Fohlengeflüster (16): Wie so oft

Die Borussia hat eine dumme Angewohnheit. Fehler derselben Art macht sie stets häufiger als nur einmal, weshalb gewisse Züge des Spiels in Osnabrück dem genauen Betrachter relativ bekannt vorkommen dürften. Doch zum Glück macht sie einige Dinge auch häufiger richtig. Sonst würde sie nicht trotz anhaltender Sieglosigkeit erneut den Platz an der Sonne behalten.

Wir schreiben den 3.September 2007. Gladbach empfängt nach der Offenbarung von Mainz, dem kläglichen und Angst erregenden 1:4, den VfL Osnabrück im eigenen Stadion. Die Fohlen sind noch ohne Sieg. Nach einem 1:1 zum Auftakt in Kaiserslautern hatte man gegen Hoffenheim nur ein torloses Remis erreicht und war anschließend, wie gesagt, in Mainz untergegangen. Es unkte aus allen Ecken. Die Laubsäge, mit der der Trainerstuhl gekappt werden sollte, war provisorisch schon einmal auf Hochglanz poliert worden, falls auch im zweiten Heimspiel gegen den zweiten Aufsteiger kein Dreier herausspringen sollte.

An diesem Sonntagmorgen im Spätsommer letzten Jahres (12:30 Uhr ist im Alter von 18 Jahren am Wochenende auf jeden Fall noch in die Morgenstunden zu schieben) trug ein Fan der Borussia in Block 17A eine Jeans der Marke BlueRidge, einen braunen Ledergürtel und auf seinen Schultern ruhten, frisch gewaschen, gleich zwei Trikots – ein weißes aus dem Jahr 2004 und die neue Ausgabe von 2007 in der anderen Vereinsfarbe grün. Gladbach siegte dank zweier Tore von Oliver Neuville und viel Dusel mit 2:1. Es war der Beginn einer sechs Spiele andauernden Siegesserie, eines Sturms an die Spitze und einer Periode von 170 Tagen ohne Niederlage im Unterhaus.

Zwei Wochen nach Ablauf dieser 170 Tage besinnt sich derselbe 18-jährige auf die Anfänge einer bisher doch recht erfreulichen Saison, die derzeit einen merkwürdigen und beunruhigenden Verlauf nimmt. Er packt dieselbe Hose aus, spannt denselben Gürtel ein, holt die erneut frisch gewaschenen Trikots aus dem Schrank, packt sogar sein inzwischen defektes Handy von damals in die Hosentasche und setzt sich erwartungsvoll vor den Fernseher. Denn erneut heißt der Gegner Osnabrück.

Erneut hatte Gladbach gegen Lautern nur 1:1 gespielt. Nach einem 2:4 in Hoffenheim, das im Vergleich zur Hinrunde (selbstverständlich) auf deren fortwährende Einkaufstour à la Monopoly zurückzuführen ist, und einer knappen Niederlage gegen Mainz, stehen die Sterne ähnlich schlecht für den Rekordmeister der Jahre 1970-1977 wie Anfang September des Vorjahres. Ein Sieg sollte es an der Bremer Brücke trotz lila-weißer Heimstärke schon sein. Das Stadion der Niedersachsen trägt mittlerweile übrigens den merkwürdigen Namen Osnatel-Arena. Da fragt sich der überzeugte Stadionnamenverkaufsgegner, ob die Bremer Brücke – die es sicherlich wirklich irgendwo auf dieser Welt gibt – nicht sogar einen Tick mehr gezahlt hätte als eine Firma, die sich außerhalb der Stadtgrenzen von Osnabrück weniger Bekanntheit erfreuen dürfte als die Hauptstadt von Tadschikistan (Duschanbe – für alle Geografie-Freaks unter uns).

Nun gut, dann dennoch zurück zum Spiel, auch wenn es letztendlich schwer fällt. Im Prinzip ist um 13:59 Uhr also alles geebnet für den Start einer erneuten Traumserie – „Hinrunde Reloaded“ sozusagen.

