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Mission 40/34: Dringeblieben

Gladbach erfüllt mit einem 1:1 gegen Dortmund seine Mission und hält die Klasse. Warum ein Eisdielenbesitzer jetzt doch nach Kalabrien fahren darf, Logan Bailly ein echter Teufelskerl ist und der Fußballgott höhnische Dortmunder eiskalt bestrafte.

immer-noch-zuhause

Das „Best of Aberglaube 08/09″ beginnt mit einem Anruf um kurz vor elf. „Was sagt die Ampel?”, frage ich so wach wie möglich in mein Handy. „Rot, aber nur ganz kurz”, versucht mein Vater die Geschichte wenigstens auf ein Unentschieden runterzuhandeln. Ein Punkt, das würde ja schon genügen, um diese Mission zu Ende zu bringen, die im August 2008 mit dem Beinamen „40″ begann und sich nun nicht sicher ist, ob aus der 40 letztendlich eine 30, eine 31 oder bestenfalls sogar eine 33 werden soll.

Der Handball-Saisonabschluss am Abend zuvor hat zum Glück keine Spuren hinterlassen. Nils ist um viertel nach eins am Boisheimer Bahnhof ebenfalls bestens in Schuss, so dass einer beschwerdefreien Hinfahrt zum Stadion zumindest nichts im Weg steht. Der 34. Spieltag musste kommen, damit ich mit dem Zug zu einem Heimspiel reise. Doch im Aberglauben ist von Zeit zu Zeit auch Platz für Anarchie.

Bei der Einfahrt des Maas-Wupper-Express steckt ein braun gebrannter Sonnenbrillenträger, der sicher nicht des Kaffees wegen in Venlo einkaufen war, seinen Kopf aus dem Fenster und grölt lauthals in die niederrheinische Provinz: „Wat is’ dat denn hier für’n Scheißkaff?”. Nils, tief im Herzen so etwas wie der heimliche Ortsvorsteher der 2000-Seelen-Gemeinde zwischen Nettetal und Viersen, ist so verdutzt, dass ihm nicht einmal ein beherztes „Wat willst Du denn?” über die Lippen kommt. Die Mittagssonne scheint so prall vom Himmel, dass mir nach wenigen Minuten bereits ein Bach zwischen den Schulterblättern herunterläuft. Erinnerungen an Bremen, das bisherige Hitze-Hoch der Saison, werden wach.

Ein älteres Ehepaar mit Rauhaardackel und frisch erworbenen Orchideen wünscht im Zug viel Glück und verspricht, jeweils beide Daumen zu drücken. Selina, gemeinsam mit Nils im Unterrang der Nordkurve zuhause, wirft ein, dass das doch Unglück bringe (beide Daumen auf einmal zu drücken). Das Ehepaar scheint sich dran gehalten zu haben.

Erdbeereis, Beck’s und Babybel für den Klassenerhalt

Der erste Weg vom Bahnsteig in Mönchengladbach führt schnurstracks zur Abhandlung zweier Saisonrituale, die vielmehr kurze Episoden gewesen sind. Bei Kaiser’s kaufen wir Beck’s, Diebels und ein Netz Babybel ein. Damals für die Reise nach Köln hatte Nils’ Mutter zwar die Light-Variante ins Lunchpaket gepackt. Doch leichte Änderungen im Protokoll werden am Ende hoffentlich wenigstens den einen Punkt bringen. Anders als an jenem ruhigen Samstagvormittag Mitte März pulsiert auf der Hindenburgstraße das pralle Einkaufsleben. Vermutlich sind es die Massen in Schwarz-Weiß-Grün und Schwarz-Gelb, die das ansonsten eher triste Bild mit lebendigen Farbtupfern versehen.

Spätestens auf der Fahrt ins Stadion mit dem Shuttle-Bus ist klar, dass aus der geplanten Wiederholung aller glückbringenden Handlungen dieser Saison eher die Geburt einiger neuer Rituale werden könnte. Zwischen meinen Schultern zeichnet sich mittlerweile eine Jahrhundertflut ab. Auf den Straßen geht es ungefähr so schnell voran wie mit einer brechend vollen Bimmelbahn in Kambodscha. Als der Bus geschätzte zwei und gefühlte fünf Kilometer vor dem Borussia-Park seine Türen öffnet, purzeln schwitzende Fans aus den Türen wie Kartoffeln aus einem löchrigen Sack. Die gefühlte Lufttemperatur halbiert sich innerhalb weniger Sekunden. Bereits nach fünf Minuten Fußweg haben wir mehr Meter zurückgelegt als der Bus in der Viertelstunde zuvor.

Da Laufen anscheinend den Harndrang belebt, ist nach kurzer Zeit ein kleiner Zwischenstopp vonnöten. Ein Eisdielenbesitzer zeigt so viel Verständnis für unsere Bedürfnisse, dass wir ihm aus Dankbarkeit sogar ein paar Kugeln Eis abkaufen. Ab diesem Punkt hoffen Nils und ich inständig, dass das Spiel nicht gewonnen wird – die ganze nächste Saison, also auch von November bis Februar, zu Fuß zum Stadion laufen und dabei jedesmal ein Eis kaufen, das klingt nicht besonders verlockend. Zumal der Eisdielenbesitzer wohl kaum seinen viermonatigen Winterurlaub bei der Famiglia in Kalabrien für uns ausfallen lassen würde.

Elektrisierende Atmosphäre erinnert an Stuttgart 2005

Nach einer knappen halben Stunde ist Mekka tatsächlich erreicht. Trotz Erdbeereis, Bier und Babybels fühle ich mich sechs Kilo leichter. Neben der Tatsache, dass ich das Stadion noch nie aus dieser Perspektive, aus östlicher Richtung, gesehen habe, fällt mir auf, wie armselig sich das Areal rund um den Borussia-Park eigentlich präsentiert. In Köln haben sich randalierende Schmalhirne am fein herausgeputzten Schlachtfeld vor Alt-Müngersdorf erfreut. Wer die Sahelzone vor dem Gladbacher Stadion mit all ihren Sträuchern, dem hohen Gras und den wurfbereiten Steinen sieht, dem könnte aus deeskalationstechnischer Sicht angst und bange werden. Eine Frau Ende 20 sitzt alleine auf einem der größeren Steine und hält ein Stück Pappe mit der Aufschrift „Wir suchen noch Karten” in der Hand. Von einem Partner, Freund oder Bekannten keine Spur. Abstiegskampf macht eben manchmal schizophren. Finden wir übrigens auch.

Bevor sich unsere Wege trennen, breche ich – weil ja ohnehin alles kurios gelaufen ist bisher – mit der nächsten Gewohnheit und gebe einen mehr oder minder genauen Ergebnistipp ab. „Irgendein Unentschieden”, rufe ich Nils hinterher, während der zu den Eingängen für ermäßigte Karten verschwindet. Ich selbst nehme die Nummer vier. Sicher ist sicher.

Im Inneren erinnert das Gemisch aus fingernagelschädlicher Anspannung und geballter Vorfreude schwer an jenes Spiel gegen den VfB Stuttgart vom Ende der Saison 2004/2005, dessen elektrisierende Stimmung alle Anwesenden noch heute ins Schwärmen geraten lässt. Die Borussia lag damals, vier Spieltage vor Saisonende, nur zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz und konnte gegen die Schwaben, selbst noch mit Champions-League-Aussichten angereist, zum Befreiungsschlag ausholen. Neuville und Sverkos stellten die Weichen früh auf Sieg. Der Funke der eisern kämpfenden Borussen auf dem Rasen sprang sofort auf die Zuschauer über, die den Borussia-Park erstmals in seiner Geschichte in einen wahren Hexenkessel verwandelten.

Tage wie diesen hat das inzwischen fünf Jahre alte Stadion nun schon häufiger erlebt – mit dem unumstrittenen Höhepunkt vor zwei Wochen bei Colauttis Last-Minute-Treffer gegen Schalke, als die Eruption des Borussia-Parks die Premiere-Mikrofone bersten ließ. Die „Elf vom Niederrhein” birgt am letzten Spieltag einer Saison auch immer einen Moment der Wehmut. Trotzdem bin ich in diesen dreieinhalb Minuten Gänsehaut nicht wirklich darauf aus, die „Nationalhymne” des VfL bereits am kommenden Donnerstag wieder zu hören – beim Hinspiel der Relegation.

Bei vollem Bewusstsein und ohne Anästhesisten ins Stadion

Immerhin haben die unbezahlbaren Erfolge gegen Schalke und Cottbus die Weichen bereits so auf Klassenerhalt gestellt, dass ich das Stadion ohne Anästhesisten an meiner Seite betreten konnte. Einer ambulanten Vollnarkose für den Fall, dass sich die Lage doch noch zuspitzen sollte, haben die Verantwortlichen aus Sicherheitsgründen einen Riegel vorgeschoben. Es gibt kein Bier im Borussia-Park – demnach heißt es „Augen zu und durch”, als Schiedsrichter Felix Brych um 15:30 Uhr anpfeift.

Der Pfiff ist kaum ertönt, der Stecker noch nicht ganz im Gehörgang – da sendet WDR2 bereits die erste Hiobsbotschaft über den Äther. Bielefeld führt nach knapp zwei Minuten gegen Hannover. Jetzt drei Gegentore und ein weiterer Treffer auf der „Alm”… gar nicht erst weiterrechnen. In Richtung Cottbus ist das rechte Ohr nicht mehr wirklich ausgerichtet. Bei drei Punkten und acht Toren Vorsprung traut der arg gebeutelte Borusse seiner Mannschaft dann doch ein wenig Rücksicht auf Herzkranke, Schwangere, Fingernägelkauer und notorisch Nervöse zu. Sabine Töpperwien, die ungefähr achtzig Meter weiter südlich auf der Pressetribüne hockt, malt zwar bereits den Teufel an die Wand. Doch was soll man von Radioreportern erwarten, für die saloppe Verben wie „krakeelen” überhaupt erst erfunden wurden?

In den ersten Minuten besinnt sich die Borussia ganz auf die Vorgehensweise „wenn wir hier 0:0 spielen, kann Bielefeld unseretwegen 22:0 gewinnen”. Valdez durchbricht gleich zweimal die Wasseroberfläche des gepflegten Sommerfußballs. Doch Logan Bailly ist zur Stelle und beweist in seinem 17. Einsatz für Gladbach einmal mehr, dass er wohl einer der besten, wenn nicht gar der beste Neueinkauf der Ära Königs gewesen ist. Dieser Torwart ist athletisch, flink, hat titanische Reflexe, fängt, faustet und fischt heraus, was die menschliche Anatomie auch nur irgendwie mit dem Prädikat „haltbar” versehen hat – und er ist, mit Verlaub, einfach ein verrückter Hund. Gegen diese Strahlkraft ist Christofer Heimeroth eine Sonnenfinsternis gewesen.

Im Angriff, natürlich zum neunten und letzten Mal ohne Rob Friend, macht Alexander Baumjohann in seinem letzten Einsatz derweil keine Anstalten, irgendetwas am lethargischen Auftreten der letzten Wochen zu ändern. Seine Pässe landen reihenweise überall, nur nicht beim Mitspieler. Was immer er sich bei der zu erwartenden Einkaufstour des FC Bayern eigentlich in München vorgenommen hat, es kann eigentlich nur bescheiden enden. Jan Schlaudraff verkündete vor zweieinhalb Jahren nach einer starken Hinrunde für Alemannia Aachen ebenfalls in der Winterpause seinen Wechsel zum Rekordmeister. Der erlebte daraufhin eine Schmach von Rückrunde und holte im Sommer zum großen Rundumschlag auf dem Transfermarkt aus. Schlaudraff spielt bekanntlich längst in Hannover – wenn überhaupt.

Ende der Diplomatie in der Halbzeit

Chancen machen sich bis zur Pause relativ rar. Wolfsburgs Ritt zur Meisterschaft in meinem rechten Ohr ist noch am interessantesten. So langsam versuche ich, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass irgendwo in Niedersachsen gerade Tausende in Titelstimmung versetzt werden, denen der rollende Ball bis vor kurzer Zeit so viel bedeutete wie ein turnusmäßiger Besuch beim Orthopäden. Das Leben ist nicht fair. Aber damit habe ich mich – zumindest, was den Fußball angeht – längst abgefunden.

Dante sorgt unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff für den ersten Paukenschlag vor der Südkurve. Nach Baumjohanns Ecke – Schande über mein Haupt – steigt der Brasilianer am höchsten. Sein Kopfball hoppelt an den rechten Pfosten. Weidenfeller hätte nie und nimmer eine Chance gehabt. Doch der Konjunktiv ist auf seiner Seite. Die Pause wird dennoch zu einer der gelasseneren in dieser Saison, da Gladbach weiterhin einen Punkte und vier Tore über der Relegation prangt.

Mit der Schmach von Düsseldorf im Rücken und Dortmunds Kantersieg gegen Bielefeld im Hinterkopf hatte ich mich die ganze Woche über ungewohnt diplomatisch gegeben. Der BVB dürfe sogar gewinnen und in die Europa League einziehen – aber nur mit einem Tor, weil die Arminia zeitgleich wohl kaum mit deren vier gewinnen würde. Doch das Selbstvertrauen einer torlosen ersten Hälfte lässt mich in der Halbzeit Morgenluft wittern. Hamburg führt nämlich in Frankfurt, Dortmund liegt in der virtuellen Tabelle nur noch auf dem hölzernen sechsten Platz. Wenn dem Borussen neben der Aussicht auf den eigenen Klassenerhalt noch das Europacup-Aus der Namenscousine winkt, dann nimmt er eben mit Vorliebe alles auf einmal mit.

Dortmunds Santana wird gerade draußen behandelt, als Dante sich dieses Bonbon zu Herzen nimmt. Gladbachs Fels muss nicht einmal mehr am höchsten springen, um nach Baumjohanns Ecke (ja, schon gut) an den Ball zu kommen. Dem Brasilianer wird sein drittes Saisontor so leicht gemacht, dass er den Kopfball beinahe als Aufsetzer über das Tor setzt. Doch Dante zeigt das feierliche seiner zwei Gesichter und netzt ein zum Führungstreffer. Der Torschrei des Borussia-Parks strahlt ekstatische Erleichterung aus – ein Tor, das erst zum wilden Rumspringen, dann jedoch zum Seinem-Nachbarn-erleichtert-um-den-Hals-fallen animiert.

Keine Lust auf Geschichtsschreibung -
der Konsonanten-Verfechter gleicht aus

Auf dem Knopf in meinem Ohr ist in diesem Moment vor lauter Lärm nur ein dumpfes Geschrei zu vernehmen – und es ist nicht Sabine Töpperwien, die Gladbachs Tor zum 1:0 verkündet. „Tor”, „Hannover”, „Ausgleich” gleiten die Worte fetzenweise in Richtung Trommelfell. Ein sanfter Druck auf den Knopf lässt Armin Lehmann in Bielefeld ganze Sätze formulieren und das Glück Gewissheit werden: 96 hat das 1:1 erzielt, der Klassenerhalt ist uns nur noch durch eine historische Schlussphase zu nehmen. So heiß auf Geschichtsschreibung bin ich dann jedoch nicht.

Fast im selben Atemzug hat Hamburg das 2:0 in Frankfurt erzielt. Gladbach und der HSV haben also die Nadel an Dortmunds Luftballon voller Träume von Europa gesetzt. Doch Frankfurt und der BVB können sich mit diesem Szenario offenbar nicht anfreunden. Am Main fällt innerhalb weniger Minuten der Ausgleich. Und am Niederrhein outet sich Paul Stalteri in der 64. als eindeutiges Mitglied der Opposition: Als wolle er elegant über einen Stacheldrahtzaun steigen, tritt der Kanadier über den Ball. In seinem Rücken rast Blaszczykowski, der alte Konsonanten-Verfechter, heran und lässt Bailly keine Abwehrmöglichkeit. Die gelbe Wand im Südosten des Borussia-Parks baut sich plötzlich wieder auf und „döpt” parodistisch vor sich hin – doch der Fußballgott kann Hohn nicht leiden.

In der Nordkurve keimt währenddessen wieder der Charme der (momentan) kleineren, aber nach eigenem Bekunden sympathischeren und einzig wahren Borussia auf. „Lieber Hamburg als der BVB”, wird eine sporadische Fanfreundschaft mit dem HSV ins Leben gerufen. Wahre Eifersuchtsdramen im Borussia-Park, der sich nun voll und ganz dem Projekt „Europapokal ohne Dortmund” verschrieben hat. Der VfL selbst macht jedoch kaum noch Anstalten, die gegnerischen Träume mit dem 2:1 eigenhändig zu begraben. Bochum hält zu diesem Zeitpunkt ein Unentschieden – vermutlich will sich die Borussia mit aller Passivität die Titel „Rekord-Fünfzehnter” und „Minusrekord-Nichtabsteiger” unter den Nagel reißen. Für Punktlandungen ist man ja bekannt.

“Dann ist es vollbracht. Die Mission ist erfüllt.”

