Keine Punkte. Punkt.

Saison 2012/2013: 27. Spieltag – Freiburg 2:0 Gladbach

So langsam wird es chronisch – sowohl die Seuche bei Auswärtsspielen in Freiburg als auch die verpassten Chancen auf zwei Siege in Folge. Nach dem 0:2 muss Gladbach nun gegen Fürth die Chance nutzen, die nächste Chance auf zwei Siege in Folge zu erhalten. Klingt einfacher, als es ist.

Hätten wir uns doch nur für das “Hotel zum Ochsen” entschieden. Nils und ich hätten den Namen wenigstens vernünftig aussprechen können – im Gegensatz zum “Landgasthof zum Hirschen”. Während meines Jahres beim Saarländischen Rundfunk in Saarbrücken hatte ich ein paar Stunden Sprechtraining (Logopädie für Journalisten, wenn man so will). Alles Niederrheinische konnte mir die Trainerin austreiben. Nur zum Verständnis: Dialekt ist wunderbar, möchte ich niemals missen, solange man ihn auf Kommando ausschalten kann. Das gelang also ganz gut bei mir – bis auf das “ö” in “Hirsch”. Und in “Bürgersteig”. Wer jetzt behauptet, da sei gar keins, der lügt doch.

Zum Glück haben wir nicht nach dem Weg fragen müssen. Fünf Kilometer südlich von Freiburg wären wir wahrscheinlich aufgeschmissen gewesen auf der Suche nach dem “Landgasthof zum Hörschen” in Wittnau (1433 Einwohner). So aber bringt uns das Navi am Freitagabend um 19 Uhr sicher ans Ziel. Mein Bruder hat auf der 500 Kilometer langen Fahrt sämtliche Spiele bis zum Saisonende auf seiner PSP absolviert. Es riecht nach Europapokal.

Sätze über die schöne Landschaft oder die wunderbare Aussicht werden in diesem Text übrigens nicht auftauchen. Das liegt nicht daran, dass ich mich nicht daran erfreuen könnte, im Gegenteil – nur beträgt die Sichtweite von Freitag bis Samstag durchgehend weniger als 100 Meter. Also muss diese Gegend, in der ich mit Nils, seiner Freundin Eva und meinem Bruder Kai zum ersten Mal bin, über andere Dinge definiert werden.

Flachlandtiroler
Zum Beispiel über das Essen. Im “Hörschen” gibt es kein Wild, sondern Schnitzel, Schweinefilet oder Fisch. Das Bier schmeckt, der Weißwein auch. Nils ist ausnahmweise besser vorbereitet und hat herausgefunden, dass um 21 Uhr noch ein Bus in die Stadt fährt, am Feiertag. Die Kellnerin ist selbst verdutzt, was auch daran liegen könnte, dass im “Hörschen” noch nie ein Gast nach einer Busverbindung gefragt hat.

Also tingeln wir rechtzeitig den Berg runter zur Haltestelle. Der Badener mag es einen Hügel nennen. Aber wir Niederrheiner, die in der Fahrschule das Anfahren am Berg in Parkhäusern lernen und nach jeder Serpentine die Kotztüte rausholen, nennen es eben Berg. Eine halbe Stunde später sitzen wir im “Schlappen” in der Freiburger Altstadt. Die Studentenkneipe ist so legendär, dass sie bei Google nur von Zalando-Werbung für Hausschuhe übertroffen wird.

Legendäre Kneipen sind in der Regel auch voll. Beim ersten Bier (Diebels vom Fass!) stehen wir noch, dann wird bei einem Ehepaar und einem grauhaarigen Alleinreisenden am Tisch etwas frei. Wir sitzen kaum, da kommt die Frage: “Wo seid’s ihr denn her?” Aha, aus Niederbayern. Also nicht wir, sondern unser Sitznachbar, dem wir eine Freude machen, weil er “echte Mönchengladbacher” getroffen hat. Das stimmt zwar nicht so ganz, Nils hat aber wenigstens die Stadt als Geburtsort im Ausweis stehen und beim Rest zählen Rauten in Herzen sicherlich mehr als irgendwelche Verwaltungsakte.

Warum nur so beliebt?
Unser neuer Freund aus Niederbayern ist regelrecht begeistert. Wie geht es eigentlich Schalkern, Dortmundern, Hamburgern oder Bremern auf Auswärtsfahrt? Die muss man nicht per se verabscheuen (jetzt mal rein hypothetisch). Aber die sorgen doch auch nicht so flächendeckend dafür, dass der Gesprächspartner unruhig auf seinem Sitz hin und her rutscht.

Dabei können wir nicht einmal etwas dafür. “Wie schaut’s heutzutage eigentlich am Bökelberg aus?”, will der 1860-Fan aus Niederbayern in einem besorgten Tonfall wissen, in dem man sich sonst höchstens nach der alten Großtante erkundigt, die mittlerweile Ende 80 ist. Denn man weiß ja nie, ob eine Person in diesem Alter, die man lange nicht gesehen hat, noch unter uns weilt. Dass der Bökelberg nicht mehr steht, weiß der Niederbayer jedoch. Schließlich sind seine “Löwen” 2004 im letzten Bundesligaspiel dort abgestiegen.

Ich hole das Handy raus und zum ersten Mal zahlt es sich aus, 80 Prozent des Speichers mit Bildern belegt zu haben. Im vergangenen August war ich an einem brüllend heißen Sommertag nach langer Zeit mal wieder “in de Kull” und saß im Gras auf der alten Haupttribüne – genau an der Stelle, wo ich 1996 bei meinem ersten Bökelbergspiel saß. Unser Niederbayer ist derweil beeindruckt, dass man Grundstücke auf dem alten Spielfeld kaufen kann, Wohnen im Mittelkreis. Nur brainstormt er noch eine Weile, was er davon halten soll.

Auf der Suche nach Omen
An Begegnungen wie diesen wird immer deutlich, dass sich die Borussia um ihr Image höchstens Gedanken, aber keinesfalls Sorgen machen muss. Der “Mythos” zieht noch immer, auch wenn seine Repräsentanten mitunter die glorreichen 70er nicht annähernd erlebt haben.

Gleichzeitig liegt der Zuschauerschnitt bei knapp 50.000, die Mitgliederzahl nähert sich der 60.000, Fanclubs sprießen weiter aus dem Boden – und alles nicht erst, seitdem es wieder rosig aussieht im Vergleich zu den 16 Jahren davor. Rational ist es gar nicht zu erklären, dass ein Verein durch solche Seuchenjahre gegangen ist, die meisten davon sogar selbst verschuldet hat und dennoch gewachsen ist, als sei den Fans nach jedem Spieltag die Festplatte namens Gedächtnis formatiert worden.

In Freiburg hat die Borussia die Seuche jedoch noch nicht besiegt – zwölf Auftritte, nur ein Erfolg in der Bundesliga, der letzte 2002 durch das 1:0 von Arie van Lent. Optimistisch sind wir am Freitagabend nur, weil Nils, Kai und ich in dieser Konstellation (Eva ist nur zur Stadtbesichtigung mitgekommen) genau einmal zusammen im Stadion waren. Es war das 6:3 in Leverkusen Ende August 2011.

“Gibt’s in Wuppertal auch”
Der grauhaarige Mann neben mir hat während unseres Bökelberg-Ausfluges mit dem Niederbayer lange geschwiegen. Dann stellt er sich als Lothar aus Duisburg vor. Lothar ist Fan von großen, orangenen Bällen und an jenem Wochenende in Freiburg, weil dort das Finalturnier um den Basketball-Pokal der Frauen stattfindet. Früher ist Lothar den Wuppertalerinnen hinterhergereist. Dann gingen die alle nach Oberhausen und er also mit.

Frauen-Basketball gehört nun nicht zu meinen Top 20 Beschäftigungsgebieten im Sport. Aber Lothar weiß, womit man mich packen kann. 2002 sei das Top Four zuletzt in Freiburg ausgetragen worden, am selben Wochenende wie Gladbachs Auswärtsspiel beim SC. Aus meinen Augen muss in dem Moment, als es bei mir klingelt, ein Funkenregen kommen wie aus der Wand bei “1,2 oder 3″. Wir könnten quasi nach Hause fahren, das Ding ist geritzt.

Dass es vor elf Jahren dasselbe Wochenende war, konnte ich nicht verifizieren. Aber Lothar scheint eine sichere Quelle zu sein. “Ich war damals sogar im Stadion, aber nur bis eine Viertelstunde vor Schluss”, erzählt er, “dadurch hab’ ich das Gladbacher Siegtor verpasst.” Tatsächlich traf van Lent in der 79. Minute. Lothar hat überhaupt schon viel gesehen. Das zeigt sich am überzeugendsten, als wir kurz darauf an der futuristischen Pissoir-Rinne mit Wasserfall nebeneinander stehen. “Nicht schlecht”, sage ich und nicke anerkennend aufgrund des beeindruckenden Urinier-Erlebnisses. “Sowas kenn’ ich schon”, entgegnet Lothar nüchtern. “Gibt’s in Wuppertal im Freudenhaus auch.”

