Spiel mir das Lied vom Chancentod

Leipzig untermauert Sachsens Spitzenposition bei PISA, Béla Réthy moderiert “Was bin ich?” und Philipp Lahm versteckt fünf Prozent unter seinem Kopfkissen – welch ein Fußballabend.

Erst eine gute halbe Stunde war gespielt, als Béla Réthy innerlich die Schlüssel ans Brett hängte, die Füße hochlegte und erleichtert die erste Tüte Chips öffnete. Entschlossen legte er das „Almanach der Namenswitze” beiseite und schnappte sich das „Große Buch der Berufe-Wortspiele”. Der Liechtensteiner auf der linken Seite sei im wirklichen Leben ja Kabelmonteur. Verblüffend, dass er dennoch mit „technischen Problemen” zu kämpfen habe.

Béla Réthy war gestern Abend das Fieberthermometer der deutschen Nationalmannschaft. Ungeduldig zählte er die Sekunden bis zum ersten Tor, um dann nach neun Minuten wieder zufrieden auf seinem Kommentatorenstuhl zu sitzen. Während die DFB-Elf in den zwanzig Minuten vor der Pause die Spielfreude der Anfangsphase langsam in espritloses Gekicke verwandelte, verließ auch Réthy die Lust. Vergleichsweise genüsslich zählte er jedoch die Berufe aller Liechtensteiner Spieler auf. BWL-Studenten, Kabelmonteure, Bankangestellte, Reamateurisierte und tatsächlich ein paar Profis – die älteren Semester vor dem Fernseher wähnten sich längst bei „Was bin ich?” mit Robert Lembke.

Auch Johannes B. Kerner hatte wieder einen seiner Sahnetage erwischt. Umfragen des Forsa-Institus vom Sonntagvormittag haben ermittelt, dass 96% aller 8,43 Millionen Zuschauer nun wissen, dass Deutschland im Oktober gegen Russland auf Kunstrasen spielt. Auf Kunstrasen, meine Damen und Herren!

Einzig Oliver Kahn versprühte, umringt von lauter Lustlosen und krampfhaft Begeisterten, den Ehrgeiz alter Tage, forderte „acht, neun Tore” und gab zu, dass er Spiele wie die gegen Liechtenstein nicht richtig gehasst habe. Irgendwie aber doch.

Sorgfältige Hochrechnungen, mittels früherer Duelle gegen den Zwergstaat erstellt, schürten zwar die Hoffnung auf mindestens vier weitere Treffer nach der Pause. Schweinsteiger und Podolski brachten die DFB-Elf dann per Sommermärchen-Revival auch wieder auf den gefühlten Kurs „Zweistelligkeit”. Doch das Gefühl täuschte uns ein weiteres Mal. In Hälfte eins dauerte es neun Minuten, bis Ballack mit fulminantem Volleyschuss und Jansen mit Matthias-Sammer-Gedächtnis-Haarfarbe zwei Treffer erzielten. Im zweiten Durchgang waren gar nur fünf Minuten vonnöten. Jogis Jungs blieben damit also einmal 39 und einmal 40 Minuten am Stück ohne Tor – die zwei längsten Durststrecken aller Zeiten in bisher vier Aufeinandertreffen mit der Steueroase. Den Rekord hielten seit Juni 2000 Mehmet Scholl und Marco Bode, zwischen deren Toren zum 2:1 und 3:2 damals schier endlose 35 Spielminuten vergingen.

Und so verlief der Rest der zweiten Hälfte, nachdem das Spiel durch Podolskis 4:0 endgültig entschieden worden war, eher gemächlich. Ereignislos, möchte man fast sagen. Doch man würde Mario Gomez Unrecht tun, dessen Rolle als Chancentod zum regelrechten Event des Abends verkam. Ehrgeiz und Einsatz konnte man dem Stuttgarter nicht einmal absprechen. Doch die Art und Weise, wie er Einschussmöglichkeiten aus allerlei Position und Körperlagen vergab, ließ den Eindruck entstehen, er würde den Unmut der Zuschauer geradezu genüsslich zur Kenntnis nehmen. Gomez per Kopf, Gomez mit dem Fuß im Fünfmeterraum, Gomez mal mit links, mal mit rechts, Gomez schräg in der Luft. Eberhard Gienger wäre bisweilen stolz gewesen, Fußball-Deutschland eher nicht.

Doch es wäre jetzt falsch, einen einzigen Spieler als Sündenbock zu brandmarken. Gomez hatte gestern vor allen Dingen einen Gegner, nämlich sich selbst. Letztendlich bleibt ein nichtssagendes 4:0-Unentschieden zu konstatieren. Ein Fingerzeig in keine Richtung, weder nach links noch nach rechts, nicht nach unten und auch nicht oben. Spiele wie diese dienen als blendendes Anschauungsbeispiel für die Verfechter einer vierten Dimension.

Jetzt gilt es, für den Auftritt am Mittwoch in Wales die fehlenden fünf Prozent wiederzufinden, die Philipp Lahm nach eigenem Bekunden auch gestern wieder in der Schrankwand oder unter dem Kopfkissen versteckt hatte. Sie werden bitter nötig sein. Dahinter steckt nicht einmal Ironie, sondern allein die Erkenntnis, dass die DFB-Elf in ihrer Historie nicht erst einmal gegen die Waliser ins Stolpern geraten ist. Gegen kaum ein Land dürfte der Quotient aus gewonnenen Punkten und der Weltranglistenposition des Gegners so dürftig aussehen.

Am hartnäckigsten zeigte sich noch das Leipziger Publikum – neben Boris Büchler vom ZDF, der im Interview mit Mario Gomez nur haarscharf ein paar Backpfeifen entging. Die Sachsen teilten die gesamte Spieldauer von 90 Minuten plus Nachspielzeit in 564 astreine 10-Sekunden-Countdowns auf, scheiterten jedoch allzu oft am Versuch, La Ola durchs Zentralstadion schwappen zu lassen. Immerhin bestätigten sie den neu erlangten Vorzeige-Ruf des sächsischen Bildungssystems. Rückwärtszählen klappt schon prima. Demnächst bitte noch mehrsprachig und die Bayern können sich den Spitzenrang bei PISA solange abschminken, bis Lok Leipzig in die Bundesliga aufsteigt.

29. März 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler | 1 Kommentar

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