In der 84. Minute bricht zum drittletzten Mal in dieser Spielzeit Jubel aus. Hannover ist in Bielefeld in Führung gegangen, Cottbus, das zuhause mit 3:0 gegen Leverkusen führt, damit plötzlich der „ärgste” Widersacher der Borussia im Tabellenkeller. Sechs Tore in sechs Minuten bis zum Verderben, die auch noch geschickt aufgeteilt werden müssten – selbst beim Handball wäre der Klassenerhalt nun schon in trockenen Tüchern.

Doch eine weitere Mission hält die circa 47.000 Gladbacher bis zum Abpfiff in Atem. Dann ertönt ein Torschrei aus Frankfurt – Trochowski, 2:3. Plötzlich springt die Dortmunder Bank auf wie ein Deutschlehrer, dem seine Schüler Reißzwecken auf den Stuhl gelegt haben. Hände werden vehement in Richtung Südkurve geschwungen und sollen totale Offensive signalisieren. Dem BVB fällt in diesem Augenblick auf, dass er sein Schicksal eigentlich selbst in der Hand hatte und nun hilflos vor den eigenen Trümmern steht.

Dann ist es vollbracht. Die Mission ist erfüllt. Offizieller Beiname: 31. Die lästigen Steine von 34 Spielen voller Untergang und Wiederauferstehung, Aufgabe und Hoffnung, Leid und Freude fallen auf einmal ab. Es ist geschafft – die Borussia hat tatsächlich drei Vereine gefunden, die am Ende – so ehrlich muss man sein – noch schlechter gewesen sind.

“Ein Triumph für Genießer, einer um sich hinzusetzen
und den Film der Saison mit ein paar kühlen Bieren
noch einmal vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen.”

Auf der einen Seite kauern gelbe Spieler konsterniert auf dem Rasen, auf der anderen herrscht ausgelassene Festtagsstimmung. Logan Bailly mimt vor der Nordkurve einen afrikanischen Bodenturner und legt einen astreinen Flickflack hin. Daraufhin buchstabiert er die „Humba” in einer wallonischen Fantasiesprache, der Teufelskerl. Alexander Baumjohann und Tomas Galasek sagen „Servus”. Ein anderer sagt nichts, steht auf Kommando nur kurz auf, um sich einen ebenso kurzen Applaus abzuholen – die Zeichen in puncto Marko Marin stehen wohl auf Abschied.

„Aber eins, aber eins, das ist gewiss – vor Borussia Mönchengladbach ham se alle Schiss”, falle ich Nils voller Sarkasmus entgegen. Doch ohne Selbstironie lässt sich solch eine Spielzeit weder verarbeiten noch überleben. Die neuntbeste Saison meines 14-jährigen Fandaseins endet – auf das Gros des letzten Jahres bezogen – wider Erwarten mit einem Happy End. (Um auf Rang neun zu kommen, muss ich die drei Zweitligajahre mit jeweils weit über 50 Zählern übrigens schlechter werten als die Abstiege.)

Auf dem Alten Markt (nicht „Alter Markt”, der korrekte Gladbacher Dativ macht den Unterschied) herrscht zwar ausgelassene Stimmung. Doch es ist niemanden nach Balkonempfang und Rumhüpfen zumute. Dieser Triumph, hauchdünn vor dem erneuten Niedergang, ist eher einer für Genießer, einer um sich hinzusetzen und den Film der Saison mit ein paar kühlen Bieren noch einmal vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen. Die Erkenntnis dieses Tages beschränkt sich auf ein einziges Wort, das dennoch so viel bedeutet, dass man es kaum in Worte fassen kann: Dringeblieben.

Mission 40/33: Kein so schöner Tag, lala-la-la-la

Gladbach geht gegen Leverkusen mit 0:5 unter und verschiebt den Klassenerhalt um mindestens eine Woche. Warum das Geschrei von Sabine Töpperwien eine wahre Wonne gewesen ist, Karneval nicht auf den 16. Mai fiel und sich die Borussia auf mehrfacher Rekordjagd befindet.

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Halb zwei und noch immer keine Botschaft von grünen oder etwa roten Ampeln. Im Erfolgsfall hätte mein Vater mit Sicherheit längst Vollzug und damit den nahenden Klassenerhalt vermeldet. Doch so bleibt mein Handy stumm und die ominöse Ampel allem Anschein nach rot.

Selbst dieser eindeutige Fingerzeig, der deutlich eine Verschiebung der Feierlichkeiten ankündigt, kann die Vorfreude jedoch nicht mindern. Dreißigtausend Borussen sind sich auf der rechten Rheinseite noch immer ziemlich sicher, dass dieses Auswärtsspiel in Düsseldorf wie gemacht ist, um eine Mission zum Ende zu bringen.

Vor der LTU-Arena ist eineinhalb Stunden vor Spielbeginn alles in weiß, schwarz und grün getaucht. Auf 1000 Borussen kommen vielleicht zwei Leverkusener, die ihr „Wir fahren nach Berlin”-Trikot fast etwas beschämt in Richtung Stadion schleppen. So ganz eindeutig ist es ohnehin nicht auszumachen, wer sich am heimischsten fühlen darf: Auf der einen Seite umgezogene Leverkusener, die zum letzten Mal in ihre Ausweichstätte pilgern, die ihnen in sieben Bundesligaspielen zuvor gerade einmal vier Pünktchen beschert hat. Auf der anderen Seite machen um die 30.000 Gladbacher ein Gast- zum Gastgeberspiel – in der neuen Version jenes Stadions, das einst für sie selbst Ausweichquartier und, im Gegensatz zu den Leverkusenern, ein Hort großer Erfolge gewesen ist. 5:1 gegen Real Madrid, 12:0 gegen Borussia Dortmund (höchster Sieg der Bundesligahistorie), dazu zwei erfolgreiche Endspiele im UEFA-Cup – das alte Rheinstadion ist für die Borussia immer ein gutes Pflaster gewesen.

Akribisches Abtasten und ein brennender Ruf

Während sich Bayer-Fans also rar machen und ihrer Kurve bis kurz vor Anpfiff so gut wie fern bleiben, fühlen sich die Anhänger vom Niederrhein vielleicht sogar etwas zu heimisch. Diesem wohligen Gefühl will der tätowierte und gepiercte „Abtaster” an den Eingangstoren anscheinend bewusst entgegenwirken. In seiner berufsbedingten Akribie lässt er rein gar nichts aus und liefert dem Kommentar „das gerade war jetzt übrigens keine Rauchbombe” eine saubere Vorlage, die selbst Robert Colautti verwerten dürfte.

Im Inneren der Arena arbeitet die weiße Gästekurve derweil ebenso akribisch an der Revision des Taylor Reports, der nach den Stadionkatastrophen der 80er-Jahre unter anderem alle Stehplätze aus englischen Stadien verschwinden ließ. Sitzreihe um Sitzreihe bahnt sich ihren Weg von der Tribüne zum finalen Wurf auf das Areal hinter dem Tor. Dabei geht auf den ersten Blick niemand nach roher russischer Art vor, sondern die Reihen werden anscheinend sorgfältig mit Schraubschlüsseln abmontiert und dann behutsam aus dem Block entfernt. Was einerseits natürlich für Erheiterung in der Kurve sorgt, werden Düsseldorf und die Fortuna eher kritisch beäugt haben. Nach den Zwischenfällen gegen und in Köln ist man ja schon geneigt zu sagen, dass Schraubschlüssel immerhin harmloser seien als Faustkämpfe und Raketenbeschuss. Trotzdem: The Ruf is on fire und bald endgültig ruiniert.

Kurz vor dem Anpfiff, in südlicher Richtung sind mittlerweile die ersten Leverkusener eingetrudelt, werde ich verkabelt – ein Vorgang, der davon zeugt, wie deutlich wir 1999 und 2007 abgestiegen sind. Spannung am 33. Spieltag war damals Mangelware, die Borussia befand sich längst auf dem Weg ins Unterhaus. Doch diesmal will ich ergebnistechnisch voll auf der Höhe und immer über die Zwischenstände in Dortmund (gegen Bielefeld) und Stuttgart (gegen Cottbus) informiert sein. Der Knopf im Ohr hat sich ohnehin bereits vor dem Spiel bewährt: Die Anzeigetafeln bleiben schwarz und streiken, was sich nahtlos in das merkwürdige Bild einfügt. Irgendwie hat es den Anschein, als hätte Bayer der Borussia nur die Schlüssel in die Hand gedrückt und gesagt: Macht, was ihr wollt, das Stadion nur bitte besenrein verlassen und die Schlüssel nachher wieder unter die Fußmatte legen.

Auf WDR 2 läuft der übliche Kuschelrock aus den 80ern und 90ern, während das Vorprogramm auf dem Platz einen gehörigen musikalischen Kontrast bietet. Bayer Leverkusen würdigt heute das Zillertal in Tirol als einen seiner Sponsoren mit dem (Achtung, kreative Namensgebung) „Zillertal-Tag”. Österreichische Volksmusiker sind freilich sehr heimatverbunden und lieben Adjektive – dabei kann im Prinzip nur eine Gruppe herauskommen, die sich „Die Jungen Zillertaler” nennt. Borussenfans bleibt dieser Tage auch rein gar nichts erspart. Erst „You’ll never walk alone” von Michael Hirtes Mundharmonika, jetzt also Oktoberfest-Gaudi mit dem „Fliegerlied”. Und das ist bekanntlich „so stark, stark, stark wie a Tiger” – am Rosenmontag mit 1,6 Promille intus. Und Karneval fällt bekanntlich selten auf den 16. Mai.

Colautti wandelt auf seinen eigenen Spuren

Die Konferenz im Radio ist zunächst weitaus spannender als das Geschehen auf dem Platz. Die Tore fallen überall, in Düsseldorf weiterhin nur die Sitzreihen über den Zaun. Der bunte Schalenhaufen sieht mittlerweile aus wie ein Berg aus Legosteinen. Für den ersten positiven und in dieser Intensität letzten Aufreger aus Borussensicht sorgt Roberto Colautti nach fünf Minuten. Aus fünf Metern semmelt er über den Ball und vergibt die beste Einschussmöglichkeit für lange Zeit. Eine Duplizität der Ereignisse: Im Hinspiel traf der Israeli nach 63 Sekunden den Außenpfosten. Bis die Borussia damals erneut so gefährlich vor dem Tor von René Adler auftauchte vergingen sechzig Minuten und drei Leverkusener Treffer zum zwischenzeitlichen 0:3.

Schon nach wenigen Minuten hat es diesmal ganz den Anschein, als hätten sich Mannschaft, Verein und Umfeld etwas zu intensiv mit einer wohl inszenierten Rettung vor beeindruckender Kulisse beschäftigt. Trotzdem lassen passive und augenscheinlich begrenzt motivierte Leverkusener den Eindruck aufkommen, dass sie gegen Feierlichkeiten in „ihrem” Stadion nur wenig einzuwenden hätten. In der 31. Minute geht der Schuss jedoch aus vergleichsweise heiterem Himmel nach hinten los: Kießling dringt von rechts in den Strafraum ein. Sein Schuss aus spitzem Winkel trifft den Innenpfosten und streichelt das Netz wie ein Bahnradfahrer die Steilkurven im Velodrom – 1:0. Das Verhältnis Sitzen : Stehen verzeichnet im Nu eine Mehrheit für „Sitzen” – die Euphorie ist erst einmal raus, Gladbach hat das erste Gegentor nach 259 Minuten ohne kassiert.

Frohe Kunde gab es bis dahin wenigstens aus Stuttgart zu vermelden. Hitzlsperger hatte den VfB in Führung und Cottbus ins Hintertreffen gebracht. Die nächste Meldung aus dem Radio verheißt jedoch nichts Gutes: „Falschfahrer auf der A3″, hallt es in bester Manni-Breuckmann-Manier durch den Block. Und sofort folgt auf dem Platz die nächste Hiobsbotschaft. Renato Augusto und Castro spielen mit Daems und Dante auf der linken Seite „Halli Galli”, Helmes schlägt auf die Glocke, erntet die Früchte und schiebt ein zum 0:2 kurz vor der Pause. Gefühlt ist der Drops bereits jetzt gelutscht.

Größter Wunsch zur Halbzeit: Eine Augenbinde

Wenigstens beschreit Sabine Töpperwien lauthals das 1:0 für den BVB gegen Bielefeld, der Bann für die Gegner der Abstiegskandidaten ist allerorten gebrochen. Bochum führt zwar zuhause gegen Frankfurt, doch bei seinem dankbaren Restprogramm hatte der VfL ohnehin nicht mehr ganz oben auf der Liste der Borussen-Konkurrenten gestanden. Die 2:0-Führung des KSC in Bremen ist für alle Gladbacher ebenfalls Makulatur. Denn Letzter kann die Borussia nach dem Last-Minute-Erfolg in Cottbus nicht mehr werden.

„Tor in Stuttgart!”, „Falschfahrer auf der A3!”, „Tor in Dortmund!”, „Grillfleisch bei Real ab 4,99!” – solch eine Radiokonferenz kann abwechslungsreich sein. Vor allem, wenn man sich aufgrund des Spiels, das man eigentlich besucht, eine Augenbinde herbeiwünscht.

Zur zweiten Halbzeit bringt Hans Meyer zwei neue Spieler und hoffentlich frischen Wind ins Spiel. Marin ersetzt den elan-, glück- und lustlosen Baumjohann. Sein Bundesligadebüt feiert Sebastian Schachten (bezeichnend, wenn man den Vornamen eines eigenen Spielers zur Sicherheit nachgoogeln muss), für ihn bleibt Paauwe in der Kabine. Natürlich soll Marin die Offensive beleben. Worum es für Schachten in seinem erst dritten Ligaspiel am Ende seiner zweiten Saison beim VfL genau gehen soll, steht nicht einmal in den Sternen.

Fünf Gegentore, die wurmen und sprachlos machen

Nach nunmehr 58 Gegentoren (an dieser Stelle größtenteils haargenau rekapituliert) ist man es irgendwann auch leid. Und anstatt sich aufzuregen, gehen Wut oder Enttäuschung an einem gewissen Punkt in erfüllende Belustigung über. Galasek hechelt Renato Augusto so altersschwach hinterher, dass man von der Tribüne aus gleich beim Reha-Team anrufen und einen Rollator bestellen möchte (Credo vom Zivildienst aus dem Altenheim: Sturzrisiko minimieren). Übrigens wird es irgendwann nach den folgenden paar Sätzen 5:0 für Leverkusen stehen. Das jedoch nur am Rande, denn es wird weitgehend unerwähnt bleiben.

Eine gute Viertelstunde vor dem Ende wird es feierlich und bewegend, zumindest aus Leverkusener Sicht. Vielleicht würde ebenfalls ein Lächeln über mein Gesicht huschen, als Bernd Schneider nach einer aufreibenden Verletzungsodyssee sein Comeback feiert. Doch eine Art Schockstarre lässt mich regungslos in meiner Sitzschale verharren – selbst in den Moment, als Schneider den Platz betritt und erstmals an diesem Tag die Sonne durch das geöffnete Dach der LTU-Arena scheint. Wer schon beharrlich darauf wartet, dass Sabine Töpperwien endlich wieder Hammer, Amboss und Steigbügel vibrieren lässt und ein „Tor in Dortmund!” verkündet, den muss das Schicksal ziemlich hart getroffen haben.

Zur Pause hatte die Borussia drei Punkte und zwei Tore vor der Bielefeld gelegen. Im zweiten Durchgang entwickelt sich in meinen Ohren ein munteres Hin und Her – Armin Lehmann schreit gegen Sabine Töpperwien an, Gladbachs Torverhältnis nähert sich fast im Gleichschritt mit der Arminia den Tiefen des negativen Zahlenbereichs. In der 53. Minute wächst der Abstand auf drei Tore an, Galaseks angesprochener Schwächeanfall in der 68. verkürzt auf zwei Treffer für Bielefeld. Dann schlägt die falsche Borussia im Namen der einzig wahren gleich doppelt zu, doch Kadlec besorgt nach feiner Vorarbeit von Bernd Schneider das -22:-25. In den letzten Minuten entwickelt sich das Fernduell zu einem echten Krimi: Dortmund lässt sich nicht lumpen und macht die Hand voll. Zwei Minuten später besorgt Dante höchstpersönlich den Ausgleich (noch weit vor seinen Toren gegen Wolfsburg und Cottbus sein definitiv schönstes Tor für die Borussia, mit Wucht und dem Rücken zum Tor in die Maschen, einfach herrlich).

Einen Treffer gutgemacht: “Was ein Spieltag!”

Ich wandere längst durch den Block und muss feststellen, dass die Tribüne – anders als in Hamburg – von hinten geschlossen und der Abgrund versperrt ist, als Sabine Töpperwien zum letzten Torschrei ansetzt. 6:0 für Dortmund in Dortmund – Gladbach hat es tatsächlich fertig gebracht, mit 0:5 unterzugehen und den Vorsprung auf den schärfsten Konkurrenten um einen Treffer auszubauen. Na wenn das kein gelungener Spieltag ist!

Ein wahrer Exodus, der Moses nicht nur das Wasser teilen, sondern auch mit der Zunge schnalzen ließe, hat das Stadion inzwischen so gut wie geleert. Erstmals seit der Öffnung der Stadiontore um halb zwei sind Gladbacher und Leverkusener ähnlich gut vertreten. Die einen pilgern zu Zehntausenden über Autobahnen und Gleise nach Düsseldorf, erleben dafür einen Tiefschlag ohne gravierende Folgen. Die anderen bleiben fast geschlossen zuhause und dürfen den ersten Heimsieg ihrer Rückrunde bejubeln. C’est la vie et c’est le foot.