Als Lothar, der Niederbayer und seine Frau sich verabschiedet haben, senkt eine junge Vierergruppe den Altersschnitt an unserem Tisch auf Studentenniveau. Ein Mädel ist zumindest ein bisschen Gladbach-Fan, weil ihr Freund es auch ist. Spontan fängt sie an, diverse Borussia-Lieder zu trällern, womit sie auf doppelte Weise beeindruckt. Einerseits kennt sie alle Texte. Andererseits bekommt sie es hin, jedes Lied konsequent zu einer falschen Melodie zu singen. Um halb eins fährt unser letzter Bus zum “Hörschen”. Genug für heute.

Weihnachtsstimmung auf dem Ostermarkt
Der Breisgau sieht am nächsten Morgen vor lauter Nebel noch immer aus, als habe jemand die Landschaft wegradiert. Im Frühstücksraum sitzt ein Pärchen in Borussia-Montur. Wir sind nicht allein. Als Gladbach-Fan ist es generell unmöglich, allein zu sein. In der Stadt auf dem Freiburger Ostermarkt überrascht das erst Recht nicht. Ein Mann mit 30 Zentimeter langem Vollbart und glatten Haaren bis über die Schultern verkauft “Bärlauch-Peschto”. Etwas abseits auf einem kleineren Platz stehen Buden, die in der Adventszeit wahrscheinlich auf Weihnachtsmärkten aufgebaut werden. Mit dem Unterschied, dass man dort keine 11,8 Kilo schweren Riesenkarnickel anschauen kann.

Am meisten haben wir in der Altstadt damit zu kämpfen, dass niemand in diese Wasserrinnen am Straßenrand tritt. Links und rechts reiht sich ein Buchladen an den nächsten. Kein Wunder, dass Freiburgs Trainer Christian Streich früher mal viel gelesen und im Sportstudio eine Dostojewski-Gesamtausgabe geschenkt bekommen hat. Darauf einen Löffel Bärlauch-Peschto! Diese Stadt ist so, wie man sie sich vorstellt – die Fahrräder, die Grünen, die Bildungsbürger, die Buchhandlungen, das familiäre Wohngebiet, in dem das zweitkleinste Stadion der Bundesliga kurz vor dem Wald steht. Nils hat vor der Reise etwas in alten Fanprojekt-Vorberichten auf die Freiburg-Spiele gelesen und ist auf den alten Gesang “Ohne BAföG wärt ihr gar nicht hier!”.

Erst ein paar Tage vor dem Spiel ist bei mir angekommen, dass das einstige Dreisamstadion nicht mehr Badenova-Stadion heißt, sondern seit dem 1. Januar 2012 Mage Solar Stadion. Außerdem dachte ich immer, dass Badenova Badewannen herstellt. Bei Mage Solar ist der Name wenigstens idiotensicher. Nur das Bremer Weserstadion und der Gladbacher Borussia-Park tragen im Frühjahr 2013 keinen Sponsorennamen. Steigen Hertha, Braunschweig und Kaiserslautern auf, kämen drei dazu.

Freiburger Vogelabwehr
Der Gästeblock ist wahrlich eine abenteuerliche Konstruktion. In Wirklichkeit sind es zwei Gästeblöcke und lediglich die ersten Reihen bekommen mit, was der jeweils andere Teil treibt. Die Stehplatzstufen sind so flach, dass man wahrscheinlich gut beurteilen kann, ob der Vordermann Schuppen hat oder nicht. Und von einigen Plätzen sieht man beispielsweise die Torlinie nicht, weil ein paar Pfeiler das Stadiondach tragen. Abgetrennt werden die Tribünen durch Glasscheiben wie im Hallenbad, die mit Vögeln beklebt sind, damit kein Federvieh dagegenfliegt. Immerhin kann der SC Freiburg zu diesem Zweck sein eigenes Vereinswappen benutzen.

Die erste bedeutsame Nachricht gibt es bereits vor dem Anpfiff von eher ungewöhnlicher Stelle. Der Stadionsprecher kündigt Freiburgs Torjäger Max Kruse mit dem Nebensatz “der nach Gladbach wechseln wird” an. So ganz ohne Konjunktiv klingt das sehr nach trockenen Tüchern, auch wenn beide Seiten weiterhin dementieren, dass die Tinte unter Kruses Vertrag bereits trocken sei. “Pass’ auf, isch sach’ et dir, der trifft heute!”, dreht sich mein Nebenmann zu seinem Kumpel. Und irgendwie habe ich selbst das Gefühl, dass es typisch für die Borussia wäre, wenn ein Gladbacher in spe dem Verein erst noch einmal weh tun würde.

Lucien Favre schickt dieselbe Mannschaft ins Spiel, die gegen Hannover die zweite Hälfte begonnen hat. Damals musste Juan Arango zur Pause raus. Diesmal steht er aufgrund seiner Länderspielstrapazen gar nicht im Kader. Ob ein ausgeruhter Oscar Wendt mit seinem Fehlerpotenzial der vergangenen Spiele oder ein müder Juan Arango mit intaktem linken Fuß in dieser Situation die bessere Wahl wäre, ist wohl eine Glaubensfrage.

Nur Tiefpunkte
Die erste Hälfte zählt zu den langweiligsten, die ich bislang in dieser Saison gesehen habe. Immerhin spiegeln die Zahlen das wider, was zu sehen ist: Gladbach schießt so gut wie gar nicht aufs Tor, ist selten am Ball, spielt zu viele Fehlpässe, läuft aber viel und gewinnt enorm viele Zweikämpfe. Was Freiburg angeht, muss man natürlich alle Zahlen umdrehen, weshalb sich auch bei den Gastgebern eine insgesamt durchwachsene Bilanz ergibt. “Highlights kann ich Ihnen leider keine anbieten”, entschuldigt sich der Stadionsprecher zur Pause. Den Sponsor der Höhepunkte blendet er nur so lange ein, wie der dafür bezahlt hat. Dann wird noch ein E-Bike verlost und ein Sponsorenvertreter erntet Pfiffe, weil er zugibt, mit dem Auto zum Stadion gekommen zu sein.

Man mag es ja nur schwer glauben, aber die Werbebande ist auf der einen Seite der Haupttribüne wirklich einen Meter Höher als auf der anderen. Das Spielfeld in Freiburg fällt ab. Nach der Halbzeitpause muss die Borussia gegen die Steigung des Rasens spielen. In der 53. Minute hindert das den VfL aber nicht an der bis dato besten Kombination des Spiels. An deren Ende startet Patrick Herrmann durch, legt alles in den Schuss mit seinem schwächeren linken Fuß – und trifft die Latte. Wenig später bekommt Luuk de Jong eine wunderbare Flanke serviert, die in dieser Saison vielleicht nur von Arango gegen Leverkusen übertroffen wurde. Seine Chance der Kategorie “Kann man mal machen” köpft de Jong Torwart Oliver Baumann in die Arme.

Auf der anderen Seite dreht auch Freiburg allmählich auf. Daniel Caligiuri – angeblich auch auf Max Eberls Zettel – lockt Marc-André ter Stegen aus dem Tor, auf der Linie klärt Tony Jantschke. Nils hat vor ein paar Wochen, als wir in Managerspiel-Manier über Neuzugänge sprachen (und auch auf Max Kruse kamen) bereits Verteidiger Fallou Diagne und Jonathan Schmid notiert. Ich würde noch den 19-jährigen Matthias Ginter mitnehmen, auf jeden Fall ein polyvalenter Typ für Favre. Da wundert sich Christian Streich, dass seine Spieler “wie auf dem Viehmarkt” angeboten werden – soll er sie doch nicht zu solch einer starken Mannschaft formen!

19 Sekunden entscheiden 5400
Eine gute Viertelstunde lang ist dieses lange Zeit öde Bundesligaspiel eine mitreißende Partie, in der nur die Raute im Herzen absichert, für wen das Pumporgan nun schlagen soll. Es geht rauf und runter, ein Tor liegt in der Bärlauch-Peschto-geschwängerten Luft. In der 69. Minute sieht es ganz danach aus, als würde die Borussia das erste und vielleicht entscheidende erzielen. Über den eingewechselten Peniel Mlapa und Herrmann landet der Ball im Lauf von Havard Nordtveit. Am Donnerstag zuvor war ich beim Eishockey bei den Krefeld Pinguinen und bin beinahe kaputtgegangen, weil die sich dauernd weigerten, aufs Tor zu schießen. Ähnlich sieht es in dieser Szene aus, in der Nordtveit den Ball querlegen will, es aber einfach selbst versuchen muss.

