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Rückpass Nürnberg: Licht und Schatten

Mit dem „Rückpass“ bringt die neue Saison auch eine neue Rubrik bei „Entscheidend is auf‘m Platz“. Da die Kicker-Noten in der Regel so ausgiebig diskutiert werden wie das neueste ZDF-Politbarometer, dienen sie hier als Ausgangspunkt. Zustimmung? Zu streng? Zu gutmütig? All das wird von nun an jeden Dienstag hier Thema sein. Los geht‘s mit dem Nürnberg-Spiel.

Logan Bailly (Kicker-Note 2): Bekam bei Pinolas erstem Warnschuss die ganze Flatter-Wucht des runden Kollegen „Torfabrik“ zu spüren. Machte das Beste draus und rettete wenig später erneut gut gegen Gündogan. Ihn beim Herauslaufen zu beobachten, glich wie immer einem DVD-Abend mit vier Psychothrillern. Seine Parade gegen Schieber hielt in der 73. den Punkt fest – da geht die 2 schon in Ordnung.

Filip Daems (Note 3,5): Man kramt rum im Kopf und überlegt, was haften geblieben ist. Überraschend für den Captain: Sowohl positiv als auch negativ kann ich mich nur an seinen Vorstoß samt Schussversuch kurz nach dem 1:1 erinnern. Spricht für eine wenig aufsehenerregende, solide Leistung. 48 Ballkontakte sind etwas wenig für einen Linksverteidiger, aber da kann er nicht unbedingt am meisten für. 3,5 – passt schon.

Roel Brouwers (Note 4,5): Wie er unter der Flanke zum 0:1 durchsegelte, verdiente sich schon das Prädikat „kapitaler Schnitzer“. Ansonsten sehr hölzern in der Spieleröffnung und auch im Zweikampf nicht immer souveräner Herrscher. Macht gefühlt nach dem ebenso schwachen Aue-Spiele ein „mangelhaft“, ohne Vereinsbrille ist die 4,5 gerechtfertigt.

Dante (Note 2,5): Ob der Kicker so etwas wie besonderen Einsatz beim Zetern, Ärgern und Aufregen berücksichtigt? Da war Dante, den die dürftige Leistung offensichtlich wurmte, stets ganz vorne dabei. Gegeben hat er, wie immer, alles. Traute sich zudem einige Vorstöße zu. Leider fiel ihm häufiger nichts anderes ein als der lange Pass in die Spitze, „bereitete“ so einige Abseitsstellungen vor. Trotzdem souveräner Auftritt mit verdienter 2,5.

Tobias Levels (Note 3): War in der Offensive wie gewohnt präsenter als Daems, wagte aber noch zu selten einen Vorstoß zur Grundlinie. Hinten ohne große Blöße, aber auch wenig gefordert. Was macht der Kicker da? Zückt die berühmte Standard-3. Irgendwas wird er sich dabei ja denken.

Michael Bradley (Note 3): Stets bemühte Leistung des WM-Fahrers. Wobei das nicht immer das beste Zeugnis ist. Schlüpfte merkwürdigerweise häufiger in die Marx-Rolle als defensiver Part der Doppelsechs. Nicht immer genau bei Zuspielen, dafür mit zwei feinen Offensivaktionen (Heber und Schuss). Guter Auftritt minus einiger Fehler macht eine gerechtfertigte 3.

Thorben Marx (Note 3,5): Traute sich einiges nach vorne zu, während er sich neben dem offensiveren Bradley sonst eher zurückhält. Dabei gelang ihm leider nicht allzu viel. Dass aus der Distanz zu viele Schüsse aufs Tor kommen, ist in der Regel seiner und Bradleys „Verdienst“. Abgestellt ist die Krankheit aus der vergangenen Saison noch nicht. Fand ihn vielleicht sogar mehr als eine Nuance schwächer als Bradley. 4 wäre auch in Ordnung gewesen.

Juan Arango (Note 5): „Ich dachte, der wär‘ in Topform“, sagte mir meine Mutter im Stadion mehr als nur einmal und schaute mich fragend an. Seinen Auftritt gegen Liverpool, endlich als Aran-Go, hatte sie leider nicht gesehen. Jetzt schlüpfte er wieder in die alte Rolle von Aran-Stand. Schwache Standards, kaum Einsatz, legte das Flügelspiel so leider lahm. Da geht nur eine 5.

Marco Reus (Note 3): Beim Kicker gehen Torbeteiligungen scheinbar über alles und katapultieren die Note in ansonsten unverdiente Sphären. Marco Reus kam bis auf seinen Pass auf Mo Idrissou 90 Minuten lang nicht in Fahrt, wirkte beinahe vom Arango-Syndrom infiziert und versteckte sich auf der Außenbahn. Zog es ihn nach innen, fehlten Genauigkeit und Durchschlagskraft. Eine 4 hätte es besser getroffen – und da wäre der Assist noch immer anerkennend berücksichtigt.