Im Laufe des Abends schwappt mir eine tückische Welle der Beileidsbekundungen und vor allen Dingen der Häme entgegen. Dortmund-Fans verlangen scheinbar Blumensträuße als Dank für die penible Obduktion dessen, was sich einst Arminia Bielefeld nannte. Doch das Rettungspaket ist erst fertig geschnürt, wenn die einzig wahre Borussia am kommenden Samstag ihrer Namenscousine zumindest einen Punkt abknöpft – ein „Danke” dürfte dann im Rahmen des Möglichen liegen.

Eine gescheiterte Mission mit doch noch gutem Ende?

Vor mehr als 100 DinA4-Seiten hat die „Mission 40″ begonnen, wohl schon im Dezember war sie rein zahlenmäßig verloren. Obwohl sich die Borussia unaufhaltsam auf (Negativ-)Rekordkurs befindet, ist die Rettung mehr als nur machbar und in Reichweite. Noch nie seit Einführung der Drei-Punkte-Regel hat sich eine Mannschaft mit weniger als 34 Zählern gerettet. Das Allzeittief für den Klassenerhalt liegt bei umgerechnet 32 Punkten, die Bayer Uerdingen vor vierzehn Jahren gerade so reichten.

Ein weiterer Rekord wird der Borussia ebenfalls auf dem Silbertablett präsentiert: Platz 15 (es wäre das vierte Mal in 41 Bundesliga-Spielzeiten) würde die Führung in der Kategorie „am häufigsten genau überm Strich” bedeuten – Bedingung dürfte jedoch ein Nicht-Sieg gegen Dortmund sein. Ansonsten könnte sich Bochum den Rekord schnappen. Und wer will kurz vor Toresschluss schon derart prestigeträchtige Titel aus der Hand geben?

Auch für mich wird das 97. Gladbach-Spiel meines Fandaseins in die Annalen eingehen. 1:3-Niederlagen gegen Hamburg, Stuttgart, Cottbus und Leverkusen waren bislang die höchsten mit eigenen Augen erlittenen Niederlagen, seit Stadionbesuche mein Leben bereichern. Laut meines Archivs hatte ich noch nie einen Gegner vier, geschweige denn fünf Tore gegen Gladbach erzielen sehen. 0:5 in Düsseldorf/Leverkusen: Das hat und wird bleibenden Eindruck hinterlassen.

Best of Aberglaube

Für nächsten Samstag werde ich mir nach derzeitigem Stand ein Best of aus 33 Spielen abergläubischem Treiben ausdenken müssen: Mit dem Auto (Karlsruhe, Hannover) und allen Trikots, die irgendwann einmal Glück gebracht haben (viele), über eine grüne Ampel (Hamburg, Köln, Cottbus) zum Stadion; kurzer Zwischenstopp auf der Gladbacher Hindenburgstraße mit Bier, McDonald’s und Sonnenbrille (Köln, Bochum nicht); durch Eingang Nummer vier eintreten (Bremen); eine Wurst essen (Schalke); Nils zwar mit zur Hindenburgstraße nehmen (Köln) und ihn einen Döner verschlingen lassen (Schalke), ihm jedoch anschließend den Eintritt ins Stadion verwehren (Karlsruhe, Hamburg).

Oder auch: Alle Rituale über den Haufen werfen, bei einer Bielefelder Ein-Tore-Führung und einem 0:4 im Borussia-Park in letzter Sekunde das 1:4 und damit den ekstatischsten Ehrentreffer der Fußballgeschichte bejubeln (vielleicht Dortmund?).

Mission 40/32: …in Heiserkeit. Amen

Gladbach kopiert sich selbst beim 1:0 in Cottbus und kann am Samstag gegen Leverkusen bereits den Klassenerhalt klar machen. Warum eine grüne Ampel es geahnt hat, Cottbus an allen Fronten gegen den Abstieg kämpft und Alcatraz mit der Zunge schnalzen würde.

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Ich hatte mir vorgenommen, tolerant zu sein, zumindest aber neutral. Ich wollte vielleicht sogar Dinge schön finden und davon berichten, obwohl daran im Grunde gar nichts schön zu finden ist. Doch dann kam Cottbus in all seiner Pracht, live und in Farbe.

Die Bordsteine moosbewachsenen, rissig, irgendwie bulgarisch. Die Hochhäuser nicht einmal hoch, sondern nur suboptimal in Stand gehalten. Die ersten Straßenzüge von Cottbus, die am Autofenster vorbeiziehen wie die Szenerie eine Ostalgie-Films, erinnern mich an Varna in Bulgarien. „Wo bin ich gelandet, wo geht’s hier raus?”, waren damals im Sommerurlaub meine ersten Gedanken, die zum Glück die letzten negativen dieser Art waren. Zum Glück für Cottbus bessert sich das Bild diesmal auch von Kilometer zu Kilometer, den ich mich dem Stadtzentrum nähere.

In der Innenstadt habe ich dann erstmals das Gefühl, dass der Solidaritätszuschlag hier und da sinnvoll investiert worden ist. Man kennt die Mär von den Straßen im Osten, die ihre Pendants im Westen alt aussehen lassen. Ich muss feststellen: Die Mär ist gar keine Mär, es stimmt. Und der Sozialismus lebt wohl doch nicht mehr. Zumindest sind McDonald’s, Burger King und Subway – die Muttermale des Kapitalismus – bis in die Lausitz vorgedrungen. Zudem hat man Cottbus, wie so manch anderer Stadt in der ehemaligen DDR, ein Einkaufszentrum geschenkt. Was in Amerika Mall heißt, nennt sich hier Carré. Auch wenn es an einigen Orten den Anschein hat, die Stadt ist keineswegs tot.

Aktuell kämpft Cottbus jedoch um den Status einer Großstadt wie der heimische Fußballverein um den Klassenerhalt. Mal überm Strich, mal unterm Strich – die Bürokratie kennt nur leider keine Relegation. Rein demografisch droht fürs Erste die Zweitklassigkeit. In sportlicher Hinsicht wird das Spiel am Abend mehr als nur wegweisend sein.

Unterwegs als niederrheinische Exklave in Ost-Deutschland

Es ist 16 Uhr, als ich mit meinem Bruder im Hotel einchecke. Im Prinzip ist mein Bruder meine Rettung gewesen, der Grund, warum ich es überhaupt bis nach Cottbus geschafft habe. Meine Eltern oder Nils konnten nicht, irgendjemand anders wollte nicht, alleine auf die Reise einmal quer durch Deutschland ist auch nicht gerade der Renner – also war Kai am Ende mein letzter Strohhalm. Er ist 22 und hat das Down-Syndrom. Von daher ist eine Auswärtsreise nach Cottbus natürlich kein Hindernis, aber immerhin eine Herausforderung.

Was sich der Mann an der Rezeption gedacht haben wird, weiß ich nicht. Ein junger Mann – rheinischer Akzent, groß gewachsen – checkt mit einem kleineren, aber älter aussehenden Behinderten in ein 4-Sterne-Hotel in der Cottbusser Innenstadt ein, das jedoch nicht der Renner sein kann, wenn eine Übernachtung im Doppelzimmer für 51 Euro zu haben ist (wobei sich der Rezeptionist den Teil mit den 51 Euro sicherlich gespart haben wird). Aber die Reise steht ja ohnehin unter dem Motto: Drei Punkte und weg. Dass es wirklich so kommen könnte, steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. Und im Prinzip ist es nur die Einstellung, dass man für 686 Kilometer Anreise auch irgendwie entlohnt werden muss, die mich tatsächlich an die Fleischwerdung eines Auswärtssieges glauben lässt.

Als wir um kurz vor sechs in voller Montur, grün wie die Hoffnung, majestätisch und siegessicher durch die Eingangshalle schreiten, dürfte dem Rezeptionisten wenigstens ein Licht aufgehen. Vor dem Hotel erblicken wir dann auch die ersten Mitreisenden aus der Heimat. Ein älteres Ehepaar präsentiert mit stolzgeschwellter Brust und Latte Macchiato in der Hand das „B” auf der Brust, so dass auch jeder der Passanten weiß, was Sache ist. Bis dahin habe ich mich eher wie eine wandelnde niederrheinische Exklave tief im Osten Deutschlands gefühlt. Aber es hat ganz den Anschein, als seien wir nicht alleine. Wolfsburger Verhältnisse sucht man auch bei diesem Auswärtsspiel vergeblich. Und selbst wenn viele keine zwei freien Tagen entbehren konnten und die weiteste Anreise der gesamten Saison gescheut haben, dann kann die Borussia zumindest auf ihr Fandepot im Osten bauen, wie sich später zeigen wird.

Der Fußweg zum Stadion der Freundschaft zieht sich. Vielleicht sollte man, mit einer ausgedruckten Wegbeschreibung in der Hand, auch nicht gleichgültig die Route ändern. Wer ganz gewieft ist, orientiert im Zweifelsfall an der Sonne. Wer Lust hat, fragt einfach nach dem Weg. Und wer Fußballfan ist? Der folgt einfach den Flutlichtmasten, bis er davor steht. Das Verschwinden der Flutlichtmasten aus der Fußballlandschaft kommt also einem Hund gleich, der seinen Geruchssinn verliert.

Kein Buttersäure-Alarm bei der Einlasskontrolle

„Aus wenig das beste gemacht” – so könnte ein Werbeslogan für die architektonische Effizienz des Cottbusser Stadions lauten, das sich diese Bezeichnung mittlerweile verdient und den Status einer moosbewachsenen Kampfbahn längst abgelegt hat. Vier Wände ergeben ein Haus, vier Tribünen ein Stadion. Bis zum Betreten desselbigen dauert es jedoch ein paar Momente. Energie nimmt es sehr genau mit den Einlasskontrollen – was jetzt ein Kompliment sein soll, wirklich. Ich war noch nie Gast im Borussia-Park, bin mir jedoch sicher, dass solch eine gründliche Leibesvisitation für Gästefans dort nicht gängig ist.

Meine Wegbeschreibung werde ich an dieser Stelle auch los – wegen „Brandgefahr”. Das Stadionheftchen scheint feuerfest zu sein, ansonsten wäre es sicherlich ein um ein Vielfaches besserer Brandbeschleuniger als zwei DinA4-Seiten Druckerpapier. Aber der Herr von der Security scheint nicht auf langwierige Diskussionen aus zu sein, bei denen er sowieso verlieren würde (nicht jedoch bei Disputen tätlicher Natur), also drücke ich ihm die Blätter in Hand. „Irgendwie werde ich ja schon zurückfinden”, verlasse mich blind darauf, dass das Hotel von Flutlichtmasten umringt ist.

Fast für jeden Bereich gibt es in Cottbus einen eigenen Kontrolleur. Nach der Hauptinventur geht es an die kleinen, potentiellen Verstecke. Mein Bruder will sein Portemonnaie zunächst nicht zeigen (was gegenüber Wildfremden nicht gerade eine schlechte Entscheidung ist), wird Gott sei Dank von der Zwei-Bein-Tonne mit Oberarmen wie Litfaßsäulen nicht sofort mit einem lebenslangen Stadionverbot belegt. Kleingeld, Autoschlüssel, Handy – alles darf letztendlich rein. Immerhin hat ein neues Modell vor einiger Zeit das alte 19,99-Handy abgelöst. Ansonsten wäre viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen, um dem Kontrolleur weiszumachen, dass ich den unnützen Kasten wirklich nicht werfen werde.

Station drei ist für die Schuhe zuständig. ‚Du hast es so gewollt‘, denke ich mir und ziehe meine Treter bereitwillig aus. Kontrolleur III schlägt jedoch keinen Buttersäure-Alarm, sondern lässt mich gnädig passieren. Mein Bruder darf die Schuhe sogar anbehalten. Deshalb nur eine 1- für die Cottbusser Einlasskontrollen. Wer weiß, was ich nicht alles in seinen Sohlen hätte verstecken können: Vereinswimpel, Meisterschalen aus Pappe, ein tanzender Elvis mit Günter-Netzer-Bemalung fürs Armaturenbrett…

Im Inneren erhärtet sich schnell der Eindruck, dass Energie Cottbus noch nie am Seminar „Wie Architektur Gastfreundschaft symbolisiert” teilgenommen hat. Alcatraz würde angesichts dieser Trennung des Heim- und Gästeblocks mit der Zunge schnalzen, wenn es denn eine hätte: Doppelte Bezaunung, dazwischen ein Abschnitt, der dem Berliner Todesstreifen alle Ehre macht. Wer den ersten waghalsigen Schritt dennoch wagt, bekommt es zudem mit einem rüstigen Rentner zutun, der jedoch den Eindruck macht, als würde er nur den Käfig für Siegfrieds und Roys weiße Tiger präparieren. Ein Pfeiler im Sichtfeld und die verdeckte Anzeigetafel jenseits der Käfigbegrenzung runden das Bild zum Schluss gelungen ab.

Vor dem Spiel stellen die Gastgeber dann das Verb „vergraulen” musikalisch dar. Michael Hirte, seines Zeichens Supertalent aus der Potsdamer Fußgängerzone und der berühmteste Mundharmonikaspieler Deutschlands, hat „You’ll never walk alone” mit seinem Paradeinstrument eingespielt. Bleibt nur zu hoffen, dass weder eine englische Fernsehstation die Rechte an Cottbus gegen Gladbach erworben hat noch irgendjemand aus Liverpool das Spiel über einen chinesischen Bundesliga-Livestream verfolgt. Und wenn doch, dann hat er hoffentlich – genau wie ich – seine Zeit gebraucht, um das Lied zu erkennen.

Rüstige Rentner, Pfeiler, Michael Hirte – es riecht schon schwer nach Abstiegskampf, als ich die Startaufstellung „exklusiv” per SMS in die Heimat verschicke: „Bailly, Stalteri, Brouwers, Dante, Daems, Levels, Bradley, Galasek, Baumjohann, Matmour, Colautti – genaue Formation könnt ihr euch selber zusammenreimen”, gebe ich es frühzeitig auf, irgendeine Zahlenreihe zu bilden, deren Summe zehn ergibt. Vielleicht ist es ja gerade Gladbachs Stärke, zwischen 10-0-0 und 0-0-10 einfach alles im Programm zu haben. Dass der exklusive Aufstellungsservice einen Fehler enthält, merke ich erst später: Galasek muss „mit Rücken” passen, für ihn rückt Paauwe in die erste Elf. Naja.

“Auf der anderen Seite bringt es die Borussia fertig, in der ersten Hälfte weder einen erstligareifen noch überhaupt einen Angriff auf die Beine zu stellen.”

Kurz vor Anpfiff gehe ich noch einmal die Argumente für einen Auswärtssieg durch. Schon beim ersten bleibe ich hängen – es ist einfach zu überzeugend. Um kurz vor acht am Mittwochmorgen hat mir mein Vater eine SMS von wohltuender Schönheit geschickt: „ich hab die ampel gekriegt!”. Damit ist die Partie – aus Cottbusser Sicht – eigentlich gelaufen, bevor sie begonnen hat. „die ampel” ist seit geraumer Zeit das Gladbach-Orakel von der Bundesstraße 7. Grün steht für „gewinnen”. Letzten Sonntag gegen Schalke war sie zwar rot (was die These nach sich zieht, dass das Orakel nur samstags oder nur für Auswärtsspiele funktioniert). Aber ohnehin wird die unausgewogene Ampelschaltung für immer verhindern, dass die Borussia einmal einen einstelligen Tabellenplatz belegt. Die Grünphasen halten sich in Grenzen.

Auch auf dem Platz zieht das vereinstypische Grün den Kürzeren gegen die himmelblauen Auswärtsjerseys. Überhaupt tun sich beide Mannschaften zunächst schwer damit, sich zu ihrem Verein zu bekennen. Das Spiel trudelt gemächlich vor sich hin wie eine Flasche in der Niers. Wellengang macht sich rar in der Anfangsphase, die man getrost auf die ersten 45 Minuten ausdehnen könnte, ohne Nennenswertes vorzuenthalten. Bailly wird nach einer Ecke erstmals geprüft. Auf der anderen Seite bringt es die Borussia fertig, in der ersten Hälfte weder einen erstligareifen noch überhaupt einen Angriff auf die Beine zu stellen. Und für diese Feststellung ist nicht einmal Polemik vonnöten.

Zum zwölften Mal in dieser Saison geht Gladbach also mit einem Zu-Null in die Pause, darauf folgten bisher sechs Siege, vier Remis und nur eine Niederlage. Auch ein 0:0 (zum 6. Mal) spricht zumindest für einen Punktgewinn (vor Cottbus: 2-2-1). Falls Hans Meyer genau auf diesen Schlüssel gesetzt hat, dann ist es gewiss keine falsche Entscheidung gewesen, die erste Hälfte eher abwartend und passiv/destruktiv zu bestreiten.