“Ungeschnitten” heißt es dann meistens im Fernsehen. “Ungeschnitten” geht es auch hier weiter. Freiburg kombiniert sich langsam aus der eigenen Hälfte. “Konter” wäre zu viel gesagt. Denn Tempo kommt erst in den Angriff, als Martin Stranzl meint, den Gegner an der Mittellinie nicht nur stellen, sondern grätschend in den Zweikampf gehen zu müssen.

Das geht völlig schief und in der Mitte hat Kruse das Spielfeld vor sich wie eine Laufbahn in der Leichtathletik-Halle. Alvaro Dominguez will sich die ansonsten makellose Zweikampfbilanz offenbar nicht ruinieren und meidet das Duell mit Kruse. Der Bald-Borusse zieht aus 17 Metern ab, ter Stegen springt nicht optimal ab und muss zusehen, wie der Ball halbhoch im Tor einschlägt. Ja, ich weiß, eine Saison hat 34 Spiele. Aber ganz so abwegig ist es nicht, dass diese 19 Sekunden am Ende vielleicht über das Wohlergehen beider Mannschaften entschieden haben.

Cigerci, im Ernst?
Mike Hanke stand schon bereit, als das 1:0 fiel. Er kommt für de Jong. Zwei Minuten später wird Tolga Cigerci für Wendt eingewechselt, was die Frage aufwirft, ob Favre das ernst meint oder der 20-Jährige noch eine Chance bekommen soll, bevor der Verein entscheiden muss, ob er die Kaufoption zieht oder nicht.

Eine Viertelstunde lang schafft es der VfL nicht mehr ernsthaft vor das gegnerische Tor. Jantschke und Daems sind als Anspielstationen abgemeldet. Das Aufbauspiel über die Sechser ist wieder quasi unmöglich. Da können Marx und Nordtveit noch so viel “abkippen” zwischen die Innenverteidiger. Dominguez und Stranzl wollen keine langen Pässe spielen. Also bleiben als Option nur noch Ballbesitz-Beschaffungsmaßnahmen für ter Stegen. Kurz und knapp: Es sieht weder ansehnlich aus noch hat es Erfolg.

Dass dieses Spiel den Schlusspunkt bekommt, den es bekommt, ist deshalb gar nicht verwunderlich. Zwei Minuten Nachspielzeit sind beinahe abgelaufen, als ter Stegen den 732. Rückpass nach vorne befördert und per Eilschreiben von Johannes Flum zurückbekommt. Marx, der in der Situation letzter Mann ist, sieht Ivan Santini davonlaufen. Der Joker umkurvt ter Stegen und sieht den mitgelaufenen Kruse, der mit dem Abpfiff das 2:0 erzielt.

Marx muss dran glauben
Klar, das Spiel ist gelaufen zu diesem Zeitpunkt, Marx ist sogar am meisten von allen gelaufen. Aber es wirft dennoch Fragen auf, warum der 31-Jährige fünf Sekunden benötigt, bis er doch noch zurückrennt. Es ist nebensächlich, dass er in der Enttäuschung vielleicht nicht realisiert, wie wichtig jedes einzelne Tor sein kann. Nebensächlich, dass Santini im Normalfall sofort abschließt und jedes Zurückrennen zwecklos wird. Es mag jetzt gerade den Falschen treffen, der für diese Kritik herhalten muss. Aber der unbändige Wille, den Europapokal auf dem Silbertablett auch anzunehmen, war über 92 Minuten von vorne bis hinten kaum zu sehen. “Sie sind besser. Punkt”, bringt es Favre nach dem Spiel auf den, nun ja, Punkt. “Wir müssen gar nicht diskutieren.”

Wieder verpasst Gladbach den zweiten Sieg in Folge, bald wird die Krankheit chronisch. Die Borussia müsste schon alle vier Heimspiele bis zum Saisonende gewinnen und sonst alles verlieren, um ohne jegliche Mini-Serie im Europapokal zu landen. Jetzt heißen die nächsten Gegner Fürth, Stuttgart, Augsburg und Wolfsburg – Rang 18, 13, 16 und 12.

Erneut ist trotz eines Rückschlags in der Tabelle kein Unglück passiert. Nur läuft der VfL Gefahr, sich auf diese Weise bis in den Mai zu hangeln – und plötzlich ist die Saison vorbei. In einem ungewöhnlich kritischen Interview auf der Vereinshomepage prangert Vizepräsident Rainer Bonhof die mangelnde Risikobereitschaft an. “Die Mannschaft gibt in Interviews ja das Ziel aus, sich wieder für den Europokal zu qualifizieren”, sagt Bonhof. “Wenn man diese Ambitionen hat, muss man einfach mehr investieren.”

Hamburg relativiert alles
Wenigstens kann ich mir nach der Niederlage die Petition sparen, dass das Top Four der Basketball-Frauen jedes Jahr in Freiburg stattfindet (die Gastgeber wären nach ihrem Pokalsieg am Ostersonntag sicher auf meiner Seite gewesen). Nils sucht auf der Rückfahrt ganz andere Gründe für die Niederlage: “Man müsste mal nachgucken, wie wir an den Wochenenden, an denen auf Sommerzeit umgestellt wurde, immer gespielt haben.” So etwas darf er mir natürlich nicht sagen, ohne dass ich wirklich nachschaue, wann die Sommerzeit in Deutschland eingeführt wurde und wie es an den jeweiligen Wochenenden für die Borussia lief.

Verblüffend oft muss der letzte Sonntag im März in eine Länderspielpause gefallen sein. Ansonsten aber war die Umstellung auf Sommerzeit für den VfL jahrelang ein geheimer Motivationsschub. Zwischen 1981 und 2002 gab es in 16 Partien 14 Siege und zwei Unentschieden. Von den sechs Spielen danach gewann Gladbach nur die beiden, die sonntags stattfanden. Das hätte man mir auch früher sagen können.

Bei all dem Wut über die Niederlage hat sich der Ärger in der Straßenbahn schon wieder gelegt. Der Halbzeitstand in München macht die Runde. Bayern führt 5:0 gegen Hamburg. Als wir bereits auf der Autobahn sind, fallen sechs weitere Tore, immerhin zwei für den HSV. Kurzzeitig ist Gladbachs 12:0 gegen Dortmund sogar in Gefahr, was dem verkorksten Samstag natürlich die Krone aufsetzen würde – erst ein Auswärtsspiel verlieren, dann einen Rekord für die Ewigkeit. Am Ende behält die Borussia ihre Bestmarke. Die nächste Freiburg-Reise darf die DFL gerne auf den 28. Spieltag der nächsten Saison terminieren, gerne auf einen Sonntag. Am 30. März 2014 wäre es dann mal wieder Zeit – in der Nacht davor wird nämlich die Uhr umgestellt.

01. April 2013 von Jannik Sorgatz
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Entscheidend is auffer Parkbank

Bevor ich gleich nach Freiburg aufbreche, noch ein Video. In Dortmund kann man tatsächlich ungestört auf einer Parkbank sitzen und sechs Minuten über die einzig wahre Borussia, Bücher und das Fansein reden.

29. März 2013 von Jannik Sorgatz
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Ausgebügelt

Saison 2012/2013: 26. Spieltag – Gladbach 1:0 Hannover

Was für ein Spieltag! Zu gut, um wahr zu sein! Aber der Haken an der Sache will einfach nicht auftauchen. Die Borussia ist in dieser Saison ein echtes Sonntagskind – und hat einen großen Schritt gemacht, um es nächste Saison zu bleiben.

Konfirmationen, Handballspiele, Uni-Seminare – mehr Anlässe fallen mir nicht ein, zu denen ich in den vergangenen 15 Jahren die Bundesliga am Samstag verpasst hätte. Immer blieb ich zähneknirschend vom Fernseher oder aus dem Stadion weg. Denn der Samstag ist heilig, da gibt es gar nichts zu überhöhen, es ist einfach so. Zufall kann es demnach nicht sein, dass ich einen Job habe, in dem sich samstags ab 15:30 Uhr alles darum dreht, Sky zu gucken.

Da ich weiß, dass sie da oben selbst über diese Randnotiz schmunzeln wird, kann ich auch erzählen, dass meine Oma vor fünf Jahren an einem Freitag in der Länderspielpause starb. Mit Sicherheit wären wir nicht ins Stadion gegangen an jenem Wochenende. Aber die Frage stellte sich gar nicht, weil Deutschland in Liechtenstein spielte.