Das enge Stadion ist gut gefüllt, die Stimmung prächtig und irgendwie kommen in mir Erinnerungen an alte Bökelberg-Zeiten hoch: Bratwurstgeruch an den Eingängen, Moos auf den steilen Stehplatztribünen, eine hitzige Atmosphäre und ein Publikum, das seine Mannschaft bedingungslos nach vorne peitscht. Ich wehre mich eigentlich immer dagegen, von „guten alten Zeiten“ zu sprechen, aber wer mir weiß machen will, dass das Erlebnis Live-Fußball im Borussia-Park mehr zu bieten hat als seinerzeit der Bökelberg, kann nur finanzielle Aspekte dafür verantwortlich machen. Denn schließlich konnte eine damit verbundene Etatsteigerung um zig Millionen Euro auch nicht verhindern, dass der Gegner in lila-weiß heute Nachmittag nicht AC Florenz, sondern VfL Osnabrück heißt.

Und jener VfL in lila beginnt weitaus engagierter als sein Namensvetter in tannengrün. Christofer Heimeroth sorgt für erste Unruhe, indem er einen Befreiungsschlag vor die Füße eines Osnabrückers setzt. Doch Gladbach kommt wie so oft in der Fremde schnell in Fahrt, ohne sich kontinuierlich warm zu spielen, sondern schlägt sofort eiskalt zu. Gohouri, mit dem wieder genesenen Brouwers in der Innenverteidigung, passt zielgenau und mit Gefühl über 50 Meter in den Strafraum. Rob Friend nimmt den Ball elegant mit der Brust an und setzt den Ball aus spitzem Winkel knallhart ins lange Eck. Zum sechsten Mal trifft der Kanadier in einem Auswärtsspiel, die bisherigen fünf Partien resultierten jeweils in einem von bisher genau fünf Gladbacher Siegen auf fremdem Platz.

Doch wie so oft („wie so oft“ ist heute übrigens der Ausdruck des Tages) beherrscht der Tabellenführer keineswegs das Spiel. Der Gastgeber Osnabrück ackert, was das Zeug hält, und erarbeitet sich Torchance um Torchance. Keeper Heimeroth wandelt dabei stets zwischen erfüllter Pflicht und Wahnsinn. Erst klärt er den Ball in der Manier eines Pinguins mit einer Hand aus dem Strafraum, eine Sekunde später ist er auf dem Posten und pariert den Versuch des heranrutschenden Manno.

Der Ausgleich nach einer halben Stunde fällt also alles andere als aus heiterem Himmel, jedoch zweifellos unglücklich aus Gladbacher Sicht. Cichon passt einen Freistoß 30 Meter vor dem Tor quer. Schuon nimmt Maß und irgendwie landet der Ball nach einer kuriosen Flugbahn im linken Eck. Daems hatte sich klein gemacht, anstatt sich dem Schuss entgegen zu werfen, den Ball somit abgefälscht und Heimeroth steht einen Tick zu weit rechts. Schon fehlt ihm der ominöse Schritt, um das Gegentor zu vermeiden. Der oft geschmähte Keeper der Borussia sieht schlecht aus, ist jedoch weitestgehend von jeder Schuld freizusprechen.

Und ohnehin dauert es nicht lange, bis das 1:1 schon wieder der Vergangenheit angehört. Nach einem Freistoß von Coulibaly gibt es zwar unberechtigterweise einen Eckball, worüber sich Osnabrücks Coach Pele Wollitz berechtigterweise echauffiert. Doch das hindert Rob Friend nicht daran, mit dem Kopf nach der Hereingabe von Ndjeng die erneute Gladbacher Führung zu erzielen. Im Duell mit Schanda hatte er sich robust, aber wohl im Rahmen der Legalität, den Weg frei gemacht, um dann jeden seiner 194 cm Körpergröße in der Luft auszuspielen. Dabei trifft er das Leder exakt mit der Stelle seiner Stirn, die am Montag nach der Partie gegen Mainz noch mit 13 Stichen genäht worden war. Wenn die Borussia doch nur mehr Kämpfer dieses Kalibers hätte, die dennoch fußballerische Klasse besitzen. Denn im Anschluss bietet sich dasselbe Bild wie zuvor: Osnabrück drückt weiter, Gladbach wehrt sich nur so gut es kann. Heimeroth pariert vor der Pause zweimal gut. Im Übrigen war Schuons Treffer zum 1:1 erst Gladbachs sechstes Gegentor in den ersten 45 Minuten.

