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Gladbach – Nürnberg: Diesälbe Scheiße

1:1 gegen den 1. FC Nürnberg – 1:1 Idrissou (31.)

Nun hat das Kind doch einen Namen bekommen. 2008/2009 wurde die “Mission 40″ mit dem Klassenerhalt tendenziell erfüllt, “Im Zweiten” wurde es 2009/2010 wirklich “besser”. Und jetzt: “Es führt ein Weg nach Irgendwo”. Wo genau das liegt, werden wir sehen. Knapp nördlich von Platz 12 wäre schwer in Ordnung.

„Lebenslang“ – länger geht’s nicht. Bekanntlich muss in Deutschland kein Straftäter, der dieses Urteil erhält, automatisch bis ans Ende seines Lebens einsitzen. Ähnlich wird es hoffentlich im Borussia-Park sein. Denn erst, als ich das kleine Schildchen mit meinem Namen auf meinem Sitz erblicke, wird mir klar, dass ich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen dieser „Lebensdauerkarte“ in etwa so gut durchgelesen habe wie damals die Texte im Religionsunterricht der Oberstufe.

Meinen vermeintlichen Wohnort haben sie ebenfalls unter dem Namen eingraviert. Wobei „Willich“ seit einem Jahr bestenfalls Zweitwohnsitz ist. Letztendlich wird es jedoch effektiv den Vandalismus im Borussia-Park eindämmen, dass dort nicht „Dortmund“ steht. Ansonsten ist im Block alles beim Alten – die Sitznachbarn, die Atmosphäre, das Wohnzimmer-Gefühl.

“Die Seele brennt”

103 Tage Abstinenz haben ein Ende und ein Hauch von Champions-League liegt in der Luft. Dass es da erst 15:26 Uhr ist und die Herrlichkeit nur zehn Minuten anhält, muss man ja nicht so laut erzählen. Zum 110-Jährigen macht die Nordkurve ihrer Borussia ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk – eine Choreo vom Allerfeinsten. Damit nichts schief geht, sind im Stadion Flyer verteilt und Plakate aufgehängt worden. Inmitten eines schwarzen Pappmeeres werden im Unterrang die vier Logos der Vereinsgeschichte gehisst. Im Oberrang wird zwischen weißem Zeichenblockpapier in Übergröße an die Gründungszeit und die größten Erfolge erinnert.

„Die Seele brennt“ hallt es durch den Borussia-Park. Und jeder, der in einem Fußballstadion schon einmal Gänsehaut in Ausmaßen eines Tennisballes, einen Kloß im Hals und feuchte Augen bekommen hat, der weiß, wie sich solch eine brennende Seele anfühlt. „Du, die Sonne unserer Heimat“ – mutet sehr pathetisch an, aber wer den Niederrhein kennt, der weiß, dass das Wetter hier wirklich besser ist, wenn es für die Borussia läuft. Die Regenmenge ist übrigens ganz ordentlich. Weiter heißt es im Lied: „Wenn dich einer fragt, woher Du kommst, dann sag‘ ,Borussia‘.“ So ist es eben. Diese „City near Düsseldorf“ kennt in Spanien, Italien und England niemand. Sehr wohl aber einen Fußballverein namens Borussia Mönchengladbach.

Nach so viel Gänsehaut, Pathos und Vergangenheitshudelei kommt der Boden der Tatsachen schneller als gedacht. Er heißt Hegeler und trägt ein weinrotes Trikot. Der VfL hat ordentlich begonnen, früh das Heft in die Hand genommen. Doch die Führung für Nürnberg kommt nach einer Viertelstunde nicht unverdient. Pinola, Ekici und Gündogan haben zuvor bereits Bailly und den Pfosten geprüft, als Hegelers Kopfball im langen Eck einschlägt. Keine Chance für Bailly, sehr wohl aber für Brouwers, der unter Judts Flanke durchsegelt wie ein Drachen, der im Kunst- und Textilunterricht nur eine 4+ bekommen hat.

Idrissou: Doch ein Knipser?

Ginge es nach meinen stets präzisen und wohlfundierten Vorhersagen, würde das 1:0 für den „Club“ gleichzeitig das Endergebnis bedeuten. Schließlich hat der Wechsel von Mo Idrissou vom SC Freiburg an den Niederrhein so manch ein Fragezeichen auf meine Stirn gezaubert. Ein 30-Jähriger mit dürftiger Torquote, der mal öffentlich äußerte, keinen Bock mehr auf seine minderbemittelten Mitspieler im Breisgau zu haben? Sollte der uns wirklich weiterbringen? Wer Idrissous Dreierpacks gegen Luxemburg und Union Berlin gesehen hat, der glaubt schon eher dran. Wer von seinem Treffer in Aue gehört hat, der beginnt, noch mehr zu hoffen. Und wer in der 31. Minute beobachten darf, wie er nach Pass von Marco Reus gleich mehrere Nürnberger zu Litfaßsäulen degradiert, den überkommt ein Gefühl, das bei Gladbacher Neueinkäufen für den Sturm schon längst verloren schien. Ein Knipser? Im Borussia-Park? Man würde es so gerne glauben. Abwarten. Erstmal.

Damit auch wirklich alles klappt: Genauste Anweisungen zur Durchführung der Choreo.

Daems mit einem Linksschuss und Bradley mit einem Heber katapultieren die Kreativität und Entschlossenheit im Gladbacher Spiel kurzzeitig auf Kunst-Leistungskurs- und Lumberjack-Niveau in Personalunion. Dann ist Pause und der zuvor schon unruhige Borussia-Park einigermaßen beschwichtigt.

Ich gönne mir ein Eis in der Halbzeit, zur Feier des Sommerfußballs. Kurz muss ich es mir jedoch ans Ohr halten, weil in Hälfte eins schräg hinter mir die Cholerik ein ungeahntes Comeback gefeiert hat. Die Stimmung bei Saisonauftaktspielen hat Frank Goosen einst mehr als treffend in Worte gepackt: „Es dauert fünf Minuten im ersten Heimspiel, da schreit der Typ vor mir im Stadion: ,Dat is‘ doch diesälbe Scheiße wie inner letzten Säsong!“ (Das Video dazu – sehenswert!) Ähnlich lässt der Sportsfreund in Reihe 13 seinem Unmut über eine eher dürftige Leistung freien Lauf. Mein Trommelfell und ich verkriechen uns bis zum Wiederanpfiff in ein Stoßgebet, dass der an für sich unscheinbare Mittvierziger keine Dauerkarte hat. Zuhause gibt der Blick in den Ticketshop Entwarnung: Er ist Tageskartenbesitzer. Kein Wunder. Denn solch ein Tempo und solch eine Lautstärke würde er wohl kaum bis zur Winterpause durchhalten. Das wird ihm sein Hausarzt schon erzählen.

Abseitsfestival der Borussia

Zum Glück bieten die ersten Minuten nach der Pause kein gefundenes Choleriker-Fressen. Die Borussia weckt kurzzeitig Erinnerungen an vergangene Saison (was für Außenstehende jetzt so klingen mag, als sei sie damals ins Champions-League-Endspiel vorgeprescht). In der Folgezeit ist es nur Schiedsrichter Gagelmann, der den Unmut der 42 000 auf sich zieht. Dreizehn Mal stellen er, seine Assistenten und die Nürnberger Viererkette die Borussia ins Abseits. Zeitweise hat man das Gefühl, Idrissou, Matmour und Co. würden es sogar bei Eckbällen und in der eigenen Hälfte fertigbringen, näher am Tor zu stehen als der vorletzte Gegner. Doch wie es aussieht, liegen Gagelmanns Assistenten stets richtig.

Nach 64 Minuten kommt Bobadilla für Matmour, der nach einer non-existenten Leistung mit überraschend begeistertem Applaus bedacht wird. Unter Umständen können die Zuschauer ihren Beifall als Spende von der Steuer absetzen. Der wieder genesene Argentinier macht es jedoch wenig besser. Schäfer lässt einen Schuss nach vorne abprallen. In einer an für sich geschmeidigen Bewegung legt Bobadilla den Ball am Nürnberger Keeper vorbei – um ihn dann aus der Luft und sieben Metern Entfernung beinahe ebenso hoch übers Tor zu setzen. Die Fahne des Linienrichters bewahrt ihn, zu seinem Glück, vor der Favoritenrolle beim Nicht-Tor des Jahres.

Ein Schuss von Bradley bringt die Borussia derweil nah ans Siegtor. Der Amerikaner, mit einer bärenstarken WM in Südafrika, und Kollege Marx auf der Doppelsechs schlüpften allzu häufig in die Rolle des jeweils anderen. Marx versucht, in der Offensive Impulse zu setzen, während Bradley meist den Ball von der tiefstehenden Innenverteidigung annimmt. Ohne die Energie von Reus, der es sich auf seiner rechten Außenbahn allzu oft allzu gemütlich macht, verpuffen viele Angriffe. Auf der Gegenseite heißt das Duell plötzlich Bunjaku gegen Bailly, das Gott sei Dank mit einem belgischen Sieg endet. Um ein Haar wäre der Saisonauftakt völlig in die Hose gegangen.

Wenn das Vorspiel besser ist als der Sex

Ansonsten ist die Borussia weitaus näher dran am zweiten Treffer. Der eingewechselte Herrmann legt sich den Ball auf den linken Fuß, der Einschlag im Winkel ist schon vorbereitet – doch Torwart Schäfer hat beileibe nicht nur beim Zeitschinden ein glänzenden Tag erwischt. So endet das erste Spiel der neuen Saison eher mit einer Enttäuschung.

Schon gegen Liverpool hatte das Geschehen vor dem Spiel mit der Live-Version von „You‘ll never walk alone“ mehr zu bieten als die gesamten 90 Minuten. Assoziationen, die die Wörter “Vorspiel” und “Sex” enthalten, bieten sich an. Nun trotte ich erneut zum Bus und habe das Gefühl, die Momente vor dem Anpfiff – mit Choreo und „Die Seele brennt“ – hätten das Leben mehr bereichert als das, was anschließend folgte. Die deutlichste Erkenntnis des Tages folgt wiederum erst auf dem Nachhauseweg. Die Shuttle-Busse kommen so schleppend an wie die meisten Angriffe der Borussia. Ist eine Mannschaft also doch nur so gut wie das ÖPNV-System ihres Vereins?

Gnade aus Nürnberg

Der Kicker klaut uns weiter die Freizeit – und wirft wichtige Fragen auf.