“Tor in Irgendwo!”
Diese Saison ist alles anders, weil die Borussia nicht mehr mit ganz so großer Vehemenz das Samstagsprogramm diktiert. Nur jedes zweite Spiel fand bisher am traditionellen Fußballtag statt. Doch das hat keineswegs zur Folge, dass ich mir einen Hund zugelegt habe, neuerdings einen Kaffee in der Stadt trinken gehe oder Rennrad fahre, wenn es “Tor in Irgendwo!” heißt. Stattdessen bekomme ich von den anderen 17 Mannschaften so viel mit wie seit Zweitliga-Zeiten nicht mehr. Trotzdem wäre es früher wohl nie vorgekommen, dass ich samstagnachmittags am Bügelbrett stehe (gut, früher wäre es nie vorgekommen, dass ich überhaupt am Bügelbrett stehe). Europapokal, was hast du nur mit mir gemacht?

Doch die Hemden und Hosen ziehen sich diesmal. Vier der sechs Gladbacher Konkurrenten sind in vier verschiedenen Spielen im Einsatz. Als der FC Augsburg beim Hamburger SV in Führung geht, ist mein Mitbewohner Sebastian aus dem Schwabenland nicht so begeistert, weil seine Stuttgarter momentan ganz andere Sorgen haben. Nachdem ich ihn davon überzeugt habe, dass der VfB dann eben am Sonntag in Frankfurt gewinnt, ist er auf meiner Seite.

Nicht einmal zwei Kilometer Luftlinie von unserer WG schießt dann der SC Freiburg das 1:0 in Dortmund. Das kommt weder bei Schwaben noch bei Borussen mit Europacup-Hoffnungen gut an. Als der BVB die Partie zur Pause aber gedreht hat, Schalke in Nürnberg zurückliegt und Mainz sich in Hoffenheim schwer tut, ist ein nahezu perfekter Samstag auf dem Weg.

Versaute Freiburger
Fast schon surreal gut gestaltet sich die Lage nach 90 Minuten. Ich habe nicht nur dieses elendige braune Hemd gebändigt, sondern bis auf Mainz hat kein einziger Konkurrent einen Punkt geholt. Freiburgs Torverhältnis trägt nach der erneuten Fünf-Tore-Klatsche nunmehr Züge von “Shades of Grey” – völlig versaut. Und sogar Schalke bewegt sich nach dem unerwarteten 0:3 wieder in neutralen Sphären. Im Vorhinein hätte sich wahrscheinlich niemand getraut, solch unverschämte Forderungen an den Spieltag zu stellen. Um 20:20 Uhr hat mich der Samstag so losgelöst von der Erde, dass ich Leverkusens Niederlage gegen Bayern als weiteren Gewinn für die Gladbacher Ambitionen sehe.

Am nächsten Morgen bin ich wieder auf dem Boden der Tatsachen. Der einzige Grund: Ich kenne doch meine Borussia. Die hat bis dahin zwar erst eines ihrer acht Sonntagsspiele verloren, aber es war ausgerechnet das ohne Europapokal-Auftritt am Donnerstag davor. Stuttgarts Sieg in Frankfurt – ein Schwabe hält eben Wort – erscheint mir nur als zusätzliches Argument, dass dieser Spieltag einen Haken haben wird und der mit großer Wahrscheinlichkeit im Borussia-Park zu suchen ist. Wer meint, dass dies nicht typisch Gladbach wäre, muss von Bergisch-Gladbach reden.

Lucien Favre ändert die Startelf aus dem Heimspiel gegen Bremen nur auf einer Position. Granit Xhaka oder Thorben Marx? Das war vorab das einzige Fragezeichen gewesen. Der Trainer, der unter der Woche in Barcelona Champions League geguckt hat, entscheidet sich gegen Experimente und für den Mann, gegen den sich partout kein Argument findet, warum er hier und heute nicht der Richtige sein sollte. Einen Namen mit X haben beide. So solide der Auftritt des Schweizers gegen Bremen auch war – dass Xhaka einen Satz mit X produziert, ist in dieser Phase wahrscheinlicher als bei Marx.

Gladbach tastet sich heran
Das “Magische Viereck in spe” macht vorne von Beginn an Druck. Da “spes” das lateinische Wort für Hoffnung ist, kann man ja getrost bei der Formulierung bleiben. Juan Arango sucht Luuk de Jong mit einem Diagonalball, den der Niederländer in seiner Zeit bei der Borussia schon besser verarbeitet hat. Kurz darauf macht es der Meister selbst, zielt jedoch vizemeisterlich über den Querbalken. Marx hat sogar Offensivlunte gerochen und prüft Ron-Robert Zieler mit einem Schuss von der Strafraumgrenze. Und Amin Younes verpasst nach einer Flanke von Patrick Herrmann nur knapp.

Das Schöne an den Hannoveranern ist, dass sie sich prinzipiell gerne am Spiel beteiligen. In der ersten halben Stunde steigert 96 seine Sympathiewerte am Niederrhein sogar, weil das nicht wirklich gelingt. Alvaro Dominguez und Martin Stranzl werden am Ende nur halb so viele Ballkontakte wie gegen Bremen haben.

Dass Hannovers Johan Djourou bei einer Ecke in Winterschlussverkauf-Wühltisch-Manier seinen Arm in Stranzl rammt, bleibt nicht nur den meisten der 46.000 Zuschauer, sondern offenbar auch Schiedsrichter Manuel Gräfe verborgen. Zum Glück kennen sich Herrmann und de Jong in der Unterhaltungsbranche aus und wissen, wie man Aufmerksamkeit generiert.

Der Niederländer tauscht mit Marx die Positionen. Während der Sechser in die Spitze durchläuft, zieht de Jong vier Gegner auf sich. Drei kümmern sich danach um Herrmann, der mit einem feinen Außenristpass Hannovers Aufmerksamkeitsdefizite der anderen Art aufdeckt. Zieler rutscht noch aus, so dass de Jong den Ball nur über den Keeper ins Tor chippen muss. Nachher ist von einem “Zaubertor” die Rede. Und tatsächlich könnte dieser Treffer als Blaupause dienen für die Art und Weise, wie der VfL in Zukunft spielen will.

Die zweite Ankunft
Während de Jongs Kritiker den fünften Strich beim Zählen seiner Bundesligatore machen können, tauchen andere wertvolle Eigenschaften des Stürmers natürlich nirgendwo auf. Der 22-Jährige läuft, ackert, schreckt vor keinem Zweikampf zurück. Dass dabei nicht alles gelingt, ist logisch. Wie de Jong manch einen Abschlag annimmt, behauptet und weiterleitet, nachdem seine Mitspieler aufgerückt sind, ist aber bemerkenswert. Dominguez war als erster Spieler des 30-Millionen-Trios angekommen. Wer behauptet, de Jong sei es noch immer nicht, sollte ihn sich live im Stadion ansehen, oder zumindest ein ganzes Spiel aufzeichnen und nur auf den Niederländer achten.

Zu einer bemerkenswerten Statistik dieses Spiels trägt de Jong auch dabei, weil er sich im Luftkampf fast immer fair behauptet. Nur sieben Fouls leistet sich die Borussia über 90 Minuten. Eines hat schwerwiegende Folgen, wobei die Gelbe Karte gegen Arango noch eher zu verschmerzen ist. Früher hätte sich der Venezolaner solch eine Verwarnung niemals abgeholt, weil er nach einem Ballverlust nicht 25 Meter einem Gegner hinterhergespurtet wäre – und er hätte sich bei seinem Grätschversuch nicht am Oberschenkel verletzt. Arango muss in der Kabine bleiben, zur zweiten Halbzeit kommt Filip Daems und schickt Oscar Wendt ins Mittelfeld.

Nach 61 Minuten ist mal wieder Brouwers-Time, weil sich Stranzl über dem Auge verletzt hat. Am nächsten Tag legt der Österreicher dafür bei der Präsentation des neuen Mannschaftsbusses einen astreinen Hangover-Auftritt mit Sonnenbrille hin. Auf Roel Brouwers ist zwar Verlass. Dennoch läuft es nicht gerade optimal, wenn Favre zweimal verletzungsbedingt wechseln muss. Obendrein gefiel Wendt hinten links diesmal ganz gut.

Matchwinner Pinto
Neutrale Beobachter mögen die letzte halbe Stunde als langweilig bezeichnen. Den Borussen im Stadion geht dafür – sowohl auf als auch neben dem Platz – ganz schön die Pumpe. Das zwölfte Unentschieden der Saison wäre fatal, die Vorlagen der Konkurrenz plötzlich nur noch Beihilfe zur Schadensbegrenzung. Hannover spielt noch immer schwach, aber nach Hause gefahren ist der Gegner auch nicht.