Dementsprechend agil kommt der VfL aus der Kabine. Womöglich hat ihnen jemand die frohe Kunde von den Zwischenständen auf den anderen Plätzen übermittelt: Die Konkurrenz liegt zur Pause geschlossen zurück. Wen das nicht beflügelt, der ist ein Fisch. Trotzdem muss Cottbus den Ball beinahe ins eigene Tor befördern, um das Gladbacher Chancenkonto aus dem roten Zahlen zu katapultieren.

Daraufhin hat es langsam den Anschein, als würden die Borussen realisieren, was für einen Riesenschritt sie mit einem Dreier in Cottbus machen könnten. Angst vor der eigenen Courage lässt sich erst einmal nicht blicken. Stattdessen hat Matmour mit der ersten richtigen, selbst produzierten Torchance gleich die Führung auf dem Fuß. Nach einem Pass vom stärker werdenden Baumjohann umkurvt er Keeper Tremmel. Sein Versuch, den Ball aus spitzem Winkel ins leere Tor zu befördern ist dann jedoch in etwa so entschlossen wie ein Neuwähler, der abwägt, ob er zur Europawahl gehen soll.

Kurz darauf muss Colautti den Ball ebenfalls nur noch an Tremmel vorbei ins Tor bugsieren. Doch auch beim Israeli macht sich die gerade beschriebene Politikverdrossenheit breit. Zwei Torschüsse mit Torerfolg hintereinander – vielleicht wäre das nach zuvor 18 Fehlversuchen auch zu viel des Guten gewesen. Jedenfalls ist der Gästeblock nach zwei gelungenen Aktionen so da wie Heiligabend am 24. Dezember. „Vau-Eff-Ell” prasselt es von nun an im 30-Sekunden-Takt platzregenartig von den Rängen. Zweitausendzweihundert Borussen wollen den großen Schritt in Richtung Klassenerhalt machen und elf auf dem Rasen machen nun endlich den Eindruck, als wollten sie ihnen folgen.

Doch in der Folge hat der Offensivdrang beider Mannschaften erneut Prostatabeschwerden. Beide wissen, dass sie müssen, wollen auch, können jedoch anscheinend nicht. In einer Aktion muss Bailly Kopf und Kragen riskieren, weil Daems den Ball viel zu lässig zurück passt. Ansonsten sorgen bestenfalls die Abwürfe und -schläge des Gladbacher Keepers für Lichtblicke in einem fußballarmen Spiel. Aber wen interessiert schon Qualität, wenn es um alles geht.

Duplizität der Ereignisse – wenn sich Ekstase wiederholt

Fünf Minuten vor Schluss – Marin ist längst im Spiel und hat so gut wie nichts bewirkt – übertüncht die Angst vor einem späten Gegentor langsam die Hoffnung auf eine Wiederholung der Ekstase vom letzten Sonntag. Was wohl vor allem daran liegt, dass man sich aufs Jubeln nicht vorbereiten muss, um es zu überstehen. Sich mit dem Scheitern befassen ist – zumindest als Anhänger im Gästeblock – dagegen ausdrücklich erlaubt. Vor allem, wenn die Zeit bis zum nächsten Spiel aus einer Übernachtung in der Stadt des Siegers und einer siebenstündigen Rückfahrt mit dem Auto besteht.

Durch die Gitterstäbe sehe ich bereits eine 90 auf der Anzeigetafel blitzen, als die Borussia noch einmal einen Eckball herausholt. Meyer nutzt die Gelegenheit zum zweiten Wechsel des Spiels, bringt Neuville für Colautti, der sich so viel Zeit lässt, wie ein Prokrastinator für seine Mathe-Hausaufgaben. Rückblickend ist Colauttis Seelenruhe Gold wert gewesen: Man muss nur so gerissen sein, kurz vor einem Tor auf Zeit zu spielen.

Die Ecke segelt schließlich in gewohnter Marin-Manier in die Mitte, ist gefühlt bis zum nächsten Vollmond unterwegs. Am langen Pfosten schraubt sich Dante hoch wie die Flamme eines Tischfeuerwerks. Ein Kopfball. Unterlatte. Tor. Explosion.

So kann sich Geschichte wiederholen. Mein Hirn verzeichnet die zweite Amnesie innerhalb von vier Tagen. Innerhalb von vier Tagen verliere ich meine Stimme zum zweiten Mal bei einer einzigen Aktion, mit einem einzigen Wort. Ich zitiere: „Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!!!”. Vokale können so schön sein.

Spätestens jetzt ist klar, dass sich die Borussia die gerissenste aller möglichen Spielweisen im Abstiegskampf ausgedacht hat: Sechs Spieltage lang gar nichts reißen, dann ab dem 30. Spieltag den Gegner stets 89 Minuten lang einlullen, das Zu-Null mit Glück und Verstand verteidigen, um dann so spät zuzuschlagen, dass keine Gegenwehr mehr zu erwarten ist. Zwei Last-Minute-Erfolge mit 1:0 führen zu dem Schluss: So kann man nur drinbleiben.

Und dann überkommt es die tanzenden, singenden und brunftschreienden Borussen. Damals vor einem Jahr war es so wohltuend, weil es für Rückkehr stand, für einen Neuanfang. Diesmal massiert es die geschundenen Seelen, weil es aller Voraussicht nach die ersehnte und überlebenswichtige Kontinuität bedeutet: „Nie mehr Zweite Liga. Nie mehr. Nie mehr, nie mehr”.

Eine Saison voller Wendungen nimmt hoffentlich ihre letzte

Wer hätte es gedacht, dass diese Saison innerhalb so kurzer Zeit eine derartige Wendung nimmt. Zur Winterpause war die Borussia abgestiegen, dann kam der vielversprechende Start mit elf Punkten aus sieben Spielen. Es folgten sechs Partien ohne Sieg, sechs vergebene Satzbälle auf den Sprung von den Abstiegsrängen. Und nun wecken zwei unfassbare und wahrscheinlich so noch nie da gewesene Siege in letzter Minute berechtigte Hoffnungen auf eine zweite, auf eine erneute Bewährungsprobe in der Bundesliga. Bei so vielen Wendungen kann man nur beten, dass die Saison zu Ende ist, bevor sich das Blatt…

Wie auch immer, meine Auswärtsbilanz in dieser Saison kann sich nach all den Rückschlägen in den Jahren zuvor absolut sehen lassen: Vier Spiele, zwei Siege in Köln und Cottbus, ein Remis in Bochum, eine Pleite in Hamburg, 7:5 Tore, sieben Punkte. Im Zweitligajahr reichte eine einzige Reise nach Offenbach, um sieben Toren beizuwohnen. Doch man fährt gewiss lieber 2520 Kilometer durch Deutschland, um diese Erlebnisse auf vier ganze Spiele aufzuteilen, als auch nur einmal noch in Liga Zwei nach Offenbach zu müssen.

infos-cottbusAuf dem Fußweg vom Stadion zum Bahnhof (von wo uns ein Taxi zum Hotel bringen soll, finde ich ohne Flutlichtmasten ja eh nicht) tauchen wir im rot-weißen Zuschauermeer mit ein paar grünen Klecksen unter. Was in Köln nur mit Tarnung möglich war, bereitet hier keine größeren Probleme. Es fliegen keine Steine, nur ein bisschen Spucke aus der Distanz. Aber die Jungs in Rot-Weiß nehmen es mit der Treffsicherheit ähnlich ungenau wie ihre Mannschaft. Einer erblickt meinen Bruder und wirft seinem Kumpel an den Kopf: „Ey, lass das. Das ist ein Behinderter!”
‚Jo‘, denke ich mir. ‚Und im Gegensatz zu Euch hat der heute gewonnen.‘

Die Heimfahrt mit dem Taxi gibt es für 5,50 €. Im Siegestaumel packe ich 2,50 oben drauf, bezweifle jedoch, dass dieser Soli in Häuserfassaden investiert wird. Den Versuch war’s wert.

Am nächsten Morgen rollt ein bunter Kleinwagen durch die Cottbusser Innenstadt. Die Fenster sind offen, aus dem Innenraum ertönt laute Musik, von deren Text an der Ampel nur Fetzen zu vernehmen sind: „Stein und Bein… Elf vom Niederrhein… fahren wir zum Auswärtsspiel… machen einen drauf.”

Auf der Hutablage liegt ein Gladbach-Schal, im Fenster hängt ein Wimpel und auf dem Kofferraum klebt eine Raute mit dem B vom Niederrhein. Im Auto sitzen zwei Brüder, die 686 Kilometer Heimweg vor sich haben – von denen jeder einzelne mit diesem Erfolg im Rücken zum Genuss wird.

Dass am Samstag bereits eine Mission zu Ende gebracht werden kann, wenn es optimal läuft, mutet derzeit noch so unwirklich an wie es nur geht. Der Sprung auf Platz 15 am letzten Sonntag war schon schwer zu begreifen – es hat am Ende nur drei Tage gedauert, sich daran zu gewöhnen. Und da es nun weiter Schlag auf Schlag geht, dürfte die Zeit bis zum nächsten Spiel auch diesmal genügen. Eine grüne Ampel könnte den Optimismus beflügeln.

Mission 40/31: Im Westen geht die Sonne auf

Die „Elf vom Niederrhein” ergattert in der 90. Minute einen Dreier gegen Schalke und versetzt den Borussia-Park in pure Ekstase. Wie Marko Marin die Angst vor einem Kutzop-Revival schürte, Hans Meyer von London nach Barcelona wechselte und Arnd Zeigler einem Hammertag die Krone aufsetzte.

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Es steht in jedem Bogen für Führerscheinprüflinge, doch so richtig hält sich ja sowieso niemand daran: Nach enormem Stress, aufrüttelndem Gefühlschaos und mit jeder Menge Ablenkung sollte man sich nicht hinters Steuer setzen. Um kurz nach halb acht am Sonntagabend habe ich jedoch gar keine Wahl. Außerdem wird noch nie ein Führerschein wegen (Freude-)Trunkenheit eingezogen worden sein.

Und selbst wenn, dann ist dieser Sonntag ohnehin einer dieser Tage, an denen die Geschehnisse außerhalb eines 54.067 Zuschauer fassenden Stadions völlig nebensächlich werden. Man genießt den Moment der ekstatischen Freude – und der hält in der Regel stundenlang an. Zwei Fans, die eigentlich ziemlichen Mist gebaut haben, liefern die aussagekräftigsten Bilder zu dieser Einstellung. Sie haben den Platz gestürmt, werden das Saisonfinale vermutlich nicht live im Stadion erleben, doch sie waren dabei. Sie haben es miterlebt. Was man dafür nicht alles in Kauf nimmt.

Im Prinzip beginnt das Spiel bereits am Frühstückstisch. Zur Sicherheit, falls die Borussia sich nicht als zuverlässiges Geschenkunternehmen präsentiert, habe ich meiner Mutter doch noch ein „richtiges” Geschenk besorgt. Was genau, spielt gar keine Rolle. Vermutlich hat sie es um 18:47 Uhr sowieso vergessen, was ihr nachsichtig zu verzeihen wäre. Denn, wie gesagt, alles unfußballerische ist an Tagen wie diesen so wichtig wie der berühmte Sack Reis, der im Reich der Mitte seinen Schwerpunkt in Richtung Boden verlagert.

Man könnte dieses Spiel gegen Schalke aufs Wesentliche beschränken und es in wenigen Sätzen abhandeln. Doch vor allem Letzteres würde dieser Partie mehr als nur Unrecht tun. Es roch bereits nach einem weiteren Rückschlag, alles war ausgerichtet auf einen weiteren Text voller Sarkasmus, vermeintlicher Resignation und abgedroschener Durchhalteparolen. Doch dann, doch dann… aber immer schön der Reihe nach.

45 Minuten zum Abhaken – fast

Um kurz vor fünf ist der Borussia-Park ein farbenfrohes, rappelvolles Fass der Vorfreude, in dem fünf Farben dominieren: Schwarz-weiß-grün genießt natürlich die Vorherrschaft, viel Königsblau findet sich in der Ecke Süd-Ost und blitzt an anderen Stellen hervor, außerdem versehen die angereisten Freunde aus Liverpool das Stadion mit roten Farbklecksen, die ausnahmsweise herzlich willkommen sind.

Farbenlehre gehört in Hälfte eins zweifellos zu den interessantesten Disziplinen. Ansonsten regieren Abtasten, Unvermögen und natürliche Harmlosigkeit das Bild. Schalke reizt seine spielerischen und personellen Mittel nur begrenzt aus, während die Borussia eine astreine pantomimische Darstellung von Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf” auf den Platz werkelt.

Die Nervosität verhält sich derweil eindeutig antiproportional zum Alter. Johannes van den Bergh, erstmals seit dem 14. Spieltag in der Startelf (damals gegen – wer hätte es gedacht – Schalke), bekommt erst so gut wie nichts auf die Reihe. Dann kassiert er Gelb, verursacht wenig später einen Freistoß an der Strafraumgrenze und muss kurz darauf Roberto Colautti weichen. Nach 39 Minuten nähert sich Gladbachs Aufstellung der Bezeichnung „akzeptabel”.

An dieser Stelle möchte man eigentlich fortfahren mit dem nächsten Tagesordnungspunkt, der zweiten Halbzeit. Doch wenn die ersten 45 Minuten schon nur knapp an der Non-Existenz vorbeistreifen, dann darf man erst Recht nicht den Aufreger schlechthin übersehen, der diesem Zeitabschnitt im Gedächtnis von mehr 54.000 Menschen überhaupt erst ein paar Zellen in den hinteren Hirnregionen reserviert hat.

Ein Aufschrei, ein Schuss, ein verschossener Elfer

Wir schreiben die 23. Minute, als sich ein langer Ball von Brouwers ins linke Strafraumeck senkt. Schalkes Rafinha realisiert binnen weniger Hundertstelsekunden, dass die Borussia im Begriff ist, den gegnerischen Sechzehner erstmals nennenswert zu betreten. Folgerichtig greift er zu resoluteren Mitteln und schubst Baumjohann etwas unbeholfen zur Seite. Ein ausgestreckter Arm eines in orange gekleideten Mannes in Richtung Süd-West lässt riesigen Jubel aufbranden – Schiedsrichter Sippel zeigt tatsächlich auf den Punkt und das völlig zu Recht.

Marin, Daems und Bradley – bislang in dieser Spielzeit ein-, zwei- und dreimal aus elf Metern angetreten – streiten sich in einer Best-of-five-Serie Schere-Stein-Papier um die Ausführung. Gladbachs Youngster setzt alles andere als regelkonform den Brunnen ein. Doch bevor seine Mitstreiter protestieren können, hat Marin sich bereits den Ball geschnappt und auf dem Punkt platziert. Mehrfach konnte er nicht schießen, weil er entweder gefoult worden war und gar nicht auf dem Platz stand. Jetzt ist er gewillt, die Verantwortung zu übernehmen – und scheitert kläglich. Sein unpräziser Schuss hätte sich bei einem 2×5-Tor vielleicht das Prädikat „gut” verdient. Doch Marin zieht gegen Neuer und die enorme Breites des Kastens den Kürzeren.

Ein paar sehen die Nullen beim Marktwert des 20-jährigen dahinsiechen. Andere schüttelt das Trauma eines Michael-Kutzop-Revivals. Die meisten jedoch plädieren auf „Unverschämtheit”, weil die Borussia ein wahres Geschenk gegen die beste Defensive der Liga verschmäht hat. Sowohl unter Pfiffen als auch begleitet von aufmunterndem Applaus geht es mit dem 0:0 in Kabine.

Nach der Pause legt die Borussia allmählich ihr pomadiges Gewand ab. Ihr harmloses Anlaufen, gespickt mit seltener Gefahr vor Manuel Neuers Tor, wirkt im Nachhinein jedoch bestenfalls wie ein kleines Vorspiel vor dem ekstatischen Höhepunkt einer ansonsten vergleichsweise bedeckten Partie – um es einmal meteorologisch auszudrücken. Das, was Schalke vereinzelt auf die Beine stellt, wird von einem erneut überzeugenden Logan Bailly zunichte gemacht.

In der 71. Minute legt er den Königsblauen eine ihrer besten Gelegenheiten jedoch höchstpersönlich auf. Erst lässt er den Ball nach einem Freistoß von Engelaar fallen, hechtet ihm anschließend wie ein betrunkener Beachvolleyballer hinterher, um dem Leder dann hilflos hinterher zu schauen. Dante bugsiert Kuranyis Heber schließlich mit dem Hinterkopf von der Torlinie – und Bailly sahnt den Preis für die beste, unnötigste und zugleich nervtötendste Showeinlage des Abends ab.

Fünf Minuten später, Oliver Neuville ist mittlerweile für den schwachen Baumjohann ins Spiel gekommen, dürfen die Statistiker dieser Welt den ersten Gladbacher Schuss aufs Tor notieren, der nicht vom Elfmeterpunkt abgegeben wurde. Marin nutzt einen Stockfehler von Jones und passt den Ball quer zu Colautti, der mit dem 18. (erfolgslosen) Torschuss seiner Bundesliga-Laufbahn am starken Neuer scheitert.