Seit es dieses neue Internetz-Dingens gibt, besitzt manch einer von uns drei Gehirnhälften (oder eben doch wieder nur zwei, weil er, in dem Wissen, eine dritte zu haben, eine seiner beiden ursprünglichen ausgeschaltet hat). Jedenfalls hat Trainer Baade in einem Post darauf hingewiesen, dass Lizas Welt getwittert hat, dass Kicker Online mit seinem Relaunch kürzlich sein gesamtes Bundesliga-Archiv für unsere zwei bis drei Gehirnhälften geöffnet hat.

Bis dahin reichte der Sprung in die Vergangenheit nur bis zur Saison 95/96. Nun darf, wie beim Trainer geschehen, zum Beispiel nach Belieben rumgestöbert werden, wer vor 28 Jahren jeweils “Mann des Tages” wurde. Der Kicker und die Noten – das sind zwei Dinge, die zusammengehören, wie Dalli und Dalli. Mein erstes Bedürfnis war es deshalb, mal nachzusehen, wie die Bewertungen einer legendären Partie am 29. April 1978 ausfielen. Und siehe da: Notenschnitt 1,8 auf der einen, 3,6 auf der anderen Seite.

Man vermutet ein souveränes 4:1 der Gastgeber. Gerade Borussenfans werden aber wissen (gemeint sind ausnahmsweise beide Lager), dass jenes Spiel nicht irgendeins gewesen ist. Die eine Borussia schlug die andere im Düsseldorfer Rheinstadion mit 12:0. Nüchtern wie eh und je veranlasste das den Kicker jedoch keineswegs zu Standardnoten, die für Gladbach gegen 1 und für Dortmund gegen 6 hätten laufen sollen. Wer 32 Jahre danach dreimal ein “befriedigend” in der BVB-Abwehrreihe sieht, der fühlt sich leicht veräppelt.

Borussia – Liverpool: “Wer nicht hüpft, ist eingeschlafen”

Borussia Mönchengladbach schlägt zum 110. Geburtstag den FC Liverpool. Außer seinem großen Namen brachte der englische Rekordmeister kaum Berauschendes an den Niederrhein – so dass der Höhepunkt des Tages singend daherkam.

Da liest man im Videotext, dass Kaiserslautern den FC Liverpool geschlagen hat und denkt sich: „Wow, nicht schlecht.“ Da höre ich wenige Tage später im Radio, dass Gladbach gegen Liverpool gewonnen hat und denke mir: „Wow, es gibt wirklich keine Kleinen mehr.“ Als ich aus meinen kurzen Tagtraum erwache, wird mir klar, dass ich eben jenes Spiel gerade live gesehen habe. Und dass das Ergebnis sensationeller klingt, als es in Wirklichkeit war.

Um halb drei am Sonntagnachmittag schloß sich im Borussia-Park ein Kreis. Fünfmal hatten Gladbach und der FC Liverpool im Europacup gegeneinander gespielt. Die beiden Duelle in der Heimat entschied die Borussia für sich, an der Anfield Road zog sie zweimal den Kürzeren. Ebenso an jenem Abend im Mai 1977 im Olympiastadion von Rom, als die Reds das Landesmeisterfinale mit 3:1 gewannen. Nun also der 1. August 2010, der 110. Geburtstag des VfL – erneut sollte der Heimvorteil ziehen.

Gänsehautmoment bei “You’ll never walk alone”

Über ein Fußballspiel ist viel erzählt, wenn der bewegendste Moment sich vor dem Anpfiff abspielt. Erst einmal, beim Spiel Celtic gegen Liverpool, hatte Gerry Marsden die legendärste aller Fußball-Hymnen live im Stadion gesungen. Im Borussia-Park entstand nun der Eindruck, die 51 000 hätten den Text von „You’ll never walk alone“ extra zuhause geübt. Wenn Gerry und seine Pacemakers ansonsten aus den Lautsprechern ertönen und noch vom goldenen Himmel und dem silberhellen Lied einer Lerche erzählen, gleicht der Gesang in der Kurve meist einem dezenten Gegrummel. Wer den Text nicht kennt, schweigt. Wer ihn kennt, traut sich vielleicht nicht, weil es den sangestechnisch weniger Begabten erschreckt, die eigene Stimme zu hören.

Sonntagnachmittag war es jedoch anders: Tausende Schals und noch mehr Kehlen, die spätestens beim Refrain für Gänsehaut-Exzesse sorgen. Wer den müden Kick im Anschluss gesehen hat, wird sagen, diese drei Minuten waren es so oder so wert, den FC Liverpool zu einem Freundschafts-, beileibe zu ernsten keinem Testspiel an den Niederrhein zu holen.

Nach acht Minuten sah es dann so aus, als stünde der Borussia-Park im Laufe des Spiels vor noch größeren Momenten. Daniel Ayala zeigte, warum er als einer der wenigen Liverpool-Profis keinen deutschen Wikipedia-Eintrag vorweisen kann. Selbst Karim Matmour konnte anschließend nicht anders, als den verunglückten Querpass mit der Fußspitze ins Tor zu befördern.

Vier Engländer plus U20-Auswahl

Der englische Immer-noch-Rekordmeister trat in der Startelf lediglich mit vier Namen an, die der breiten Masse bekannt gewesen sein dürften. Glen Johnson, Jamie Carragher, Joe Cole und Steven Gerrard gehörten zu den „Three Lions“, die mit einem 1:4 gegen Deutschland aus dem WM-Turnier evaporisiert wurden. Bloemfontein lässt grüßen. Fernando Torres, Pepe Reina oder Dirk Kuijt waren zuhause geblieben. Eine Art U20-Auswahl füllte die Mannschaft auf. Unterm Strich also ein Gegner so stark wie Hoffenheim? Frankfurt? Wolfsburg? Egal.

Logan Bailly und Christofer Heimeroth, das zweite Geburtstagskind neben der Borussia, mussten kaum einen ernsthaften Ball halten. Roel Brouwers und Dante räumten weg, was überhaupt wegzuräumen war. Vorne wiederum nährte Juan Arango die Hoffnungen, dass er nach einem guten ersten Jahr mit Elan und Lächeln auf den Lippen zum absoluten Leistungsträger wird. Allein Mo Idrissou konnte noch keine Antwort liefern, was Max Eberl und Co. genau mit seinem Transfer bewirken wollen. Wir haben Zeit.

„Hey, Hey“, stimmte die Nordkurve kurz vor Schluss an. „Wer nicht hüpft, ist eingeschlafen.“ Spätestens als sich kaum einer regte, war klar, dass 51 000 den Nachmittag halbwegs dösend verbrachten. Für einen 110. Geburtstag ist das beileibe keine Schande. In Gladbach ist man schließlich froh, wenn die alten Leistungsträger den Trend des letztens Jahres bestätigen. Wenn die Jungen weitere Schritte nach vorne machen. Wenn die Neuzugängen sich nahtlos einfügen. Damit wäre endgültig das Ende jener Zeit eingeläutet, in der man fürchten musste, die Vereinsbosse würden einen übergewichtigen Brasilianer ausgraben, der zur Saisoneröffnung mit dem Fallschirm im Mittelkreis landet.

Das Ende des Zaubers

Chucks, Jeans, V-Ausschnitt – den Mut zur Eigenwilligkeit in Form von Schnäuzern und Vokuhilas haben die Profis von heute längst verloren. Es regiert die Eintönigkeit. Wobei sie nicht einmal etwas dafür können.

Es gibt einen neuralgischen Punkt im Leben eines Fußball-Fans. Denn irgendwann kommt der Tag, an dem ein Spieler für den Klub des Herzens aufläuft, der jünger ist als man selbst. Fast zwei Jahre liegt dieser Knackpunkt nun schon hinter mir. Am 29. November 2008 debütierte Tony Jantschke für Gladbach in der Bundesliga.

Kinder und Jugendliche neigen dazu, besonders zu heroisieren. Man stellt sich eine Stunde lang in eine Schlange, damit ein Spieler, der für 1,2 Millionen Euro von irgendeinem mittelmäßigen Verein aus Belgien kam, seine Unterschrift auf den Rücken des Trikots setzt. Seine Unterschrift, von der er selbst wohl nicht einmal weiß, wie das kryptische Gekritzel einst zustande kam. Auf der Saisoneröffnung durchbricht der Puls bereits die Schallmauer zur Dreistelligkeit, wenn sich der Neueinkauf aus Paraguay auch nur drei Meter neben einem bewegt, man ihm beim Foto womöglich den Arm über die Schulter legt.

Irgendwann ist das vorbei. Das ist auch gut so. Was nicht heißt, dass es schlecht war, als es noch anders war. Irgendwann im Alter von 18 oder 19 Jahren, wenn einen der Hausarzt schon lange siezt und die Bäckersfrau gerade damit begonnen hat, gewinnt die sportliche Komponente des Fanlebens an Bedeutung. Doppelsechs statt Autogrammkartensätze, vertikaler Fußball statt in die Horizontale zu gehen, wenn der 26-Jährige Mittelfeldspieler aus Skandinavien Bälle auf die Tribüne schießt.

Gestern Abend war wieder so ein Moment der Entzauberung. Ich stelle gerade das Auto im Parkhaus ab, in 30 Minuten beginnt der Film zum 110-jährigen Vereinsjubiläum der Borussia, als eine Gruppe junger Männer in meinem Alter um die Ecke biegt. Ohne Trikot und Stutzen dauert es sagenhafte drei Sekunden, bis ich realisiere, wer da gerade geparkt hat. Man muss hinzufügen: Der junge Profifußballer im Jahr 2010 ist in zivil beileibe nicht leicht zu erkennen. Irgendwo in der Stadt muss es einen Laden geben, in dem sie alle ihre Klamotten kaufen, einen H&M für Jungprofis, in den ein eigener Friseursalon integriert ist, der sich auf einheitliche Haarschnitte spezialisiert hat. Marco Reus, Tony Jantschke, Fabian Bäcker – Stammkunden.

Der Jungprofi 2010 trägt Chucks, dazu eine Jeans mit mindestens einem Loch und vorzugsweise ein T-Shirt mit V-Ausschnitt. Bei mir: keine Chucks, womit ich jedoch ziemlich alleine bin. Im Kleiderschrank: Moment, kein V-Ausschnitt, auch eine Seltenheit. Bei den Hosen: Ok, da ist doch tatsächlich ein Loch – weil ich, ungeschickt wie eh und je, letztens an einem Zaun hängen geblieben bin. Reus, Bäcker und Co. sind es nicht, die die Individualität haben sterben lassen. Sie geben nur fein gefiltert wider, dass sie irgendwo anders gestorben ist – oder auch gestorben wurde.