Sergio da Silva Pinto – einst unter dem Decknamen Sergio Pinto als erfolgreicher Bobadilla-Provokateur in Erscheinung getreten – lockert die angespannte Stimmung kurz vor Schluss auf. Nach diversen Versuchen bei Gräfe wird Pinto an der Seitenlinie konkreter. Der Linienrichter schickt ihn mit einem “Hau ab!” weg. Das ist nicht nett, aber immerhin ehrlich. Gelb für Pinto gibt es als Reiseproviant für den Weg zurück in die eigene Hälfte.

In der 85. Minute will es Pinto wissen. Im Luftkampf mit Daems bekommt er dessen Hand ans Ohr (ja, war so unspektakulär, wie es sich liest). Ein Blick zum Schiedsrichter, der aber nicht reagiert, dann sackt Pinto zusammen und täuscht einen Ohrmuschelbruch vor. Für den gestreckten Daumen – man nennt ihn auch den “ironischen Mittelfinger” – gibt es Gelb-Rot.

Somit ist Pinto eindeutig Gladbachs bester Mann in der Schlussphase, weil er den abgekämpften Borussen Verschnaufpausen gewährt. Erst in der 93. Minute wird der Hannoveraner von Marc-André ter Stegen abgelöst. Der 20-Jährige lenkt einen Schuss von Christian Pander über die Latte.

Vertrauen aufs Happy End
Dann ist Schluss und Tausende fahren wahrscheinlich übervorsichtig nach Hause, weil sie den Haken dieses perfekten Spieltags in Form eines Wildschweins befürchten, dass die Fahrbahn kreuzt. Denn die Ergebnisse waren einfach zu gut, um wahr zu sein. “Alle haben für uns gespielt. Sogar mal wir selbst”, twittert der Fanclub “Block B” und bringt die Verwunderung auf den Punkt.

Natürlich weckt der Sprung auf Platz sieben Sehnsüchte. Am 26. Spieltag hat Gladbach dreimal so viele Punkte geholt wie alle sechs Konkurrenten zusammen. Platz vier ist nur noch einen Zähler weg. Vorhin habe ich zum ersten Mal in dieser Saison den Tabellenrechner malträtiert, die Aktion aber nach zwei Spieltagen abgebrochen. Das ist mir dieses Jahr zu anstrengend. Also vertraue ich darauf, dass auch diese Saison ihr Happy End bekommt.

Der VfL hat aus den 13 Spielen, die nicht an einem Samstag stattfanden, jetzt 26 Punkte geholt. Am scheinbar heiligen Fußballtag sind es nur zwölf Zähler bei gerade einmal zwei Siegen (zu Hause gegen Hoffenheim und Düsseldorf). Lasst uns den Samstag doch zum offiziellen Borussia-Bügel-Tag machen und nur noch sonntags, freitags und mittwochs spielen!

18. März 2013 von Jannik Sorgatz
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Mlapartykiller

Saison 2012/2013: 25. Spieltag – Gladbach 1:1 Bremen

Seit Monaten pendelt die Borussia zwischen Rang sieben und zehn – ohne sich oben einzumischen, aber auch ohne bangen Blick nach unten. Ein Sieg gegen Werder sollte die Initialzündung bringen. Stattdessen lief mal wieder alles anders.

Ich wollte doch produktiv sein. Manchmal ist es alles andere als ein Segen, dass diese Texte an einem Notebook mit Internetzugang entstehen. Da ist dieser Browser. Da ist YouTube. Da sind all diese bis zum Gänsehaut-Weltrekord mit Emotionen aufgeladenen Videos aus den vergangenen zwei Jahren.

Und im Nu bin ich wieder in Bochum. Die Augen werden nass von einem Handyvideo, in dem der Gästeblock “Nie mehr Zweite Liga!” singt. Wer soll denn so arbeiten? ‘Aber hey’, denke ich mir, ‘vor das Rückspiel gehört das Hinspiel.’ Dann läuft wieder die dritte Minute der Nachspielzeit, Igor de Camargo trifft. “Und was jetzt los ist, das ist ja unfassbar!”, ruft Kommentator Steffen Simon. “Der Borussia-Park flippt aus – auf den Rängen, auf dem Rasen!”

Als Oliver Neuville bei der WM 2006 das legendäre “Polen-Tor” erzielte, sagte Simon: “Und hier spielen sich unglaubliche Szenen ab – unten auf der deutschen Bank, oben auf den Rängen.” Dass der ARD-Mann in beiden Momenten intuitiv auf ähnliche Muster zurückgegriffen hat, spricht für die Bedeutung der Tore.

Das volle Programm
Hach ja, und dann noch einmal die ganze Saison 2010/2011 in 6:12 Minuten im Schnelldurchlauf. Schon ist fast wieder eine halbe Stunde um, ohne dass ich eine Zeile geschrieben haben. Es warten die Rückblicke aus der Saison 2011/2012 – Hinrunde, Rückrunde, “Borussia Barcelona”, Marco Reus’ Abschiedsvideo und noch einmal die ganze Spielzeit kompakt. Die zweite halbe Stunde ist vorbei.

Ich verabschiede mich ins Privatarchiv: Champions-League-Hymne im Borussia-Park, Fanmarsch in Kiew, Oscar Wendts Elfmeter auf Zypern, Ekstase in Marseille, Bootsfahrt über den Bosporus, Spanische Treppe in Rom. Hat Sky nicht die überragenden Arango-Tore aus der Hinrunde alle online gestellt? Es geht zurück ins Internet. Frankfurt, Hannover, Wolfsburg, Mainz – unfassbar, dieser Mann!

Hat jeder Verein diese Vielfalt? Kann jeder Fan permanent in Video-Parallelwelten abdriften, ohne weiter zurückzugehen als zwei Jahre? Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Fülle und Intensität einzigartig ist. Die Dortmunder haben in derselben Zeit zwar genau so viel erlebt, aber alles mit Netz und doppeltem Boden, ohne Furcht.

Abstiegskampf adé
Nach 90 Minuten ist jetzt doch das Heimspiel gegen Bremen an der Reihe. Vor knapp fünf Monaten hat die Borussia beim 0:4 mit Sicherheit keine YouTube-Perlen produziert. Die Ablenkungsgefahr ist also gering. Nach dem Spiel rutschte der VfL auf Platz 13 ab. Schlechter stand er in der Bundesliga nicht mehr da, seit die Mannschaft im Mai 2011 in Hamburg die Relegation fix gemacht hat – und das war nun wirklich keine Schande.

Wenn es seitdem auch nur annähernd die Angst gegeben hat, wieder in den Abstiegskampf zu geraten, dann in jener Phase, als Gladbach so viele Gegentore kassiert hat wie nie zuvor unter Lucien Favre. Fünf waren es in Dortmund, vier gegen Fenerbahce, vier im Bremer Weserstadion. In 23 Pflichtspielen danach musste Marc-André ter Stegen nur zwei weitere Male mindestens dreimal hinter sich greifen. Sowohl gegen Leverkusen als auch gegen Lazio verlor der VfL dennoch nicht.

Thorben Marx pinselt derzeit wahrscheinlich an ein paar Aquarellen, weil er sich “Stabilität” als Künstlernamen in den Ausweis eintragen lassen will. Wann immer Lucien Favre von Beginn an auf den Sechser verzichtet hat, weil der verletzt oder angeschlagen war, gab es drei Gegentore (gegen Leverkusen und gegen Lazio – für die, die es schon wieder vergessen haben). Wann immer ich die Renaissance des zwischenzeitlich Vergessenen feiere, will ich hinzufügen: “Aber die Zukunft ist das natürlich nicht.” Aber was kann Marx dafür, wenn die Zukunft noch mit sich selbst zu kämpfen hat?

Im Frauen-Sandwich
Gegen Werder ist der gebürtige Berliner aber gelbgesperrt. Für ihn steht die Zukunft in der Startelf. Granit Xhaka darf von Beginn an ran. Außerdem ist Juan Arango wieder da. Filip Daems sitzt dafür draußen und Oscar Wendt rückt wieder in die Viererkette, wo es nach kleinem Hoch zuletzt nicht mehr so gut für ihn gelaufen war.

Irgendetwas ist anders an diesem Samstagabend. Zuerst rätseln meine Mutter und ich, wer bei Bremen neben Lukimya in der Innenverteidigung spielt, weil Prödl und Sokratis gesperrt sind. Der Vierer sieht von oben aus, als sei er 2,16 Meter groß und nicht älter als 20 Jahre. Während meine Mutter einen unbekannten Nachwuchsspieler vermutet, denke ich, dass wir irgendeinen Winter-Neuzugang nicht auf dem Zettel haben. In unserem gewohnt diskutierfreudigen Privat-Familienblock tut es mal gut, wenn beide Recht haben: Mateo Pavlovic ist im Winter aus Zagreb gekommen, 21 Jahre alt und 1,96 Meter groß.

