Mission 40/26: Nicht Fisch, nicht Fleisch

Gladbach spielt in Karlsruhe nur 0:0 und vergibt eine weitere Gelegenheit, sich Luft im Tabellenkeller zu verschaffen. Warum der verletzte Rob Friend ein Denkmal auf dem Mond bekommt, was Dante mit einem Steinbruch gemeinsam hat und wie in Karlsruhe die Klimarettung forciert wurde.

Die Tabelle lügt nicht. Irgendein Hobbyphilosoph hat diesen Klassiker unter den Phrasenschwein-Thesen einst zum Leben erweckt. Spätestens heute ist mir klar geworden: Unrecht hatte er damit nicht.

Der Fußball kennt viele Regeln und Bräuche, die ihn vom Gros der anderen Sportarten unterscheiden. Heute, nach einem 0:0 beim weiterhin torklammen Schlusslicht aus Karlsruhe, gehört das Unentschieden zweifellos zu den Erfindungen, über deren Sinn und Unsinn sich am meisten streiten lässt.

Einerseits hat bei einem Remis das Belohnprinzip Vorrang. Denn beide Mannschaften könnten unter Umständen zufrieden nach Hause gehen, was ansonsten gemeinhin nur im DFB-Pokal möglich ist, wenn sich ein Fünftligist über eine 0:4-Niederlage gegen einen Bundesligisten freut, der wiederum mit dem Erreichen der nächsten Runde ebenfalls im Soll ist.

Andererseits kann es ein Spiel ohne Sieger fertig bringen, beide Mannschaften ratlos in die kommende Woche zu schicken. So wähnen sich die einen unter Umständen am Abgrund, weil ein Punkt sie keinen Deut weiterbringt. Die anderen dagegen ärgern sich, dass sie bei einem Gegner, der schon derart verzweifelt agiert, nicht über einen Zähler hinausgekommen sind. Wer dieses Szenario im Duell Karlsruhe gegen Gladbach wiedererkennt, hat zwar nichts gewonnen, liegt aber vollkommen richtig. Konnte-nicht spielte zuhause 0:0 gegen Konnte-nicht-wollte-aber-auch-nicht-so-richtig. Spaß und Freude haben sich dabei unterzuordnen.

Wohl nur der Fußball bringt es also fertig, an einem sonnigen Sonntagabend in einer Betonschüssel 30.000 Menschen zu versammeln, die am Ende die Heimreise antreten, ohne einem Ereignis beigewohnt zu haben, das ihr Leben in irgendeiner Hinsicht bereichert hätte. Nichtsdestotrotz schaffen es Fußballfans dank ihrer Vorliebe für sportlichen Sadismus, selbst ein trostloses Spiel wie dieses von vorne bis hinten zu analysieren, als hätten 90 Minuten im Wildparkstadion gerade der Weltgeschichte eine entscheidende Wende gegeben.

Zwei Mannschaften kämpfen um den Abstieg, nicht dagegen

Über weite Strecken hatte es den Anschein, als kämpften der KSC und der VfL nicht gegen den Abstieg, sondern in erster Linie um die Qualifikation fürs illustre Starterfeld der Zweiten Liga. In dieser Hinsicht dürfte sich das Schlusslicht aus Baden also „gefühlter Sieger” nennen.

Rein personell stand das Spiel für die Borussia unter keinem guten Stern. Hans Meyer musste mit Marko Marin und Rob Friend auf zwei Spieler verzichten, die zusammen an 21 von 32 Saisontoren als Schützen oder Vorbereiter beteiligt waren. Vor allem bei Letzterem war ich von mir selbst verblüfft, dass ich ihn tatsächlich vermisst und die Nachricht von seiner Verletzung ausschließlich besorgt zur Kenntnis genommen habe.

Aber solch eine Saison zwischen herben Enttäuschungen und aufkeimender Hoffnung ist eben auch ein Wellenbad der Sympathiebekundungen. Da kann es vorkommen, dass man ein und denselben Spieler mehrfach pro Spielzeit zum Mond schießen und ihm ein paar Wochen später auf einmal ein Denkmal setzen will. Ein Denkmal auf dem Mond würde „Ranger Rob” unterm Strich wohl am besten zu Gesicht stehen. Jetzt fehlt er der Borussia jedenfalls für die nächsten Wochen im Abstiegskampf und führt damit unfreiwillig ein Problem vor Augen, das bis zur Länderspiel noch gar nicht als solches in Erscheinung getreten war: die dünne Personaldecke im Sturm.