Juan Arango und Raúl Bobadilla haben deshalb an Sympathie gewonnen, als sie Mittwochabend ins Kino spazierten. Arango sah aus, als sei er noch immer verärgert darüber, dass Javier Bardem damals die Rolle im Coen-Meisterwerk „No Country for Old Men“ erhielt. Und Bobadilla: Der trug Flip Flops zur kurzen Jeans, wie man im Sommer eben so ins Kino geht.

Die Ironie dieses Abends ist es ja, dass ich behaupte, mein Fandasein sei sportlicher geworden, seitdem es Spieler gibt, die nicht nur einen Kopf kleiner, sondern auch jünger sind als ich. Die ich beim Zivildienst eingearbeitet hätte, wenn sie meine Nachfolger beim freudigen Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen gewesen wären. Und was geht mir nach dem Film, der im Übrigen dem zum 100-Jährigen ähnelte und ansonsten lediglich um den Stadionneubau bereichert wurde, nicht aus dem Kopf? Bilder 20- bis 23-jähriger Fußballer, denen der Mut zum Eigenwilligen scheinbar völlig abgeht. Es muss ja nicht immer Mike Werner sein, kein Vokuhila, kein Schnäuzer. Aber vermutlich können die Jungs nicht einmal etwas dafür – sondern geben die Welt nur wieder, wie sie eben ist.

Im Zweiten wird’s wohl besser: Saisonrückblick – Die Rückrunde der Borussia

Im Prinzip ist es ganz einfach, das Wechselbad einer Saison in Worte zu fassen. Man blickt einfach zurück und sieht sich an, was man im Laufe von 34 Spieltagen nicht alles in die Tasten gehauen hat. Dabei offenbart sich ebenso Hanebüchenes wie hellseherische Fähigkeiten. Heute im zweiten Teil des Saisonrückblicks: die Rückrunde der Borussia im Schnelldurchlauf.

18. Spieltag: Gladbach 1:2 VfL Bochum

„Fazit des Wochenendes: Neben Schnaps wirken intensive Ablenkung und nervliche Anspannung effektiv gegen ‘Hibbeligkeit“. Sabine Töpperwien bringt selbst nach Bad Hersfeld eine Schippe Leben. Hessen sind im Radio zu patriotisch. Und Bochum ist, nach mittlerweile mehr als 12 Jahren ohne Gladbacher Sieg, ein wahrer Angstgegner.“

19. Spieltag: Hertha BSC Berlin 0:0 Gladbach

„Man darf auch durchaus zu spät sein beim Nachschuss, weil entweder der Ball zu schnell von vorne oder der Gegner zu schnell von hinten herangerauscht kommt. Die Toleranz wird jedoch mindestens so schwer strapaziert wie bei einem Betrunkenen, der in die U-Bahn uriniert, wenn für den Nachschuss so viel Zeit bleibt wie für eine ganze Buntwäsche oder eine Fahrt von Frankfurt am Main nach Würzburg (über Landstraße, wohlgemerkt). Und außerdem: Von Juan Arango hätte man erwartet, dass er Elfmeter etwas kreativer verschießt. Manchmal da versagt man selbst beim Versagen.“

20. Spieltag: Gladbach 4:3 Werder Bremen

„Da gegen Bochum beim Stand von 3:0 eine ganze Halbzeit vor der Brust noch viel zu lang war, macht sich nach 18 Minuten mindestens so viel Unbehagen wie Glückseligkeit breit. Vor 32 Jahren beim legendären 12:0 gegen Borussia Dortmund hatten die ‘Fohlen’ fünf Minuten weniger für die ersten drei Treffer benötigt. Ziemlich schwach also, was der VfL gegen völlig desorientierte Bremer zeigt.“

21. Spieltag: FSV Mainz 05 1:0 Gladbach

„Gladbach wie es sinkt und keiner lacht: Ich muss zugeben, dass das anstehende Karnevalswochenende eher die Vorlage für diese Überschrift gegeben hat als die Gladbacher Leistung in Mainz. Denn so apokalyptisch war es beileibe nicht. Womit wir jedoch auch schon beim Hauptkritikpunkt wären: Mal wieder hat die Borussia dominiert, mal wieder hat sie sich Chancen erspielt, für die man beim Mitzählen beinahe auf seine Zehen zurückgreifen muss – mal wieder steht sie mit leeren Händen da.“

22. Spieltag: Gladbach 2:1 1. FC Nürnberg

„Also halten wir einfach fest, dass wir im Grunde sowohl drei Punkte als auch sehenswerte Leistungen wollen. Da der VfL ein Verein ist, der im letzten Jahr nur dem Abstieg entging, weil die anderen ihm mit 31 Punkten einen Bundesliga-Rekord ermöglichen wollten, bleiben wir jedoch völlig un-kölsch. Nämlich bescheiden. Drei Punkte und sehenswerte Leistungen müssen sich innerhalb von 90 Minuten nicht immer überschneiden – solange wir bis zum Saisonende jeweils einen zufriedenstellenden Teil von beidem bekommen.“

23. Spieltag: 1899 Hoffenheim 2:2 Gladbach

„Am Bahnhof Hoffenheim steigen zwölf Leute in die S-Bahn, immerhin die Hälfte outet sich als Stadiongänger. Unser Weg führt zur wohl größten ebenen Fläche des Dorfes: zum Dietmar-Hopp-Stadion. In der Bäckerei Krotz ist das Vorglühen bei Rosinenschnecken und Latte Macchiato bereits in vollem Gange. Maskottchen Hoffi, der leibhaftige Elch, sitzt etwas apathisch im Stuhl daneben und beobachtet das Treiben mit einem Blick wie Veilchendienstag.“

24. Spieltag: Gladbach 1:1 SC Freiburg

„Gladbach war Elfter der Hinrunde, steht in der Rückrundentabelle auf Rang zehn – und ist insgesamt dennoch nur Zwölfter. Gerade hat die Borussia drei Spiele in Folge nicht verloren, gleichzeitig jedoch zwei Dreier hintereinander liegen gelassen. Vorne trifft sie am achthäufigsten, bekommt hinten die sechstmeisten Tore. Logisch, dass auch das Torverhältnis pures Mittelmaß ist. Elf Mannschaften haben mindestens einen Torjäger in ihren Reihen, der mehr Treffer auf dem Konto hat als Gladbachs bester – Roel Brouwers, ein Abwehrspieler. Diese Saison ist so merkwürdig wie sie gleichzeitig schon wieder normal ist. Auf der einen Seite mit tollen Momenten, auf der anderen genauso mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln ausgestattet.“

25. Spieltag: Borussia Dortmund 3:0 Gladbach

„Nachdem Schiri Michael Weiner um halb sieben anpfeift, vergehen knapp drei Stunden, bis ein Stück gebackener Feta-Käse beim Griechen das nächste Highlight bringt. Gut 70.000 Dortmunder werden diese Ansicht vielleicht nicht teilen, weil sie erstens einen 3:0-Sieg ihrer Mannschaft erleben und sich zweitens nach dem Spiel nicht für ein Glas Ouzo und eine Kreta-Platte entscheiden. Aus Gladbacher Sicht steht jedoch fest: Die Borussia hat einen Tag erwischt, den man nicht einmal als grausam, unterirdisch oder – ganz nüchtern – schlecht bezeichnen kann. Denn nach 90 Minuten dominieren ernsthafte Zweifel, ob es diesen Tag jemals gegeben hat.“

26. Spieltag: Gladbach 0:4 VfL Wolfsburg

„Michael Frontzeck sprach den Fans im Nachhinein ein Lob aus, dass sie so ruhig geblieben seien, während das Unheil seinen Lauf nahm. In der Tat kam das Pfeifkonzert nach dem Spiel höchstens einer ruhigen, gemächlichen Ouvertüre gleich. Wobei der Trainer bei seiner Bewertung eine kleine Eigenheit der Zuschauerdynamik übersehen hat: Denn noch schlimmer als ein gellendes Pfeifkonzert ist in der Regel gar kein Pfeifkonzert. Stille nach einem 0:4 spricht nämlich dafür, dass schlichtweg niemand mehr da war, um seinem Unmut mit Fingern zwischen den Lippen freien Lauf zu lassen. Ähnlich war es am Samstag.“

27. Spieltag: 1. FC Köln 1:1 Gladbach

„Wir machen uns etwas enttäuscht auf den Weg. Denn zu feiern gibt es trotz des ersten Punktegewinns nach 0:7 Toren aus zwei Spielen für uns nichts. Es überwiegt die Wut über ein mageres Unentschieden gegen eine Mannschaft, die deutlich gezeigt hat, warum die Stimmungslage im polarisierenden Köln derzeit nur aus Schwarz und keinem bisschen Weiß besteht. Draußen ist es wieder völlig ruhig. Doch diesmal trügt die Stille nicht. Wir dürfen durch eine kleine Schleuse in einer Barriere aus Dutzenden Polizisten raus in die Freiheit. ‘Platzsperre’ lese ich auf einem Schild an der berüchtigten Wiese und frage mich, wann diese Reißleine wohl zum ersten Mal gezogen wird.“

28. Spieltag: Gladbach 1:0 Hamburger SV

„Fußball-Fans haben ja generell den Eindruck, sie seien der Mittelpunkt der Welt. Nicht alle zusammen, sondern jeder für sich selbst. Man steht nicht auf dem Platz. So weit wird es auch nicht mehr kommen, weil zwar alle wissen, dass der Linksverteidiger mit einem 30-Meter-Ball die Seite wechseln müsste, es aber kaum jemand selbst auf die Reihe bringen würde. Und zuhause bekommen wir mangels Motorik kaum den Briefkasten auf. Trotzdem hat sich schon manch ein Fan zum Matchwinner aufgeschwungen – weil er statt der Bratwurst eine Laugenbrezel gegessen oder statt des linken Socken ausnahmsweise den rechten zuerst angezogen hat.“

29. Spieltag: VfB Stuttgart 2:1 Gladbach

„Mittlerweile hat man sich schon so an die verschenkten Punkte gewöhnt, dass man ihnen zwar nachtrauert, nicht jedoch tagelang mit einem Gesicht durch die Gegend rennt wie eine fleischgewordene ‘Schmach von Córdoba’. Letzten August gab ich den Spielberichten dieser Saison den Titel ‘Im Zweiten wird’s wohl besser’. Verbunden damit war die vage Hoffnung, dass das zweite Jahr nach dem Wiederaufstieg tatsächlich mehr Punkte und damit mehr Ruhe bringen würde (schließlich steigen nur gut 25 Prozent aller Aufsteiger, die das erste Jahr überlebt haben, im darauffolgenden wieder ab).“