Karim Matmour (Note 5): Auch zu Beginn des dritten Jahres hat man weder das Gefühl, dass Matmour in Gladbach angekommen ist, noch dass er es überhaupt jemals sein wird. Verschwindend wenige Ballkontakte, brachte nur vier von neun Pässen zum Mann. Der Applaus des Publikums bei seiner Herausnahme schien Dankbarkeit zu signalisieren – für die Auswechslung selbst. Eine 5 aus dem Lehrbuch.

Mo Idrissou (Note 2): Der Kicker scheint sich ganz in den Überschwang einzureihen, dass der VfL – man mag es noch gar nicht glauben – da vielleicht wirklich einen mit Torjägerqualitäten verpflichtet hat. Zum Tor und großem Bemühen gesellten sich zwar noch einige Abstimmungsprobleme. Macht unterm Strich aber eine verdiente 2.

Raul Bobadilla (64. eingew., keine Note): Womöglich konnte der wieder genesene Argentinier froh sein, nicht vier Minuten früher und damit rechtzeitig für eine Kicker-Bewertung eingewechselt worden zu sein. Sein Nicht-Tor (aus sieben Metern fünf Meter über den Kasten) sorgte für eine angenehme Mischung aus blankem Entsetzen und Erheiterung. Wir warten – auf den Knoten.

Patrick Herrmann (83. eingew., keine Note): Seinen frischen Wind hätte es vielleicht etwas früher gebraucht. So brachte er nur noch den feinen Linksschuss in Richtung Winkel zustande, den Schäfer glänzend rausfischte. Defizite im körperlichen Bereich wird er weiterhin haben. Aber derzeit gehört er sicher zu den ersten 14.

Kicker-Schnitt: 3,36
Mein Schnitt: 3,50

Gladbach – Nürnberg: Diesälbe Scheiße

1:1 gegen den 1. FC Nürnberg – 1:1 Idrissou (31.)

Nun hat das Kind doch einen Namen bekommen. 2008/2009 wurde die “Mission 40″ mit dem Klassenerhalt tendenziell erfüllt, “Im Zweiten” wurde es 2009/2010 wirklich “besser”. Und jetzt: “Es führt ein Weg nach Irgendwo”. Wo genau das liegt, werden wir sehen. Knapp nördlich von Platz 12 wäre schwer in Ordnung.

„Lebenslang“ – länger geht’s nicht. Bekanntlich muss in Deutschland kein Straftäter, der dieses Urteil erhält, automatisch bis ans Ende seines Lebens einsitzen. Ähnlich wird es hoffentlich im Borussia-Park sein. Denn erst, als ich das kleine Schildchen mit meinem Namen auf meinem Sitz erblicke, wird mir klar, dass ich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen dieser „Lebensdauerkarte“ in etwa so gut durchgelesen habe wie damals die Texte im Religionsunterricht der Oberstufe.

Meinen vermeintlichen Wohnort haben sie ebenfalls unter dem Namen eingraviert. Wobei „Willich“ seit einem Jahr bestenfalls Zweitwohnsitz ist. Letztendlich wird es jedoch effektiv den Vandalismus im Borussia-Park eindämmen, dass dort nicht „Dortmund“ steht. Ansonsten ist im Block alles beim Alten – die Sitznachbarn, die Atmosphäre, das Wohnzimmer-Gefühl.

“Die Seele brennt”

103 Tage Abstinenz haben ein Ende und ein Hauch von Champions-League liegt in der Luft. Dass es da erst 15:26 Uhr ist und die Herrlichkeit nur zehn Minuten anhält, muss man ja nicht so laut erzählen. Zum 110-Jährigen macht die Nordkurve ihrer Borussia ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk – eine Choreo vom Allerfeinsten. Damit nichts schief geht, sind im Stadion Flyer verteilt und Plakate aufgehängt worden. Inmitten eines schwarzen Pappmeeres werden im Unterrang die vier Logos der Vereinsgeschichte gehisst. Im Oberrang wird zwischen weißem Zeichenblockpapier in Übergröße an die Gründungszeit und die größten Erfolge erinnert.

„Die Seele brennt“ hallt es durch den Borussia-Park. Und jeder, der in einem Fußballstadion schon einmal Gänsehaut in Ausmaßen eines Tennisballes, einen Kloß im Hals und feuchte Augen bekommen hat, der weiß, wie sich solch eine brennende Seele anfühlt. „Du, die Sonne unserer Heimat“ – mutet sehr pathetisch an, aber wer den Niederrhein kennt, der weiß, dass das Wetter hier wirklich besser ist, wenn es für die Borussia läuft. Die Regenmenge ist übrigens ganz ordentlich. Weiter heißt es im Lied: „Wenn dich einer fragt, woher Du kommst, dann sag‘ ,Borussia‘.“ So ist es eben. Diese „City near Düsseldorf“ kennt in Spanien, Italien und England niemand. Sehr wohl aber einen Fußballverein namens Borussia Mönchengladbach.