Aufmunterung von den Rängen -
dennoch naht der Nervenzusammenbruch

Auf den Rängen hat man das Gefühl, als wolle alles in Schwarz-Weiß-Grün sich längst die Seele aus dem Leib pfeifen. Doch irgendwie verpasst sich (fast) jeder einen Maulkorb und beklatscht stattdessen geduldig die Einwechslung von Callsen-Bracker für Brouwers (vgl. Auflaufprämie, die) oder Gladbachs Aufholjagd in Sachen Eckenverhältnis (von 3:10 auf 6:12). Alles hofft auf die Auferstehung.

Ein indirekter Freistoß weckt die vermeintlich letzten Hoffnungen auf ein Happy End. Doch während die Schalker mit Schrecken an Patrik Andersson zurückdenken, denken die Borussen scheinbar an gar nichts und setzen den Ball in die Mauer. Drei Minuten vor Schluss rüttelt Oliver Neuville die geschundenen Seelen auf und neben dem Platz noch einmal wach, indem er mit allem, was er hat, einem Schalker Rückpass nachsetzt. Neuer haut den Ball prompt auf die Haupttribüne – Szenenapplaus für Gladbachs Oldie.

In meinem Kopf laufen bereits aufwendige Rechenprozeduren ab, wann die Borussia frühestens absteigen könnte, als eine einzige Szene zwischen meinen Ohren auf „Esc” drückt und knapp 50.000 Borussen den Atem, den Verstand und alles andere raubt, was ansonsten überlebenswichtig wäre. Nicht jedoch in jener 90. Minute, die den Seismographen für den Niederrhein zum Glühen bringt.

Brunftschrei ins Glück: “Jaaaaaaaaa!!!”

Galasek greift dreißig Meter vor dem eigenen Tor zu einer Mischung aus Befreiungsschlag und Zuckerpass. Oliver Neuville ist die genaue Bezeichnung egal, er schleppt den Ball in vollem Lauf ein paar Meter über die rechte Seite, um dann nachzuempfinden, wie sich David Odonkor damals, am 14. Juni 2006 bei seiner Torvorlage gegen Polen, eigentlich gefühlt hat. In der Mitte übernimmt Roberto Colautti dankend die Rolle des Oliver Neuville anno 2006 – Ballannahme, Schuss, Tor, Explosion. Der Borussia-Park erlebt sein ganz persönliches Polen-Spiel.

Vor Freude verpasse ich mir glatt selbst eine Linke mit der geballten Faust. Meine 2,4 Quadratmeter große Jubelzone weite ich großzügig auf die benachbarten Reihen und Blöcke aus. Meine Mutter bejubelt die Fleischwerdung ihres wahren Geschenks zum Muttertag. Das Erdbeben der Gefühlsentladung dauert gefühlte sechzig Sekunden an. Haben wir „gedöppt”? Den Torschützen bejubelt? Ihm gedankt? Den Spielstand verkündet? Ich weiß es nicht. Für Sonntag, 18:47 Uhr, hat mein Gehirn nur eine Amnesie der besonderen Art notiert. Nie war es schöner, rein gar nichts mehr zu realisieren – bis auf ein Glücksgefühl, das meinen Puls noch jetzt, um 02:19 Uhr am Montagmorgen, in die Dreistelligkeit befördert.

Heiserkeit kann ja so schön sein. Vor allem, wenn der Verlust der Stimme in erster Linie 89 Minuten voller cholerischer Anfälle zuzuschreiben ist und am Ende dennoch ein langer, herzhafter Brunftschrei den Rest besorgt: „Jaaaaaaaaaaaaaaa!!!”.

Das höchste aller Gefühle beim Fußball ist definitiv erreicht, wenn man zitternd und mit Tränen in den Augen auf der Tribüne steht, halbwegs rhythmisch die Hände aufeinander zu bewegt und sich die Seele aus dem Leib singt. In diesem Moment weiß man, dass sich sieben Wochen Leiden, Aufregen und Hoffen gelohnt haben. Diese Erleichterung lässt sich in „Steine vom Herzen” bemessen.

“Mit Stolz trag’ ich auf meiner Brust das ‘B’ vom Niederrhein”

Als Schiedsrichter Sippel seine Arme gestenreich in Richtung Mittelkreis bewegt, ist es um den Borussia-Park geschehen. „Es ist schon viele Jahre her, da ging mein Herz verlor’n; in Eicken auf dem Bökelberg, eine Liebe war gebor’n”, hallt es von den Rängen. Im Moment der finalen Glückseligkeit erinnern sich die singenden Massen also, wo genau sie herkommen. „Mit Stolz” tragen sie auf ihrer „Brust das ‚B‘ vom Niederrhein”. Ein Last-Minute-Tor besorgt einen unerschütterlichen Schulterschluss und schürt die Hoffnung auf die Rettung. So schnell kann das gehen: Letzte Woche noch am Rande der Resignation, ohne Zuversicht und ohne Lust. Nun wieder auf Wolke 11.

Mit diesem Puls und diesen Bildern im Kopf fällt es schwer, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Doch anstatt das genaue Rettungsdatum etwas voreilig auszuloten, gehe ich einfach mit der Einstellung in die nächsten Tage, dass schon ein einfacher Punktgewinn in Cottbus dafür sorgen würde, dass die Borussia – wenn überhaupt natürlich – frühestens am letzten Spieltag gegen Dortmund absteigt. Wer diese Zeilen im Überschwang liest, der mag das zwar auf den ersten Blick für Tiefstapelei und Miesmacherei halten. Doch wenn die bescheidene Eichhörnchen-Taktik aufgeht, könnte „Dortmund” spätestens am 23. Mai gegen „niemals” ausgetauscht werden. Und etwas anderes hat ja auch niemand im Sinn.

Zuhause – meine Körpertemperatur nähert sich langsam wieder Verhältnissen, die einen Aufenthalt auf der Intensivstation wieder unnötig machen – frische ich erst einmal mein Gedächtnis auf: Es wurde tatsächlich die Tormusik eingespielt und die Mannschaft hat Colauttis 1:0 wider Erwarten nicht mit einem Menschenhaufen aus dem Jubel-Lehrbuch gefeiert, sondern die Fotografen am Spielfeldrang in Angst um ihre teure Ausrüstung versetzt.

0221-56789-112: Redebedarf stillen bei Arnd Zeigler

Da nach ekstatischen Minuten wie diesen der Aufbereitungs- und Redebedarf besonders hoch ist, greife ich nach dem „Tatort” und der Zusammenfassung im DSF zum Telefonhörer. Unter 0221-56789-112 hat Arnd Zeigler aus der gleichnamigen „Wunderbaren Welt des Fußballs” hoffentlich ein offenes Ohr für mich. Um kurz nach halb elf bin zunächst mit seiner Kollegin verbunden, die sich den genauen Grund für meinen gesteigerten Mitteilungsdrang gegen Mitternacht ausgiebig anhören muss.

Meine wirren Worte scheinen ihr zugesagt zu haben. Jedenfalls klingelt um 23:54 Uhr das Telefon. Am anderen Ende ist zwar nicht mehr die nette Frau mit der sympathischen Stimme, sondern ein Mann, der während unseres Gesprächs nur kurz den Fetzen „wir von der Sportschau-Redaktion” einwirft. Er hat seinen Spaß, ich auch. Sein Puls bleibt konstant, meiner – gerade erst in die Normalität zurückgekehrt – steigt schon wieder an. Denn in ein paar Minuten soll ich diesen besonderen Tag mit einem Telefon-Auftritt im WDR krönen.

„Dittsche” geht um kurz vor Mitternacht nach Hause. Ich schiele währenddessen auf einen kleinen Beruhigungsschnaps, bleibe jedoch abstinent am Hörer und weiterhin ausschließlich freudetrunken. Dann ist Zeigler dran.

Wir rekapitulieren kurz das Spiel – und die Erleichterung über den ersten Sieg nach sechs Spielen ohne Dreier -, ich bemerke die verblüffende Espritlosigkeit der Schalker und wir loten abschließend die Aussichten fürs Cottbus-Spiel aus. Hans Meyer darf auch etwas sagen, erinnert an Barcelonas Last-Minute-Weiterkommen unter Woche und man wird den Eindruck nicht los, dass das Duell der Katalanen mit dem FC Chelsea nachhaltigen Eindruck bei Gladbachs Trainer hinterlassen hat. Vor einer Woche bei den Bayern wollte er in Chelsea-Manier Zählbares ermauern. Acht Tage später hat er die Fronten gewechselt und freut sich über einen Erfolg à la Barça in letzter Sekunde. Jetzt am Mittwoch noch Manchester sein und bei einem Team auf Augenhöhe ein 3:1 ergattern – und die Welt wäre ein einziger Jubelsprung im Champions-League-Format.

“‘Überm Strich’ – das sieht nach der
langen Zeit ziemlich merkwürdig aus.”

Eigentlich wäre man nach einem solchen Härtetest für alle Nerven geneigt zu sagen, dass zwei Wochen Pause bis zum nächsten Heimspiel ganz recht kommen. Doch der Endspurt macht seinem Namen alle Ehre und lässt einem kaum einen Tag zum Luftholen. Drei Spiele, drei Stadionbesuche in den nächsten dreizehn Tage – alles für das große Happy End einer kräftezehrenden Saison.

Der Sprung auf einen Nichtabstiegsplatz mutet noch ein wenig unwirklich an. „Überm Strich” – das sieht nach der langen Zeit ziemlich merkwürdig aus. Doch dieser Paukenschlag gegen Schalke ist genau die richtige Einstimmung fürs Finale der Saison 2008/2009 gewesen – ein Wachmacher, der die Hoffnung von der Intensivstation in die Reha befördert hat. Es scheint wieder Licht am Horizont. Im Westen geht die Sonne auf.

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Drei Pässe, ein Schuss, ein Tor - wie aus einem Guss

Screenshot: bundesliga.de

Bei “Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs” – ca. ab 1:30 Min.

Mission 40/29: Unterm Strich

Gegen Bielefeld lässt Gladbach erneut zwei wichtige Punkte liegen und verpasst zum fünften Mal in Folge den Sprung auf Platz 15. Warum der größte Strohhalm zugleich eine Farce ist, hoffentlich niemand über ein Meer aus Pusteblumen schwebt und rote Ampeln keine Schuld mehr trifft.

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Ich bin desillusioniert, frustriert und konsterniert – Wörter auf -iert sind für mich gerade so etwas wie medizinische Fachbegriffe, die mich als wahres Wrack kennzeichnen. Mit wenig Hoffnung, viel Enttäuschung, aber ohne Gedanken an finale Resignation.

Zum Glück kann ich behaupten, ein Spiel gesehen zu haben, dass es nicht wert ist, noch einmal von vorne bis hinten rekapituliert zu werden. Selbst wenn ich wollte, würde sich nur wenig um Torchancen, sehenswerte Kombinationen und packende Zweikämpfe drehen. Gladbach 1, Bielefeld 1 – wer auf das magere Chancenverhältnis schielt und sich ganz tief in den Zynismus hineinwagen will, der darf durchaus behaupten: Eineinhalb kaltschnäuzige und abgekochte Mannschaften haben sich am frühen Sonntagabend im Borussia-Park gemessen. Für die einen bedeutete ein gewonnener Punkt zwei verlorene. Die anderen glaubten, mit dem Zähler leben zu können, und stecken trotzdem tiefer im Schlamassel als zuvor.

Fünfmal in Folge hätte die Borussia den Sprung auf Platz 15 packen können. Fünf Satzbälle in Folge hat sie vergeben, die Zahl der Unforced Errors steigt ins Bodenlose. Der größte Strohhalm ist zugleich eine Farce. Denn obwohl der VfL nur zwei Zähler in den letzten sechs Wochen geholt hat, ist er weiterhin mittendrin im Geschäft. Dass er trotz eines Punktgewinns zu den großen Verlierern des Wochenendes zählt, ist überhaupt nur zwei Sensationserfolgen von Cottbus und Karlsruhe zu verdanken, die die virtuelle Tabellenkalkulation eines jeden Hobbyrechner über den Haufen geworfen haben.

Zensur auf der Anzeigetafel

Cottbus gewinnt also zuhause gegen Wolfsburg und zeigt Gladbach nicht nur, wie man gegen den Spitzenreiter punktet. Zugleich sorgt Energies 2:0-Überraschungserfolg nämlich auch dafür, dass die längste Siegesserie der Bundesligageschichte weiterhin in Borussenhand bleibt. Wobei eine weitere Löschung aus den Rekordlisten angesichts der tristen Gegenwart nicht unbedingt ein Verlust gewesen wäre. Sie hätte vielmehr eine Befreiung von der Bürde unserer ruhmreichen Vergangenheit sein können. So bleibt der Rekord und Cottbus ist plötzlich zwei Punkte enteilt.

Die beiden Treffer der Lausitzer hatte man den 50.000 im Borussia-Park eiskalt vorenthalten. Dabei hätte zweimaliges Pferdewiehern, gefolgt von entsetztem Stöhnen und Geschrei, nur allzu gut ins trostlose Bild des Spiels gepasst. Vielleicht wäre den kopflosen Borussen auf dem Platz sogar endlich ein Licht aufgegangen und sie hätten tatsächlich realisiert, dass es ums nackte Überleben geht. Und nicht um die Tombola auf der Jahreshauptversammlung des örtlichen Schützenvereins.

Genauso entmutigt und überzeugend wie ein Straßenfeger-Verkäufer in der Berliner U-Bahn forderte Stadionsprecher Knippertz das Stadion immer wieder auf, die Mannschaft anzutreiben. Sein Bemühen war zwar ehrenwert, verlief jedoch im Sand. Knippertz hat schlichtweg übersehen, dass nur das Blut desjenigen in Wallung gebracht werden kann, durch dessen Adern überhaupt noch welches fließt. Dabei dürfte die Bedeutung des Wortes „blutleer” relativ einleuchtend sein. Gemeint sind natürlich nicht 50108 auf den Rängen, sondern 11 plus 3 auf dem Platz.

Ein Spiel wie 1000 Metaphern – das 4-2-4-0-System

Einmal mehr war es ein Spiel, dessen apokalyptisches Ausmaß von zig Metaphern beschrieben wird. Zwei kleine vorneweg: Bielefelds Tesche erzielte im 21. Einsatz mit seiner 7. Großchance der Saison sein erstes Saisontor, erst das zweite überhaupt in seiner Laufbahn, und Keeper Eilhoff verbuchte die meisten Ballkontakte aller Arminen.

Das Meisterwerk aller Meisterwerke jedoch: die Startaufstellung. Roberto Colautti war als Friend-Ersatz nach drei torlosen Spielen heftig in die Kritik geraten, Alternativen machten sich entweder rar oder erschienen keine Überlegung wert. Doch eine entscheidende hatte alle Welt fahrlässig übersehen. Wenn die einzige Spitze nicht trifft und kein Ersatz in Sicht ist, warum dann nicht einfach ganz ohne Mittelstürmer auflaufen? Gesagt, getan. Gladbach begann im brandneuen 4-2-4-0-System – mit unveränderter Viererkette, einer Methusalem-Doppelsechs und einer wirren Angriffsreihe, die Matmour als formelle Spitze sah. Ein schlaksiger Dauerläufer als Mittelstürmer? Das führt die Definition dieser Gattung von Spieler gehörig ad absurdum.

Beschwerden über eine zu kurze Nachspielzeit sind durchaus angebracht. Denn die ersten zwölf Minuten haben praktisch nie existiert, fallen aufgrund von elendiger Passivität und grausamen langen Bällen also auf jeden Fall unter den Tatbestand der „absichtlichen Zeitvergeudung”. Sprich, sie hätten oben drauf gepackt werden müssen. Das Führungstor durch Matmour, seines Zeichens eben doch ein echter Strafraumstürmer und Goalgetter, fiel so sehr aus dem Nichts, dass mein Hirn erst nach wenigen Augenblicken den Befehl „Jubeln!” an meine Nervenzellen geschickt hat. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen.

Nur Geduld: Klassenerhalt am 37. Spieltag

Die Frustration reichte am Ende so weit, dass ich in der zweiten Hälfte nach einem rüden Foul von Bielefelds Marx sogar entrüstet aufsprang und vehement Gelb-Rot für Kapitän Kauf forderte. Ich plädiere hiermit dafür, dass höchstens ein Spieler pro Mannschaftsteil blondierte Haare tragen darf. Immerhin konnte ich mir für den wütenden Hechtsprung und das laute Fluchen drei Weight-Watchers-Punkte für sportliche Betätigung anstreichen. Man nimmt eben alles mit, wenn sich Punkte ansonsten rar machen.

Mit gutem Gewissen kann ich mir jegliche Details des Spielverlaufs sparen, ohne dabei irgendeiner Form der Chronistenpflicht auf den Schlips zu treten. Gladbachs uninspiriertes Anrennen in Hälfte zwei erinnerte mitunter ans vorletzte Heimspiel gegen Bochum. Mit dem Unterschied, dass sich damals die Einschussmöglichkeiten häuften und das Spiel dennoch verloren ging. Diesmal also ein Zähler gegen einen direkten Konkurrenten trotz chronischer Espritlosigkeit – na wenn das kein Fortschritt ist. Diese konstante Entwicklung in die richtige Richtung könnte der Borussia spätestens am 37. Spieltag den Sprung auf einen Nichtabstiegsplatz bescheren. Geduld ist also der Schlüssel zum Erfolg.