30. Spieltag: Gladbach 2:0 Eintracht Frankfurt

„Vergangenen Freitag läuft die Schlussphase, wir schreiben diesmal den 30. Spieltag, als rund 48 000 Zuschauer abzüglich einiger Frankfurter die Gewissheit überkommt – ‘nie mehr Zweite Liga’. In München, zumindest beim FC Bayern, werden sie dieses Lied noch nie gesungen haben. In Hamburg wird man sich selbst vor ein paar Jahren, als der HSV nach 21 Spieltagen noch auf dem letzten Platz stand, aufs Verdrängen verlegt haben. Der jeweilige Zeitpunkt, seinem Optimismus freien Lauf zu lassen, sagt auch immer etwas über die Mentalität von Vereinen und Fans aus. In der Spielzeit des Gladbacher Wiederaufstiegs war man sich in Köln zum Beispiel kurz vor der Winterpause sicher, ‘nie mehr’ in die ‘Zweite Liga’ zu müssen.“

31. Spieltag: Schalke 04 3:1 Gladbach

„Mein siebtes Auswärtsspiel war mein letztes für diese Spielzeit. Zwei Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlagen, Bus, Bahn, Auto, viele Kilometer – es hat sich häufig gelohnt. Nun muss ich mich jedoch entscheiden: Habe ich ein glückliches Händchen gehabt, nicht zu den neun anderen Spielen zu fahren, aus denen die Borussia genau einen Zähler holte (in Berlin)? Oder muss ich mich ärgern, nicht häufiger dabei gewesen zu sein? Wie auch immer, fest steht das Ziel, im nächsten Jahr von acht Auswärtsreisen berichten zu können.“

32. Spieltag: Gladbach 1:1 Bayern München

„Breitscheid dürfte auf der Bekanntheitsskala im Westen der Republik schon bald nach dem Kamener Kreuz kommen, Kaiserberg noch hinter sich lassen und auf der Beliebtheitsskala sehr weit unten rangieren. Während der Verkehr langsam völlig zum Erliegen kommt, ertönt im Radio ein enthusiastischer Schrei. Der Reporter in Berlin redet jedoch unverdrossen weiter. Ich bin mir schon sicher, dass innere Unruhe und pralle Sonne mein Hirn auf Stand-by gestellt haben, als die Verursacherin des Aufruhrs zu Wort kommen darf. Sabine Töpperwien ist nach 60 Spielminuten auf einmal meine beste Freundin. Marco Reus hat zum 1:0 getroffen, scheinbar ziemlich ansehnlich – und ich bin in einem ellenlangen Stau schlagartig der einzige, der sich lauthals freut (wer als Borusse mit mir zwischen Essen und Breitscheid gestanden hat, darf sich gerne dazuzählen).“

33. Spieltag: Hannover 96 6:1 Gladbach

„Nach der Pause spart Nils, völlig nachvollziehbar, an seinen Handy-Kosten und schickt nur noch eine SMS mit dem Inhalt: „5“. Ich weiß Bescheid und mache mir nicht einmal mehr die Mühe, innen nachzusehen, wie es diesmal passiert ist. Das 5:1 durch Patrick Herrmann geht es auf demselben Weg. Beim 6:1 scheint dann endgültig sein Guthaben aufgebraucht gewesen sein. Kann ja auch niemand ahnen, dass Hannover zum zweiten Mal in dieser Spielzeit sechs Tore gegen Gladbach erzielt.“

34. Spieltag: Gladbach 1:1 Bayer Leverkusen

„Für Oliver Neuville ist es also das Ende nach sechs Jahren Borussia-Park. Bereits 2007 gingen die letzten von Bord, die das Stadion an seiner Seite eröffnet haben. Keiner hat öfter dort getroffen als Neuville, keiner mehr Spiele absolviert. Deutschlandweit unsterblich gemacht hat ihn jedoch erst der 14. Juni 2006, als er in der Nachspielzeit des WM-Spiels gegen Polen in eine Flanke von David Odonkor rutschte und das Land im Kollektiv in Ekstase versetzte wie vielleicht kein anderer Moment der Nachkriegsgeschichte (nicht in dieser Konzentration, nicht mit dieser Reichweite und dieser Schnelligkeit). Jeder weiß, wie er das „Polen-Tor“ gefeiert hat, das mittlerweile als Synonyme für späte, wichtige und viel bejubelte Tore dient.
All das wird bleiben. Genau wie die Erinnerungen an eine Saison, in der sich eine Hoffnung aus dem August am Ende bewahrheitet hat: Denn im Zweiten wurd’ es wirklich besser.“

Morgen macht eine Exkursion in den Statistik-Dschungel den Abschluss.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 34. Akt: Olli

Gladbach 1:1 Leverkusen – die Morten-Debatte, drei Abschiede, Präsent mit Wirkung, Party mit Punkten, Arangos Serien, Tränen in den Augen, kein “H”.

Nach einer guten Stunde ist das Rätsel gelöst. Oder doch nicht? Ist der Fußballer auf dem Trinkbecher, etwas verpixelt von unzähligen Besuchen in der Spülmaschine, etwa doch nicht Morten Pedersen? Fünf Bundesligaspiele hat der Norweger in der Saison 97/98 für die Borussia gemacht. Vier davon hat sie verloren, dabei kein Tor erzielt – kein Wunder, dass Pedersen nach nur einem Jahr wieder in Richtung Norwegen aufgebrochen ist. Immerhin einen Trinkbecker haben sie ihm jedoch vor jener Saison gewidmet. Und genau dieser Trinkbecher bietet eine Stunde lang Diskussionsstoff bei der traditionsreichen Grillrunde vor dem letzten Spieltag, die Nils zum nunmehr ersten Mal ins Leben gerufen hat.

Um den Tisch sitzt ein halbes Dutzend mit Raute im Herzen. Der Becher kreist. Alle werfen einen Blick drauf, doch niemand blickt durch, wer da mit Armbändern am Handgelenk lässig einen Ball gegen seine Hüfte drückt und dabei lächelt, als habe er sich 34 Einsätze zum Ziel gesetzt. Das silberne Trikot verrät immerhin die Saison. Zum Glück war das ungute Stück an Hässlichkeit so schwer zu überbieten, dass die Borussia es nicht einmal eine ganze Spielzeit lang trug. Nach umfangreicher Kicker-, Fussballdaten- und Gedächtnisrecherche sowie einer Runde Ausschlussverfahren kann es nur einer sein: Morten Pedersen.

Bereits um 11 Uhr habe ich mit Adiletten an den Füßen und einer Flasche Bier in der Hand am Grill gestanden – welch ein Traum, mag sich jetzt manch einer denken. Nils hatte die Runde in der Nacht noch etwas erweitert, als er entfernte Bekannte einlud und ihnen sogar seine Dauerkarte als Pfand anbot, um sie zu überzeugen: Grillen, bei ihm, ab elf – kein Witz. Somit feiert die Saison 2009/2010 einen würdigen Abschluss. Und würdig ist bekanntlich alles, was es so noch nicht gegeben hat.

Also stehe ich um kurz vor halb zwei mit den Jungs im Zug nach Gladbach und mache mich auf zum letzten Akt, Nummer 34 gegen Bayer Leverkusen. Die Saison ist so schnell vorbeigeflogen, dass ich unter dem grauen Niederrhein-Himmel am Stadion das Gefühl habe, Karneval sei gerade vorbei – ein Indiz dafür, dass es weitgehend sorglos zuging im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg. Ich treffe Kerstin, bei der es am Ende so wenig sorglos zuging, dass mit den Meisterträumen auch ihre Tagebuchschreiberei frühzeitig ad acta gelegt werden konnte. Zehn Euro haben wir in die Waagschale gelegt. Bei einem Unentschieden würden wir uns gegenseitig feierlich einen Fünf-Euro-Schein übergeben.

Der letzte Spieltag ist auch ein Tag des Abschieds. Thomas Kleine macht sich auf in Richtung Fürth. Nach 30 Einsätzen in zweieinhalb Jahren, davon nur neun von Beginn an, steht der 32-Jährige nicht als jemand da, der die Gladbacher Vereinsgeschichte nachhaltig geprägt hat. Was er sich höchstens auf die Fahnen schreiben kann, ist die Gewissheit, dass er da war, wenn er da sein musste – und vermutlich da gewesen wäre, wenn er häufiger gebraucht worden wäre. Lob im Konjunktiv eben. Moses Lamidi dagegen hat den Sprung zu den Profis schlichtweg nicht geschafft. Sinnbildlich dafür steht sein Abgang – der 22-Jährige steckt im Stau, als den Abgängen der obligatorische Blumenstrauß in die Hand gedrückt wird. Wer will, der fährt zu diesem Anlass eben nicht im ersten Gang.

Etwas prägender dagegen war die Zeit von Roberto Colautti bei der Borussia. Häufig verletzt, selten treffsicher, mit Hang zum Phantomfußball – das traf zwar meist zu auf den Israeli in seinen drei Gladbacher Jahren. Ein einziger Treffer jedoch hat ihm genügt, um sich in den Geschichtsbüchern zu verewigen. YouTube spricht Bände. Gibt man im Suchfenster nämlich „Roberto Colau“ ein, erhält man nur einen weiteren Vorschlag: Den Namen des 27-Jährigen plus das Stichwort „Schalke“. Mit seinem Treffer zum 1:0 am 31. Spieltag der letzten Saison schoss er die Borussia auf einen Nichtabstiegsplatz. Der Anfang der Rettung. Nach einem langen Pass von Tomas Galasek war es damals, Muttertag 2009, übrigens Oliver Neuville, der den Ball zu Colautti durchsteckte – „mustergültig“ steht dazu im Fußball-Duden. Auch für ihn ist dieses Spiel gegen Leverkusen der letzte Auftritt mit der Raute auf der Brust. Ein Abschied, der diesen Tag noch prägen soll.

Fast drei Monate ohne Stadionbesuch sind eine lange Zeit. Bei der „Elf vom Niederrhein“ hat es kurz vor Spielbeginn den Anschein, jeder klatsche siebenmal so schnell wie sonst, um die wegfallende Anfeuerung bis zum Freundschaftsspiel gegen den FC Liverpool zu kompensieren. Dementsprechend laut hallt die rockigste Vereinshymne der Bundesliga durch den Borussia-Park. Nun sind Begriffe wie „Emotionen“ und „Gänsehaut“ seit einigen Jahren von einer hartnäckigen Inflation befallen. Wenn die „Elf vom Niederrhein“ aus den Boxen hallt, „Samstags middachs“, dann stehen einem die Nackenhaare zu Berge, der Blick wird glasig und das Klatschen etwas unrhythmisch. Das wiederum auch inflationär.