Nach so viel Gänsehaut, Pathos und Vergangenheitshudelei kommt der Boden der Tatsachen schneller als gedacht. Er heißt Hegeler und trägt ein weinrotes Trikot. Der VfL hat ordentlich begonnen, früh das Heft in die Hand genommen. Doch die Führung für Nürnberg kommt nach einer Viertelstunde nicht unverdient. Pinola, Ekici und Gündogan haben zuvor bereits Bailly und den Pfosten geprüft, als Hegelers Kopfball im langen Eck einschlägt. Keine Chance für Bailly, sehr wohl aber für Brouwers, der unter Judts Flanke durchsegelt wie ein Drachen, der im Kunst- und Textilunterricht nur eine 4+ bekommen hat.

Idrissou: Doch ein Knipser?

Ginge es nach meinen stets präzisen und wohlfundierten Vorhersagen, würde das 1:0 für den „Club“ gleichzeitig das Endergebnis bedeuten. Schließlich hat der Wechsel von Mo Idrissou vom SC Freiburg an den Niederrhein so manch ein Fragezeichen auf meine Stirn gezaubert. Ein 30-Jähriger mit dürftiger Torquote, der mal öffentlich äußerte, keinen Bock mehr auf seine minderbemittelten Mitspieler im Breisgau zu haben? Sollte der uns wirklich weiterbringen? Wer Idrissous Dreierpacks gegen Luxemburg und Union Berlin gesehen hat, der glaubt schon eher dran. Wer von seinem Treffer in Aue gehört hat, der beginnt, noch mehr zu hoffen. Und wer in der 31. Minute beobachten darf, wie er nach Pass von Marco Reus gleich mehrere Nürnberger zu Litfaßsäulen degradiert, den überkommt ein Gefühl, das bei Gladbacher Neueinkäufen für den Sturm schon längst verloren schien. Ein Knipser? Im Borussia-Park? Man würde es so gerne glauben. Abwarten. Erstmal.

Damit auch wirklich alles klappt: Genauste Anweisungen zur Durchführung der Choreo.

Daems mit einem Linksschuss und Bradley mit einem Heber katapultieren die Kreativität und Entschlossenheit im Gladbacher Spiel kurzzeitig auf Kunst-Leistungskurs- und Lumberjack-Niveau in Personalunion. Dann ist Pause und der zuvor schon unruhige Borussia-Park einigermaßen beschwichtigt.

Ich gönne mir ein Eis in der Halbzeit, zur Feier des Sommerfußballs. Kurz muss ich es mir jedoch ans Ohr halten, weil in Hälfte eins schräg hinter mir die Cholerik ein ungeahntes Comeback gefeiert hat. Die Stimmung bei Saisonauftaktspielen hat Frank Goosen einst mehr als treffend in Worte gepackt: „Es dauert fünf Minuten im ersten Heimspiel, da schreit der Typ vor mir im Stadion: ,Dat is‘ doch diesälbe Scheiße wie inner letzten Säsong!“ (Das Video dazu – sehenswert!) Ähnlich lässt der Sportsfreund in Reihe 13 seinem Unmut über eine eher dürftige Leistung freien Lauf. Mein Trommelfell und ich verkriechen uns bis zum Wiederanpfiff in ein Stoßgebet, dass der an für sich unscheinbare Mittvierziger keine Dauerkarte hat. Zuhause gibt der Blick in den Ticketshop Entwarnung: Er ist Tageskartenbesitzer. Kein Wunder. Denn solch ein Tempo und solch eine Lautstärke würde er wohl kaum bis zur Winterpause durchhalten. Das wird ihm sein Hausarzt schon erzählen.

Abseitsfestival der Borussia

Zum Glück bieten die ersten Minuten nach der Pause kein gefundenes Choleriker-Fressen. Die Borussia weckt kurzzeitig Erinnerungen an vergangene Saison (was für Außenstehende jetzt so klingen mag, als sei sie damals ins Champions-League-Endspiel vorgeprescht). In der Folgezeit ist es nur Schiedsrichter Gagelmann, der den Unmut der 42 000 auf sich zieht. Dreizehn Mal stellen er, seine Assistenten und die Nürnberger Viererkette die Borussia ins Abseits. Zeitweise hat man das Gefühl, Idrissou, Matmour und Co. würden es sogar bei Eckbällen und in der eigenen Hälfte fertigbringen, näher am Tor zu stehen als der vorletzte Gegner. Doch wie es aussieht, liegen Gagelmanns Assistenten stets richtig.

