Fohlengeflüster (15): Midseason-Crisis

Die Tabellenführung im Unterhaus ist wie eine heiße Kartoffel – jeder will sie, aber keiner kann sie festhalten. Bis auf die Borussia. Denn die scheint so etwas wie schützende Handschuhe zu haben, die sie trotz Krise Woche für Woche auf dem Platz an der Sonne halten. Egal was kommen mag.

Nicht nur im Mathe-LK verfolgen mich Tief- und Wendepunkte mittlerweile Tag und Nacht. Inzwischen befürchte ich, dass sie mich nicht einmal mehr in Ruhe lassen, wenn ich 90 Minuten einfach abschalten möchte – und die einzigen Zahlen weit und breit auf der Anzeigetafel und den Rücken der Spieler zu lesen sind. Nach dem vierten Spiel in Folge ohne Sieg halten zwei Dinge meine Hoffnung auf ein baldiges Ende der Gladbacher Erstligaabstinenz dennoch krampfhaft am Leben.

Zuerst wäre da die offizielle Definition eines Wende- und eines Tiefpunktes in der Mathematik. An ihrem Tiefpunkt angekommen strebt eine (Form-)Kurve immer wieder den Weg nach oben an, meist in absehbarer Zeit. Der Wendepunkt ist letztendlich nur eine Station auf dem Weg zu einem Tiefpunkt und da dieser längst stattgefunden hat, ist er zu vernachlässigen. Und dann wäre da noch ein Aspekt, der etwas mehr mit Fußball zutun hat und aus diesem Grund auch einen ganzen Tick relevanter sein dürfte: Als Schiri Kircher am Montag gegen 22:00 Uhr in seine Pfeife bläst und damit die Niederlage im Spitzenspiel gegen Mainz 05 besiegelt, kann man der Borussia eigentlich keinen Vorwurf machen. Sie hat gekämpft, sie hat hinten gegen eine offensiv starke Mannschaft sicher gestanden und sie hat sich Chancen erarbeitet bzw. erspielt. Wenn das Wörtchen „eigentlich“ bloß nur keine Einschränkung beinhalten würde. Denn das Wichtigste hat der (Immer-Noch-)Tabellenführer versäumt: Tore zu erzielen. Und somit ist ihm nach 90 (eigentlich) unterhaltsamen Minuten eben doch ein Vorwurf zu machen.
Da ist es schon wieder, dieses verdammte „eigentlich“.

Für alle Diplom-Abergläubigen geht der Abend im Borussia-Park schon unheilvoll los. Eine der beiden großen Videoleinwände versagt ihren Dienst. Ver.di oder die GDL sollen ihre Finger aber bei diesem Streik ausnahmsweise nicht im Spiel gehabt haben. Und so ist die Anzeigetafel auch nicht in der Lage, nach nur 123 Sekunden den neuen Spielstand anzuzeigen. Das 1:0 für den FSV Mainz 05 könnte man als Kopie des Gladbacher Tores vor zwei Wochen gegen den FCK beschreiben. Aus ähnlicher Position wie damals (ach, wie lang ist’s her, dass wir zumindest noch einen Punkt holten) wird der Ball in die Mitte gebracht, findet jedoch nicht gleich einen Abnehmer. Den geklärten Ball nimmt Karhan an der Strafraumgrenze an und befördert ihn ohne Gegenwehr gefühlvoll in den 16er. Borja nutzt die Schläfrigkeit der Gladbacher Hintermannschaft und spitzelt das Runde sehenswert in den Südwesten des Eckigen. Vermutlich steht er dabei hauchdünn im Abseits, doch wer will es dem Linienrichter ernsthaft verdenken?

Außer der Feststellung, dass ein 0:1 in der 89.Minute weitaus schlimmere Folgen gehabt hätte und dass immerhin noch 88 Minuten bleiben, um den frühen Fauxpas auszumerzen, bleibt dem einst erwartungsvollen und nun vollkommen überrumpelten Fan nichts anderes übrig.
„Vau-Eff-Ell“ hallt es in Heck’scher „Zett-Dee-Eff“-Manier durch den Borussia-Park. Wenn schon nicht die drei Punkte, dann wenigstens die Contenance und den Optimismus bewahren.