Mit zwei ernsthaften Zielen geht es in den letzten Spieltag. Die „Mission 40“, vor einem Jahr nicht annähernd zu Ende gebracht, könnte mit Verspätung endlich erreicht werden. Außerdem ist der zwölfte Tabellenplatz noch möglich. Wobei der Sprung um einen Rang nach vorne gleich eine zweite Fliege erledigen würde: Den 1. FC Köln hinter sich zu haben, ist dem Niederrheiner gemeinhin so wichtig wie günstiger Kaffee in Holland. Bis auf Patrick Hermann schickt Michael Frontzeck dazu genau die Elf auf den Platz, die die meisten Spiele dieser Saison absolviert hat. Sechs Mann umfasst der „Club der 30er“ diesmal. Gemeint ist nicht das Alter, sondern die Anzahl der Einsätze. So viel Kontiunität gab es beim VfL in der Bundesliga zuletzt vor zwölf Jahren.

Über weite Strecken plätschert die erste Hälfte dahin, als hätten beiden Trainer ihre Mannschaften bereits auf Sommer-Modus gestellt. Nach dem Debakel von Hannover, wo man ihr nicht einmal bescheinigen könnten, dass sie anwesend war, zeigt die Borussia diesmal wenigstens, dass sie nicht so richtig will. Folgerichtig fällt zehn Minuten vor der Pause das 0:1. Marx wird seinem Namen so gar nicht gerecht und leistet sich einen Fehlpass der Marke „kapital“. Den Schuss von Kroos kann Bailly nur abklatschen, wird dabei weder seinem Namen noch seinem Talent noch den Lorbeeren der letzten Saison gerecht. Helmes staubt ab – überraschenderweise nicht sein erster Saisontreffer.

Da solch ein 34. Spieltag ja auch irgendwie als Abbild seiner 33 Vorgänger fungieren soll, geht es mit Trübsal und Pfiffen in die Pause. Falls jede Periode der Saison in dieses Spiel passen muss, stehen die Minuten 34 bis 45 für die Spieltage fünf bis neun. Wobei ein Kopfball von Dante aus der 36. dann stellvertretend für das 2:4 gegen Hoffenheim steht: Im Ansatz sehr gut, sehr aussichtsreich, aber letzten Endes mit dürftigem Resultat.

Und weil die Suche nach Analogien gerade so munter voranschreitet, setzt Dante kurz nach der Pause zum Versuch an, der Saison einen würdigen Rahmen zu verpassen – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einem beherzten Zupfer hält er Helmes von einer Großchance ab. Dafür bleibt ihm die rote Karte erspart (zu Unrecht), die er am ersten Spieltag gegen Bochum gesehen hatte (zu Unrecht). Das Präsent für Schiri Lutz Wagner in seiner letzten Bundesligapartie hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Es läuft die 54. Minute, als der Kick vor ausverkauftem Haus plötzlich eine Bestimmung erhält. Co-Trainer Manfred Stefes setzt zu einem seiner letzten Sprints der Spielzeit an. Der Weg ist in der Regel gut 60 Meter weit. Ein beherzter Fingerzeig von der Eckfahne und schon macht sich einer der potentiellen Joker auf den Weg zur Bank. Als sich diesmal der kleinste der sechs Wartenden in Bewegung setzt, wird es dem Borussia-Park schlagartig warm ums Herz. Stehende Ovationen für einen Spieler, der lediglich sein Aufwärmprogramm abbricht und sich bereit macht für den Einsatz, dürfte es selten geben. Oliver Neuville hat sie sich verdient. Sechs Profijahre in Folge beim VfL: Für Spätberufene der 110-jährigen Vereinsgeschichte, wie beispielsweise mich, ist das eine ordentliche Hausnummer.

Doch bevor das Stadion zu letzten Mal das „i“ in Neuville bis zur Unendlichkeit langzieht (und noch viel weiter), sind die Augen auf Juan Arango gerichtet. Der Venezolaner, bester Vorlagengeber der Saison, hat es fertig gebracht, 23-mal mit vier gelben Karten auf dem Konto aufzulaufen und 28 Spiele in Folge ohne eigenen Treffer zu bleiben. Beides ändert sich nicht, als er den Freistoß von halblinks in den Strafraum bringt. Dafür bekommt Gladbach einen zweiten Top-Torjäger: Roel Brouwers erteilt Stefan Kießling eine Lehrsekunde in Sachen Torriecher und trifft zum 1:1. Acht Mal hat außer ihm nur Marco Reus getroffen. Sensationell.

Dass der Ausgleich durch Brouwers der letzte Saisontreffer des VfL bleibt, kann Reus eine Viertelstunde vor dem Ende persönlich verhindern. Der eingewechselte Friend bedient Oliver Neuville, dem es gegen Reinartz an Gerd-Müller-Qualitäten mangelt. Dafür sieht er einen seiner legitimen Nachfolger – auch als Borusse in der Nationalmannschaft. Doch Reus setzt den Ball in Rückenlage über das Tor. Die Leichten sind nicht seine gewesen in dieser Saison. Vier Minuten zuvor jedoch halten 54 000 richtig den Atem an. Auf links zieht Arango in Richtung Grundlinie, spielt im richtigen Moment den Querpass. Doch in der Mitte ist Neuville entweder einen Schritt zu spät oder der Ball einen zu früh.

Zum Schluss verkommt der Samstagnachmittag zur Party mit Punktspielcharakter. Während Leverkusen nichts aus seinen Chancen macht, zieht eine Polonaise aus dem Block 1900 durch die Nordkurve. Dass weder 40 Punkte noch eine Platzierung vor dem FC am Ende rausspringen werden, ist letztlich egal. Doch dann regt sich etwas auf der Anzeigetafel. Das Frankenstadion kommt ins Bild und mit ihm eine Eins auf der richtigen Seite. Der „Club“ führt, Gladbach ist vorbei an Köln – und das völlig verdient mit gleich sechs Spielern, die häufiger als Lukas Podolski getroffen haben.

Bald darauf ist es vorbei. Lutz Wagner beendet mit seinem Schlusspfiff die Saison und gleichzeitig zwei Bundesligakarrieren – seine eigene sowie die von Oliver Neuville. Die allgemeine Heiterkeit eines Stadions, das sich fühlen darf wie eine Mutter am 23. Dezember, wenn alle Weihnachtseinkäufe erledigt sind, nutzt Schiri Wagner für eine einmalige Ehrenrunde. Für die ganz großen Emotionen ist es jedoch direkt danach an der Zeit. Oliver Neuville verabschiedet sich und plötzlich wird mir klar, dass es demnächst niemanden mehr geben wird, dessen Name sich in dieser unnachahmlichen Weise singen lässt: „Oliver Neuville, Oliver Neuville, Olli, Olli, Oliver Neuville.“

„Hinsetzen!“ Die Humba will der 37-Jährige, noch mit Tränen in den Augen, kurzerhand mit einem „U“ beginnen. „Nä, Moment. Hab’ ich falsch gesagt“, bemerkt er sofort seinen Fehler. Vor dem für Schweizer, zumindest für die francophonen, traditionell schwierigen „H“ will sich einer wie Neuville nicht drücken. Nach dem „B“ ist kurz Pause, bevor Gladbachs 27 eine paar Grüße den Rhein hoch sendet: „Gib’ mir ein ‚Scheiß FC Köln‘“ – schon häufiger ein Fall für den Ermittlungsausschuss gewesen. Doch Kasey Keller ist nach seinem legendären Abschied 2007 ebenfalls ungeschoren davon gekommen.

Für Oliver Neuville ist es also das Ende nach sechs Jahren Borussia-Park. Bereits 2007 gingen die letzten von Bord, die das Stadion an seiner Seite eröffnet haben. Keiner hat öfter dort getroffen als Neuville, keiner mehr Spiele absolviert. Deutschlandweit unsterblich gemacht hat ihn jedoch erst der 14. Juni 2006, als er in der Nachspielzeit des WM-Spiels gegen Polen in eine Flanke von David Odonkor rutschte und das Land im Kollektiv in Ekstase versetzte wie vielleicht kein anderer Moment der Nachkriegsgeschichte (nicht in dieser Konzentration, nicht mit dieser Reichweite und dieser Schnelligkeit). Jeder weiß, wie er das „Polen-Tor“ gefeiert hat, das mittlerweile als Synonyme für späte, wichtige und viel bejubelte Tore dient.

All das wird bleiben. Genau wie die Erinnerungen an eine Saison, in der sich eine Hoffnung aus dem August am Ende bewahrheitet hat: Denn im Zweiten wurd’ es wirklich besser.

Eine Zusammenfassung der Saison 2009/2010 mit den besten Momenten gibt es noch im Laufe der Woche. Also: Augen offen halten.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 33. Akt: Verzerrte Welt

Hannover 6:1 Gladbach – ohne Worte, viele Worte, kein Abstecher nach Hannover, ein Abstecher nach München, keine Meisterfeier.

Ich durfte ja schon viel erleben diese Saison: Heimspiele im Borussia-Park, Auswärtsspiele live vor Ort (Anreise per Zug, per Auto), Partien auf dem heimischen Sofa, Radio-Konferenzen im Stau, Radio-Konferenzen in der Einöde einer hessischen Jugendherberge, gemeinschaftliches Sky-Gucken in Studentenkneipen, Eigentor-Exzesse in Irish Pubs, Odysseen auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt und sogar Spiele, die ich gar nicht verfolgen konnte. Eine weitere, beinahe absurde Möglichkeit wäre mir wohl selbst nie in den Sinn gekommen. Doch als vor wenigen Wochen eine E-Mail von einer Event- und Marketingagentur in den Posteingang flatterte, war klar, dass der 33. Akt dieser Saison wieder eine ganz neue Geschichte schreiben würde.

München-Fröttmaning, Samstag um kurz nach 13 Uhr. Wie ein Seehund, der sich am Strand in der Sonne aalt, liegt die Allianz-Arena zwischen Bahngleisen und Autobahn. Es herrscht überraschend viel Betrieb für diese Uhrzeit. Entweder scheint der Biergarten vor der Arena die Menschen anzuziehen. Oder aber dort sitzen mehr als zwei Stunden vor Anpfiff jede Menge erfolgloser Ticketjäger, die sich resignierend ein, zwei, drei Weißbier gönnen. „Suche Karte“ – mindestens ein Dutzend solcher Schilder mit unmissverständlicher Petition hat man mir auf dem Weg unter die Nase gehalten. Entgegnet habe ich weder ein „nein“ noch überhaupt etwas – und das obwohl ich den FC Bayern an der Mehrheit aller Tage im Jahr so gut leiden kann wie eingewachsene Fußnägel und ein Hemd mit schwarz-weiß-grünen Karos trage (was man wohl ein Statement der subtileren Art nennt).

