Dreimal X-Taste, Schuss, Tor

Barcelona trumpfte auf wie an der Spielkonsole und lieferte eine formvollendete Inkarnation der Leichtigkeit ab. Zu Füßen der Katalanen lag 90 Minuten lang ein demontierter Respektverein, dessen Authorität mit jeder Unzulänglichkeit weiterbröckelte.

Der Reporter kam gar nicht mehr heraus aus dem Präteritum: „Er hatte wenige Chancen, etwas zu verändern”, „er konnte letztendlich wenig bewirken”. Und dann sogar ein wenig Perfekt – wo die Gegenwart vollendet ist, gibt es bekanntlich selten eine Zukunft.

Um kurz vor halb eins auf WDR 2 – ich hatte mitten in den Bericht über Jürgen Klinsmann hinein geschaltet – hatte es zunächst ganz den Anschein, als sei eine sofortige Trennung bereits beschlossenen Sache. Doch die Ehe auf Zeit rennt zwar unaufhaltbar auf ihre Scheidung zu, hat aber vorerst Bestand. Klinsmann und der FC Bayern haben ihre Hand schon an der Klinke des Standesamtes – und diesmal wird kein Reis fliegen, es wird keinen Brautstrauß und auch keinen Sektempfang geben. Wohl spätestens nach Saisonende wird der „Klub der Ex-Trainer” um Rehhagel, Trappatoni, Magath und Hitzfeld einen Neuzugang begrüßen. So dürfte die Zukunft aussehen.

„Offenbarung” nennen es die einen, „Waterloo” die anderen. Doch gegen das, was sich gestern vor allem vor der Pause abspielte, kann Napoleons epische Niederlage in Belgien noch als Achtungserfolg bezeichnet werden. Man hatte das Gefühl, Messi, Eto’o und Henry würden mit jedem ihrer Geistesblitze einen dicken Stein vom Fels der Bayern-Aura abbröckeln lassen. Der Respekt floss mit jeder gelungenen Aktion des Gegners und jedem stümperhaft geführten Zweikampf von Lell, Breno und Co. dahin wie ein „After Eight” bei 30°C in der Hosentasche.

1995 war ich zum ersten Mal im Stadion, vor nunmehr fast 14 Jahren habe ich mein erstes Fußballspiel im Fernsehen geguckt, an das ich mich heute noch erinnern kann. Nimmt man alle Wettbewerbe zusammen, an denen der FC Bayern in dieser Zeit teilgenommen hat, kommt man auf insgesamt 51 Auftritte – Bundesliga (13x), DFB-Pokal (13x), Ligapokal (11x), Champions League (10x), UEFA-Cup (3x), Weltpokal (1x). In dieser Epoche stehen acht Meisterschaften, sechs DFB-Pokal- und sechs Ligapokal-Siege, je ein Erfolg in der Champions League, im UEFA-Cup und im Weltpokal zu Buche. Bedeutet für mein Fußball-Leben: Wenn der Sieger eines Wettbewerbes geehrt wurde, in dessen Starterfeld der FC Bayern München vertreten war, war es in 23 von 51 Fällen eben jener FCB, der den Pokal entgegennahm. Macht 45 Prozent.

Über die Jahre häuft sich dadurch einiges an Respekt an – in erster Linie traumatischer Natur, Hochachtung ist wenig dabei. Gestern in Nou Camp konnte man 90 Minuten lang den Eindruck gewinnen, ein alter Gegner liege altersschwach, demontiert und entwürdigt am Boden. Es war so schlimm, dass neben all der Schadenfreude sogar ein Anflug von Mitleid dabei war. Wenn sogar Udo Lattek weint, muss es ja wirklich hart sein.

Barça dagegen vermittelte eine Leichtigkeit, wie man sie sonst nur von der PlayStation kennt. Dreimal X-Taste, Schuss, Tor – so ging das insgesamt viermal. Sogar das Raunen der Zuschauer im Hintergrund wirkte animiert, wie von der Konsole. Am Ende spielten sie sogar Fußballtennis im Strafraum des Gegners, mit Jörg Butt als Netz.

Kalle Rummenigge fand nach dem Spiel nicht einmal mehr die Muße, eine bessere bzw. weniger apokalyptische zweite Hälfte hervorzuheben. Vielleicht wollte er sich auch einfach nur nicht ausmalen, wie das Ergebnis hätte lauten können, wenn Barcelona den Controller bis zum Ende entschlossen in der Hand behalten und nicht nach der Pause allmählich beiseite gelegt hätte. Bis zur Zweistelligkeit – und noch viel weiter.

09. April 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auswärtiges Amt, Innenrist | Schreibe einen Kommentar

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