Watsch’n mit Widerhall

Bei Klaus Fischer war es der Fallrückzieher, bei Uwe Seeler das Tor mit dem Hinterkopf. Gerd Müller war bekannt für seine Schüsse aus der Drehung. Ganz einfach ging das: „Müller, Müller, Tor!”.

Da Michael Ballack mit nunmehr 41 Länderspieltoren Tuchfühlung zu Uwe Seeler aufgenommen hat und bis zum Ende seiner Karriere vermutlich auch noch alle vor ihm liegenden (bis auf Gerd Müller und Miroslav Klose) überflügeln wird, wäre es also langsam an der Zeit, das typische Ballack-Tor zu küren. Weltklasse Schusstechnik, dazu das Abbild dessen, was der Volksmund gemeinhin einen „Wumms” nennt . Eigentlich ist es eindeutig, in welcher Pose Michael Ballack in die Annalen eingehen wird: 30 Meter vor dem Tor, verkrampftes Gesicht – wie das eines Turmspringers beim Eintauchen ins Wasser – und dann ein strichartiger Schuss in den Winkel.

Drei Plaketten fürs „Tor des Monats” hat der „Capitano” bislang gesammelt: Die erste für einen trockenen Weitschuss gegen Litauen im September 2002, die Zweite für einen Treffer gegen Leverkusen („Kicker”-O-Ton: „aus elf Metern per Linksschuss trocken in den linken Winkel”) vor drei Jahren und die dritte schließlich für sein späteres „Tor des Jahres 2008″ im EM-Spiel gegen Österreich. Sein Führungstreffer gegen Liechtenstein dürfte zur Wahl stehen, wenn das schönste/wichtigste/beste Tor des Monats März in Kürze gekürt wird. Gestern folgte dann gleich die nächste Bewerbung, diesmal mit dem Poststempel „1. April”. Möglich ist es, dass der 32-jährige innerhalb von vier Tagen gleich zwei Sportschau-Plaketten eingeheimst hat.

Rein sportlich dürfte Ballack damit eher zu den Gewinnern der Länderspielwoche zählen. Lange Zeit sah es so aus, als wäre ausschließlich er es, der die Watsch’n verteilt. Letztendlich hat ihm ein „junger Spieler”, der – rein sportlich – zuvor nur wenig Aufmerksamkeit erregt hatte, dann doch noch die Show gestohlen. Eltern geben ihren Schützlingen für ähnliche Situation auf dem Schulhof den klugen Rat, dem watschenden, boxenden und kneifenden Gegenüber einfach keine Aufmerksamkeit zu schenken. Also schalte ich an dieser Stelle auf Schulhof-Modus und widme mich den ungewatschten Gewinnern des Abends.

Über den Plural in diesem Fall lässt sich schon streiten. Den Singular beansprucht auf jeden Fall Robert Enke. Stürmer, die aus null Chancen ein Tor machen, werden zwischen Nord- und Südpol vergöttert. Torhütern, die aus keinem Torschuss mehrere Glanzparaden machen, müsste Ähnliches widerfahren. Circa 118 Minuten lang konnte er einer unentgeltlichen Nebentätigkeit als Platzwart nachgehen. Dann wurde er aus dem Nichts gefordert und war so da, wie man nur da sein kann.

Per Mertesacker trat vor allem neben seinem desorientierten und unsicheren Partner Tasci positiv in Erscheinung. Ansonsten beförderten Schweinsteiger, Podolski, Lahm und Co. vor allem eine Erkenntnis ans Tageslicht: Die Generation 1982+ muss endlich erwachsen werden. Mit 23 bis 26 Jahren ist es an der Zeit, Verantwortung auf dem Platz zu übernehmen und in die Fußstapfen derer zu treten, die schon dabei waren, als „Nur ein Rudi Völler” einst die Charts stürmte. Dass nicht gerade viele aktuelle Nationalspieler die WM 2002 vor Ort erlebt haben, verdeutlicht die Notwendigkeit dieses Schrittes auf der DFB-Leiter erst Recht. So eine kleine Watsch’n kurz vor Schluss kann da ganz schnell zum Sinnbild werden.

02. April 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Einspruch, Euer Ehren. Ich habe jetzt nicht nachgeschaut, aber neben Weitschüssen ist Ballack doch vor allem für seine Kopfballstärke, die auch oft zu Toren führte, bekannt. Ich nehme einfach mal an, dass das auch in der Nationalmannschaft der Fall war. Weil ich jetzt nicht 41 youtube-Videos durchwühlen werde, auch wenn mir einige Tore auch so noch präsent sind: das Halbfinal-1:0 gegen Südkorea, das 1:0 gegen Tschechien bei der EM 2004, das 3:0 (mit dem Kopf) gegen Saudi-Arabien, ein Kopfballtor zum 3:1 im EM-Viertelfinale gegen Portugal und … äh.

    Außerdem ist sicher ein nicht kleiner Anteil seiner Tore durch Elfmeter zustande gekommen.

  2. Einspruch nur teilweise angenommen. Klar, Ballacks Kopfballspiel ist genauso beeindruckend wie seine Schusstechnik und -kraft. Weltklasse, darf man ruhig mal sagen. Ist aber sicher auch eine Empfindungssache – Weitschüsse aus 30 Metern in den Winkel bleiben mir persönlich jetzt eher im Gedächtnis als vergleichsweise unspektakuläre Kopfbälle, egal wie wichtig sie waren. Dass man diese Diskussion überhaupt führen kann und auch muss, spricht ja dann letztendlich erst Recht für Ballack und seine Bedeutung für die Nationalmannschaft im neuen Jahrtausend.

    Hab’ grad mal nachgeguckt. 9 von 41 Toren vom Punkt erzielt. Wobei er ja selbst bei seinen Elfmetern stilbildend war: Mit allem, was im Fuß drinsteckt, knallhart in die Mitte.

    Und… ömm… mal kurz Klugscheißmodus : War das 1:0 gegen Tschechien nicht ein Weitschuss?

  3. Nein. Es war ein angeschnittener Ball von der Strafraumgrenze, was ich nicht als “Weitschuss” verbuchen würde. Aber meine Liste hatte auch keinen Anspruch darauf, nur Kopfbälle aufzulisten, sondern nur den Teil von Ballacks Toren, der mir spontan so einfiel. Unspontan wären es sicher noch ein paar mehr gewesen, aber es ging bei meiner Liste nicht um Kopfbälle.

  4. Ach so, dann hab’ ich das falsch verstanden. Südkorea war ja auch gar kein Kopfball, hätte ich mir also denken können. Vielleicht kommt unterm Strich einfach raus: Ballack ist verdammt torgefährlich, eben der torgefährlichste deutsche Nationalspieler aller Zeiten. Reicht ja eigentlich, um im Gedächtnis haften zu bleiben. Nich?

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