Ohnehin habe ich um diese Zeit noch nicht einmal selbst ein Ticket. Anders als die hilflosen Suchenden, kann ich jedoch mit Gewissheit sagen, dass sich das bald ändern wird. Um viertel nach eins ist es so weit. Ich halte einen Umschlag mit meiner Adresse in der Hand. Darin verbergen sich neben einer Eintrittskarte noch ein verpixelter Anfahrtsplan sowie ein Blatt mit „organisatorischen Hinweisen“. Dort erfahre ich: „Ein ausgewähltes Büffet sowie kalte und warme Getränke stehen für Sie bereit.“ Und: „Wir empfehlen Ihnen sportlich-elegante Kleidung.“

„Wir“, dahinter steckt die Deutsche Telekom. „Ich“ bin, genau wie 24 andere Gäste des FCB-Hauptsponsors, als Fußball-Blogger, potentieller Kunde, Fan und Mensch gekommen. Damit wäre das Rätsel auch gelöst, was mich am 33. Spieltag nach München verschlagen hat, während die Borussia 600 Kilometer weiter nördlich in Hannover antritt. T-Home will mit Partner Microsoft sein Entertain-Programm samt Liga-Total-Paket ins Gedächtnis rufen, Neuigkeiten vorstellen und den Anwesenden Gelegenheit zu Fragen und Feedback geben. Dafür steht vor dem Spiel ein Techniker vom Entwicklungsteam Rede und Antwort. Er selbst habe von Fußball nur wenig Ahnung, gibt der Mann zu, während er sich mit der Fernbedienung durch Blitztabellen, Archive, Live-Ticker und Highlight-Portale klickt. Soll wohl signalisieren: Wir arbeiten so akribisch, dass wir eigentlich nur Tageslicht zu Gesicht bekommen, um fünf Händen voll Bloggern in der Telekom-Loge der Allianz-Arena unser Programm zu erklären.

Legendenbesuch beim Mittagessen

Fünf Rolltreppen führen hinauf in eine Art Nebenwelt. Auf jeder Ebene lächeln Hostessen in dirndlartiger Aufmachung die werten Gäste freundlich an. Freitagabends würde man die Nettigkeit anders deuten. Man fühlt sich gut, gemocht, irgendwie wichtig. Dabei liebt man doch nur Fußball. Spargel, Sauce Hollandaise, Schweinefilet, Lachshappen und Roast Beef natürlich ebenso – aber selten an einem Samstag um halb zwei, sondern eher sonntags bei Mutter am Tisch. Auf dem Klo sind alle VIP-Gäste dann wieder Menschen. Angeblich hinterlässt jeder zweite nach dem Spargel-Verzehr diesen markanten Geruch.

Während ich die Roast-Beef-Scheiben auf dem Vorspeisenteller gerade sorgfältig seziere, fällt mir fast die Gabel aus der Hand. Ist er das? Da genau vor mir? Gerade durch die Tür hereinspaziert? Ja, er ist es. Der „Bomber der Nation“, 68 Tore in 62 Länderspielen, 365 Bundesligatreffer bei 427 Einsätzen, geboren in Nördlingen, mittlerweile 64 Jahre alt. Gerd Müller. Der erste Einfall: Er ist klein. Der zweite: Vonwegen „kleines, dickes Müller“, eher kleines Müller, aber im Gegensatz zu anderen Ex-Kollegen figurentechnisch gut ein Schuss. Als Beweis dient das Erinnerungsfoto: Einen Kopf größer als Müller, aber selbst an der Playstation wahrscheinlich nicht mit annähernd so vielen Toren. Wenn man bedenkt, wie viele unbekannte Hände der 64-Jährige in seinem Leben schon geschüttelt haben muss, auf wie vielen Fotos er nett gelächelt hat – womöglich wird er den Siegeszug der Digitalkameras verfluchen. Man sieht es jedoch nicht. Dafür lächelt er zu nett.

Vier Fernseher hängen an der Logenwand. Auf einem wird die Konferenz laufen, auf einem das Schalke-Spiel und auf einem die Partie, die einige Meter weiter unten völlig realistisch, authentisch und greifbar zu sehen ist. Fernseher vier reißen sich die anwesenden Club-Fans unter den Nagel. Und bereits nach sieben Minuten habe ich das Gefühl, sehr gut damit leben zu können. „Schon zwei Riesenchancen für 96. Geht schlimm los“, schreibt mir meine Mutter per SMS. Was fatalistisch anmutet, bestätigt sich erstmals nach 16 Minuten. Ich beobachte das Treiben unten auf dem Platz und sitze zurückgelehnt im flauschigen Logensessel, der, anders als es im Fernsehen aussieht, nicht mit Schaumstoff gepolstert ist, sondern einen Überzug hat, der an einen Bierpavillon erinnert. Mein Handy klingt. Nils ruft an, so wie wir es bei einem Tor in Hannover vereinbart hatten. Ich hechte schnell in die Loge und sehe das Unheil bereits auf dem rechten, dem Konferenz-Monitor.

Kaum habe ich wieder draußen Platz genommen, da wird das Opernpublikum erstmals zum Festival-Volk. Lahm hat in die Mitte geflankt und Müller (Thomas) mit der Brust das 1:0 erzielt. Nur zwei Minuten später heißt die Reihenfolge Lahm-Ribéry-Müller. Das Resultat ist dasselbe. Die Bayern führen nach 20 Minuten mit 2:0 und die erste Frage – die nach Sieg, Remis oder Niederlage es Rekordmeisters – scheint beantwortet. „Schi bum, schi bum“, die Spider Murphy Gang ist kaum verhallt, da klingelt es erneut. Nils überbringt die Botschaft, mit der zu rechnen war. Hannover zieht mit den Bayern gleich und benötigt nur vier weitere Minuten, um den Spitzenreiter zumindest in der Spieltagswertung zu überflügeln. „Was’n da los?“, wollen die ersten wissen. „Peinlich“ ist da bereits das einzige Adjektiv, das für mich einigermaßen adäquat wirkt.

Schaulaufen vor Edes, Ulis, Kalles und “Motzkis” Augen

Das Geschehen in der Allianz-Arena gleicht derweil schon zu diesem Zeitpunkt einem Schaulaufen. Die Bayern könnten aus Bochum mühelos Hannover machen, zeigen jedoch Gnade. Direkt unter uns sitzt die Führungsetage, die Beletage der Bayern-Fans: Uli Hoeneß, Karl Hopfner, Kalle Rummenigge, davor Helmut Markwort, weiter rechts Gerd Müller, noch weiter rechts Paul Breitner, auf der linken Seite Edmund Stoiber, dahinter steht Matthias Sammer (vielleicht nicht unbedingt FCB-Anhänger) und spricht mit Willy Sagnol. Bei einem Abstecher auf den Flur kommt mir Alfons Schuhbeck entgegen und sagt „Servus“, als würde ich und nicht meine Mutter dauernd die „Küchenschlacht“ gucken. Und mittendrin bin ich, bestelle ein Bier beim Kellner, der aussieht wie Jonathan Pitroipa. Als ich mich doch entscheide, ein Glas zu nehmen, nimmt er mir die Flasche aus der Hand, schüttet ein – als ob ich das nicht selbst gekonnt hätte. Doch womöglich sitzen in der Davidoff-Lounge, die so abseits vom Spielgeschehen liegt, dass die Anwesenden denken müssen, sie säßen in einem Kaufhaus-Café, wirklich Menschen, die sich ihr Bier selten selbst einschenken und trotzdem nie aus der Flasche trinken.

Als ich gerade einen Abstecher nach drinnen mache, werde ich live Zeuge der nächsten Hiobsbotschaft aus Hannover. Peinlich, peinlicher, am peinlichsten, ein Gegentor durch Mike Hanke. Der Ex-WM-Fahrer jubelt so ausgelassen wie einer, der nach einem schlimmen Unfall ein Spenderbein erhalten und nun nach dreijähriger Abwesenheit gleich in seinem Comeback-Spiel einen Treffer damit erzielt hat. Dabei ist es lediglich sein erster in der Saison. Wie sehr ihn das trotzdem erleichtert, davon zeugt ein beherzter Hüpfer über die Werbebande, der für manch einen Torschützen schon die Eintrittskarten für eine Videokassette von „ran fun“ bedeutet hat. Doch sogar der Bandenhüpfer gelingt Hanke – und die Borussia liegt zur Halbzeit mit 0:4 hinten. Um herauszufinden, wann die ersten 45 Minuten eines Spiels zum letzten Mal eine solche Schmach gebracht haben, muss man in den Oktober 1998 springen. Leverkusen führte zur Pause ebenfalls mit 4:0 und gewann am Ende mit 8:2 am Bökelberg.

Bevor es weiter geht mit Hälfte zwei, ist der Techniker der Telekom erneut an der Reihe. „Klicken wir doch mal hier“, kündigt er an, was kommt, um die Live-Ticker-Option von Liga Total zu demonstrieren. „Och, muss nicht sein“, versuche ich, ihn zu stoppen, als er die Wiederholung von Mike Hankes Treffer anvisiert. Ich kann von Glück reden, dass die 24 Blogger-Kollegen zu gebannt das Geschehen unten auf dem Platz verfolgen und über verschiedene Kanäle ihren Vereinen folgen, um das Ausmaß der Gladbacher Schmach mit genügend Häme zu überschütten. Gerade bei Nürnbergern und Bochumern wird die Borussia nach diesem Auftritt keinen Stein im Brett haben.

Hannover gegen Gladbach: Niedersächsische Torgarantie

Nach der Pause spart Nils, völlig nachvollziehbar, an seinen Handy-Kosten und schickt nur noch eine SMS mit dem Inhalt: „5“. Ich weiß Bescheid und mache mir nicht einmal mehr die Mühe, innen nachzusehen, wie es diesmal passiert ist. Das 5:1 durch Patrick Herrmann geht es auf demselben Weg. Beim 6:1 scheint dann endgültig sein Guthaben aufgebraucht gewesen sein. Kann ja auch niemand ahnen, dass Hannover zum zweiten Mal in dieser Spielzeit sechs Tore gegen Gladbach erzielt.

