Mission 40/25: Change a winning team?!

Die Borussia erleidet nach zwei Siegen in Folge einen Rückschlag und unterliegt dem VfL Bochum mit 0:1. Warum den Frühlingsanfang und meine Vergesslichkeit eine Mitschuld trifft, ein Maulwurf in der Gladbacher EDV-Abteilung hockt und wie aus Rivalen von Zeit zu Zeit nützliche Helfer werden.

Tief im Westen hat es man es bisweilen „im Urin”. Damit sind jedoch keineswegs Glucose, Aminosäuren oder Elektrolyte gemeint, sondern in der Regel sich anbahnendes Unheil. Man fühlt es einfach, dass ein bestimmter Tag nicht angebrochen ist, um Gutes zu bringen. Die Ampel ist plötzlich wieder rot, die grüne Brille liegt vergessen zuhause auf dem Schreibtisch und überhaupt birgt die seltene Konstellation eines Heimspiels am Freitagabend nur einen begrenzten Nährboden für erfolgsversprechende Rituale.

Mit zwei Siegen im Gepäck und dem Sprung von den Abstiegsplätzen im Blick möchte man eigentlich meinen, dass ein Duell gegen den VfL Bochum vor heimischer Kulisse schon irgendwie so enden wird, wie es nach einem 4:1 gegen Hamburg und einem 4:2 in Köln logisch erscheint – trotz Abendkulisse und Vergesslichkeit. Doch die Logik muss sich in dieser Spielzeit schlichtweg der Ratlosigkeit unterordnen.

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Nur mühsam schleppt sich der Shuttle-Bus durch den Fußball- und verspäteten Berufsverkehr. Immer wieder lassen Fußgänger auf dem Weg zum Stadion den motorisierten Verkehr links liegen und werden bis zum Erreichen des Borussia-Parks auch nicht mehr eingeholt. Mit einem Studenten in Bochum-Montur komme ich kurzerhand ins Gespräch, weil er alle zwei Minuten wie ein entnervtes Kind am ersten Autobahnkreuz auf der Reise in den Süden wissen möchte, wann wir denn endlich da sind. Immer wieder entschuldige ich mich aufrichtig für unsere provinzielle Infrastruktur und füge hinzu, dass „wir ja im Prinzip auch nur ein großes Dorf sind”. Proportional zur zurückgelegten Fahrtstrecke wächst jedoch seine Geduld. Etwas mitleidig zeige ich Interesse am Graue-Maus-Status des VfL Bochum und wünsche im viel Glück/Spaß/Erfolg, damit er – ohne Punkte im Gepäck – zuhause wenigstens erzählen kann, dass Gladbach-Fans eigentlich ganz sympathisch sind.

Erst um zehn nach Acht stecke ich meine Dauerkarte in Drehkreuz S11 – sieben Eingänge weiter links wartet übrigens ein Exemplar namens S04, auf dessen Monitor neben „S04″ stets ein kleines Herz zu sehen ist, wenn das Gerät Bereitschaft für die nächste Eintrittskarte signalisiert. Es riecht schwer nach einem Maulwurf in der EDV-Abteilung der Borussia.

Weil der Freitagabend nicht mit dem Schlusspfiff enden soll, trage ich einen vollgepackten Rucksack bei mir. Frische Jeans, Socken, ein neues T-Shirt und eine Kulturtasche mit dem Nötigsten des Nötigen sind darin. Im Vorhinein habe ich mich bereits auf eine gründliche Leibes- und Taschenvisitation eingestellt und mir das verschmitzte Lächeln des Ordners beim Blick auf meine Gladbach-Zahnbürste ausgemalt. Doch ich schleiche unkontrolliert an den Damen und Herren in ihren Röntgenstrahlenabwehrleibchen vorbei und hätte wahrscheinlich ein Fondue-Set für acht Personen in den Block schmuggeln können, ohne entdeckt zu werden. Ich bin mir sicher, dass man im Laufe einer Saison ebenso gut die Einrichtung einer Zwei-Zimmer-Wohnung in den Borussia-Park verfrachten kann. Grübelnd, ob ich nicht vielleicht doch etwas zu lieb aussehe, nehme ich, drei Minuten vor der Mannschaftsaufstellung, im Stadion Platz.

