SymEmpathie für FCB

Dass die Bayern mit dem einen oder anderen Problemchen zu kämpfen haben, ist offensichtlich. Doch ist das -chen in Wirklichkeit nicht überflüssig und das eine oder andere Problem ziemlich handfest?

Das Rot seines Schals wirkte ziemlich farblos im Vergleich zum grellen Gesichtston. Uli Hoeneß’ Blutdruck hatte sich gefühlt der Vierstelligkeit genähert. Die ablassbereite Luft in den Lungen ließ er jedoch drin – wie immer eigentlich, wenn seine Bayern eine sportliche Ohrfeige verpasst bekommen haben. Zumindest direkt nach dem Spiel.

Überhaupt dominierte unmittelbar nach der 1:5-Demontage in Wolfsburg, der höchsten Ligapleite seit sieben Jahren, das Grün-Weiß der Gastgeber im Pressebereich. Nein, ich war nicht da, aber es muss wohl so gewesen sein. Es war einer dieser Tage, an denen ein patziges „kein Kommentar” auf Seiten des Rekordmeisters Hochkonjunktur hat.

Ich gehe mal mit Empathie an die Sache und stelle mir vor, ich wäre Anhänger des FC Bayern. Schwierig, aber ich versuch’s.

Entweder schreiten Spieler, Trainer und Funktionäre meines Vereins nach dem Spiel majestätisch zum Mikrofon, während die zahlenden Zuschauer im Hintergrund einen „Tag, so wunderschön wie heute” preisen, der nie vergehen möge. Die Tabellenspitze wird fürs nächste Wochenende versprochen wie Steuersenkungen vor einer Bundestagswahl und der Osterhase ist nun wirklich der Osterhase. Kein Weihnachtsmann. Aber der war ja bekanntlich noch nie der Osterhase.

Oder aber, es herrscht dicke Luft und die Beschreibung der verbalen Aktivitäten fällt relativ kurz aus: „Kein Kommentar”. Wähler- bzw. fanfreundlich ist das nicht. Der spendable Anhänger mag seinen Anteil am Vereinsumsatz zwar gerne gehörig überschätzen. Wer aber jährlich hunderte von Euro für Eintrittskarten, Mitgliedschaften und Fanartikel hinblättert, der möchte dann doch gerne wissen, warum der zweite Einwechselspieler aus dem defensiven Mittelfeld, dessen letztes Monatsgehalt  er – der Fan – sozusagen aus eigener Tasche bezahlt hat, sich mal wieder austanzen ließ wie ein Volltrunkener beim „Fliegerlied” auf dem Oktoberfest. Nicht erst seit „ihr seid doch für die Scheißstimmung verantwortlich” wird Basisdemokratie an der Säbener Straße klein geschrieben – 6 pt, allerhöchstens.

Trainingsgelände, Stadion, Betreuerstab, Festgeldkonto, Titel, Tradition – fast überall setzen die Bayern, objektiv gesehen, Maßstäbe, sie können mit Verlaub in vielerlei Hinsicht als das Nonplusultra bezeichnet werden. Doch wenn ich an das eigentliche Problem des Rekordmeisters denke, wandern meine Augen reflexartig ein paar Pixel nach oben auf dieser Seite. „Entscheidend is auf’m Platz” steht da weiß auf Sitzschale (die übrigens aus dem Münchner Olympiastadion stammt, aber das nur by the way). Und an dieser Stelle kann man ein weiteres Mal empathisch werden: Wäre ich Bayern-Fan, würden die Zusammensetzung meiner Mannschaft und ihre Spielweise meine Stirn in Falten legen, gegen die der Grand Canyon eine mickrige Erdvertiefung ist.

Da wäre, erstens: der Torwart

Michael Rensing ist zweifellos ein talentierter Bursche. Wobei sich über diese Bezeichnung bei einem fast 25-jährigen schon streiten lässt. Rensing debütierte im Bayern-Trikot, als Oliver Kahn noch nicht allzu lange seine „Titanisierung” erfahren hatte. Und wer den 39-jährigen mittlerweile mit Herrn Tönnies beim Wurstessen in Rheda-Wiedenbrück sieht, der merkt, wie lange das her sein muss. Rensing ist ein Guter, vielleicht schafft er es in Zukunft auch noch, ein „sehr” davorzusetzen. Doch wer die Ahnenreihe deutscher Nationaltorhüter sieht, der weiß, dass ein „sehr gut” nur für die undankbare Nebenrolle reicht. Einzig das Argument, dass andere Topklubs – wie Barça mit Victor Valdés oder Arsenal mit Manuel Almunia – ebenfalls nur ordentliche, aber keine Weltklasse-Keeper beschäftigen, taugt als amtliche Entschuldigung, um Rensing eine Zukunft im Bayern-Tor zu bescheren, die noch in die nächste Dekade hereinreicht.