Nach der Rätselrunde fällt mir auch endlich auf, was mich so irritiert. Dass zu meiner Rechten eine Frau sitzt, ist ja nicht neu. An diesem Abend dürfte es jedoch zum ersten Mal vorkommen, dass ich mich in einem weiblichen Sandwich befinde. Der Xantener Zahnarzt und sein Sohn, die seit Ewigkeiten links neben uns ihre Plätze haben, habe ich zuletzt auf der Spanischen Treppe in Rom gesehen. Als Ersatz haben sie einen Mann Mitte 50 und vermutlich dessen Tochter geschickt. Hoffentlich wird sie in den Jubel-Kreisel samt Abklatschen und – je nach Wichtigkeit des Tores – Um-den-Hals-fallen nicht zu viel hineininterpretieren.

Prinzipientreue
Genau einmal habe ich meine damalige Freundin mit ins Stadion genommen. Es war ein grausamer Stadionbesuch, weil Gladbach sich zu einem 1:1 gegen Freiburg gurkte und meine Freundin nicht kapieren wollte, dass ich definitiv nicht in der Nordkurve Händchen halte. Man muss doch noch seine Prinzipien haben.

Über diese fußballerisch-zwischenmenschlichen Fragen kann ich mir problemlos Gedanken machen, weil unten auf dem Platz lediglich Alvaro Dominguez und Martin Stranzl Erfolg bei der Partnersuche haben. Andauernd finden sie den jeweils anderen, der den Ball sofort wieder zurückschiebt, anstatt dem Co-Innenverteidiger auch einmal einen Korb zu geben. Havard Nordtveit und Xhaka leiden nach einer Viertelstunde an Liebesentzug, Luuk de Jong weiß schon gar nicht mehr, wie sich ein Ball anfühlt.

Aber dann geht alles ganz schnell und ist am Ende nur so bemerkenswert, weil alles ganz langsam geht. Der Reihe nach: Nordtveit wird doch einmal eingebunden und weiß auch etwas Vernünftiges damit anzufangen. Amin Younes leitet den Steilpass des Norwegers mit der Hacke auf Patrick Herrmann weiter. Im Teilkreis vor dem Strafraum kommt ihm Werder-Keeper Mielitz entgegen, der den Ball eigentlich nur weghauen müsste. Tut er auch, nur endet die Flugbahn an Herrmanns Bein. Und der kann locker einschieben wie einst Marco Reus im Pokal gegen Schalke, nur ohne Zirkus-Trick.

Niemand macht den Ballack
Bis dahin ist alles wie immer. Schiedsrichter Wolfgang Stark hat Richtung Anstoßpunkt gezeigt, weit und breit keine Linienrichter-Fahne zu sehen. Ich fokussiere mich beim Jubeln auf die bekannten Gesichter. Gladbach? Eins! Werder? Nuuull. Danke, Patrick. Alles reinste Routine – bis irgendjemand “Er gibt es nicht!” schreit.

Was? Hä? Wie bitte? Hat Stark ein Foul an Mielitz gepfiffen, obwohl es nach einem Allerwelts-Pressschlag aussah? Dafür spricht die Tatsache, dass der Bremer Torwart am Boden liegt und behandelt wird (billige Einlage). Wie gesagt, der Linienrichter war reglos. Sonst schaue ich doch selbst bei Einwürfen in der eigenen Hälfte kurz zur Seite, um nicht den peinlichsten aller Stadionmomente zu erleben – den verschenkten Jubel.

Stark, bereits vor dem Spiel mit Raunen und Pfiffen bedacht, spricht mit Kapitän Stranzl. Kein Borusse jagt wie einst Michael Ballack in der Champions League dem Schiedsrichter hinterher. Auf den 7140 grünen Quadratmetern weiß anscheinend jeder Bescheid, nur 54.000 Zuschauer haben erst einmal keine Ahnung. Hinterher werden alle fluchen über Stark, als hätten sie es gewusst. Zum 38. Mal pfeift der FIFA-Schiedsrichter ein Spiel der Borussia. Die Bilanz ist eher schlecht, was aber eher daran liegt, dass Stark 1997 zum ersten Mal Gladbach gepfiffen und den VfL damit treu durch 15 Seuchenjahre begleitet hat. Klar, er hat Igor de Camargo auf St. Pauli vom Platz geschmissen. Damals hieß der Böse aber Matthias Lehmann. Klar, er hat den Tritt auf den Fuß von Marco Reus nicht gesehen. Damals hieß der Böse aber Jermaine Jones. Also alles halb so wild. Oder habe ich etwas Dramatisches vergessen?

“Leistungsgerecht”
Wahrscheinlich hätte die Aufregung im Borussia-Park eine noch kürzere Halbwertszeit, wenn Stark die Zuschauer wie beim American Football über ein Stadionmikro informieren könnte. So bleibt neben der Wut noch eine Weile lang die Angst, dass diese Entscheidung womöglich dafür sorgt, dass am Ende zwei Punkte für Europa fehlen (der Fußball ist eben ein einziges Dominospiel und seine Fans paranoid).

Stranzl und Dominguez schieben sich weiter die Pässe zu wie sonst nur 15-jährige Mädchen vor der Dorfdisko. Offensiv ist Herrmann Gladbachs Aktivposten, der auf rechts zwar immer wieder durchkommt, aber immer noch kein Mittel gefunden hat, den Ball zu de Jong zu bringen. So geht es mit einem 0:0 in die Pause, für das es zum Glück ein ansonsten nutzloses Adjektiv wie “leistungsgerecht” gibt.

Wie es in der zweiten Halbzeit zunächst weitergeht, lässt sich ebenfalls mit so einer Wendung aus der Fußballsprache beschreiben: “von der Taktik geprägt”. Das findet man auf der Skala, mit der Bundesligaspiele bewertet werden, kurz vor “was ein Kackspiel”. Immerhin traut der Betrachter beiden Mannschaften in diesem Fall noch zu, dass das, was sie da veranstalten, irgendeine Intention hat – und nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass sie es nicht besser können.

Xhaka ist Gladbachs Werder
Lediglich ein Arango-Kopfball heitert das “Top-Spiel” ein wenig auf (solch ein Ding mit Seltenheitswert kann im Grunde auch nur taktische Gründe haben). Auf der anderen Seite scheitert Kevin de Bruyne an ter Stegen. Werders junger Belgier ist der einzige, der permanent so etwas wie Gefahr versprüht. Ansonsten ist es eine kriselnde ehemalige Top-Mannschaft, die im Borussia-Park nur darauf bedacht ist, keine groben Fehler zu machen.

Das gilt ebenfalls für einen jungen Schweizer, den man als das “Werder von Gladbach” bezeichnen könnte. Granit Xhaka muss sich nichts vorwerfen lassen, weil er nichts Großartiges falsch macht – was in erster Linie daran liegt, dass er sich aus den brenzligen Situationen raushält. Was wie ein Vorwurf klingt, soll gar keiner sein. Lieber zwei, drei Spiele mit angezogener Handbremse absolvieren, in Ruhe reinfinden in den Rhythmus, anstatt entscheidende Fehlpässe zu produzieren. Das sei ihm sogar gegönnt. Als Marx gegen Leverkusen und Lazio fehlte, hieß sein Ersatz nicht Xhaka. Wenn er will, darf sich der 20-Jährige damit rühmen, die Ohne-Marx-Gegentor-Flut beendet zu haben. Er muss aber nicht.

Was Lucien Favre so von dem Auftritt seiner Mannschaft hält, zeigt er nach 70 Minuten. Mike Hanke, Peniel Mlapa und Lukas Rupp kommen in einem Rutsch für Luuk de Jong, Amin Younes und Patrick Herrmann. Womit sich alle direkt davon verabschieden können, dass da vorne mit Leichtigkeit ein “Magisches Viereck” entsteht, als müsse man nur heißes Wasser durch ein Kaffeepad jagen. Nur Arango bleibt drin, was an diesem Tag höchstens daran liegt, dass Venezuela ihn nicht als Chavez-Nachfolger abwerben kann, solange er auf dem Platz steht.

Noch nichts entschieden
Wenig später segelt von links die erste vernünftige Ecke des Abends in den Strafraum. Mlapa mausert sich endgültig zur Zwei-Minuten-Terrine und köpft kurz nach seiner Einwechslung seinen zweiten Pflichtspieltreffer für die Borussia. Vielleicht hätte Werder einen der drei Spieler, die bei Ecken immer an der Mittellinie lauerten, mal an den Pfosten gestellt. Aber heiß’ ich Thomas Schaaf?