Nach 64 Minuten kommt Bobadilla für Matmour, der nach einer non-existenten Leistung mit überraschend begeistertem Applaus bedacht wird. Unter Umständen können die Zuschauer ihren Beifall als Spende von der Steuer absetzen. Der wieder genesene Argentinier macht es jedoch wenig besser. Schäfer lässt einen Schuss nach vorne abprallen. In einer an für sich geschmeidigen Bewegung legt Bobadilla den Ball am Nürnberger Keeper vorbei – um ihn dann aus der Luft und sieben Metern Entfernung beinahe ebenso hoch übers Tor zu setzen. Die Fahne des Linienrichters bewahrt ihn, zu seinem Glück, vor der Favoritenrolle beim Nicht-Tor des Jahres.

Ein Schuss von Bradley bringt die Borussia derweil nah ans Siegtor. Der Amerikaner, mit einer bärenstarken WM in Südafrika, und Kollege Marx auf der Doppelsechs schlüpften allzu häufig in die Rolle des jeweils anderen. Marx versucht, in der Offensive Impulse zu setzen, während Bradley meist den Ball von der tiefstehenden Innenverteidigung annimmt. Ohne die Energie von Reus, der es sich auf seiner rechten Außenbahn allzu oft allzu gemütlich macht, verpuffen viele Angriffe. Auf der Gegenseite heißt das Duell plötzlich Bunjaku gegen Bailly, das Gott sei Dank mit einem belgischen Sieg endet. Um ein Haar wäre der Saisonauftakt völlig in die Hose gegangen.

Wenn das Vorspiel besser ist als der Sex

Ansonsten ist die Borussia weitaus näher dran am zweiten Treffer. Der eingewechselte Herrmann legt sich den Ball auf den linken Fuß, der Einschlag im Winkel ist schon vorbereitet – doch Torwart Schäfer hat beileibe nicht nur beim Zeitschinden ein glänzenden Tag erwischt. So endet das erste Spiel der neuen Saison eher mit einer Enttäuschung.

Schon gegen Liverpool hatte das Geschehen vor dem Spiel mit der Live-Version von „You‘ll never walk alone“ mehr zu bieten als die gesamten 90 Minuten. Assoziationen, die die Wörter “Vorspiel” und “Sex” enthalten, bieten sich an. Nun trotte ich erneut zum Bus und habe das Gefühl, die Momente vor dem Anpfiff – mit Choreo und „Die Seele brennt“ – hätten das Leben mehr bereichert als das, was anschließend folgte. Die deutlichste Erkenntnis des Tages folgt wiederum erst auf dem Nachhauseweg. Die Shuttle-Busse kommen so schleppend an wie die meisten Angriffe der Borussia. Ist eine Mannschaft also doch nur so gut wie das ÖPNV-System ihres Vereins?

Die Revolution frisst ihre Großväter

Warum die WM uns hoffentlich mehr gebracht hat als Platz drei.

Der Fußball ist zurück. Ja klar, werden sich viele denken, heute Abend eröffnen Bayern München und der VfL Wolfsburg die 48. Bundesliga-Saison. Doch so ist es nicht gemeint. Der Fußball ist zurück. Soll heißen: Das, was auf dem Platz geschieht, rückt wieder in den Mittelpunkt. Endlich. Bye bye, „Schland“. Tschüss, „Wer sind eigentlich die Gelben? Ach, scheißegal, ich hol’ noch ‘ne Runde Kurze“.

Oliver Fritsch diagnostiziert auf Zeit Online „eine puristische Reaktion auf die Boulevardisierung in der Vergangenheit“. Auf die Ran-Generation, aufgewachsen mit Beckmann, Kerner und Co., sollen die Kinder folgen, die mit ihrer fußballerischen Sozialisierung Jürgen Klopp und 3D-Analysen verbinden. “Reden wie Joachim Löw” lautet die Überschrift des Titels auf zeit.de. Dieses Löw’sche Pfeifen, die Reduzierung von “auch” zu “au” meint er damit Gott sei Dank nicht.

Fritsch verlinkt auf die Kontextschmiede, wo bereits vor ein paar Tagen ein 90-sekündiges Video erschienen ist, in dem Jakob sowohl pathetisch als auch pragmatisch appelliert: „Respektiere das Spiel.“ Dass die meisten Blogger, Blogleser und Blogleserfreunde das bereits tun, streitet niemand ab. Dass ganz offen und breiter als sonst über die Hinwendung zu 90 Minuten, 22 Spieler und einem Ball geschrieben wird, mag hoffentlich ein Zeichen sein, dass wenigstens Bruchstücke davon auch die „Schland“-Fraktion erreichen.