Die letzte Aktion des Spiels brachte unterdessen eine weitere Metapher mit schier unerschöpflichem Nährwert. Alexander Baumjohann, bis auf seine Vorlage zum 1:0 so blass geblieben wie ein Engländer bei dreijähriger Sonnenfinsternis, wirbelte mit viel Verzweiflung ein letztes Mal durch den Bielefelder Strafraum. Entweder verließen ihn dann die Kräfte, oder aber er hatte etwas dagegen, im Prinzip zwei Heimspiele in Folge vor der Brust zu haben. Also sank er nieder, kassierte die fünfte Gelbe und wird damit in München, bei seinem zukünftigen (Kurz-)Arbeitgeber, nicht mit von der Partie sein. Vielleicht wollte er auch nur sichergehen, dass er eine Woche darauf, beim Aufeinandertreffen seines Ex-Vereins Schalke und seines baldigen Ex-Vereins Gladbach, auf jeden Fall dabei sein kann. Im Zweifel für den Angeklagten.

“Man liebkost sich selbst nicht mehr mit Ritualen und billigen Ausreden, sondern fühlt sich unterm Strich einfach nur verarscht.”

Meine Wut und meine Enttäuschung reichen mittlerweile so weit, dass ich nicht einmal mehr daran denke, die Schuld an der Niederlage in die Schuhe von roten Ampeln und besetzten Parkplätzen zu schieben. Auch wenn sich die Trance mit jeder Menge Sarkasmus überbrücken lässt, fördern Verzweiflung und Ratlosigkeit gleichzeitig das rationelle Denken zurück an die Oberfläche.

Man liebkost sich selbst nicht mehr mit Ritualen und billigen Ausreden, sondern fühlt sich unterm Strich – so hart es klingt – einfach nur verarscht. Es lebe die Aufklärung, Kant wäre stolz auf mich! Mit den Gedanken im Hinterkopf, dass ich trotzdem diese Zeilen hier tippe, meine Dauerkarte noch nicht in Einzelteile zerlegt habe und nächsten Samstag wieder vor dem Fernseher sitzen werde, muss ich mich für Gefühle dieser Art hoffentlich nicht rechtfertigen.

Es ist gewiss nicht der Fall, dass mich ein 1:1 gegen Bielefeld und der Sturz auf einen Abstiegsplatz von jetzt auf gleich mit dem Thema Klassenerhalt abschließen lassen. Doch momentan stehe ich, stehen wir im Prinzip alle vor den Trümmern einer Saison, deren schlechten Ausgang einzig und allein die Mannschaft selbst zu verantworten hätte. Kein Pech, kein Schicksal. Wer das verneint, der muss in einer Fußballwelt voller schwarz-weiß-grüner Brillen leben, in der er Tag für Tag über ein Meer aus Pusteblumen schwebt und sich vormacht, alles sei in Butter.

Zum Glück steigt man, nur weil sportlich so manches im Argen liegt, nicht automatisch ab, sonst müsste es ja jedes Jahr fünf, sechs Mannschaften treffen. Karlsruhe, Gladbach, Bielefeld oder Cottbus – die Entscheidung über das Schicksal dieses Quartetts wird an den verbleibenden Spieltagen zum Glücksspiel mit dem Feuer, das am Ende wohl vor allem im Kopf entschieden wird.

Grab oder Denkmal – eine facettenreiche Baugrube

Und weil in sportlicher Hinsicht außer Spesen wenig gewesen ist, noch zwei Anekdoten von abseits des Platzes. Das vierstündige Funkloch der Telekom hat allen 40 Millionen Kunden eine Frei-SMS für den Sonntag beschert. Bezeichnend, dass ich davon Gebrauch machte, um Nils – halb feststellend, halb um Bestätigung bittend – folgende Nachricht zu schicken: „Cottbus führt?!”. Das Fragezeichen war leider überflüssig.

Vor zwei Wochen gegen Wolfsburg rief mich ein gerupfter Fasan vor dem Stadion auf den Plan und verursachte intensive Recherchen nach seiner Bedeutung. Diesmal sorgte eine riesige Baugrube im Nordosten des Borussia-Parks für Fragezeichen auf so mancher Stirn. Ein Hotel, ein Zweitligastadion, eine Trainingshalle vielleicht? Vor lauter Frustration wirkte das Loch zwei Stunden später wie ein ausgehobenes Grab.

Noch liegen fünf Spiele vor der Borussia – hammerhart, schwer, machbar, herausfordernd und schwer. Fünfzehn Punkte sind zu vergeben. Am Ende werden sie darüber entscheiden, ob auf der Baustelle nicht vielleicht doch ein Nichtabstiegsdenkmal entsteht.

Mission 40/28: Lebenserwartung minus x

Gladbach leistet in Frankfurt einen Offenbarungseid und kassiert eine bittere 1:4-Pleite. Warum eine klassische Ouvertüre meinen Samstag versaut hat, Soziologen eine wahre Freude an meinem Leiden haben und der “Derbyfluch” die Runde macht.

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Sie redet, sie redet und sie redet. Im Hintergrund dudelt seit geschätzten zehn Sekunden die Tormusik aus irgendeinem Bundesligastadion. Die Bielefelder Schüco-Arena ist es definitiv nicht. Denn dort sitzt Sabine Töpperwien und lässt zum siebzehnten Mal innerhalb von zwei Minuten „Bayerns Ecke, die es gar nicht hätte geben dürfen” Revue passieren, anstatt das Geheimnis zu lüften, wo zur Hölle gerade ein Tor gefallen ist.

Zeitgleich dämmert mir es langsam, woher ich dieses Lied kenne. Dreimal habe ich es bereits ertragen müssen. Nichts gegen Franz von Suppès „Leichte Kavallerie” – aber die Tatsache, dass sein Werk in der Frankfurter Commerzbank-Arena am Samstag ganz oben auf der Playlist stand, erbaut eine innige Freundschaft zwischen dem Komponisten und mir auf einem ziemlich wackligen Fundament. Viermal Ouvertüre, vier Wutausbrüche – der letzte im Auto auf der Landstraße.

Nach 80 Minuten habe ich genug gesehen im heimischen Wohnzimmer, breche auf in Richtung Dülken, wo mein vorletztes Saisonspiel in der Handball-Kreisliga bereits begonnen hat. Ende der ersten Halbzeit streife ich mir mein Trikot über und realisiere, dass ich doch irgendwie ein Kameradenschwein bin: Das eigene Spiel zur Hälfte sausen lassen, um vor dem Fernseher eine der schlechtesten Saisonleistungen der Borussia zu beobachten? Wer mir einen ausgeprägten Hang zum Fußball-Masochismus bescheinigt, liegt wohl nicht allzu falsch.

Es lief schon die 75. Minute, als ich zum ersten Mal mit dem Gedanken spielte, die Flucht vor der Gladbacher Offenbarung anzutreten. Doch der zweite Elfer des Spiels machte mir einen Strich durch die Rechnung. Filip Daems lieferte Michael Bradley Anschauungsunterricht vom Elfmeterpunkt und sorgte dafür, dass sich die Partie für genau fünf Minuten wieder offen gestaltete.

“Größter Schwund der Lebenserwartung
in Folge exzessiven Aufregens”

Befindet sich eine vermeintliche Abstiegssaison in der Mache, kann man zu Genüge darüber streiten, wann genau zwischen August und Mai man sich am meisten aufgeregt hat. Die Zeit zwischen 15:30 und 17:09 Uhr am 18. April 2009 gehört jedoch vorerst zu den Favoriten auf den Titel „Größter Schwund der Lebenserwartung in Folge exzessiven Aufregens”.

Nach diesem 1:4 weiß ich gar nicht, ob ich in Dankbarkeit Jubelarien anstimmen soll, weil die Chancen auf den Klassenerhalt noch immer oberhalb des Promillebereichs liegen, oder mich stattdessen besser ärgere, weil der VfL inzwischen – wie Bochum, Hannover und Frankfurt – aus dem Gröbsten heraus sein könnte. Ohne viel Aufwand.

Die Niederlagen von Cottbus und Bielefeld versetzen die Umfragewerte in puncto „wie viele Punkte reichen für Platz 15?” weiterhin in eine Rezession, von der die Weltwirtschaft nur träumen kann. Immerhin wird das Duell Gladbach gegen Bielefeld nächsten Sonntag ein kleines Konjunkturpaket schnüren. Einer wird zwangsläufig etwas mitnehmen. Seit vier Wochen verharrt der Fünfzehnte nun schon bei 24 Punkten. Aus 32,6 prognostizierten Zählern in der Abschlusstabelle sind in der Zwischenzeit 29,1 geworden – der Negativrekord von Bayer Uerdingen aus der Saison 94/95 wackelt wieder (15. mit 32 Punkten, nach Drei-Punkte-Regel). Rekordjagd wider Willen.

Punktekalkulation wird jedoch für die Borussia nur ein Nebenfach sein auf dem Weg zum Ligaverbleib. Ohnehin gerät man in dieser Hinsicht vom Regen in die Traufe. Vor einigen Wochen habe ich mich gefragt, wie wir noch zehn bis dreizehn Zähler einfahren sollen. Mittlerweile halte ich deren sieben für eine Hürde, die hoch genug sein wird. Vor allem aus psychologischer verkam das Spiel in Frankfurt zum Offenbarungseid. Während Gladbach vorne zwischen Konnte-Nicht und Wollte-Nicht schwankte, lag hinten permanent ein Gegentor in der Luft. Wohl nur am Niederrhein bringt man es fertig, eine fünfzehnminütige Drangphase auf die Beine zu stellen, in der man einen Elfer verschießt und einen verwandelt, um mitten hinein in diese Drangphase das alles entscheidende 1:3 nach einer Ecke zu kassieren.

Schon zum dritten Mal in Folge ließ die Borussia in einem Duell gegen einen direkten Konkurrenten jegliche Tugenden des Abstiegskampfes vermissen, die mehr sind als abgedroschene Durchhalteparolen. Die Tatsache, dass aus dem einstigen unmittelbaren Kontrahenten Frankfurt mittlerweile ein entfernter Bekannter geworden ist, verdeutlicht eindrucksvoll das Ausmaß der Gladbacher Lethargie.

Dante und Brouwers Hauptdarsteller der Offenbarung

Dante und Brouwers lieferten sich ein hochspannendes Duell um einen Job als Co-Moderator bei „Pleiten, Pech und Pannen”. Am Ende gab es ein Unentschieden, den Job bekam keiner. Brouwers erhält in der Neuauflage von „Skippy, das Känguruh” eine Nebenrolle, während Dante dafür im zweiten Teil von „Lost in Translation” mitwirken wird. Unser brasilianischer Lucio-Verschnitt mag zwar nach seiner Faserriss-Odyssee noch nicht ganz auf der Höhe sein. Sechs Spieltage vor dem Ende der Saison neigen sich Zeit und Geduld jedoch zwangsläufig ebenfalls dem Ende zu. „Rehabilitation” ist da nicht nur aus etymologischer Sicht ein Fremdwort.

Hobbyfilmer sollen derweil Bilder von einem bitterlich weinenden Filip Daems aufgenommen haben. Der Belgier ist auf der linken Abwehrseite definitiv verschenkt, konnte sich wenigstens vom Elfmeterpunkt ein wenig Freude verschaffen. Da Marin von Meyer auf die rechte Seite geschickt wurde, verpuffte jedoch das bislang beste Argument für einen Daems auf links. Man munkelte, er könnte das Defensiv-Manko von Marin ausgleichen. Diagonal über den ganzen Platz dürfte dieses Unterfangen jedoch zum Kraftakt werden.

Es spricht außerdem nicht unbedingt für Daems’ Gegenpart, Paul Stalteri, dass er zwar jede Minute in der Rückrunde absolviert hat, an dieser Stelle jedoch bislang selten Erwähnung fand. Wer seinen hilflosen und verfrühten Blockversuch vor dem 0:2 beobachtet hat, muss sich fragen, ob ein gewisser Tobias Levels nicht auch soviel Dilettantismus und Behäbigkeit auf die Beine stellen könnte. Erst ein Denkmal in Abwesenheit für Rob Friend, jetzt eine gebrochene Lanze für Tobias Levels – langsam macht mir mein Dasein als Fähnchen im Wind selbst Angst. Aber so eine Bundesligasaison zwischen Erde und Hölle liefert eben auch brisante Einsichten in die Psyche eines leidenden Fans, die jeden Soziologen mit der Zunge schnalzen lassen.

Apropos Rob Friend: Eine Rückkehr bis nächsten Sonntag scheint nicht unmöglich. Wer hätte gedacht, dass eine derartige Nachricht noch einmal einen Hoffnungsschimmer ans Firmament zaubern würde. Ranger Rob wurde in Frankfurt erneut vermisst wie ein leckeres Leberwurstbrot nach einem Austauschjahr in Malaysia. Nachdem Kollege Colautti in Karlsruhe und gegen Wolfsburg wenigstens noch Aluminium traf, gelang ihm am Samstag rein gar nichts. Mit jeder erfolgslosen Spielminute scheint der Israeli zu schrumpfen. Kehrt Friend nicht bald zurück, wird Colautti wohl in zwei Wochen gegen Bayern erstmals mit Marko Marin verwechselt.

Die Mär vom Gefoulten, der nicht schießen darf

Kommentator Matthias Stach pries Marin, den Unruhefaktor für gegnerische Abwehrreihen, bei fast jedem Ballkontakt als „Zauberzwerg” an, was erneut die Frage aufwarf, ob es einem 20-jährigen nicht doch irgendwie peinlich ist, die Bezeichnungen „Zauberzwerg” und „Zaubermaus” ganz oben im Spitznamenkatalog zu führen. Irgendwie klingt das so gar nicht nach Bartwuchs, Führerschein und der Befugnis, im Supermarkt nach Vorlage des Personalausweises jedes beliebige Getränk erwerben zu können. Aber bin ich Imageberater?

Aus sportlicher Sicht gehörten einzelne Aktion von Marin zu den wenigen Lichtblicken des Spiels. Er holte beide Elfer raus, hatte nach einer guten Viertelstunde die erste und lange Zeit einzige Torchance der Borussia und hätte vermutlich zum Matchwinner werden können, wenn ihm die Mär vom Gefoulten, der nicht schießen darf, egal gewesen wäre. Fast an jeder gelungenen Aktion, die die Borussia über das Existenzminimum hievte, war er beteiligt.

Im Angriff hat der VfL dieser Tage so viele Alternativen wie ein angehender Abiturient, der alle Naturwissenschaften verschmäht, Mathe jedoch auch um alles in der Welt nicht im Abitur haben möchte. Null. Nachdem ich Oliver Neuville in den vergangenen eineinhalb Jahren bereits mehrfach zu voreilig in Altersteilzeit geschickt habe, dürfte es jetzt endgültig an der Zeit sein. Mit jedem Spiel schrumpft sein Aktionsradius, seine Torgefahr geht den Bach hinunter und er agiert insgesamt so auffällig wie ein weißes Bettlaken auf der Skipiste.

Karim Matmour ist in Frankfurt auf seiner unendlichen Sinuskurve einmal mehr im Minusbereich angelangt. Von Moses Lamidi wird in Anlehnung an seinen Namensvetter verlangt, dass er das Wasser teilt. Stattdessen hat er das Rote Meer eher trocken gelegt. Und Alexander Baumjohann ist nach seinen bayernwürdigen Auftritten zu Beginn der Rückrunde mittlerweile nur noch ein wandelndes Phlegma. Erneut blieb er meilenweit unter seinen Möglichkeiten, deren Existenz spätestens seit Köln ja niemand mehr abstreiten will.

“Selbst Momente der Glückseligkeit bringen
im Nachhinein nichts als Unheil”

Stichwort Köln: Seit dem Derbysieg ist der Aufwärtstrend bei der Borussia gestoppt. Zwischen dem 21. und 24. Spieltag hatte es neun Punkte und zwölf Tore gegeben. Die letzten vier Spiele brachten dagegen nur noch einen Bruchteil dieser Zahlen: Ein Unentschieden, zwei Treffer, drei Pleiten. So langsam könnte man, zumindest ganz weit im Hinterkopf, über einen „Derbyfluch” nachdenken. Aber auch das ist eben die Saison 2008/2009, wie sie leibt und lebt – selbst Momente der Glückseligkeit bringen im Nachhinein nichts als Unheil.

Auf der anderen Seite kämpft Bielefeld seit längerer Zeit mit einem amtlichen Gladbach-Fluch. Sechs Aufeinandertreffen in Serie hat die Borussia für sich entscheiden können, allesamt ohne Gegentor. Eine Beseitigung dieses Fluchs aus Arminen-Sicht könnte den VfL im Nu vom Abgrund in den Abgrund befördern. Um das zu prophezeien, muss man beileibe nicht Kassandra heißen. Vielleicht nähert sich die Lebenserwartung im Erfolgsfall auch wieder der Normalität - und kratzt an der 50.

Mission 40/27:
Wenn der Aufbau irgendwann den Einsturz bringt

Gladbach verliert unglücklich und aufgrund mangelnder Cleverness mit 1:2 gegen Wolfsburg, kann jedoch darauf aufbauen – einmal mehr. Wie ein Fasan die wenig frohe Botschaft übermittelt, Dzekos Phantomschmerzen die Borussia um den Europacup bringen und Hans Meyer für wenige Sekunden zum Trainergott wird.