Doch noch ist das Ding nicht durch. Nein, gemeint ist nicht das Spiel, sondern das Tor. Gladbach? Eins! Werder? Nuuull. Danke, Peniel. So weit waren wir vorhin auch schon. Bis zum Wiederanpfiff bleibt das flaue Gefühl im Magen, immer wieder bange Blicke zum Linienrichter, was macht Stark? Ich hoffe, es dauert nicht so lange, bis ich wieder unbeschwert ein Tor feiern kann.

Wenn Bremens Aleksandar Ignjovski nicht säuft (wovon ich mal ausgehe), ist es nicht seine Fahne, die diesmal die Freude beendet, sondern ein Abstauber am langen Pfosten. Ter Stegen kratzt den Ball noch aus dem Tor, aber Linienrichter Jan-Hendrik Salver sieht auch wirklich alles. Für Ignjovski ist es der erste Treffer in der Bundesliga. Gern geschehen, Aleksandar!

Favre winkt ab
Danach spielen beide Mannschaften endlich konstant Fußball, was Stranzl und Dominguez nicht daran hindert, ihre Ballkontakte in die Dreistelligkeit zu befördern. 109 und 119 sind es am Ende. Der wahrscheinlich letzte von Dominguez wird aber beinahe sein wichtigster.

Es läuft bereits die Nachspielzeit, als der Spanier einen Pass aus der eigenen Hälfte in die Spitze spielt. Hanke hüpft geschickt drüber wie beim Gummitwist auf dem Schulhof. Und dann läuft Mlapa alleine auf Mielitz zu. Er sollte besser probieren, links vorbeizugehen. Wobei es bei Chancen dieser Art einfach keine Ausreden gibt, sie nicht zu nutzen. Kann dieser Mann denn nicht treffen, ohne zwei Minuten vorher eingewechselt worden zu sein?

90 über weite Strecken biedere Minuten, das ganze Ballgeschiebe, der viel zu schnelle Ausgleich – das wäre alles vergessen. Aber Mlapa versucht es rechts, bleibt an Mielitz hängen, trifft dann im Nachschuss Pavlovics Beine. Favre winkt am Spielfeldrand ab, als habe ein Busfahrer vor seiner Nase die Tür geschlossen und sei abgedüst.

Pendeln, ohne anzugreifen
Und wieder gelingen Gladbach keine zwei Siege hintereinander. Die gab es zuletzt im August des vergangenen Jahres, als die Borussia nach dem Sieg in Mainz am 34. Spieltag auch das Auftaktspiel gegen Hoffenheim gewann. Lassen wir das nicht gelten, landen wir im Februar 2012 – Schalke und Kaiserslautern, die finalen Auftritte von “Borussia Barcelona”.

Elf Unentschieden nach 25 Spieltagen sind einfach zu viele. In sechs dieser Partien hat der VfL das 1:0 erzielt, gegen Leverkusen sogar zweimal geführt. Hinzu kommen torlose Remis in Düsseldorf und Hoffenheim. Niemand verlangt die Europa League. Aber es wird sich wohl niemand finden, der verlangt, dass die Mannschaft ihre Chancen nicht nutzt. Denn Platz sechs ist weiterhin nur vier Punkte weg. Es waren schon deutlich weniger, aber niemals mehr.

Seit Ende November pendelt die Borussia zwischen Rang sieben und zehn, obwohl sie maximal ein Spiel in Folge gewinnt. Die Konkurrenten haben alle ihre Mini-Serien gehabt, was sich optimistisch so interpretieren lässt, dass die des VfL einfach noch kommt. Und es ist ja nicht so, dass die Hoffnung in den vergangenen zwei Jahren ein schlechter Begleiter war. Ich finde, es wird wieder Zeit für eine YouTube-Session.

14. März 2013 von Jannik Sorgatz
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Herlig!

Saison 2012/2013: 24. Spieltag – Frankfurt 0:1 Gladbach

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Wer ab und an bei RP ONLINE liest, hat es vielleicht schon mitbekommen: Seit dem 1. März schreibe ich dort regelmäßig über die Borussia. Das passiert alles in bewährter Art und Weise wie hier auf dem Blog. In Kürze werden meine Artikel dort auf einer eigenen Seite gesammelt, einen Namen bekommt die Rubrik auch noch.

Für mich ist das eine großartige Sache, weil ich mit der Arbeit, die ich als 18-Jähriger hobbymäßig begonnen habe, inzwischen meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Vor fünf Jahren hätte ich das nie für möglich gehalten. Dafür gilt es euch Lesern ganz besonders zu danken, ohne die eine Seite wie diese natürlich nicht funktionieren würde!

Für “Entscheidend is auf’m Platz” bedeutet meine neue Tätigkeit dennoch, dass es so weiter geht wie bisher. Wobei: Eher nicht so wie in den vergangenen Monaten, als diese Seite ziemlich eingeschlafen ist. Damit soll jetzt Schluss sein, ein für allemal. Während hier die aktuellen Spiele aufgearbeitet werden, schreibe ich parallel an all den Texten, die bislang noch nicht erschienen sind (ambitioniert, aber das schaff’ ich schon). Schließlich habe ich mir vorgenommen, im Sommer aus “So weit die Raute trägt” und “Gegen Gladbach kann man mal verlier’n” eine Trilogie zu machen. Aus dem Keller in die Relegation in den Europapokal – wieder in den Europapokal?

Also hoffe ich, euch weiterhin zahlreich bei “Entscheidend is auf’m Platz” und in Zukunft auch bei RP ONLINE begrüßen zu können.

 

Euer Jannik

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Eintracht Frankfurt soll ja die Borussia der Saison 2012/2013 sein: Jung, frisch, überraschend erfolgreich. Nachdem der große Zauber in Gladbach ab dem Ende des Winters 2011/2012 etwas verflog, beginnt nun auch der Aufsteiger aus Hessen zu straucheln. Beim VfL beschwert sich darüber jedoch niemand. Und so ist Frankfurt rein auswärtssieg-technisch inzwischen das neue Köln.

Es wird im Fußball so manche Unwahrheit verbreitet. Zum Beispiel ist das mit den Auswärtstoren im Europapokal, die doppelt zählen, natürlich Schwachsinn. Für ein weiteres vermeintliches Hirngespinst muss ich an dieser Stelle aber mal eine Lanze brechen: das Sechs-Punkte-Spiel. Tatsächlich geht es für die Borussia bei Eintracht Frankfurt um die doppelte Ausbeute, alles hat eben seine Relation (nicht “Relegation”, wohlgemerkt!). Bei einem Sieg sind es nur noch vier Punkte auf Platz vier. Bei einer Niederlage sind es zehn. Und da zwischen “Voll drin im Geschäft” und “Quasi raus aus dem Rennen” alles drin ist, geht das mit dem Sechs-Punkte-Spiel schon in Ordnung.

Das letzte Saisondrittel bricht an. Dieses Jahr ist es aufgrund der Europa-Tour sogar nur ein Viertel. 35 ihrer 46 Pflichtspiele hat die Borussia bereits hinter sich. Da könnte man meinen, für die Mannschaft von Lucien Favre sei jedes der verbleibenden elf Spiele weniger anstrengend als für die meisten Gegner. Und wenn nicht, kann man ja trotzdem an die Theorie glauben. Erinnert an Ruhrpott-Legende Horst Szymaniak, der in Verhandlungen einst “mindestens ein Viertel” mehr Gehalt gefordert haben soll, nachdem ihm nur ein läppisches Drittel angeboten worden war.

Ohne Arango
Vor dem Spiel steht Arie van Lent bei Sky, Ex-Borusse und Ex-Frankfurter in Personalunion. Wobei seine Zeit bei der Eintracht in eine der hinteren Ecken meines Gedächtnisses gerutscht ist. Noch eher ist der letzte Torschütze auf dem Bökelberg für mich Bremer oder Fürther. Während mein Blick an van Lents kahlem Schädel hängen bleibt, schreit es in meinem Kopf geradezu nach Hereingaben für Luuk de Jong. Flanken auf sein Haupt!

Einer, der das als bislang einziger Borusse erfolgreich praktiziert hat, muss gegen Frankfurt kurzfristig passen. Das einzig Positive am erneuten Ausfall von Juan Arango: Sollte es gegen die Eintracht einen Sieg geben, stellt sich die Frage, wie gut es denn nach der Rückkehr des Venezolaners noch werden soll. So aber bleibt offen, ob Lucien Favre sich auch mit Arango für de Jong, Patrick Herrmann und Amin Younes in der Offensive entschieden hätte.

