Zwei-Klassen-Gesellschaft

Zwei Sachen hat uns diese Europacup-Saison aus deutscher Sicht bislang gelehrt: Bremen spielt dauernd unentschieden und kämpft sich dennoch von Runde zu Runde, der HSV gewinnt jedes Spiel auf fremdem Platz. Demnach liegt nicht nur eine erfolgreiche, sondern auch beispielhafte Woche hinter uns.

Der Norden sitzt dem Süden in der internen Bundesliga-Fünfjahreswertung im Nacken. Der Blick auf die aktualisierte Tabelle zeigt, dass der HSV nur noch zwei, Bremen nur noch drei Zähler hinter den Bayern liegt. Scheitert der Rekordmeister also am FC Barcelona, könnten sich gleich zwei Titelträume in Luft auflösen, falls die beiden Nordlichter im UEFA-Cup weiter bestehen.

Hamburg empfängt zuerst Manchester City. Die “Citizens” könnten zwar mit ein paar “Wenn-wir-wollen-kaufen-wir-euch-auf”-Plakaten in der HSH Nordbank-Arena auftauchen. Die sportliche Strahlkraft wird jedoch von den finanziellen Mitteln des aktuellen Tabellenzehnten der Premier League in den Schatten gestellt. Das Halbfinale ist für den HSV ein realistisches Ziel. Auf dem Weg nach Hamburg erlebte ManCity zuletzt dänische Wochen: Erst hieß der Gegner Kopenhagen. Gestern war der Einzug ins Viertelfinale erst nach einem Erfolg im Elfmeterschießen gegen Aalborg perfekt. Kopenhagen, Aalborg – da vervollständigt Hamburg die Reihe weitaus besser als Donezk oder Marseille es getan hätten.

Schafft auch Bremen den Sprung in die Vorschlussrunde, kommt es definitiv zum Bundesliga-Duell/Nordderby in der Vorschlussrunde. Mit Udinese Calcio hat Werder zwar ein unliebsames, aber machbares Los gezogen. Udine rangiert in der Serie A auf Platz 11 – das ringt Bremen, seines Zeichens Zehnter, natürlich nur ein müdes Lächeln ab. Die letzten Italiener auf europäischem Parkett wären in Runde eins beinahe an Borussia Dortmund, Schlusslicht der Bundesliga-Fünfjahreswertung, gescheitert. Nach dem Weiterkommen im Elfmeterschießen zogen in der Gruppenphase unter anderem die Tottenham Hotspurs und Spartak Moskau den Kürzeren. Nach Posen und St. Petersburg ist Bremen nun Udines nächster Gegner in der K.o.-Runde.

Überhaupt wirkt der UEFA-Cup wie eine Deutsch-Französisch-Ukrainische Meisterschaft, bei der je ein englischer und ein italienischer Verein aus reiner Kulanz mitmischen darf. Wer in den letzten Wochen also mitbekommen hat, wie Premier League und Primera División als Nonplusultra des europäischen Fußball angepriesen wurden, fragt sich nicht zu Unrecht, warum die beiden dann nicht auch den UEFA-Cup dominieren.

Die Antwort liegt auf der Hand: Engländer und Spanier tummeln sich lieber in gehobeneren Gefilden, in der Champions League zum Beispiel. Verhältnisse wie man sie sonst nur aus Mallorca kennt. Engländer: In den Sternehotels der Insel – betrunken, aber gut dafür bezahlt. Spanier: Gar nicht mehr da. Deutsche: Bevölkern die preiswerten Neckermann-/TUI-/Alltours-Prachtbunker – und feiern die 24/7-Happy-Hour.

Hier die Zimmeraufteilung für Champions League und UEFA-Cup:

Business Class:
FC Barcelona – Bayern München
FC Liverpool – Chelsea London
Manchester United – FC Porto
FC Villareal – Arsenal London

Economy Class:
Hamburger SV – Manchester City
Werder Bremen – Udinese Calcio
Paris St. Germain – Dynamo Kiew
Schachtjor Donezk – Olympique Marseille

Die 16 verbliebenen Teilnehmer kommen aus sieben verschiedenen Ländern, den ersten Fünf der Fünfjahreswertung, dazu gesellen sich der Neunte, die Ukraine, und der Zehnte, Portugal. Russland wird in den nächsten beiden Jahren definitiv zwei Fixstarter in die Champions League schicken. Portugal hat dagegen mächtig an Boden verloren, während die Bundesliga mittelfristig wieder auf einen zweiten Startplatz in der Quali für die Königsklasse hoffen darf. Dafür muss sie der Serie A in den nächsten beiden Jahren auf den Fersen bleiben und darf in der Addition der Spielzeiten 09/10 und 10/11 nicht mehr als 0,600 Punkte dahinter liegen.

Von hinten hat der deutsche Fußball vorerst niemanden zu fürchten. In Anbetracht dieser Tatsache wirken die ewigen Diskussionen um die Konkurrenzfähigkeit der Bundesliga in Europa immer unglaubwürdiger und machen langsam den Eindruck, einzig und allein ökonomischen Interessen zu überspielen. Man hat ja sonst keine Probleme.

20. März 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auswärtiges Amt, Zahlen, bitte | Schreibe einen Kommentar

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