“Never change a winning team” ad absurdum geführt 

Tatsächlich schickt Hans Meyer von Beginn an die Derbysieger-Mannschaft auf den ziemlich ramponierten Rasen. Einerseits bin ich froh, dass endlich so etwas wie personelle Kontinuität einkehrt. Andererseits schwant mir jetzt erst Recht Böses, weil eine unveränderte Startelf bislang nur einmal in der gesamten Saison vorgekommen war: Nach dem 3:2 zuhause gegen Bremen am 3. Spieltag ging es eine Woche später nach Hannover. Jos Luhukay folgte dem Rat, ein siegreiches Team niemals zu verändern. Am Ende stand es 1:5.

„Never change a winning team” kann bisweilen eine ganz nützliche Devise sein. Besonders, wenn Siege noch längst nicht zur Gewohnheit geworden sind und nur in unregelmäßigen Abständen für allgemeine Erheiterung sorgen. Die Borussia empfängt den VfL Bochum also mit dem Gefühl, derzeit einen regelrechten Lauf zu haben. Bei den Bayern sorgen zwei Pleiten in Serie für eine handfeste Krise. Am Niederrhein bewegt man sich nach zwei Siegen hintereinander am gefühlsmäßigen Gegenpol. Die ersten Hobby-Requisiteure holen da im Eifer des Erfolgs schon die Papp-Meisterschalen vom Dachboden oder plündern Mutters Alufolien-Arsenal für eine originalgetreue Nachbildung des UEFA-Cups. Goldpapier für ein DFB-Pokal-Imitat ist dann doch zu teuer.

In der Anfangsphase spiegelt sich die Einstellung von den Rängen – Kreativität gepaart mit Größenwahnsinn – auch auf dem Platz wider. Gladbach, 16., lässt dem Fünfzehnten aus Bochum kaum Luft zum Atmen und wirbelt die arg gebeutelte Gästeabwehr zunächst mächtig durcheinander. Doch Marin, Baumjohann und Co. lassen dabei stets eine klare Linie vermissen und verlieren sich in fahrlässigen Kabinettstückchen, schlampigen Kurzpässen und kopflosen Dribblings. Nur Brouwers und Friend schaffen es, Überlegenheit einmal in Torchancen umzumünzen. Gladbach wirkt dabei jedoch lange Zeit so zwingend wie eine Mitgliedschaft in der Freiwilligen Feuerwehr.

Ballbesitz in CSU-typischen Sphären – dennoch das 0:1

Der Ballbesitz erreicht gerade Sphären, von denen selbst die CSU in besten Tagen nur träumen konnte, als die Träume vom Sprung aufs rettende Ufer plötzlich einen Dämpfer aus dem Nichts erhalten. Zwanzig Meter vor dem Tor darf Bochum den Ball behäbig quer passen wie eine Handball-Kreisligamannschaft in Überzahl. Halblinks genießt Grote uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und sorgt mit seinem platzierten Schuss ins untere Eck kurzzeitig für größere Stille als im Laufe der Schweigeminute beim Derby in Köln. Zwölf Gegentore hat Gladbach in der Rückrunde kassiert – fünf nach Standards, vier nach Weitschüssen. Eindeutige Lehre: Den Gegner häufiger aus dem Spiel heraus in den Strafraum lassen. Nur die Hertha, gleich zweimal, und einmal der VfB Stuttgart hatten bislang nach der Winterpause auf diese Art und Weise Erfolg.

