 23 und hat schon für Deutschland gespielt. Damit ist der Zug in Sachen Türkei für ihn abgefahren. Aber wenigstens den Rekord kann ihm keiner nehmen.

Ähnlich abrupt hat der Aufstieg von Michael Zepek seinerzeit ein Ende gefunden. Der 27-jährige ist Rekordspieler bei den DFB-Junioren, sozusagen das Pendant zu Kilicaslan in Sachen Einsätzen. Den letzten von einst vielen Schritten nach vorne machte der Ex-Karlsruher mit 20, als er von den Badenern zu Leverkusen wechselte. Nicht ein einziges Mal stand er dort in der Bundesliga auf dem Platz. Der Weg führte ihn wieder zurück nach Karlsruhe, von dort nach Ahlen und über die TSG Hoffenheim im letzten Sommer schließlich zum SV Elversberg in die Regionalliga Süd. Zepek hat häufiger den Adler auf der Brust getragen als das Trikot eines Profiklubs – kurios und irgendwie traurig. Auch seine Geschichte zeigt, dass der Weg nach oben nicht planbar ist, dass es nicht jahrelang Schritt für Schritt funktionieren kann, sondern in den meisten Fällen von jetzt auf gleich der große Durchbruch gelingt bzw. gelingen muss.

2001 fuhren 18 hoffnungsvolle deutsche Talente zur U20-WM nach Argentinien und erreichten das Achtelfinale – abgesehen von 2005 immerhin das beste Abschneiden in vielen Jahren. Nur ein Drittel spielt heute in der Bundesliga, zwei davon als Stammspieler. Drei hausen im Ausland, Andreas Hinkel von Celtic Glasgow ist der einzige namhafte. Sieben Mitglieder der Jahrgänge 1981 und 1982 kicken nicht einmal im Profifußball, besagter Michael Zepek gehört dazu.

Als verrückt kann man die Geschichte von Jan Schlösser, dem damaligen Ersatzkeeper bezeichnen. Mit 16 Jahren nahm er in der Champions-League Platz auf der Bank des FC Bayern, nach einem Jahr in der Kreisliga und Vereinslosigkeit steht er nun beim FC Ismaning in der Bayernliga unter Vertrag. Hanno Balitsch, Andreas Hinkel und seit Mittwoch auch Jermaine Jones sind die einzigen Vertreter von damals, die das DFB-Trikot wenigstens einmal für die Senioren übergestreift haben. Sicher, nicht jeder Jahrgang kann einen Ballack, Klose oder Podolski hervorbringen. Aber dieses Beispiel zeigt, dass sich selbst ein U20-Nationalspieler keiner großen Zukunft sicher sein kann.
Die Geschichte von Marcel Witeczek ist bekannt. 1987 Torschützenkönig bei der U20-WM, kann in einem Zug mit Javier Saviola, Lionel Messi und Sergio Agüero genannt werden. Für die A-Nationalmannschaft langte es nie. Seine Karriere beendete der Ex-Bayer als Abräumer vor der Abwehr.

Ein Talent vom Format eines Alexandre Pato wird wahrscheinlich vor dem tiefen Fall gewappnet sein. Wahrscheinlich. Schließlich weiß man nie, was kommt. Fragen Sie mal nach bei Michael Zepek, Sebastian Deisler oder Erdal Kilicaslan.

09. Februar 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*