Währenddessen entscheidet sich der Titelkampf (in-)direkt vor meinen Augen. Nach 55 Minuten ist der lauteste Jubel des gesamten Tages in der Allianz-Arena aufgebrandet. Getroffen hatte nicht der Gastgeber, sondern Bremen auf Schalke. Früher dauerte es ein paar Sekunden, wenn nicht gar Minuten, bis sich derart frohe Kunde in einem Stadion herumgesprochen hatte. Heutzutage geht auch das schneller. Nach 64 Minuten macht Hugo Almeida alles klar. Die Bayern-Blogger Probek, Kaisergrantler und Zechbauer dürfen im Jubel über die Meisterschaft sogar noch ein besonderes Bonbon genießen. „Uli, Uli! 2:0 Bremen!“, hallt es aus der Loge, woraufhin sich der Meister aller Rostbratwürstchen umdreht und ein süffisantes Grinsen nach oben schickt. Den Mann in weißer Stoffhose mit der Max-Schautzer-Frisur, der mit seiner barbusigen, blonden Lebensabschnittsgefährtin vor Freude einen merkwürdigen Ringelrein tanzte, wird Hoeneß dabei sicherlich auch gesehen haben. Die Fruchtgummis in Meisterschalen-Optik wirken unter diesen Voraussetzungen, bei drei Punkten und 17 Toren Vorsprung, auch wieder standesgemäß. Dazu gibt es für zwischendurch auch noch kleine DFB-Pokale in der Rudi-Assauer-Version mit schiefem Sockel. Was man in der Veltins-Arena wohl nascht? „Nimm zwei“ vielleicht?

Aus 17 Toren macht Thomas Müller kurzerhand 18. Sein Spaziergang durch die Bochumer Abwehr lässt zwei Gerüche durchs Stadion wehen. Für Müller riecht es schwer nach Südafrika, 20 Jahre hin oder her. Der VfL Bochum dagegen macht den Eindruck, als habe er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Auch der vierte Freistoßtreffer von Fuchs in dieser Saison, der das bayerische Torpolster wieder auf ein Plus von 17 senkt, ändert daran wenig. Wie es sich für Logenpublikum gehört, sitze ich gerade im gedämpften Magenta-Licht und ziehe mir ein Törtchen rein, als das kurze Raunen durch die Arena geht

Meister wider Willen? Nö, ist immer so.

Wenige Minuten später werde ich erstmals Zeuge des seltenen Treibens, wenn ein Verein Deutscher Meister wird. Für mich jedoch kein Anlass, mit dem Gedanken eines Verrats zu spielen und überzulaufen. Ganz im Gegenteil sind diese Bilder eher ein Antrieb, um es in den nächsten 50 Jahren selbst einmal zu schaffen – um schlichtweg schöner zu feiern. Mit der Borussia, auch wenn das nach diesem Auftritt in Hannover absurder denn je klingt. Während der FC St. Pauli und seine Fans unter ähnlichen Voraussetzungen die Aufstiegsnacht zum Tag machen, gibt es unten auf dem Platz weder exzessive Jubeltrauben noch Weißbierduschen. Edmund Stoiber hat schnell ein Gläschen Sekt in der Hand, Uli Hoeneß und Konsorten schütteln Hände. Der Stadion-DJ schickt zwar ein paar vermeintliche Partykracher ins Rund. Doch die ganz große Sause bleibt aus.

Am späten Abend werde ich mit Probek und dem Kaisergrantler vor dem Augustinerkeller in der Münchener Innenstadt stehen und etwas rumphilosophieren. Wir werden auf das Selbstverständnis als Fan zu sprechen kommen und ich werde wissen wollen, ob man die 22. Meisterschaft der Vereinsgeschichte sowie die neunte in den vergangenen 14 Spielzeiten etwa nicht mehr feiert, als gäbe es kein morgen mehr. Die Antworten werden eher nach einem „nein“ klingen. Ein Champions-League-Titel, das sei das, wonach man als Bayern-Fan strebt. Fernab der Realität ist der Ansatz keineswegs. Schließlich könnte es für beide bereits der zweite ihres Fandaseins werden, während ich wohl noch ewig auf den ersten Meistertitel warten muss.

Eine Stunde nach Spielende zieht eine Polonaise durch die Loge. „Ein Schuss, ein Tor, die Bayern“, stimmt das gute Dutzend an, von denen einige sich am nächsten Morgen nicht mehr an ihren Jubelzug erinnern werden können. Wiederum eine Stunde später, mittlerweile hat der Tag mit Kartoffelsalat und Frikadellen auch ein kulinarisches Ende gefunden, kehren wir zurück ins echte Leben. Draußen gibt Uli Hoeneß zwar noch fleißig Autogramme und Hermann Gerland stellt sich vor dem Bauch des Stadion, sozusagen am Nabel, ebenso den wartenden Fans wie Mark van Bommel. Die ersten Grüße aus der Wirklichkeit regnet es gleich vom Himmel, ein paar Tropfen zum Aufwachen.

Wie Eisschnelllauf auf Teflonpfannen

Am nächsten Tag sitze ich auf den obersten Stufen im Olympiastadion. Statt der üblichen Dröhnung Marienplatz, Frauenkirche usw. habe ich mich bei einem zweiten Kurzbesuch in München für ein Alternativprogramm entschieden. Mittlerweile scheint der Austragungsort der Sommerspiele ‘72 und des WM-Endspiels zwei Jahre später alles zu sein, nur kein Stadion im ursprünglichen Sinne mehr. Dort, wo Paul Breitner damals vom Elfmeterpunkt und Gerd Müller aus der Drehung traf, steht momentan das riesige Zelt des Circue du Soleil. Von Ballartisten zu Hochseilartisten, von Spaßvogel Maier zu Clowns in der Manege.

Wieder fallen einzelne Tropfen vom Himmel, Biergarten-Wetter sieht anders aus. Doch womöglich ist es einfach das passendste Wetter, um die Bild am Sonntag durchzublättern und die Statements der Borussia zur Havarie von Hannover zu lesen. Michael Frontzeck spricht von einem „Ausrutscher“ und kann sich glücklich schätzen, dass – nein, eigentlich kann er sich gar nicht glücklich schätzen. Wenn das 1:6 nämlich ein Ausrutscher gewesen ist, dann müsste man die gesamte Saison mit einer Eisschnelllaufrunde auf Teflonpfannen vergleichen. 16 Niederlagen hat der VfL inklusive der Pokalpleite gegen Duisburg kassiert. Neun mit nur einem Tor Unterschied sprechen dafür, dass es sehr oft sehr knapp war und Gladbach einige Punkte liegen gelassen hat. Allein fünf Niederlagen mit mindestens drei Toren Unterschied (0:3 in Bremen, Freiburg, Dortmund, 0:4 gegen Wolfsburg und 1:6 in Hannover) in dieser Saison lassen die Frontzeck-Erklärung jedoch ziemlich abgedroschen und geradezu albern-unverschämt erscheinen.

Hinweise auf ein Motivations- bis hin zu einem Charakterproblem offenbart bereits der Vergleich mit dem 1:1 gegen die Bayern. Als der Rekordmeister kam und damit die Chance, den Meister in spe vor vollem Haus ein wenig zu ärgern, zeigte der VfL eine absolut konzentrierte, motivierte, eben eine einwandfreie Leistung. Gegen Hannover lohnt es sich offenbar nicht, die Schuhe richtig zuzuschnüren, die Stutzen hochzuziehen und das Trikot in die Hose zu stecken, um im vorletzen Spiel der Saison beispielsweise den letzten Platz der Auswärtstabelle zu verlassen. Oder den 40. Punkt einzufahren. Oder den mitgereisten Fans einfach nur ein Dankeschön zu bereiten.

Sieben Zähler und zwei Siege mehr als letzte Saison sind es derzeit – keine Welt. Nur drei Tore weniger hat die Borussia kassiert, nur drei mehr geschossen – irgendwie erschreckend. Das letzte Spiel gegen Leverkusen wird am Ende nun doch wegweisender sein, als wir alle jemals gedacht hätten. Es geht darum, mit Anstand aus einer Spielzeit zu gehen, von der man dachte, sie stünde nicht für einen, sondern gleich für drei Schritte nach vorne. Falls die Borussia sich nun nicht aufrafft, könnte es jedoch heißen: Drei vor und zwei zurück. Hingehen werde ich dann trotzdem jede Woche. Keine Frage. Auch ohne Spargel, Lachs und Legendenbesuch.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 30. Akt. Danteschön

Gladbach 2:0 Frankfurt – das schönste Lied der Saison, ein ungeträumter Traum, kein Pferdepflug aus dem 19. Jahrhundert und ein bestochener Reus.

Fast zwei Jahre ist es jetzt her, dass die Borussia den direkten Wiederaufstieg gepackt hat. Und ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, der für mich damals insgeheim der größte der ganzen Saison gewesen ist. Gemeint ist nicht das 7:1 in Offenbach, nicht das Spiel der Gewissheit gegen Wehen, nicht die Aufstiegsfeier gegen Freiburg. Es war der 28. Spieltag, als Gladbach mit 3:0 gegen Fürth gewann. Marko Marin erzielte die ersten beiden Tore seiner Profikarriere, beide wunderschön. Oliver Neuville gelang sogar noch ein schönerer Treffer, was 37 000 Zuschauer angesichts von neun Punkten Vorsprung auf Rang vier in Sicherheit wiegen ließ, dass alles, aber auch wirklich alles gut werden würde.

Und was machen Fans eines Zweitligisten, der sich nur noch selbst an der Rückkehr ins Oberhaus hindern kann? Sie singen ein Lied. Ein Lied, das nur aus vier Wörtern besteht. Ein Lied, in dem all die Erleichterung steckt, ein unliebsames Abenteuer im Unterhaus zu einem guten Ende zu führen. Ein Lied, das kurioserweise am allerschönsten ist, wenn man es niemals singen muss: „Nie mehr Zweite Liga! Nie mehr, nie mehr, nie mehr!“

Letztes Jahr dauerte es bis zum 32. Spieltag, dass überhaupt jemand den Mut hatte, sich die Abstiegsangst auf die schönste aller Arten von der Seele zu singen. Dante hatte vier Tage nach Colauttis Ekstase-Tor gegen Schalke das Auswärtsspiel gegen Cottbus in der Nachspielzeit entschieden. Rund 3000 Borussen fingen an, dran zu glauben, und posaunten ihren Optimismus in den Lausitzer Abendhimmel.

Marco Reus: Wider die Marin-Vergleiche

Vergangenen Freitag läuft die Schlussphase, wir schreiben diesmal den 30. Spieltag, als rund 48 000 Zuschauer abzüglich einiger Frankfurter die oben beschriebene Gewissheit überkommt – „nie mehr Zweite Liga“. In München, zumindest beim FC Bayern, werden sie dieses Lied noch nie gesungen haben. In Hamburg wird man sich selbst vor ein paar Jahren, als der HSV nach 21 Spieltagen noch auf dem letzten Platz stand, aufs Verdrängen verlegt haben. Der jeweilige Zeitpunkt, seinem Optimismus freien Lauf zu lassen, sagt auch immer etwas über die Mentalität von Vereinen und Fans aus. In der Spielzeit des Gladbacher Wiederaufstiegs war man sich in Köln zum Beispiel kurz vor der Winterpause sicher, „nie mehr“ in die „Zweite Liga“ zu müssen.