Und wenn die Buchstaben auf dem Dach meines siebenstöckigen Redaktionsgebäudes schon die Mahnung „Entscheidend is auf‘m Platz“ in die Welt hinausposaunen, dann will ich mich Oliver Fritsch und Jakob ohne Zögern anschließen. Gebt mir, gebt uns, gebt den ungläubigen Schwarz-rot-gold-Irokesen-Trägern Fußball. Mögen die Spiele beginnen – 306 und noch viele mehr.

Aue – Gladbach: Ein Faible für Zweitligisten

Das erste Pflichtspiel der Saison hat das erwünschte Resultat gebracht. Nach einem verdienten Sieg und einigen ansehnlichen Szenen, die Mut machen, steht die Borussia in der zweiten Pokalrunde – und wird sich dort erneut einem Fluch stellen. Am besten zuhause.

Wer die Borussia derzeit von außen betrachtet, könnte schnell darauf kommen, es gehe angenehm unspektakulär zu am Niederrhein. Nach Rang 12 in der vergangenen Saison kommt diesmal bestenfalls ein einstelliger Tabellenplatz als konkretes Saisonziel in Frage. Alle Leistungsträger sind geblieben, neue – man weiß ja nie – unter Umständen hinzugekommen. 39 Punkte aus 2009/2010 sollten zu überbieten sein. Mit dem vielzitierten Wort Konstanz dürfte es zu packen sein. Inzwischen fragt man sich, warum Mönchengladbach und die größte Stadt am Bodensee noch keine Partnerschaft eingegangen sind – Max Eberl, Michael Frontzeck und Co. rühren schließlich kräftig die Werbetrommel.

Doch es hat beileibe mehr Vorteile als Nachteile, weder vehement gegen den Abstieg noch um einen Platz im Europacup kämpfen zu müssen. Man kann sich den kleinen Zielen widmen, größtenteils ohne Druck. Vereine wie Frankfurt, Hannover und eben auch die Borussia haben in den letzten Jahren den DFB-Pokal als heimlichen Liebling entdeckt. Allzu oft ist die Liebe dabei unerwidert geblieben. Gladbach schied in sagenhaften sieben der letzten neun Spielzeiten in der zweiten Runde aus, sechsmal davon auswärts. Allein 2003/2004 ging es mit dem Halbfinaleinzug hoch hinaus, wobei das 0:1 in Aachen letzten Endes eher in einer bitteren Schublade des Gedächtnisses abgelegt ist. Immerhin gab es in der ganzen Zeit auch nur eine handfeste Pokalblamage, als 2004 in Runde eins gegen die Zweitvertretung der Bayern das Ende kam.

Grillparty statt Pokal

Nun also der Auftakt einer Deutschland-Tour, die bestenfalls in Berlin endet, in Aue: Die Borussia (beziehungsweise die Loskugeln) haben in den letzten Jahren ein regelrechtes Faible für Zweitligisten entwickelt, die auf dem Papier bekanntlich die härtesten Brocken sind, die potentiell in der ersten Runde warten können. 2007 ging es nach Osnabrück, 2009 zum FSV Frankfurt und nun eben ins Erzgebirge.

Nachdem ich letztes Jahr im Zug von Mainz nach Köln saß, als die Borussia 2:1 in Frankfurt gewann, kam diesmal ein Geburtstagsgrillen im Park dazwischen. Mittags hatte ich aus einer BVB-Kneipe in der Nachbarschaft dreimal halbwegs erregten Applaus vernommen – was bis Montagnachmittag die intensivste Berührung mit der ersten Pokalrunde darstellte. Vom 3:1 des VfL in Aue bleibt mir als Erinnerung nur der SMS-Ticker aus der Heimat, von meiner Mutter in die Stadt der größeren, aber nicht ganz so sympathischen Borussia gesendet.

19:11 Uhr
So, wir laufen uns warm. Bailly verletzt, Herrmann für Arango. Rasen sieht scheiße aus.

19:44 Uhr
10 Minuten gespielt. 20:80 Ballbesitz, jetzt gerade das erste Mal etwas über der Mittellinie, keine drei Pässe angekommen.

20:12 Uhr
1:0 Bradley, 38. Minute. Haben 30 Minuten gebraucht, um ins Spiel zu kommen. Jetzt aber verdient. Papa hat mit einem Bolten nachgeholfen. (Woraus wir den Schluss ziehen: Mehr Bier für den Vater!)

20:37 Uhr
46. Minute Riesenchance Reus. Im Gegenzug 1:1, Brouwers nur halbherzig beim Kopfball.

20:53 Uhr
2:1 Mo. Vorher Glück gehabt, Brouwers klärt auf der Linie.