Die folgenden knapp eineinhalb Stunden bis zum Spielende lassen sich relativ einfach umschreiben. Der VfL findet nach ein paar Minuten der kalten Dusche schnell wieder den Faden und steigt so langsam ein in die Partie, wozu er auch schon fünfzehn Minuten zuvor herzlich eingeladen war. Mainz stellt sich erst einmal genügsam hinten rein oder wie der Optimist sagen würde: Gladbach schnürt die Rheinhessen mit druckvollem Angriffsfußball in der eigenen Hälfte ein. Bis auf gelegentliche Mainzer Konter, die alle nach dem Schema Befreiungsschlag–Boakye–Ballverlust ablaufen, findet das Spiel meist vor dem Tor von Keeper Ischdonat statt oder eben vierzig Meter davor. Denn viel zu häufig probiert es die Borussia statisch durch die Mitte, anstatt das Spiel gekonnt nach außen zu verlagern.

Dicke Torchancen sind trotz der enormen Feldüberlegenheit Mangelware. Paauwe verfehlt nach einer Flankenverlängerung von Gohouri das Tor. Ebenso wie Friend, der bei einem Kopfball die Orientierung verliert. Bei seiner guten Gelegenheit hat Paauwe sich verletzt und muss daraufhin ausgewechselt werden. Zuvor war er bereits von Sascha Rösler, also vom eigenen Mann, umgesenst worden. Allmählich macht sich eine „erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu“–Stimmung breit. Eugen Polanski erhält indes einmal mehr die Gelegenheit, zu beweisen, warum er einst als Kandidat für die Nationalelf gehandelt wurde.

Der Vorwurf der Überheblichkeit passt heute gar nicht mehr ins Bild. Anders als gegen Paderborn, Lautern und Hoffenheim scheitert die Borussia vielmehr an der eigenen Chancenauswertung, dem mangelnden Einfallsreichtum in der Offensive und an einem gut aufgelegten Mainzer Torhüter Ischdonat, der sich seinen Klops des Jahres leider bereist eine Woche zuvor im Spiel gegen Fürth geleistet hatte.

Die zweite Hälfte geht ähnlich weiter wie ihr Vorgänger. Gladbach spielt, Mainz verlegt sich aufs Kontern. Die Borussia hat ihre besten Möglichkeiten im zweiten Durchgang bei Distanzschüssen. Levels, Coulibaly und Polanski scheitern jedoch an ihrer Zielgenauigkeit oder am Mainzer Keeper. Zwanzig Minuten vor dem Ende setzt Daems einen Kopfball an die Latte. Spätestens hier wird klar: Es soll wohl einfach nicht sein. Zwei Tore mehr, ein 2:1 Sieg, und jeder hätte von einem grandiosen Fußballabend sprechen dürfen. Von einer hervorragenden Zweitligapartie und von einem starken Tabellenführer, der verdient an der Spitze steht.
Doch wie hat einer der größten Philosophen unserer Zeit festgestellt? „So ist Fußball – manchmal gewinnt der Bessere“. Ok, es war Lukas Podolski. Und diesmal behält der Bessere nicht die Oberhand. Vielmehr ist es der Cleverere, der Effektivere.

Einmal mehr hat sich gezeigt, dass die Borussia meist zum Scheitern verurteilt ist, wenn ihr Gegner partout keine Lust hat, aktiv etwas zum Spielgeschehen beizutragen, wenn Mauern über Stürmen geht. In Freiburg und in Fürth hat die Borussia ihre besten Spiele hingelegt – gegen bärenstarke Heimteams, deren Konzept daraus besteht, selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Wenn jedes der vergangenen vier Spiele ohne Sieg so viel Erkenntnis gebracht hat, müssten wir mittlerweile so weise sein, dass die (hoffentlich funktionierende) Anzeigetafel in den verbleibenden Partien bis zum Saisonende stets ein 5:0 vermeldet. Wenn es doch nur so einfach wäre.

Nach den vergangenen Spielen stellt sich die Frage, was unterm Strich schlimmer ist: Gegen das Schlusslicht zuhause nur einen Punkt zu holen, in doppelter Überzahl noch einen Sieg aus der Hand zu geben, eine 2:0 Führung zu verspielen oder 88 Minuten auf ein Tor zu stürmen und kein einziges zu erzielen? Wahrscheinlich ist es die Tatsache, dass all diese Hochleistungen aus dem Kuriositätenkabinett hintereinander auf die Beine gestellt worden sind. Der Tabellenführung hat man sich trotz allem immer noch nicht entledigt. In der „härtesten Zweiten Liga aller Zeiten“ werden im Mai wohl nicht die besten Teams die Nase vorn haben, sondern das Trio, das sich am wenigstens dumm anstellt.
Die Borussia steckt in einer Midseason-Crisis. Doch jede Krise nimmt bekanntlich irgendwann ein Ende. Fragt sich nur, wann genau?

22. Februar 2008 von Jannik Sorgatz
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