Bis zum ersten Freudentaumel dauert es gegen die Eintracht nur sechs Minuten. Karim Matmour jongliert den Ball auf seiner Nase wie ein Exemplar der Tierspezies, die der Bundesliga derzeit von München aus das fürchten lehrt (nein, kein Butt). Und zynisch wie man als Fan bei Aktionen dieser Art so ist, geistern einem schon Gedanken durch den Kopf, in denen es um Artisten und Zirkusse geht. Doch Matmour bereitet der Vorstellung schnell ein Ende. Über Marx und Bradley landet der Ball blitzschnell bei Bobadilla, der Nikolov überlupft. Kurz vor der Torlinie widerlegt Marco Reus dann endgültig jegliche Ähnlichkeiten mit Marko Marin, die ihm nachgesagt werden. Gegen Chris erwischt der 20-Jährige den besseren Absprung und vollendet mit dem Kopf, was Bobadilla sehenswert eingeleitet hat. Man könnte meinen, Reus hätte danach vor lauter Erleichterung sogar eine neue Frisur gehabt, seinen Namen in Martin umgeändert, aus seiner Rückennummer eine 87 gemacht und 17 Kilo zugelegt. Wie auch immer: Gladbach führt mit 1:0 und jubelt über ein Tor der Marke „ganz früh, ganz wichtig“.

Eine Woche zuvor hat die Eintracht noch ernsthafte Europacup-Ambitionen angemeldet. Nun wirkt die Borussia so, als ginge es darum, mit dem Gegner durch einen Sieg die Plätze zu tauschen. Wir wissen, dass nach diesem System sogar Österreich einmal Weltmeister war. Wir wissen deshalb auch, dass es ziemlich unrealistisch ist. Vorerst muss eine andere Taktik her, um den ersten Europacupeinzug für die „Elf vom Niederrhein“ seit 14 Jahren so unverhofft herbeizuführen wie Schnee im Juli. „Fairplay-Wertung“ lautet das Stichwort, das in den vergangenen Jahren schon mehrfach durch Borussia-Park und Bökelberg geisterte. 2002 hatte der VfL kein Losglück, 2007 kaufte man in der Winterpause Steve Gohouri, woraufhin der stete Fall in der Fairplay-Wertung besiegelt war.

Diesmal liegt Gladbach nach 30 Spieltagen auf dem zweiten Rang, punktgleich mit dem SC Freiburg. Der Erste, der FC Bayern, wird sich für die Champions League qualifizieren, Dortmund und Bremen aller Voraussicht nach für die Europa League. Dem 1. FC Nürnberg ist man bereits ein wenig enteilt. Behält Deutschland seine gute Position in der europaweiten Wertung und setzt Jogi Löw sich nicht allzu vehement für den vermutlichen Absteiger in spe ein, den SC Freiburg, dann könnte ein Traum wahr werden, den bisher niemand geträumt hat.

Pioniergefühle für Daems – Problemkind Bobadilla

Dass sie fair und ohne böse Fouls scheinbar am besten spielt, beweist die Borussia bereits in Hälfte eins. Frankfurt gelingt so viel wie einer Amateurmannschaft am Mittag nach der Weihnachtsfeier. Hinten sorgt das für viel Gelassenheit. Wobei es in einer Abwehr mit Dante ja durchaus immer gelassen zugeht. Vorne wirbelt das Laissez-faire in Person von Raúl Bobadilla, der mit einem sehenswerten Schlenzer beinahe das 2:0 erzielt. Später wird sich zeigen: Der Mann ist keiner für die leichten, sondern einer für die schweren Dinger. Mit Juan Arango entledigt sich derweil ein anderes Sorgenkind seiner und vor allem unserer Sorgen. Nachdem „Aranstand“ zuletzt viel besser als Nachname zu ihm gepasst hätte, nimmt er diesmal die Zweikämpfe an und beackert die linke Seite nicht mehr so behäbig wie mit einem Pferdepflug aus dem 19. Jahrhundert. So soll es sein.

In den ersten Minuten nach der Pause hat Frankfurt noch immer keinen Wind vom geplanten Platztausch mit der Borussia bekommen. Stattdessen pflügt Chris in der 56. Reus um, als habe er sich Arangos Hightech-Pflug geliehen. Während Reus am Spielfeldrand behandelt wird, darf Gladbachs Venezolaner sich zur Belohnung den Ball zum Freistoß zurechtlegen. Dante steht in der Mitte „sträflich frei“, vermerkt der „Kicker“. Mit seinem dritten Saisontor überholt der Brasilianer doch tatsächlich Lukas Podolski. Bei den Top-Funden zum Suchbegriff „sträflich“ geht es bei Google übrigens um asiatische Autobauer, Kindstode, vernachlässigte Stammkunden und den Straßenbau. Sportthemen tauchen erst vorne auf, wenn man ein „frei“ hinzufügt. Diese Sprache ist wie Privatfernsehen am Nachmittag: Grausam, aber man kann es trotzdem nicht sein lassen.

Die Eintracht tritt so überraschend schwach auf, dass sich selbst Borussenfans nach einer Stunde sicher fühlen. Die Nordkurve greift so tief in die Liederschublade, dass die Angst um sich greift, beim nächsten Tor könnte „Die Hände zum Himmel“ als Jingle ertönen. Nur vier Minuten nach Dantes 2:0 hat Bobadilla den nächsten Treffer auf dem Fuß. Auf links ist Daems erst von Arango auf die Reise geschickt worden und bekommt dabei nach langer Offensivabstinenz durchaus Pioniergefühle. Dann gibt er dem Borussia-Park mit einem lässigen Hackentrick das Gefühl, der VfL sei unerlaubt auf dem Transfermarkt aktiv geworden. Aber Bobadilla macht allein vor dem Tor deutlich, dass das nicht der Fall war, jedoch dringend geschehen muss.

Da das Spiel entschieden ist und man sich intensiv mit anderen Dingen beschäftigen kann, entflammt die vergebene Großchance des Argentiniers lebhafte Diskussionen auf den Rängen. Die einen wollen ihn direkt wieder verkaufen. Andere wollen ihm noch eine Chance geben, glauben aber nicht an den Durchbruch. Und eine Fraktion von erheblicher Größe ist fest davon überzeugt, Bobadilla werde uns schon bald so viel Freude bereiten wie eine Carrerabahn einem Achtjährigen zu Weihnachten. Verkaufen: Blödsinn, finde ich. Durchbruch: Derzeit nur schwer vorstellbar, finde ich. Die fußballerischen Fähigkeiten von Bobadilla sind unumstritten. Bislang war er am erfolgreichsten, wenn er mannschaftsdienlich und geradlinig spielte. Da das viel zu selten passiert, scheint der 22-Jährige eher an einer mentalen Blockade zu leiden. Für einen, der sich seit 2006 in deutschsprachigen Gefilden aufhält, dürften Eingewöhnungsprobleme zudem längst keine Rolle mehr spielen. Zumal er seine Eltern ja immer auf der Brust bei sich hat. Fest steht: Bobadilla ist eine Baustelle. Fest steht aber auch: Mindestens ein Jahr mit unermesslicher Geduld sollte man ihm noch geben. Schließlich haben wir schon Skoubo, Heinz, Kahê und Rafael überlebt – auch wenn es knapp war.

Heile Welt im Borussia-Park

In der verbleibenden Spielzeit hat der Gegner aus Hessen nichts dagegen, dass die Partie das Motto „Was fürs Torverhältnis tun“ erhält. Doch anscheinend ist Marco Reus von Roel Brouwers bestochen worden. Mit seinem siebten Saisontor hat er den Niederländer nämlich eingeholt. Falls Brouwers zwar keine Torprämie, dafür jedoch eine für den ersten Rang in der internen Torjägerliste im Vertrag stehen hat, würde etwas Schmiergeld Sinn ergeben. Also tankt sich Reus erst mit marin’esker Geschwindigkeit durch die Abwehr, um dann an Oka Nikolov zu scheitern. Kurz darauf will er den Mazedonier nach einem Arango-Pass der Superlative lässig überlupfen. Doch der dienstälteste Frankfurter, fast so lange im Verein wie Marco Reus auf der Welt, hat keine Lust, ein „Tor des Monats“ zu fangen.

Fast im gesamten Verlauf der zweiten Halbzeit hat sich der 35-Jährige zudem die üblichen Schmährufe anhören müssen, denen Torhüter in nur wenigen deutschen Bundesligastadien entgehen. Nikolov stellte sich nach einem vermeintlichen Zusammenprall mit Bobadilla tot und attackierte den Argentinier vehement, als der Ball im Aus war. Wenn es keine Fairplay-Wertung zu gewinnen gäbe, würde ich sagen, die Pfiffe hat er sich redlich verdient. Nach dem Spiel flogen übrigens keine Flaschen in die Nordkurve.

Außerdem ist der Borussia-Park ab einem gewissen Zeitpunkt viel zu sehr damit beschäftigt, den So-gut-wie-Klassenerhalt zu feiern. Da vergisst die Kurve ab der 83. Minute sogar regelmäßig das Pfeifkonzert für den Eintracht-Keeper. Kurz vor dem Ende bekommt Bobadilla noch die nächste Gelegenheit, sein viertes Saisontor zu erzielen. Ob „Die Hände zum Himmel“ wirklich ertönt wäre, werden wir jedoch nie erfahren. Anstatt einen der beiden Mitspieler neben ihm zu bedienen, schließt Bobadilla den Konter alleine ab und trifft nur das Außennetz. An einem rundum gelungenen Abend ist er der einzige Reibungspunkt weit und breit. Sechs Torschüsse hat er abgegeben, einige davon so aussichtsreich wie ein 6er im Lotto bei 49 angekreuzten Zahlen – doch am Ende ging er, wieder einmal, leer aus.

Von einer ziemlich heilen Welt im Borussenland zeugen jedoch die Ereignisse nach dem Spiel. Die Nordkurve bitte Bobadilla zum Tanz – weil sie die Hoffnung auf den Durchbruch noch nicht aufgegeben hat. Dann gibt sie ihm, wie bestellt, erst „eine H“, dann „eine U“, „eine M“, „eine B“ und schließlich „eine A“. Fertig ist die „Humba“ zum Klassenerhalt. Gewinnt Freiburg am kommenden Spieltag nicht und holt Hannover bei den Bayern keinen Punkt, dann ist der Ligaverbleib auch auf dem Papier perfekt.