Sekunden später hallen schon wieder aufrüttelnde Vau-Eff-Ell- Rufe durch den mit 50.000 Zuschauern gut gefüllten Borussia-Park. Diesmal jedoch steht das Publikum nicht stellvertretend für die Elf auf dem Platz. Sichtlich getroffen torkelt die Borussia in die Halbzeit, ohne Bochums Fernandes in seinem Kasten merklich unter Druck zu setzen. Der Ballbesitz aus Sicht der Gastgeber pendelt sich vor der Pause gar auf dem CSU-Level der Gegenwart ein – also irgendwo unter 50 Prozent. Auf etwaige Koalitionsversuche wollen die Bochumer aber nicht eingehen.

Nach dem Seitenwechsel wird nach Wochen der fußballerischen Hochkonjunktur endgültig der Gladbacher Winterschlussverkauf eingeläutet. Zündende Ideen, Durchsetzungsvermögen, Konzentration vor dem Tor – alles muss raus! Es hat tatsächlich den Anschein, dass die Borussia getreu dem Motto „Keine Macht den Frühlingsgefühlen” auftritt. Überhaupt ist der Winter den Fohlen an für sich ziemlich gut bekommen. Zum Ende des Sommers gab es letztes Jahr nur einen Dreier. Zwölf Herbst-Partien brachten unterdurchschnittliche acht Punkte. In den Wintermonaten setzte es dafür elf Zähler in sieben Spielen. Bleibt zu hoffen, dass die Borussia – genau wie beim ersten Auftritt im Winter gegen Stuttgart – alleine den Jahreszeitenauftakt vergeigt hat.

Zum dritten Mal unter Meyer ohne eigenen Treffer

Erst zweimal ist man bis zu diesem Abend unter Hans Meyers Regie ohne eigenen Treffer geblieben. Nennenswerte Revolutionsversuche, um die ungewohnte Torlosigkeit zu beenden, bleiben jedoch Mangelware. Überhaupt zeigt ausnahmslos jeder Borusse auf dem Platz genau das eine seiner vielen Gesichter, das er in den letzten Wochen zum Glück ad acta gelegt hatte. Daems und Brouwers verfallen im Spielaufbau in alte Behäbigkeit. Die Außenverteidiger konzentrieren sich eher auf Brandschutzmaßnahmen, als selbst wie zuletzt im Angriff Feuer zu legen. Von Galasek und Bradley auf der Doppel-Sechs geht ebenfalls so gut wie keine Gefahr aus – „hoch und weit” lautet ihr einziges Mittel im zweiten Durchgang.

In der Offensive setzen Baumjohann und Marin diesmal kaum Akzente. Letzterer erregt mit seinen Ecken, die vielmehr butterweichen Steilpässen gleichen, nur wenig Aufmerksamkeit. Und ganz vorne besinnt sich der einsame „Ranger Rob” wieder auf die gute, alte Lethargie und bringt den Ball trotz einer Hand voll Torschüsse nicht im Tor unter. Neuzugang Dante feiert nach zwei Muskelfaserrissen und einem Friseurbesuch sein Bundesliga-Debüt, glänzt dabei höchstens als Lucio-Imitator. Selbst Neuville und Colautti, im Laufe der zweiten Hälfte als Joker gebracht, bieten dem leidenden Fan-Auge ungefähr soviel Abwechslung wie eine weiße Stellwand auf einem Alpengletscher.