Roberto Colautti ist nach 528 Minuten Einsatzzeit auch nach seinem Auftritt über die gesamte Spieldauer beim KSC immer noch ohne Bundesligator. Oliver Neuville wird langsam aber sicher von Mutter Natur auf den Boden der (Alters-)Tatsachen zurückgeholt, wirkt ausgebrannt und verbraucht. Moses Lamidi ist mit seinen 21 Jahren und sieben Erstligaspielen eben nicht mehr als eine Alternative im Angriff. Scheinbar haben sich die Problemzonen bei der Borussia fürs Erste verschoben.

Denn hinten feierte Winterneuzugang Dante im neunten Spiel der Rückrunde endlich sein Startelfdebüt. Mit ihm in der Innenverteidigung gab es das dritte Zu-Null der Saison, das zweite davon gegen den KSC. Somit hat er seinen Job tadellos erledigt. Dennoch schwebte über dem Wildpark ständig ein Hauch von Gohouri und Lucio. Solange Dantes Unberechenbarkeit nur dem Gegner zu schaffen macht, werde ich ganz gut damit auskommen. Wenn es darum ging, den Ball aus der Gefahrenzone zu befördern, hatte er Gott sei Dank nicht so viel für Poesie übrig wie sein dichtender Namensvetter aus Italien und setzte eher auf vergleichsweise resolutes Intervenieren. Alighieri, das klingt nach Kunst und Eleganz. Bonfim Costa Santos, das versprüht eher den Charme eines Steinbruchs und riecht gehörig nach Arbeit.

Ein Spiel wie Kurzarbeit und stehende Bänder bei Opel

Karlsruhe erlebte einen Gipfel der Humorlosigkeit. Torchancen am laufenden Band waren absolute Mangelware. Was beide Mannschaften in der Offensive fabrizierten, erinnerte vielmehr an Kurzarbeit und stehende Produktionsbänder bei Opel. Der KSC vergab seine Torchancen bisweilen wie ein Volltrunkener, dem die Tatsache zu schaffen macht, dass er es optisch mit zwei Torhütern, zwei Querlatten und vier Pfosten aufnehmen muss. Die Borussia dagegen war jedesmal, wenn sie vor dem Tor von Markus Miller auftauchte, scheinbar so perplex, dass sie den Ball vor lauter Verblüffung in den frühlingshaften Abendhimmel setzte. Unterm Strich war es eines dieser Spiele voller Verzweiflung und Behäbigkeit, bei dem man als Zuschauer im Stadion schon völlig aus dem Häuschen ist, wenn die Stadtsparkasse zur Pause kleine Gummibälle von der vereinseigenen C-Jugend auf die Tribüne schießen lässt. Ob es in Karlsruhe eine solche Aktion gab, ist mir nicht bekannt. Den 29.380 zahlenden Fans sei es jedoch gegönnt.

Die Borussia agierte über weite Strecken verblüffend passiv, als habe sie in der Schule beim Thema „Drei-Punkte-Regel” krankheitsbedingt gefehlt. Vielleicht wäre es nicht verkehrt, bei engen und remisverdächtigen Spielen lieber das Heil in der Flucht nach vorne zu suchen. Mathematisch gesehen müsste die Alles-oder-Nichts-Taktik genauso oft auf- wie nach hinten losgehen. Macht im Erfolgsfall zwei Punkte mehr und schlimmstenfalls einen weniger.

Doch in Gladbach lässt man sich lieber Zeit mit dem Klassenerhalt. Warum möglichst schnell und einfach die nötigen Zähler einheimsen, wenn man sich auch erst in der Relegation durch einen Erfolg im Elfmeterschießen retten kann? Hitchcock würde in seinem Grab vor Freude die Becker-Faust ballen, wenn er das mitbekäme. Am Niederrhein hat man eben das richtige Händchen für Dramaturgie – hoffentlich auch eines bei der Behandlung von Herzinfarkten.