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Den armen Vogel muss es ganz schön zerrissen haben. In einem Radius von fünf Metern liegen seine Einzelteile quer über den Weg verteilt. Hobby-Ornithologen erkennen schnell, dass diese Fetzen vor nicht allzu langer Zeit im Kollektiv einen Fasan ergeben haben. Nun ist der geneigte Fußball-Fan so veranlagt, dass er prompt den Sinn dieser Begegnung hinterfragt – an einem Samstag um kurz vor halb drei, wenige Meter vor dem Eingang ins Stadion.

Der Blick ins Wörterbuch verrät zumindest, dass Fasan auf Bosnisch definitiv nicht „Dzeko” bedeutet. Vielleicht „Grafite”? Auch nicht. „Grafite” ist doch tatsächlich das portugiesische Wort für – Bleistiftmine. Ich tippe auf 6B, extraweich und geschmeidig.

Ein totes Tier dient also erst einmal nicht als Hinweis auf den Spielverlauf und seine Hauptdarsteller. Unter Umständen bin ich in meinen Recherchen auch nur nicht gründlich genug gewesen und habe übersehen, dass „fehlende Cleverness” auf Hebräisch in etwa „Colautti” bedeutet und „darauf können wir aufbauen, bringt uns aber nicht weiter” auf Holländisch grob mit „Roel Brouwers” zu übersetzen ist. Aber immer schön der Reihe nach.

Linsensuppe mit Haselnusscreme

Die Sonne scheint frühsommerlich vom Himmel – 27. Spieltag und die Jackenperiode der Saison gehört vorerst der Vergangenheit an. Endlich kann man die Stadien des Landes wieder anhand ihrer Farben einem bestimmen Verein zuordnen. Der Borussia-Park erstrahlt nach langer Zeit wieder im traditionellen Schwarz-Weiß-Grün. Während dunkle Töne im Winter auch bei Jack Wolfskin und Co. die Oberhand behalten, sind weiße Daunenjacken ja eher bei Damen vom Gewerbe zuhause und dementsprechend selten in der Kurve eines modernen Fußballtempels anzutreffen.

An den Fansteinen – der großen Raute, bestehend aus hunderten kleinen Rauten mit eingravierten Namen – treffe ich Nils, der heute unseren Freund Chrissi im Schlepptau hat. Stolz hält der mir seine angeblich blütenreine Weste bei Stadionbesuchen im Borussia-Park vor Augen (weil er vermutlich genau weiß, dass ich ihm den Eintritt verweigern könnte, falls seine Anwesenheit nichts Gutes erahnen lässt). Obwohl ich ihn an ein grausames 0:1 gegen Hannover erinnern muss, das in etwa so schwer zu ertragen war wie eine Linsensuppe mit Haselnusscreme, darf er die Drehkreuze dann doch ungehindert passieren.

Mein Sitznachbar Luca, seines Zeichens Drittklässler und, wenn er in Sachen Fußball-Verrücktheit so weiter macht, in zehn Jahren Erbe dieses Blogs, ist zunächst gar nicht gut gelaunt. Der Karfreitag hatte dafür gesorgt, dass sein FohlenEcho bis zur Abfahrt zum Stadion noch nicht im Briefkasten lag. Zudem hat ihm seine Mutter mitgeteilt, dass er nächsten Samstag zur Kommunionsvorbereitung gehen muss und nicht mit seinem Vater nach Frankfurt fahren darf. Dankbar lege ich meine Hand auf die Schulter meiner Mutter – nicht, weil ich evangelisch getauft worden bin, sondern weil sie mich vermutlich hätte fahren lassen, vielleicht sogar mitgekommen wäre. Lucas Laune kann ich zumindest vorerst retten, indem ich ihm mein FohlenEcho leihe. Das mit dem Umtaufen klappt jedoch nicht so leicht.

Marin senkt den Altersschnitt um 1,4 Jahre

Hans Meyer verändert die auf beiden Seiten torlose Startelf aus Karlsruhe nur auf einer Position, was einem Generationswechsel gleichkommt: Marin kehrt für Neuville zurück auf die linke Seite und senkt den Altersschnitt um 1,4 Jahre, 25,8 anstelle von 27,2. Schon in den ersten Minuten kann man mit bloßem Auge erkennen, dass die Spielgeschwindigkeit mit sinkendem Alter deutlich anwächst. Vielleicht ist es aber auch nur das altbekannte Borussia-Syndrom dieser Saison, sich der Stärke und leider allzu oft der Schwäche des Gegners anzupassen wie ein Latexanzug der Haut.

In den ersten Minuten erinnert das Spiel nicht an ein Duell zwischen dem Tabellenführer und einem Abstiegskandidaten. Vielmehr scheinen zwei Konkurrenten um den UEFA-Cup aufeinanderzutreffen. Früh sieht Wolfsburgs Pekarik nach einem Foul an Marin die erste Gelbe des Spiels, der bis zum Ende noch drei weitere folgen werden, alle auf Seiten des VfL von der Tabellenspitze. Dessen Pendant vom anderen Ende des Tableaus wahrt dagegen seine aussichtsreiche Position in den oberen Gefilden der Fairplay-Wertung. Schon vor zwei Jahren, im Abstiegsjahr, schien der Europacup unverhofft in Reichweite. Als sich Edin Dzeko, der Anti-Fasan, vor der Nordkurve vor lauter (Phantom-)Schmerzen auf dem Boden hin und her windet, leeren ein paar Dutzend Feuerzeugbesitzer jedoch erneut ihre Hosentaschen. Gegen Bochum hatte das den Verein schon bares Geld gekostet, diesmal dürften jegliche Fairplay-Preise fürs Erste in weite Ferne gerückt sein.

Der Gladbacher Strafraum dient in der Anfangsviertelstunde jedoch ausschließlich als Wolfsburger Ausweich-Lazarett und Wertstoffhof vom Niederrhein. Ansonsten spielt sich das Geschehen weitestgehend vor der Südkurve ab, auf die die Borussia mit erfrischender Entschlossenheit anstürmt. Erst sind Matmours Storchenbeine nicht lang genug, um den Ball über die Linie zu drücken, als Marin auf links durchbricht und in die Mitte passt. Dann nimmt Baumjohann nach einem Abpraller von der Strafraumgrenze Maß, seinen Schlenzer lenkt Benaglio gerade so um den Pfosten. Das Chancentrio vollendet einmal mehr Karim Matmour. Sein wuchtiger Linksschuss wird von Wolfsburgs Keeper aus der Gefahrenzone gefaustet.

Misimovic macht sein Staatsexamen, Dzeko netzt ein

Doch plötzlich pendelt sich die Realität von selbst ein. Wolfsburg annektiert die Gladbacher Abwehrzone und drückt von jetzt auf gleich auf den Führungstreffer. Mit jeder Aktion des Tabellenführers wird das erleichterte Raunen aus der Nordkurve lauter, wenn der Ball für ein paar Sekunden den Strafraum und seine Umgebung verlässt. Schließlich kann Misimovic ungestört in den Strafraum flanken – in etwa mit der Seelenruhe eines angehenden Juristen, der in der Wüste Gobi für sein Staatsexamen lernt. Brouwers und Stalteri werden unfreiwillig zu seinen ersten Mandanten, weil sie Dzeko sträflich frei zum Kopfball hochsteigen lassen. Der Rückrunden-Torschützenkönig lässt Bailly nicht den Hauch einer Chance und bringt Wolfsburg mit seinem 16. Saisontor in Front.

Es gab Zeiten, da wäre ich nach solch einem Rückschlag in meinem Sitz zusammengesackt und hätte innerlich bereits mit dem Spiel abgeschlossen. Doch die engagierte und spielerisch sehenswerte Anfangsphase der Borussia hält mich vorerst aufrecht auf meinem Sitz und vor allen Dingen im Stadion. „Vau-Eff-Ell”, hallt die einschlägige Durchhalteparole von den Rängen. Für ein paar Minuten steckt Gladbach optisch den Kopf in den Sand, um ihn dann jedoch wieder rauszuziehen und den Eindruck zu erwecken, dass unter der Erde ein Motivationstrainer auf den angeschlagenen VfL eingewirkt hätte.

Nach einer knappen halben Stunde stellt Karim Matmour, Gladbachs algerischer Dauerbrenner und -läufer, bei dem das Auf und Ab so beständig ist wie bei einer Sinuskurve, die beste Abwehr der Rückrunde erneut vor erhebliche Probleme. Sein brillanter Pass in die Gasse erreicht Bradley, der mutterseelenallein vor dem Tor an Benaglio scheitert. Der Schweizer hat sich mittlerweile einen Passat als Spieltagsprämie verdient. Für seinen kläglichen Abschluss müsste Michael Bradley eigentlich zwangsweise auf einen Golf II umsatteln. Die 28. Minute sorgt somit für den vorerst letzten Paukenschlag einer ersten Hälfte, die zwei Mannschaften aus grundverschiedenen Tabellenregionen auf Augenhöhe sah.

Als die beiden Vereine für Leibesübungen aus der Kabine kommen, ist es mit dem Duell auf Augenhöhe kurzzeitig vorbei. Denn die Borussia dominiert wie schon zu Beginn des Spiels die Anfangsminuten. Eine Ecke von Marin erreicht den Strafraum ausnahmsweise nicht wie ein gefühlvoll geschlagener, langer Ball, sondern mit dem Schnitt und der Flugkurve einer gefährlichen Brandfackel. Am langen Pfosten steht Colautti und macht alles richtig – fast alles. Sein Kopfball klatscht an eben jenen langen Pfosten. Benaglio wäre so chancenlos gewesen, dass er wahrscheinlich sogar seinen Prämienwagen behalten hätte, wenn der Ball in Netz geflogen wäre. Der Schweizer Keeper war sogar zu weit weg, um ihn vorbeizugucken. Erst war man nicht kaltschnäuzig genug, jetzt kommt auch noch Pech dazu. In der Folge ist die Borussia zwar bemüht. Doch diese Bewertung stand bekanntlich noch nie für ein herausragendes Arbeitszeugnis.

Taktikfüchse bei der Sportschau

In circa einhundert Metern Entfernung schlüpft derweil Wolfsburgs Tor-des-Jahres-Schütze in spe, „Bleistiftspitze” Grafite, allmählich aus seinem Kokon. Vor Logan Bailly erweist er sich jedoch, anders als inzwischen zur Gewohnheit geworden, nicht als Raupe Nimmersatt und vergibt mehrere Möglichkeiten, das Spiel zu entscheiden. Hans Meyer hat mittlerweile Alberman für Galasek gebracht. Der Methusalem von der Doppel-Sechs hatte in Hälfte eins den 13 Jahre jüngeren Edin Dzeko abgelaufen und musste nach 59 Minuten vermutlich diesem Ben-Johnson-Sprint Tribut zollen. In der Sportschau ist am Abend von einer „taktischen Änderung” die Rede. Außerdem kommt zwanzig Minuten vor dem Ende Neuville für Baumjohann und gleicht den Erfahrungsverlust durch die Herausnahme von Galasek gleich wieder aus.

In der Zwischenzeit entscheidet Hannover das Spiel gegen die Hertha zu seinen Gunsten. Bochum zieht in Hoffenheim mit 3:0 von dannen und Cottbus hat gegen Bielefeld die Nase vorn. Drei der vier unmittelbaren Konkurrenten punkten dreifach – der Vierte, Bielefeld, ist verhindert, sonst würde die Arminia vermutlich auch einen Sieg für sich und gegen die Borussia einfahren. Eine Viertelstunde vor dem Ende, als der tote Fasan so langsam seine Botschaft enthüllt, kann nur noch der Ausgleich gegen Wolfsburg diesen Samstag retten. Sonnenschein und 25 Grad werden da ganz schnell nebensächlich.

Während tote Vögel wenig Gutes verheißen, kann eine Einwechslung von Steve Gohouri bei eigenem Rückstand eigentlich nur eine frohe Botschaft überbringen. Marko Marin ist an der linken Strafraumecke zum wiederholten Male gefoult worden. Hans Meyer nutzt die Gunst der Pause für seinen dritten Wechsel, nimmt Matmour vom Feld und schickt Gohouri ins Getümmel – sicherlich nicht mit der Aufforderung, hinten dicht zu machen.

Marins Freistoß segelt wenige Sekunden später in den Strafraum, als wolle er einen Bumerang in die frühsommerliche Luft zeichnen. Dann schlägt der Ball im Netz ein und torpediert erstmals seit vier Wochen wieder Fußball-Adrenalin durch meine Adern. Das Glücksgefühl befördert mich bis unters Stadiondach, wo ich in Ekstase vierzig Klimmzüge mache. Zurück auf dem Boden weiß ich gar nicht, wen ich zuerst (er-)drücken soll. Meine Mutter ist auf der Woge der Begeisterung drei Blöcke gen Westen geschwappt, also muss Sitznachbar Luca dran glauben. Sein Vater weilt gerade auf der Toilette und wird aus abergläubischen Gründen bis zum Saisonende dort verharren müssen.

Keine Macht der Geschichtsklitterung

In der Annahme, die schwarze Stirn, die den Ball ins Tor befördert hat, gehörte zu Steve Gohouri, will ich schon lauthals „Hans Meyer, Trainergott” skandieren. Doch plötzlich taucht die 31 auf der Anzeigetafel auf und ich schreie ein wenig enttäuscht „Dante” ins weite Rund. Ich hätte jetzt lügen und aus dramaturgischen Gründen Gohouri das Tor zuschreiben können. 1963, als selbst das erste Bundesligator von Timo Konietzka den Kameras entgangen ist, wäre Geschichtsklitterung dieser Art vielleicht möglich gewesen. Doch wer nimmt mir sowas heute noch ab?

Also bleiben wir bei der Wahrheit – auch wenn es im Fall der letzten zehn Spielminuten verdammt weh tut. Die emotionsgeladenen Anfeuerungsrufe von den Rängen sollen ursprünglich wohl die Dankbarkeit für eine gute Leistung widerspiegeln, die durch Dantes Ausgleich belohnt worden ist. Doch irgendwie begeht die Borussia in den nächsten Minuten einen folgenschweren Interpretationsfehler. Es hat den Anschein, sie wolle aufs Ganze gehen und die volle Punktzahl mitnehmen. Wolfsburg geht die Schlussphase von einem ähnlichen Standpunkt aus an und sorgt somit dafür, dass Qualität am Ende doch die Nase vorn hat.

Gladbachs Sprung auf einen Nichtabstiegsplatz hat erst vier Minuten Bestand, als Sascha Riether beinahe alles wieder rückgängig macht. Doch Logan Bailly wird erstmals seit einigen Spielen wieder zum Titan und packt einen Reflex aus, mit dem er jedes Insekt dieser Welt erlegt hätte. Knapp 50.000 liefern auf der Tribüne eine astreine Torwart-Imitation ab und befördern den Ball mit einem entschlossenen Schwinger ebenfalls aus der virtuellen Gefahrenzone. Kollektiver Kampf gegen das Abstiegsgespenst.

Dante und Riether – in trauter Zusammenarbeit zum 1:2

Nur zwei Minuten später wird aus gemeinschaftlichem Kampf jedoch kollektive Trauer. Und irgendwie kommt es, wie es kommen muss. Ein Schuss von Dzeko gelangt auf Umwegen in den Strafraum, wo sich Dante und Riether im Schlagen von Luftlöchern messen. Das Duell endet unentschieden – denn beide treffen den Ball genau einmal, mit verheerenden Folgen für den einen und freudigen für anderen. In trauter Zusammenarbeit bugsieren sie den Ball an Logan Bailly vorbei. 50.000 Köpfe sinken von jetzt auf gleich zwischen die Schultern.

Die Tatsache, dass mit Dante ein und derselbe Hauptdarsteller an den Toren beteiligt ist, verdeutlicht die Ambivalenz bei der Borussia. Mehrfach läuft er in Hälfte eins Grafite den Ball ab, so dass sein Landsmann lange Zeit kaum einen Stich bekommt. Dann wiederum trottet er seelenruhig mit dem Ball am Fuß durch den eigenen Strafraum, während das „Hintermann” aus 50.000 Kehlen im Fremdsprachenwirrwarr verpufft. In der 79. Minute erzielt er den sehnsüchtig erwarteten Ausgleich, um sein erstes Bundesligator fast eigenhändig wertlos zu machen. Zwei Gesichter, die den VfL am Ende um den Lohn seiner harten Arbeit bringen könnten.