Mut war jedenfalls immer ein guter Begleiter in dieser Saison. Andere Mannschaften können nur kämpfen oder spielerisch überzeugen. Bei Gladbach kam mit dem Einsatz auch immer die fußballerische Klasse ins Spiel – als müsste sich ein Maler immer erst zwei Stunden wie ein Navy Seal durch den Matsch kämpfen, um zu seiner Staffelei zu gelangen.
Die Eintracht hat drei Spiele in Folge nicht gewonnen, wartet seit 324 Minuten auf einen Treffer und Top-Torjäger Alexander Meier hat sogar seit 462 Minuten keinen zählbaren Arbeitsnachweis mehr erbracht. Wäre ich ein Wettunternehmen, würde ich die Quote für einen Frankfurter 1:0-Sieg durch ein Tor von Meier ganz schnell auf 1,01 heruntersetzen. Sonst könnte es teuer werden.

Das Ende der Auswärtsdeppen
Gladbach beginnt tatsächlich mutiger als gegen Dortmund, Rom oder Leverkusen. Lucien Favre hat dieser Mannschaft das Auswärtsdeppen-Dasein in seiner zweijährigen Amtszeit erfolgreich ausgepeitscht oder vielmehr aus den Köpfen philosophiert. Das muss man sich mal vorstellen: In achteinhalb Spielzeiten im 21. Jahrhundert durften sich Borussias Fans in der Bundesliga gerade einmal über 18 Auswärtssiege in 147 Versuchen freuen. (In diese Klammer schreibe ich lediglich einen Füllsatz, damit jeder ein paar Sekunden hat, um all die Zahlen zu ordnen.) Es gab keine Gelegenheiten, die Bilanz in Europa zu verbessern. Und bis auf die Erfolge in den Erstrundenspielen gewann der VfL selbst im DFB-Pokal kein einziges Auswärtsspiel.

Nach einer Anfangsphase ohne große Möglichkeiten auf beiden Seiten offenbart sich ein weiterer bemerkenswerter Wandel – gegen den sich Favre vergangene Spielzeit noch vehement gewehrt hat. Gladbach schießt inzwischen die zweitmeisten Tore nach Standards. Da die Borussia in Frankfurt nicht auf “venezolanische Elfmeter”, besser bekannt als “direkte Freistöße”, zurückgreifen kann, muss es eben mal wieder eine Ecke richten. Herrmann hat sich zuvor auf rechts stark durchgesetzt und Younes in der Mitte gesucht. Beinahe wäre dem 19-Jährigen im zweiten Spiel von Beginn an sein zweiter Treffer gelungen, aber Sebastian Jung rettete auf der Linie zur Ecke.

Und die sind mittlerweile so etwas wie “norwegische Elfmeter”. Havard Nordtveit bringt den Eckball wie gewohnt von rechts rein. Der 22-Jährige hat sich eben seine Nische gesucht, nachdem gegen Arangos Freistoßmonopol nichts auszurichten war. Am ersten Pfosten verlängert Thorben Marx auf Luuk de Jong, der wunderbar einläuft und den Ball unhaltbar ins Tor köpft.

Ich muss zugegeben: Ich bin trotzdem eher ein Fan von Spielzügen wie aus dem Museum. Mike Hankes 2:0 damals gegen Schalke will ich irgendwann immer noch eine eigene Ausstellung widmen. Aber diese Schönheit der Einfachheit ist auch faszinierend. Nach 22 Minuten führt Gladbach 1:0. Bis auf das Heimspiel gegen Stuttgart reichte das bislang immer zu mindestens einem Punkt (in der Bundesliga, wohlgemerkt – diese Differenzierungen sind schon anstrengend diese Saison).

Der Schotten-Hype
Im Gästeblock jubelt ein Mann, der sich nach dem Aus in der Europa League als “Borusse der Woche” fühlen durfte. Am Sonntag nach dem Spiel gegen Dortmund sind bei YouTube endlich zwei Videos vom “Traumtor an der Spanischen Treppe” aufgetaucht. Markus Schotten heißt der Mann, der sich kurz vor dem Aufbruch in Richtung Stadion den gelben Postbank-Ball schnappte und die riesige Reisegruppe so überheblich anheizte, dass von Stufe eins bis Stufe 89 auf der Spanischen Treppe wohl jeder dachte: ‘Was ein Vogel! Das gibt eh nichts!’

Aber dann zog der Erkelenzer ab, der Ball verschwand durch in geöffnetes Fenster in der dritten Etage eines Hotels – und eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Roms “döpte” vor sich hin. Zum Glück sind die Übernachtungen mit 100 Euro aufwärts dort bezahlbar. Das lässt darauf schließen, dass der Mann seine Haftpflichtversicherung nicht überstrapazieren muss – falls beim Schuss seines Lebens doch etwas zu Bruch gegangen ist. Es ist wie ein Chuck-Norris-Witz: Markus Schotten schießt sogar Auswärtstore in Rom.

Wenn man so will, ist dieser Hype mit dem 1:0 jedoch zu Ende gegangen. Es zählt wieder das Hier und Jetzt rund um den VfL, der ja nicht weniger als die zweite einstellige Platzierung hintereinander anstrebt. Nicht zu vergessen: Zwischen dem vereinseigenen Streben und dem wahrhaftigen Rahmen der Möglichkeiten ist sogar noch Luft.

Wie die Ringer
Apropos Hypes, die zu Ende gehen. Mike Hanke war “Borusse der Woche”, was die negativen News anging. Unterm Strich hat er das jedoch am allermeisten selbst so empfunden. Kaum jemand wird es als “unumgänglich” bezeichnen, Hankes auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. “Menschlich schade, sportlich vertretbar” war dennoch eine mehrheitsfähige Meinung. Einige Pfeilspitzen in Richtung Eberl, Favre und Co. haben mich an das Olympia-Aus für die Ringer erinnert: Noch wenige Tage zuvor hatten Zehntausende über Hankes Leistung gegen Dortmund geflucht. Nachdem sein Abschied auf Zeit eingeläutet wurde, liegt die Betonung plötzlich wieder auf “Ex-Nationalspieler”.

Als es in der zweiten Halbzeit noch immer 1:0 für Gladbach steht, die Eintracht aber mehr und mehr drückt, kommt Hanke für de Jong. Der Siegtorschütze in spe hat sein bestes Spiel gemacht. Einer seiner Vorgänger soll 13 Minuten lang mithelfen, den Gegner von Marc-André ter Stegens Tor fernzuhalten. Anfangs habe ich geschrieben, dass mit dem Einsatz bei der Borussia die spielerische Klasse kommt. Der nächste Effekt in dieser Erfolgskette ist anscheinend das Glück. Einmal vergisst Frankfurts Inui bei einer riskanten Grätsche an der Grundlinie, das Elfmeter-Geschenk anzunehmen. Stefan Aigner köpft einen Ball knapp drüber, den er in den Top-Wochen des Aufsteigers noch in zwei Metern Höhe mit der Hacke verarbeitet hätte.

Kurz vor dem Ende muss Armin Veh, der Gladbach-Fan in der Frankfurter Coaching-Zone,  auf die Tribüne. Er hatte sich über ein Foul an Nordtveit, für das Sebastian Rode Gelb sah, so sehr echauffiert, wie das ein echter Borusse nie tun würde. Schließlich gibt es immer noch einen Unterschied zwischen “Ball gespielt” und “Ball berührt”.

Überraschungsteam-Nachfolger mit Defiziten
Hinterher geht der Ärger weiter. Vor dem Pass, der Herrmann vor der Chance von Younes, die die Ecke brachte, die zum Siegtor führte, auf die Reise schickte, soll es ein Foul im Mittelfeld gegeben haben. Die gesundheitsgefährdende Verschachtelung dieses Satzes spricht wohl Bände.

Am Ende steht die zweite Heimpleite für Frankfurt, den Überraschungsteam-Nachfolger des VfL in dieser Saison. Wobei der Vergleich so nur akzeptabel ist, wenn man der Eintracht einen Aufsteiger-Bonus zugesteht. Nach 24 Spieltagen hatte die Borussia vergangene Saison 47 Punkte auf dem Konto, neun Punkte mehr als Frankfurt dieses Jahr, und damals nur einen weniger als der FC Bayern. Im März 2012 hatte ich ja schon meine zweite Unterrichtsstunde hinter mir, um die Champions-League-Hymne spielen zu können.

Jetzt hat Gladbach in sieben Rückrundenspielen genauso viele Zähler geholt wie in der Hinserie. Schon gegen Bremen, den Lieblingsgegner im Borussia-Park, kann die Bilanz des ersten Halbjahres deutlich überholt werden. “Herlig!”, freut sich Nordtveit, @Northboss16, bei Twitter über den dritten Sieg in Frankfurt hintereinander. Zehn Spiele noch, sechs Siege könnten schon reichen für Platz sechs. Und nachdem Freiburg vielleicht im Pokalfinale gegen die Bayern spielt, kommt der Siebte unter Umständen erneut in den Europacup. Aber wir machen das wie in besten Wunderzeiten: Immer schön von Spiel zu Spiel denken.

07. März 2013 von Jannik Sorgatz
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