Optimistisch stimmt es mich, dass sich die Herzinfarktgefahr eher in Grenzen hielt. Einerseits machte der KSC nicht gerade den Eindruck, mit einer einzigen Aktion alles zunichte machen zu können. Andererseits hielt sich die Borussia so vornehm vom gegnerischen Tor fern, dass der Puls – für Gladbach-Spiele eher untypisch – nahezu konstant im zweistelligen Bereich lag. Die Lattentreffer von Colautti und Freis sorgten für zwei der wenigen Ausreißer nach oben. Dass selbst in Sachen Pech bzw. Glück mit dem Aluminium kein eindeutiger Sieger zu küren war, spricht für die Gerechtigkeit dieses Unentschiedens zwischen nihilistischen Karlsruhern und minimalistischen Gladbachern.

Zwei Mannschaften unterwegs in Sachen Klimarettung

Schiedsrichter Wolfgang Stark pfiff insgesamt nur 23 Fouls. Zum Vergleich: Beim Spiel Frankfurt gegen Cottbus, ebenfalls ein Abstiegsduell, ahndete Peter Gagelmann gleich 54 Regelverstöße. Hatte also ganz den Anschein, als wollten Gladbach und der KSC auf diese Art und Weise ihren eigenen Beitrag zur Klimarettung leisten – weniger Pfiffe gleich geringerer Kohlendioxid-Ausstoß.

Auch in anderen Bereichen neutralisierten sich die beiden Kreativitäts-Asketen weitestgehend. Karlsruhe beanspruchte 54,4% aller Ballkontakte für sich, während die Borussia 6 von 10 Zweikämpfen gewann – in der Luft sogar knapp 85 Prozent. Eine derart überlegene Bilanz, was die Luft- und Bodenduelle mit dem Gegner angeht, spricht normalerweise eine deutliche Sprache und kann getrost aufs Endergebnis übertragen werden. Über die Bedeutung von Fußballgesetzen für die Borussia habe ich mich jedoch schon häufig genug ausgelassen. Gehorsam gegenüber Gesetzmäßigkeiten – Fehlanzeige.

Weil bis auf den KSC und Eintracht Frankfurt alle Kontrahenten ihre Spiele verloren, hat der 26. Spieltag die Borussia sogar wieder einen Schritt nach vorne gebracht. Den Abstand zum rettenden Ufer verkürzt, den Vorsprung auf Cottbus vergrößert – all das passt zur Ironie dieses Auftritts in Karlsruhe, der für sich allein ziemlich schwer einzuordnen ist. Einerseits pocht im Hinterkopf die Gewissheit, dass wohl noch um die zehn Punkte nötig sein werden für den Klassenerhalt. Wenn nicht beim Schlusslicht, wo soll man dann damit beginnen? Andererseits weiß ich jedoch um die soziale Ader des VfL. Und irgendwie verwundert es mich also, dass die Torabstinenz des KSC nach 90 Minuten gegen die Borussia noch immer Bestand hat. Überhaupt spielte Gladbach erstmals seit 47 Spielen wieder 0:0 (zuletzt am 12. November 2007 bei 1860 München).

These von der ehrlichen Tabelle belegt

Die heiße Phase der Saison hat begonnen. Während das Treiben auf dem Platz eher Erinnerungen an trübe Novembertage weckte, versprühte die badische Frühlingssonne den Charme der Entscheidungszeit. Da die Borussia nun schon aus dem zweiten Schicksalsspiel in Folge sieglos hervorgegangen ist, manifestiert sich der Eindruck, dass es einzig und allein darum geht, mindestens zwei Vereine zu finden, die schwächer sind. Mit dem KSC könnte man den ersten Kandidaten gefunden haben. Cottbus hat zuletzt ebenfalls eindringliche Bewerbungen eingereicht, hat sich jedoch in den letzten Jahren nur bedingt um fußballerische Evolutionstheorien geschert.

Die anderen Mannschaften von Bielefeld und Frankfurt wirken dagegen etwas gefestigter und insgesamt den einen oder anderen Punkt stärker als die Borussia – zumindest für den Moment. Womit die These von der ehrlichen Tabelle einmal mehr belegt wäre. Auch am Ende der Saison wird sie nicht lügen. Die Duelle mit Frankfurt, Bielefeld und Cottbus werden die Wahrheit schlussendlich ans Licht bringen. Ungeschönt und gnadenlos – eben Abstiegskampf in Reinkultur.

05. April 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schreibe einen Kommentar

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