Zweites Problem: die Altersstruktur

Lucio, van Buyten, Oddo, van Bommel, Zé Roberto – alle haben ihren Zenit erreicht, sind teilweise sogar darüber hinweg. Was in München als Erfahrung angepriesen wird, ist anderorts als Altersträgheit und Starrsinn verschrien. Die oben Genannten müssen nicht gleich altersbedingt geschasst werden. Eine Umorientierung im Mannschaftsgefüge wäre dennoch ratsam. Denn hinzu kommen mit Lell, Ottl, Breno und Sosa noch einige Akteure, die selbst auf dem Gipfel ihres Könnens nicht den gehobenen Ansprüchen genügen werden oder gar maßlos überschätzt sind. Bleiben unterm Strich Lahm, Schweinsteiger, Ribéry, Klose und Toni, die dem FC Bayern im Jahr 2009 ein Gesicht geben, das mit den Zielen des Vereins einigermaßen konform geht.

Drittens: die Abhängigkeit vom fast-magischen Dreieck

Miro Klose fällt aus und schon verkommt Luca Toni zum Alleinunterhalter im Sturm, weil sein Nebenmann nur noch Ohrfeigen verteilt und als Pixel auf dem Monitor existiert. Für einen Alleinunterhalter stellt sich Toni, wie gegen Wolfsburg, nicht einmal schlecht an. Er macht sein Tor, doch anschließend bleibt ihm kaum etwas anderes übrig, als in einer Audienz beim Papst um kirchlichen Beistand zu bitten, während hinten Lell, Lucio, Lahm und Konsorten selbiges tun – weil ihnen auch nichts anderes mehr einfällt.

Franck Ribéry setzt dem ganzen als Wetterfrosch auf der Bayern-Leiter die Krone auf. Hustet Ribéry, hat das Spiel des Rekordmeisters gleich eine Erkältung. Läuft es bei ihm wie aus einem Guss, wird das Spiel seiner Mannschaft dem Umfeld neben dem Platz gleich wieder gerecht.

Viertens und letztens: die Alternativen

22 Spieler hat Jürgen Klinsmann bislang eingesetzt, zwei haben den Verein in der Zwischenzeit verlassen, einer ist erst einmal eingesetzt worden, ein anderer mit dem Kopf längst woanders. Während anderen Trainern schon die Zusammensetzung des 18er-Kaders für den Spieltag Kopfzerbrechen bereitet, hat Jürgen Klinsmann mit der Qual der mangelnden Wahl zu kämpfen. Könnte man Geld auf seine Auswechslungen setzen (was man mit Sicherheit kann), ließe sich damit nicht viel gewinnen.

Ein ordentliches Ergebnis in Barcelona würde also jegliche Logik ad absurdum führen. Karl-Heinz Rummenigge hat wohl nicht einmal zu hoch gegriffen, als er an die deutsche Nationalmannschaft von 1954 erinnerte, die erst acht Tore von den Ungarn eingeschenkt bekam, um anschließend mit einem 3:2-Endspielsieg eine ganze Nation wiederzubeleben. Aus Bayernsicht riecht es morgen Abend jedoch eher nach Frustration als nach Rehabilitation. Ein hohes Maß an Empathie ist für die Erkenntnis nicht vonnöten.

07. April 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf, Innenrist | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. 2 Dinge:

    Ich glaube ich habe noch niergends einen Beitrag über Rensing gelesen, dem nicht die Feststellung voraus ging, dass er „ein Guter“ sei. Erstaunlich, dass daran so festgehalten wird. Immer wenn ich ihn gesehen habe war er durchschnittlich.

    Ich finde es schade, dass Klinsmann nicht „gemacht hat“. Er kam und hat vieles verändert (auf dem Platz meine ich, scheiß aus die Buddha-Figuren). Er verlor ein paar Spiele und drehte alles zurück. Nun lässt er spielen wie zuvor und ist als Kopie einfach viel schlechter als das Original Ottmar Hitzfeld. Vielleicht werden sie Meister, weil sie die besten Einzelkönner haben. Was an der Mannschaft, an deren Spiel noch „Klinsmann“ ist, wird einem aber niemand sagen können.

  2. Hitzfeld-Kopie. Nur schlechter. Denke, das kann man so unterschreiben.

    Ob sie auch Meister werden? Ich habe in meinem Leben, mal eben nachzählen, fünf Spielzeiten erlebt, in denen die Bayern nicht Meister geworden sind (96, 98, 02, 04, 07). Immer war eine Mannschaft ganz einfach besser – über die gesamte Saison -, oder die Bayern waren so schlecht, dass sie selbst mit Dusel usw. nicht Erster werden konnten. Im Moment haben wir eher so ein Mittelding. Und in dieser Konstellation sind die Bayern meist trotzdem Meister geworden, 2000 und 2001 zum Beispiel.

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