Ziemlich konsterniert starre ich nach dem Abpfiff aufs Spielfeld. Die zwölfte Reihe bahnt sich ihren Weg in Richtung Ausgang, während ich mich noch kurz sammeln muss. Die Mannschaft bedankt sich aufrecht und keineswegs mit hängenden Schultern für die Unterstützung. Einerseits hat sie sich den Applaus verdient, andererseits bin ich es satt, immer wieder für null Punkte und eine Partie, auf die sich aufbauen lässt, zu applaudieren. Auf jeden Aufbau aufzubauen – das bringt irgendwann auch den Einsturz.

punkteentwicklung-platz-15Nach dem Bochum-Spiel habe ich angemahnt, dass vermutlich viel mehr Punkte für den Klassenerhalt vonnöten sein werden, als manch einer momentan prophezeit. Die Hochrechnungen waren auf 33 gestiegen, bis zum Saisonende schien ein Fünfzehnter, der mit 36 Zählern die Klasse hält, nicht unmöglich. Und prompt hat sich der Trend an den letzten beiden Spieltagen umgekehrt. Bielefeld wird nach dem derzeitigen Stand der Dinge die Saison mit 30,2 Punkten abschließen – 31 würden damit genügen, um an den Westfalen vorbeizuziehen. Seit dem 20. Spieltag sahen die „Umfragewerte” für die Abstiegskandidaten nicht mehr so bescheiden aus.

Innerhalb weniger Wochen hat sich nämlich ein amtlicher Siebenkampf auf einen Tabellenkeller mit drei Mannschaften reduziert. Der KSC scheint weg vom Erstligafenster zu sein. Frankfurt, Hannover und Bochum haben sich mit mindestens fünf Punkten Vorsprung auf Rang 16 vorerst in sorglosere Sphären befördert. Bielefeld, Gladbach, Cottbus – drei Mannschaften, drei Schicksale, die zu vergeben sind. Einer wird sich sofort retten können, einer in die Relegation gehen und einer den direkten Weg ins Unterhaus antreten müssen. Die Wahrscheinlichkeit drinzubleiben ist zur 50:50-Angelegenheit geworden.

Cottbus und Bielefeld haben noch je fünf Gegner aus der oberen Tabellenhälfte, während die Borussia mit Bayern, Schalke, Dortmund und Leverkusen nur noch auf deren vier trifft. Man muss nicht gleich konstatieren, dass die Borussia die besten Chancen auf den Klassenerhalt hat. Aussichtslos ist ihre Position jedoch beileibe auch nicht – vor allen Dingen nicht, wenn sie die beherzten und spielerisch guten Auftritte gegen die Großen endlich auch gegen direkte Konkurrenten auf den Rasen bringt.

Auf dem Weg zum Bus passieren wir erneut den zerrissenen Fasan, der seinen Liegeradius in der Zwischenzeit erweitert hat. Drei Stunden nach der ersten Begegnung hat er seine Botschaft eindrucksvoll übermittelt. Eine frohe war es nicht.

Mission 40/25: Change a winning team?!

Die Borussia erleidet nach zwei Siegen in Folge einen Rückschlag und unterliegt dem VfL Bochum mit 0:1. Warum den Frühlingsanfang und meine Vergesslichkeit eine Mitschuld trifft, ein Maulwurf in der Gladbacher EDV-Abteilung hockt und wie aus Rivalen von Zeit zu Zeit nützliche Helfer werden.

Tief im Westen hat es man es bisweilen „im Urin”. Damit sind jedoch keineswegs Glucose, Aminosäuren oder Elektrolyte gemeint, sondern in der Regel sich anbahnendes Unheil. Man fühlt es einfach, dass ein bestimmter Tag nicht angebrochen ist, um Gutes zu bringen. Die Ampel ist plötzlich wieder rot, die grüne Brille liegt vergessen zuhause auf dem Schreibtisch und überhaupt birgt die seltene Konstellation eines Heimspiels am Freitagabend nur einen begrenzten Nährboden für erfolgsversprechende Rituale.

Mit zwei Siegen im Gepäck und dem Sprung von den Abstiegsplätzen im Blick möchte man eigentlich meinen, dass ein Duell gegen den VfL Bochum vor heimischer Kulisse schon irgendwie so enden wird, wie es nach einem 4:1 gegen Hamburg und einem 4:2 in Köln logisch erscheint – trotz Abendkulisse und Vergesslichkeit. Doch die Logik muss sich in dieser Spielzeit schlichtweg der Ratlosigkeit unterordnen.

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Nur mühsam schleppt sich der Shuttle-Bus durch den Fußball- und verspäteten Berufsverkehr. Immer wieder lassen Fußgänger auf dem Weg zum Stadion den motorisierten Verkehr links liegen und werden bis zum Erreichen des Borussia-Parks auch nicht mehr eingeholt. Mit einem Studenten in Bochum-Montur komme ich kurzerhand ins Gespräch, weil er alle zwei Minuten wie ein entnervtes Kind am ersten Autobahnkreuz auf der Reise in den Süden wissen möchte, wann wir denn endlich da sind. Immer wieder entschuldige ich mich aufrichtig für unsere provinzielle Infrastruktur und füge hinzu, dass „wir ja im Prinzip auch nur ein großes Dorf sind”. Proportional zur zurückgelegten Fahrtstrecke wächst jedoch seine Geduld. Etwas mitleidig zeige ich Interesse am Graue-Maus-Status des VfL Bochum und wünsche im viel Glück/Spaß/Erfolg, damit er – ohne Punkte im Gepäck – zuhause wenigstens erzählen kann, dass Gladbach-Fans eigentlich ganz sympathisch sind.

Erst um zehn nach Acht stecke ich meine Dauerkarte in Drehkreuz S11 – sieben Eingänge weiter links wartet übrigens ein Exemplar namens S04, auf dessen Monitor neben „S04″ stets ein kleines Herz zu sehen ist, wenn das Gerät Bereitschaft für die nächste Eintrittskarte signalisiert. Es riecht schwer nach einem Maulwurf in der EDV-Abteilung der Borussia.

Weil der Freitagabend nicht mit dem Schlusspfiff enden soll, trage ich einen vollgepackten Rucksack bei mir. Frische Jeans, Socken, ein neues T-Shirt und eine Kulturtasche mit dem Nötigsten des Nötigen sind darin. Im Vorhinein habe ich mich bereits auf eine gründliche Leibes- und Taschenvisitation eingestellt und mir das verschmitzte Lächeln des Ordners beim Blick auf meine Gladbach-Zahnbürste ausgemalt. Doch ich schleiche unkontrolliert an den Damen und Herren in ihren Röntgenstrahlenabwehrleibchen vorbei und hätte wahrscheinlich ein Fondue-Set für acht Personen in den Block schmuggeln können, ohne entdeckt zu werden. Ich bin mir sicher, dass man im Laufe einer Saison ebenso gut die Einrichtung einer Zwei-Zimmer-Wohnung in den Borussia-Park verfrachten kann. Grübelnd, ob ich nicht vielleicht doch etwas zu lieb aussehe, nehme ich, drei Minuten vor der Mannschaftsaufstellung, im Stadion Platz.

“Never change a winning team” ad absurdum geführt 

Tatsächlich schickt Hans Meyer von Beginn an die Derbysieger-Mannschaft auf den ziemlich ramponierten Rasen. Einerseits bin ich froh, dass endlich so etwas wie personelle Kontinuität einkehrt. Andererseits schwant mir jetzt erst Recht Böses, weil eine unveränderte Startelf bislang nur einmal in der gesamten Saison vorgekommen war: Nach dem 3:2 zuhause gegen Bremen am 3. Spieltag ging es eine Woche später nach Hannover. Jos Luhukay folgte dem Rat, ein siegreiches Team niemals zu verändern. Am Ende stand es 1:5.

„Never change a winning team” kann bisweilen eine ganz nützliche Devise sein. Besonders, wenn Siege noch längst nicht zur Gewohnheit geworden sind und nur in unregelmäßigen Abständen für allgemeine Erheiterung sorgen. Die Borussia empfängt den VfL Bochum also mit dem Gefühl, derzeit einen regelrechten Lauf zu haben. Bei den Bayern sorgen zwei Pleiten in Serie für eine handfeste Krise. Am Niederrhein bewegt man sich nach zwei Siegen hintereinander am gefühlsmäßigen Gegenpol. Die ersten Hobby-Requisiteure holen da im Eifer des Erfolgs schon die Papp-Meisterschalen vom Dachboden oder plündern Mutters Alufolien-Arsenal für eine originalgetreue Nachbildung des UEFA-Cups. Goldpapier für ein DFB-Pokal-Imitat ist dann doch zu teuer.

In der Anfangsphase spiegelt sich die Einstellung von den Rängen – Kreativität gepaart mit Größenwahnsinn – auch auf dem Platz wider. Gladbach, 16., lässt dem Fünfzehnten aus Bochum kaum Luft zum Atmen und wirbelt die arg gebeutelte Gästeabwehr zunächst mächtig durcheinander. Doch Marin, Baumjohann und Co. lassen dabei stets eine klare Linie vermissen und verlieren sich in fahrlässigen Kabinettstückchen, schlampigen Kurzpässen und kopflosen Dribblings. Nur Brouwers und Friend schaffen es, Überlegenheit einmal in Torchancen umzumünzen. Gladbach wirkt dabei jedoch lange Zeit so zwingend wie eine Mitgliedschaft in der Freiwilligen Feuerwehr.

Ballbesitz in CSU-typischen Sphären – dennoch das 0:1

Der Ballbesitz erreicht gerade Sphären, von denen selbst die CSU in besten Tagen nur träumen konnte, als die Träume vom Sprung aufs rettende Ufer plötzlich einen Dämpfer aus dem Nichts erhalten. Zwanzig Meter vor dem Tor darf Bochum den Ball behäbig quer passen wie eine Handball-Kreisligamannschaft in Überzahl. Halblinks genießt Grote uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und sorgt mit seinem platzierten Schuss ins untere Eck kurzzeitig für größere Stille als im Laufe der Schweigeminute beim Derby in Köln. Zwölf Gegentore hat Gladbach in der Rückrunde kassiert – fünf nach Standards, vier nach Weitschüssen. Eindeutige Lehre: Den Gegner häufiger aus dem Spiel heraus in den Strafraum lassen. Nur die Hertha, gleich zweimal, und einmal der VfB Stuttgart hatten bislang nach der Winterpause auf diese Art und Weise Erfolg.

Sekunden später hallen schon wieder aufrüttelnde Vau-Eff-Ell- Rufe durch den mit 50.000 Zuschauern gut gefüllten Borussia-Park. Diesmal jedoch steht das Publikum nicht stellvertretend für die Elf auf dem Platz. Sichtlich getroffen torkelt die Borussia in die Halbzeit, ohne Bochums Fernandes in seinem Kasten merklich unter Druck zu setzen. Der Ballbesitz aus Sicht der Gastgeber pendelt sich vor der Pause gar auf dem CSU-Level der Gegenwart ein – also irgendwo unter 50 Prozent. Auf etwaige Koalitionsversuche wollen die Bochumer aber nicht eingehen.

Nach dem Seitenwechsel wird nach Wochen der fußballerischen Hochkonjunktur endgültig der Gladbacher Winterschlussverkauf eingeläutet. Zündende Ideen, Durchsetzungsvermögen, Konzentration vor dem Tor – alles muss raus! Es hat tatsächlich den Anschein, dass die Borussia getreu dem Motto „Keine Macht den Frühlingsgefühlen” auftritt. Überhaupt ist der Winter den Fohlen an für sich ziemlich gut bekommen. Zum Ende des Sommers gab es letztes Jahr nur einen Dreier. Zwölf Herbst-Partien brachten unterdurchschnittliche acht Punkte. In den Wintermonaten setzte es dafür elf Zähler in sieben Spielen. Bleibt zu hoffen, dass die Borussia – genau wie beim ersten Auftritt im Winter gegen Stuttgart – alleine den Jahreszeitenauftakt vergeigt hat.

Zum dritten Mal unter Meyer ohne eigenen Treffer

Erst zweimal ist man bis zu diesem Abend unter Hans Meyers Regie ohne eigenen Treffer geblieben. Nennenswerte Revolutionsversuche, um die ungewohnte Torlosigkeit zu beenden, bleiben jedoch Mangelware. Überhaupt zeigt ausnahmslos jeder Borusse auf dem Platz genau das eine seiner vielen Gesichter, das er in den letzten Wochen zum Glück ad acta gelegt hatte. Daems und Brouwers verfallen im Spielaufbau in alte Behäbigkeit. Die Außenverteidiger konzentrieren sich eher auf Brandschutzmaßnahmen, als selbst wie zuletzt im Angriff Feuer zu legen. Von Galasek und Bradley auf der Doppel-Sechs geht ebenfalls so gut wie keine Gefahr aus – „hoch und weit” lautet ihr einziges Mittel im zweiten Durchgang.

In der Offensive setzen Baumjohann und Marin diesmal kaum Akzente. Letzterer erregt mit seinen Ecken, die vielmehr butterweichen Steilpässen gleichen, nur wenig Aufmerksamkeit. Und ganz vorne besinnt sich der einsame „Ranger Rob” wieder auf die gute, alte Lethargie und bringt den Ball trotz einer Hand voll Torschüsse nicht im Tor unter. Neuzugang Dante feiert nach zwei Muskelfaserrissen und einem Friseurbesuch sein Bundesliga-Debüt, glänzt dabei höchstens als Lucio-Imitator. Selbst Neuville und Colautti, im Laufe der zweiten Hälfte als Joker gebracht, bieten dem leidenden Fan-Auge ungefähr soviel Abwechslung wie eine weiße Stellwand auf einem Alpengletscher.

Siebzehn Stürmer, zaghafte Bochumer und dennoch keine Wende – Friend gegen Fernandes

Hinten hat die Borussia bis zum Ende jedoch kaum etwas zu fürchten. Hans Meyer hätte noch siebzehn Stürmer einwechseln können – auf der einen Seite wäre Bochum dennoch nicht durch Konter gefährlich geworden, andererseits hätte die Borussia noch bis Karfreitag spielen können, ohne ein Tor zu erzielen. Spätestens in den Schlussminuten manifestiert sich der Eindruck, dass Gladbach einen ganz und gar gebrauchten Tag erwischt hat. Immerhin gibt es noch drei hochkarätige Torchancen, die jedoch von Keeper Fernandes und einem Bochumer auf der Linie vereitelt werden.

punkteentwicklung-platz-15Das Spiel des schwarz-weiß-grünen VfL erinnert insgesamt an ein altes Graubrot, das am Anfang und am Ende noch ganz knusprig schmeckt, dazwischen jedoch ziemlich trocken ist und mächtig krümelt. Noch vor drei Wochen, nach dem 1:2 in Berlin, habe ich Meyer vorgeworfen, eine insgesamt ordentliche Leistung zu kritisch zu sehen. Diesmal macht er der Mannschaft „keinen Vorwurf”. Er sei zwar „mit dem Resultat, aber nicht mit dem Spiel unzufrieden”.

Diese Sicht der Dinge mag angesichts zahlreicher Stockfehler, großer Verunsicherung nach dem Gegentor und mangelndem Durchsetzungsvermögen gegen mauernde Bochumer zu positiv daherkommen. Dennoch tut Meyer an dieser Stelle das Richtige: Er hält jegliche Kritik von der Mannschaft fern und sorgt für Ruhe nach einer bitteren und unnötigen Niederlage, die – wie die starken Spiele zuvor – noch lange keinen endgültigen Fingerzeig in irgendeine Richtung bedeutet.

Und so bleibt festzuhalten, dass wir in den verbleibenden neun Spielen womöglich noch viermal den gefühlten Abstieg und viermal den gefühlten Klassenerhalt erleben werden. Was zählt, ist und bleibt der Stand der Dinge am 23. Mai nach dem letzten Spiel gegen Dortmund. Dieses Credo mag schwer nach drei Euro fürs Phrasenschwein klingen. Aber die kleine Porzellansau ist mit Sicherheit nicht erfunden wurden, damit durch den Einwurf von ein bisschen Kleingeld hanebüchene Lügen entschuldigt werden können. Drei Euro für die Wahrheit.

Ausgerechnet Köln und Bayern leisten Schützenhilfe

Aktuelle Hochrechnungen (siehe Grafik) lassen mindestens 33 Punkte verlauten, die für Platz 15 eingefahren werden müssen. Berücksichtigt man, dass die derzeit noch sieben Abstiegskandidaten ihren Punkteschnitt von 0,82 pro Spiel aus der Hinrunde auf 1,09 in den Partien nach der Winterpause gesteigert haben, könnten am Ende sogar bis zu 36 Zähler vonnöten sein.

Nach einem Sieg gegen Bochum wäre die Länderspielpause wohl ungelegen gekommen. Jetzt, mit etwas mehr Last auf den Schultern, kommt sie womöglich gerade rechtzeitig, um Wunden zu lecken und die bislang erfolgreichen sieben Wochen nach der Winterpause Revue passieren zu lassen.

Dabei ist das Wochenende ohnehin gar nicht so schlecht verlaufen aus Borussensicht, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Von den Kellerkindern hat nur Bochum einen Dreier eingefahren. Ausgerechnet Köln und Bayern haben Schützenhilfe geleistet. Am letzten Wochenende noch Erzrivalen, sieben Tage später zuverlässige Helfer – im Abstiegskampf ist nichts unmöglich.

Eine Heimpleite gegen Bochum mag zwar ein Rückschlag sein. Wenn ein einziger Rückschlag im Tabellenkeller jedoch den automatischen Niedergang bedeuten würde, könnten gerade wir uns längst mit St. Pauli statt dem HSV und mit dem FSV anstelle der Eintracht aus Frankfurt beschäftigen. Aber dagegen würden sich selbst die größten Pessimisten wehren. Und außerdem hat der Frühling ja gerade erst begonnen.