21:14 Uhr
So, das war‘s wohl. 3:1

21:22 Uhr
Alles in allem dann doch souverän. Da ist schon Qualität, fehlten ja noch einige. Bundesliga kann kommen – und nächste Runde ein Heimspiel.

Und sonst so?

Der Heimspielwunsch im DFB-Pokal ist seit Jahren so intensiv wie das Lechzen nach Auswärtssiegen (was in gewisser Weise zusammenhängt, weil die chronische Schwäche in der Fremde für so manches Scheitern verantwortlich war). Letztes Jahr brachte das Heimspiel gegen Duisburg jedoch ebenso wenig den Einzug ins Achtelfinale, weshalb man geneigt ist, einen allgemeinen Zweitrundenfluch zu konstatieren. Dass sich das ändern möge: einer der großen Wünsche für dieses Jahr.

Und sonst so? Die Mission 40 wartet nach zwei Jahren noch immer auf ihre Erfüllung. 60 Gegentore in der letzten Saison waren viel zu viele. „Gibt doch eh so ein 3:1“, orakelte Kumpel Stefan am Samstagnachmittag – und behielt Recht. Ich hatte ihm noch geantwortet, mir sei ein 2:0, so ganz ohne Gegentor, lieber. Aber vermutlich verinnerlicht die Mannschaft ihren offensivfreudigen, torhungrigen Stil so sehr, dass ein 3:1 in Zukunft stets wahrscheinlicher sein wird als ein 2:0.

Mo Idrissou – sieben Tore in drei Spielen

Des Weiteren wäre ein Spieler, der wieder einmal zweistellig trifft, eine nette Angelegenheit. Mo Idrissou hat sieben Treffer bei den Tests gegen Luxemburg und Union Berlin sowie in Aue erzielt. Sollte der Neuzugang vom SC Freiburg – anders als in meinen Träumen der letzten Wochen, als ich so manches Mal schweißgebadet aufgewacht bin – tatsächlich einschlagen an der Hennes-Weisweiler-Allee, dann hätten Eberl und Frontzeck nach den Kollegen Sonck, Heinz, Skoubo, Elber, Kahê und wie sie nicht alle hießen einen Transfercoup gelandet, der gar nicht hoch genug einzuordnen wäre.

Seit 1998 hat Gladbach in neun Bundesligaspielzeiten nie mehr als drei Auswärtssiege eingefahren. Logisches – und für die geschundene Gastspielseele recht ambitioniertes – Ziel für 2010/2011: vier. Von allen 17 Gegnern hat die Borussia bei unglaublichen elf in diesem Jahrtausend noch kein Erstliga-Auswärtsspiel gewonnen. Bayern, Bremen, Hoffenheim, Lautern, St. Pauli, Hannover, Schalke, Mainz, Stuttgart, Dortmund und Leverkusen sollten sich demnach warm anziehen.

Wir lassen uns überraschen – das dürfte ohnehin die Devise sein für die kommende Spielzeit.

Bend it in 75503 Texarkana

Über einen kalten Abend im Februar 2006.

Die Februarsonne verschwand langsam hinter der stolzen Stahlrohrtribüne. Von August bis Oktober, jeden zweiten Freitag, hatten rund 2000 Zuschauer auf den Bänken Platz genommen. Es gab Hot Dogs, Dr. Pepper und Skittles. Das Football-Team der Hawks bekam zwar Spiel für Spiel die amerikanischen Ärsche versohlt. Doch den High-School-Teens mit ihren gold-schwarz geschminkten Gesichtern machte es spätestens dann nichts mehr aus, als sich der Quarterback das Kreuzband riss und ein milchgesichtiger Zehntklässler seine Position bis zum Ende einnehmen musste. Zuhause gelang zumindest noch der eine oder andere Touchdown. Auswärts in Atlanta, Hooks und Mount Pleasant war man dermaßen unter die Räder gekommen, dass der Sportchef der High School bei jeder Pep Rally, auf der die Mannschaft freitagmittags traditionell mit viel Brimborium auf die Reise geschickt wurde, von nun an eine Ansprache hielt, in der es von „Spirit“ nur so wimmelte.

Jetzt, im neuen Jahr, hatten sie die Concession Stands nicht einmal geöffnet. Der Wind pfiff durchs Stadion direkt hinter der Pleasant Grove Middle School. Die zwei Dutzend Zuschauer, bestehend aus Müttern und ihren Kindern, die noch nicht alt genug waren, um alleine zu bleiben, hatten sich teilweise in Decken gehüllt. Liberty-Eylau war zu Gast. An für sich nicht der wahre Grund, warum an diesem Dienstagabend so wenige Menschen an die Cooks Lane gekommen waren. Hagere Jungs in Stutzen und Stollenschuhe mühten sich über den Platz. Weil sie den Begriff „Football“ dabei so wörtlich nahmen, hatten sich die Amis extra einen anderen Namen dafür ausgedacht. Damit bloß keiner erahnen konnte, worum es beim „Soccer“ geht, ohne selbst vorbeigeschaut zu haben.

