Krösus im Robin-Hood-Kostüm

Zwei Euro mehr im Monat, 24 im Jahr, fast eine Milliarde für die Bundesliga – Uli Hoeneß hat mit seinem Vorschlag für die logischen Reaktionen gesorgt und wirft die Frage auf, ob sein “Traum” wirklich den “kleinen Mann” in den Vordergrund rückt.

Wir schicken unseren Liebsten Kurznachrichten mit dem knappen Inhalt „Komme drei Minuten später” oder „bin gleich da”. Kostenpunkt: 11 Cent. Wir fahren mit dem Auto zum Briefkasten, 300 Meter Fußweg. Kostenpunkt: 18 Cent. Wir springen mal eben beim Bäcker rein und holen uns ein Käse-Speck-Brötchen, obwohl wir uns zuhause zwei Brote mit Wurst für die Arbeit schmieren könnten. Kostenpunkt: 80 Cent.

Wenn man sie klein reden will, dann sind zwei Euro tatsächlich eine Lappalie, ein kleiner Zusatz, den von 37 Millionen TV-Haushalten in Deutschland sicherlich die Mehrheit entbehren könnte. Uli Hoeneß’ Argument mit dem kleinen Bier und der halben Schachtel Zigaretten setzt also keineswegs an der falschen Stelle an. Es bleibt nur eine Frage: Was, wenn jeder so argumentieren würde, wenn wir uns am Monatsende wundern müssten, warum auf einmal 80 Euro weniger da sind? Weil 39 andere Vereine, Gruppen, Ämter mit demselben Hinweis angekommen sind, dass zwei Euro doch nun wirklich zu entbehren seien…

Aus der Sicht des fußballverrückten Premiere-Abonnenten wäre die Fleischwerdung von Uli Hoeneß’ „Traum” dagegen ein finanzieller Segen. Zwei Euro anstelle von 19,90 – macht im Monat 90 Prozent weniger für Fußball im Fernsehen. Die Erhöhung in Sachen GEZ würde bei 11,1 Prozent liegen.

Der Fußball ist es seit Jahrzehnten gewohnt, um seine Anerkennung als Kulturgut und Nationalsport zu kämpfen. Von daher überraschen die Reaktionen auf keinen Fall. Hoeneß kam auf Rosamunde Pilcher, Vorabendserien und Volksmusikabende zu sprechen. Nicht zu Unrecht. Alle drei Formate fahren zwar Sendung für Sendung gute Marktanteile ein. Doch das kann der Fußball erst Recht von sich behaupten. Eine Fußball-Free-TV-Pauschale würde zudem in Sachen GEZ den ungewohnten Effekt mit sich bringen, dass man centgenau wüsste, wofür eigentlich jeden Monat Geld abgebucht wird.

Hoeneß hat bei seinem Vorschlag jedoch explizit von einem „Traum” gesprochen. Träume bergen im Gegensatz zu konkreten Zielen die Problematik, dass man sie bewusst in die Traumschublade scheibt, weil man selbst nicht zu 100 Prozent an ihre Erfüllung glaubt und sie letztendlich vollkommen realitätsfern sind. Zumal der Fußball seine Vorbildsfunktion in der jüngeren Vergangenheit nicht immer beherzigt und sich so in der öffentlich Wahrnehmung eher einen kontraproduktiven Ruf erarbeitet hat. Ausschreitungen, Korruption, Habgier – all das spielt der Pilcher- und Telenovela-Fraktion in die Karten. Und da hat man diese Worte kaum ausgeschrieben, schon veranstalten Bremer Fans im Gästeblock ein wahres Inferno. Wasser auf die Mühlen des Musikantenstadls.

Unterm Strich gelangt man also zwangsläufig zu dem Fazit, dass geschätzte und gefühlte 89 Prozent der Leser dieses Blogs einer Fußball-Pauschale zustimmen und womöglich auch noch drei bis fünf Euro auf den Tisch legen würden. Doch selbst die Sportschau-Gucker aus der Pensionärsfraktion werden angesichts ihrer dauerknappen Rente „Rote Rosen” den „Roten Karten” vorziehen.

Bei fast einer Milliarde an Fernseheinnahmen durch das Hoeneß’sche Finanzierungsmodell gegenüber aktuell gut 400 Millionen könnte man vielleicht noch darüber verhandeln, nur 1,58 Euro zu erheben und die Vereine in Zukunft die Polizeikosten selbst tragen zu lassen. Doch so verlockend der Vorschlag des scheidenden Bayern-Managers auch klingen mag: Die von ihm propagierte Win-Win-Situation erscheint in einem gewissen Zwielicht. Einerseits soll der Fußball im Fernsehen für den „kleinen Mann” zugänglich gemacht werden. Andererseits schweben im Hintergrund der Wettbewerbsgedanke und die allgegenwärtige, völlig überzogene Torschlusspanik, bis zum Untergang der Welt den Ligen aus England und Spanien hinterher zu hecheln. Eine einfache Formel: Üppigere Fernsehgelder, verlockendere Angebote für Weltstarts, höhere Gehälter – fragt sich, wer hier wen subventionieren soll.

18. März 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf, TV, Radio, Print & Internet | Schreibe einen Kommentar

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