Der Unterhaltungswert der zweiten Hälfte kann sich mit dem der ersten jedoch kaum messen. Gladbach hält den Gegner in Schach und verwaltet die Führung so gut es geht. Friend hat das im Falle eines Falles wohl vorentscheidende 3:1 erst auf dem Kopf, als er sich aber mit einem Foul in Position gebracht hatte. Dann hat er es auf dem Fuß, nachdem Neuville gut in die Gasse auf Paauwe gepasst hatte, der den Ball in die Mitte brachte. Doch der herausstürmende Osnabrücker Keeper Gößling hält sein Team blendend im Spiel.

Nach 66 Minuten ist der Arbeitstag für Gladbachs Doppeltorschützen beendet. Jos Luhukay kann sich die Auswechslung seines Topstürmers zu diesem Zeitpunkt scheinbar leisten. Alles sieht nach dem ersten Sieg im Jahr 2008 aus. Bisher hatte immer ein Dreier zu Buche gestanden, wenn Friend erfolgreich gewesen war. Der Gebrauch der Vergangenheit kommt hier nicht zufällig zustande. Denn nach der 76.Minute lässt sich wahrhaftig sagen, dass Gladbach immer gewonnen hatte, wenn Friend getroffen hatte.

Im Zweikampf mit Voigt schnürt Reichenberger geschickt seine Beine um das rechte seines Gegenspielers, so dass er gar nicht mehr anders kann, als zu fallen, sobald sich Voigt aktiv gegen den Klammergriff um sein Standbein wehrt. Auch nach mehrmaligem Nachstellen dieser Szene auf dem Wohnzimmerteppich bleibt der Entschluss: Den Elfmeter muss man nicht geben. Doch wie so oft (da wär’ es wieder) siegt Cleverness gegen Stümperhaftigkeit. Cichon nimmt die Mischung aus Geschenk und Berechtigung dankend an und erzielt aus 11 Metern den letztlich verdienten Ausgleich – verdient, weil bekanntlich 90 Minuten zu einem Fußballspiel gehören.

Es hätte solch eine perfekte Inszenierung sein können. Der endgültige Triumph des Aberglaubens über die Realität. Doch letztere hat uns (wie so oft) auf den rauen Boden der Tatsachen zurückgeholt. Und dann fällt es mir nach Abpfiff wie Schuppen von den Augen. Seit September 2007 habe ich doch tatsächlich zwei Handys verschlissen. In meiner Hosentasche ruhte also nicht dasselbe Modell wie einst vor fast einem halben Jahr, sondern lediglich dessen Nachfolger. Ich hatte es persönlich verbockt.

Wenn die Borussia zum vierten Mal in den letzten fünf Partien eine Führung noch aus der Hand gibt, sich erneut vor lauter Verwaltungsfußball das Genick bricht und die Tabellenführung schon wieder nicht los geworden ist, dann schiebt der am Rande des Wahnsinns befindliche Fan zwangsläufig die Schuld auf sich selbst und vergisst, dass nicht er es war, der versäumt hat, das 3:1 zu erzielen, sondern die elf Mann auf dem Platz, die ihm ein weiteres Mal den Sonntag versaut haben. Zum dritten Mal in Folge stagniert der Vorsprung auf den Tabellenzweiten bei zwei Zählern. St.Pauli zeigte sich zu gnädig, spielte unentschieden gegen Fürth und zementiert somit erneut das eigentliche Bild der Freude, welches nunmehr seit dem 7.Oktober letzten Jahres Bestand hat.

Nur allzu gerne würde ich zur Abwechslung etwas anderes resümieren, aber es geht einfach nicht. Zum vierten Mal in diesem Kalenderjahr ist die Borussia trotz fragwürdiger Entscheidungen nicht am Schiedsrichter, sondern allein an sich selbst gescheitert. Und zum vierten Mal bleibt mir zum Schluss nichts anderes übrig, als zu sagen: Am Ende werden die drei Vereine die Nase vorn haben, die sich am wenigsten dumm anstellen. Und nach derzeitigem Stand in der “Tabelle der Dummen” bekommt die Borussia dies trotz anhaltender Sieglosigkeit immer noch am besten hin.

24. Februar 2008 von Jannik Sorgatz
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