Fußball in den USA – zwischen Football und Baseball geparkt

Ich hatte es nur in die zweite Mannschaft geschafft. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich im Death Valley des Weltfußballs die Fußballschuhe schnürte, ist das eine durchaus peinliche Leistung. Man könnte es jedoch auch so sehen: Um meine fußballerischen Ambitionen über den Status des reinen Bolzens zu steigern, musste ich extra ein Jahr in den USA verbringen. Immerhin hatte Felix aus Kiel ebenfalls den Sprung ins Varsity-Team verpasst, während Edgar aus Kolumbien und Nias aus der Schweiz den Interims-Fußballern aus Texarkana, Texas, noch einiges beibringen konnten. Soccer war für sie der Überbrückungssport zwischen Football- und Baseball-Saison. Es besagt einiges über den Stellenwert, dass sie die Sportart in die Monate November bis März gepackt haben – wenn sogar im Nordosten von Texas ab und zu der Boden gefriert.

Nachdem uns drei Schulen mit weitaus höherem Anteil an Hispanics regelrecht auseinander genommen hatten, weckte Liberty-Eylau an jenem Abend ernsthafte Hoffnungen auf den ersten Saisonerfolg. Weiße so weit das Auge reichte. Und wir hatten immerhin noch unseren zweckentfremdeten Runningback in der Hinterhand, der schneller war als David Odonkor, jedoch noch häufiger den Ball vergaß. Schnell fiel das 1:0 für uns. Wenig später legte Felix das 2:0 nach. Aufatmen auf der Tribüne – sie hatten ihnen doch deutsche Austauschschüler geschickt, keine Österreicher. Wiederum nur ein paar Minuten danach mischte ich mich zum ersten Mal ins Geschehen ein. So richtig hielt es mich bei all dem Platz in der Mitte nicht mehr auf meiner rechten Außenbahn. Ich zog nach innen, ließ – welch seltenes Gefühl – gleich zwei Gegner stehen und sah links neben mir den völlig freistehenden Felix. 3:0 und mein erster Assist als Legionär auf der anderen Seite des Teiches.

Der deutsche Hattrick sollte nicht lange auf sich warten lassen. Mittlerweile lungerten wir zu Sechst im gegnerischen Strafraum herum. Ein geblockter Schuss landete acht Meter vor dem Tor bei mir. Ich sah keinen Grund, bei diesem Wurm von Keeper und rund 17 Quadratmetern freier Auswahl genauer zu zielen. Der Bann war gebrochen und ich hatte mit 16 Jahren das erste Tor meines Lebens geschossen, das irgendwo irgendjemand notierte. Dass mein Trainer dem Mann von der Lokalzeitung meinen Namen in einer sehr anmutenden Schreibvariante in den Notizblock diktierte, spielt ja keine Rolle.

40 Meter bis zum Ruhm

Vermutlich verließ der Reporter zwischen der 28. und 32. Minute kurz das Stadion. Sonst hätte er nachgefragt, um den Namen dieses deutschen Wunderjungen korrekt in die Texarkana Gazette zu bringen. Die Gegner aus dem Vorort Liberty-Eylau gurkten sich einmal mehr durch die eigene Hälfte. Einmal mehr verließ den Libero die Geduld und er drosch den Ball blind nach vorne. Eine Kopfballverlängerung tippte kurz vor mir auf den Boden. Mangels besserer Ideen beförderte ich den Ball gleich wieder in die andere Richtung, aus gut 40 Metern. Man hat ja dieses Gefühl, wie weit ein Ball fliegen wird, sogar ohne hinzusehen. Ich sah den Balljungen schon zum Zaun weit hinter dem Tor rennen – unfassbar, dass sie dafür bei dieser Sportart extra jemanden abkommandierten, ich aber Fußballschuhe in Größe 48 kaufen musste, weil es im gesamten Laden nur zwei Paare gab.

Doch dort oben in der Luft ging Merkwürdiges vonstatten mit meinem scheinbar verunglückten Befreiungsschlag. Der Schuss wurde lang, länger, am längsten. Und wie eine eckige Ellipse fiel das Ding genau über dem Keeper ins Tor. Physikalisch unmöglich und für mich noch heute unerklärlich. Ich hatte mit dem zweiten Treffer meines Lebens bereits den schönsten erzielt, der mir jemals gelingen würde. Ich konnte die Schuhe an den Nagel hängen. Hätte eigentlich zur Eckfahne in gut 40 Metern Entfernung rennen und jeden gottverdammten Tanz aufführen müssen, den ich jemals bei Ran auf Sat.1 gesehen hatte. Mir fiel jedoch nichts anderes ein, als mit verwirrten Blick meine beiden Zeigefinger in die Luft zu recken. Vermutlich biss ich mir dabei auch noch auf die Zunge und schielte.