Siebzehn Stürmer, zaghafte Bochumer und dennoch keine Wende – Friend gegen Fernandes

Hinten hat die Borussia bis zum Ende jedoch kaum etwas zu fürchten. Hans Meyer hätte noch siebzehn Stürmer einwechseln können – auf der einen Seite wäre Bochum dennoch nicht durch Konter gefährlich geworden, andererseits hätte die Borussia noch bis Karfreitag spielen können, ohne ein Tor zu erzielen. Spätestens in den Schlussminuten manifestiert sich der Eindruck, dass Gladbach einen ganz und gar gebrauchten Tag erwischt hat. Immerhin gibt es noch drei hochkarätige Torchancen, die jedoch von Keeper Fernandes und einem Bochumer auf der Linie vereitelt werden.

punkteentwicklung-platz-15Das Spiel des schwarz-weiß-grünen VfL erinnert insgesamt an ein altes Graubrot, das am Anfang und am Ende noch ganz knusprig schmeckt, dazwischen jedoch ziemlich trocken ist und mächtig krümelt. Noch vor drei Wochen, nach dem 1:2 in Berlin, habe ich Meyer vorgeworfen, eine insgesamt ordentliche Leistung zu kritisch zu sehen. Diesmal macht er der Mannschaft „keinen Vorwurf”. Er sei zwar „mit dem Resultat, aber nicht mit dem Spiel unzufrieden”.

Diese Sicht der Dinge mag angesichts zahlreicher Stockfehler, großer Verunsicherung nach dem Gegentor und mangelndem Durchsetzungsvermögen gegen mauernde Bochumer zu positiv daherkommen. Dennoch tut Meyer an dieser Stelle das Richtige: Er hält jegliche Kritik von der Mannschaft fern und sorgt für Ruhe nach einer bitteren und unnötigen Niederlage, die – wie die starken Spiele zuvor – noch lange keinen endgültigen Fingerzeig in irgendeine Richtung bedeutet.

Und so bleibt festzuhalten, dass wir in den verbleibenden neun Spielen womöglich noch viermal den gefühlten Abstieg und viermal den gefühlten Klassenerhalt erleben werden. Was zählt, ist und bleibt der Stand der Dinge am 23. Mai nach dem letzten Spiel gegen Dortmund. Dieses Credo mag schwer nach drei Euro fürs Phrasenschwein klingen. Aber die kleine Porzellansau ist mit Sicherheit nicht erfunden wurden, damit durch den Einwurf von ein bisschen Kleingeld hanebüchene Lügen entschuldigt werden können. Drei Euro für die Wahrheit.

Ausgerechnet Köln und Bayern leisten Schützenhilfe

Aktuelle Hochrechnungen (siehe Grafik) lassen mindestens 33 Punkte verlauten, die für Platz 15 eingefahren werden müssen. Berücksichtigt man, dass die derzeit noch sieben Abstiegskandidaten ihren Punkteschnitt von 0,82 pro Spiel aus der Hinrunde auf 1,09 in den Partien nach der Winterpause gesteigert haben, könnten am Ende sogar bis zu 36 Zähler vonnöten sein.

Nach einem Sieg gegen Bochum wäre die Länderspielpause wohl ungelegen gekommen. Jetzt, mit etwas mehr Last auf den Schultern, kommt sie womöglich gerade rechtzeitig, um Wunden zu lecken und die bislang erfolgreichen sieben Wochen nach der Winterpause Revue passieren zu lassen.

Dabei ist das Wochenende ohnehin gar nicht so schlecht verlaufen aus Borussensicht, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Von den Kellerkindern hat nur Bochum einen Dreier eingefahren. Ausgerechnet Köln und Bayern haben Schützenhilfe geleistet. Am letzten Wochenende noch Erzrivalen, sieben Tage später zuverlässige Helfer – im Abstiegskampf ist nichts unmöglich.

Eine Heimpleite gegen Bochum mag zwar ein Rückschlag sein. Wenn ein einziger Rückschlag im Tabellenkeller jedoch den automatischen Niedergang bedeuten würde, könnten gerade wir uns längst mit St. Pauli statt dem HSV und mit dem FSV anstelle der Eintracht aus Frankfurt beschäftigen. Aber dagegen würden sich selbst die größten Pessimisten wehren. Und außerdem hat der Frühling ja gerade erst begonnen.

22. März 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schreibe einen Kommentar

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