Aber ich hatte meine fünf Sekunden Ruhm. Zwei Auswechselbänke, zehn Mitspieler, elf Gegner und 25 Zuschauer hatten es gesehen in 75503 Texarkana, Texas.

PS: Warum ich mich gerade heute daran erinnert habe? In einem Gute-alte-Zeiten-Anflug habe ich gesehen, dass das Stadion an der Cooks Lane hat seinen Dienst mittlerweile getan hat. Seit 2009 steht direkt hinter der High School das „Hawk Stadium“ für 3500 Zuschauer, nagelneu und mit Kunstrasen. Die Tribüne liegt genau auf jenem Hügel, über die uns der Trainer an einem kalten Januarmorgen so oft schickte, dass ich beim Sport so kurz davor war zu kotzen wie nie mehr in meinem Leben.

18 Trikots, drei Meinungen, ein Sieger

Der Focus und die Mediadesign Hochschule haben bereits ihren Senf zu den Bundesliga-Trikots der Saison 2010/2011 abgegeben – mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Beispielsweise küren beide die Borussia aus Mönchengladbach zum Ersten der Textiltabelle – die einen jedoch von vorne, die anderen von hinten. “Entscheidend is auf’m Platz” mischt sich ein und hat sein eigenes Urteil gefällt. Der Gesamtsieger hat deutlich den Hemdkragen vorne.

Das Prinzip ist einfach: Der Erste bekommt 18 Punkte, der Zweite 17 usw.

Wühltisch (3) – aus den Fanshops dieser Welt

In Gladbach hat die Verrücktheit das nächste Level erreicht.

Quelle: Borussia E-Shop

Vorbei sind die Zeiten, als noch ein Raunen durch jede Gesprächsrunde ging, wenn jemand beichtete, sich jetzt eine Zahnbürste im Design seines Herzensklubs zugelegt zu haben. Wer in den neuen Katalog der Borussia schaut, dem hakt beim Blick auf Seite 145 glatt der Kiefer aus. DN 600, Klasse B 125 kN, Vollguss ohne Betonanteil – was ein Exemplar von Gullydeckel. 199 Euro kostet das gute Stück, das manch eine friedliche Wohngegend bald in einen Hort für Nachbarschaftsstreitigkeiten verwandeln könnte. Vielleicht erbarmen sich Kölner, Schalker und Dortmunder ja und übernehmen die 25 Euro Versandkosten.

Vielen Dank an Stamm-Kommentator Si für den Hinweis!

Gnade aus Nürnberg

Der Kicker klaut uns weiter die Freizeit – und wirft wichtige Fragen auf.

Seit es dieses neue Internetz-Dingens gibt, besitzt manch einer von uns drei Gehirnhälften (oder eben doch wieder nur zwei, weil er, in dem Wissen, eine dritte zu haben, eine seiner beiden ursprünglichen ausgeschaltet hat). Jedenfalls hat Trainer Baade in einem Post darauf hingewiesen, dass Lizas Welt getwittert hat, dass Kicker Online mit seinem Relaunch kürzlich sein gesamtes Bundesliga-Archiv für unsere zwei bis drei Gehirnhälften geöffnet hat.

Bis dahin reichte der Sprung in die Vergangenheit nur bis zur Saison 95/96. Nun darf, wie beim Trainer geschehen, zum Beispiel nach Belieben rumgestöbert werden, wer vor 28 Jahren jeweils “Mann des Tages” wurde. Der Kicker und die Noten – das sind zwei Dinge, die zusammengehören, wie Dalli und Dalli. Mein erstes Bedürfnis war es deshalb, mal nachzusehen, wie die Bewertungen einer legendären Partie am 29. April 1978 ausfielen. Und siehe da: Notenschnitt 1,8 auf der einen, 3,6 auf der anderen Seite.

Man vermutet ein souveränes 4:1 der Gastgeber. Gerade Borussenfans werden aber wissen (gemeint sind ausnahmsweise beide Lager), dass jenes Spiel nicht irgendeins gewesen ist. Die eine Borussia schlug die andere im Düsseldorfer Rheinstadion mit 12:0. Nüchtern wie eh und je veranlasste das den Kicker jedoch keineswegs zu Standardnoten, die für Gladbach gegen 1 und für Dortmund gegen 6 hätten laufen sollen. Wer 32 Jahre danach dreimal ein “befriedigend” in der BVB-Abwehrreihe sieht, der fühlt sich leicht veräppelt.