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Gladbach – Nürnberg: Diesälbe Scheiße

1:1 gegen den 1. FC Nürnberg – 1:1 Idrissou (31.)

Nun hat das Kind doch einen Namen bekommen. 2008/2009 wurde die “Mission 40″ mit dem Klassenerhalt tendenziell erfüllt, “Im Zweiten” wurde es 2009/2010 wirklich “besser”. Und jetzt: “Es führt ein Weg nach Irgendwo”. Wo genau das liegt, werden wir sehen. Knapp nördlich von Platz 12 wäre schwer in Ordnung.

„Lebenslang“ – länger geht’s nicht. Bekanntlich muss in Deutschland kein Straftäter, der dieses Urteil erhält, automatisch bis ans Ende seines Lebens einsitzen. Ähnlich wird es hoffentlich im Borussia-Park sein. Denn erst, als ich das kleine Schildchen mit meinem Namen auf meinem Sitz erblicke, wird mir klar, dass ich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen dieser „Lebensdauerkarte“ in etwa so gut durchgelesen habe wie damals die Texte im Religionsunterricht der Oberstufe.

Meinen vermeintlichen Wohnort haben sie ebenfalls unter dem Namen eingraviert. Wobei „Willich“ seit einem Jahr bestenfalls Zweitwohnsitz ist. Letztendlich wird es jedoch effektiv den Vandalismus im Borussia-Park eindämmen, dass dort nicht „Dortmund“ steht. Ansonsten ist im Block alles beim Alten – die Sitznachbarn, die Atmosphäre, das Wohnzimmer-Gefühl.

“Die Seele brennt”

103 Tage Abstinenz haben ein Ende und ein Hauch von Champions-League liegt in der Luft. Dass es da erst 15:26 Uhr ist und die Herrlichkeit nur zehn Minuten anhält, muss man ja nicht so laut erzählen. Zum 110-Jährigen macht die Nordkurve ihrer Borussia ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk – eine Choreo vom Allerfeinsten. Damit nichts schief geht, sind im Stadion Flyer verteilt und Plakate aufgehängt worden. Inmitten eines schwarzen Pappmeeres werden im Unterrang die vier Logos der Vereinsgeschichte gehisst. Im Oberrang wird zwischen weißem Zeichenblockpapier in Übergröße an die Gründungszeit und die größten Erfolge erinnert.

„Die Seele brennt“ hallt es durch den Borussia-Park. Und jeder, der in einem Fußballstadion schon einmal Gänsehaut in Ausmaßen eines Tennisballes, einen Kloß im Hals und feuchte Augen bekommen hat, der weiß, wie sich solch eine brennende Seele anfühlt. „Du, die Sonne unserer Heimat“ – mutet sehr pathetisch an, aber wer den Niederrhein kennt, der weiß, dass das Wetter hier wirklich besser ist, wenn es für die Borussia läuft. Die Regenmenge ist übrigens ganz ordentlich. Weiter heißt es im Lied: „Wenn dich einer fragt, woher Du kommst, dann sag‘ ,Borussia‘.“ So ist es eben. Diese „City near Düsseldorf“ kennt in Spanien, Italien und England niemand. Sehr wohl aber einen Fußballverein namens Borussia Mönchengladbach.

Nach so viel Gänsehaut, Pathos und Vergangenheitshudelei kommt der Boden der Tatsachen schneller als gedacht. Er heißt Hegeler und trägt ein weinrotes Trikot. Der VfL hat ordentlich begonnen, früh das Heft in die Hand genommen. Doch die Führung für Nürnberg kommt nach einer Viertelstunde nicht unverdient. Pinola, Ekici und Gündogan haben zuvor bereits Bailly und den Pfosten geprüft, als Hegelers Kopfball im langen Eck einschlägt. Keine Chance für Bailly, sehr wohl aber für Brouwers, der unter Judts Flanke durchsegelt wie ein Drachen, der im Kunst- und Textilunterricht nur eine 4+ bekommen hat.

Idrissou: Doch ein Knipser?

Ginge es nach meinen stets präzisen und wohlfundierten Vorhersagen, würde das 1:0 für den „Club“ gleichzeitig das Endergebnis bedeuten. Schließlich hat der Wechsel von Mo Idrissou vom SC Freiburg an den Niederrhein so manch ein Fragezeichen auf meine Stirn gezaubert. Ein 30-Jähriger mit dürftiger Torquote, der mal öffentlich äußerte, keinen Bock mehr auf seine minderbemittelten Mitspieler im Breisgau zu haben? Sollte der uns wirklich weiterbringen? Wer Idrissous Dreierpacks gegen Luxemburg und Union Berlin gesehen hat, der glaubt schon eher dran. Wer von seinem Treffer in Aue gehört hat, der beginnt, noch mehr zu hoffen. Und wer in der 31. Minute beobachten darf, wie er nach Pass von Marco Reus gleich mehrere Nürnberger zu Litfaßsäulen degradiert, den überkommt ein Gefühl, das bei Gladbacher Neueinkäufen für den Sturm schon längst verloren schien. Ein Knipser? Im Borussia-Park? Man würde es so gerne glauben. Abwarten. Erstmal.

Damit auch wirklich alles klappt: Genauste Anweisungen zur Durchführung der Choreo.

Daems mit einem Linksschuss und Bradley mit einem Heber katapultieren die Kreativität und Entschlossenheit im Gladbacher Spiel kurzzeitig auf Kunst-Leistungskurs- und Lumberjack-Niveau in Personalunion. Dann ist Pause und der zuvor schon unruhige Borussia-Park einigermaßen beschwichtigt.

Ich gönne mir ein Eis in der Halbzeit, zur Feier des Sommerfußballs. Kurz muss ich es mir jedoch ans Ohr halten, weil in Hälfte eins schräg hinter mir die Cholerik ein ungeahntes Comeback gefeiert hat. Die Stimmung bei Saisonauftaktspielen hat Frank Goosen einst mehr als treffend in Worte gepackt: „Es dauert fünf Minuten im ersten Heimspiel, da schreit der Typ vor mir im Stadion: ,Dat is‘ doch diesälbe Scheiße wie inner letzten Säsong!“ (Das Video dazu – sehenswert!) Ähnlich lässt der Sportsfreund in Reihe 13 seinem Unmut über eine eher dürftige Leistung freien Lauf. Mein Trommelfell und ich verkriechen uns bis zum Wiederanpfiff in ein Stoßgebet, dass der an für sich unscheinbare Mittvierziger keine Dauerkarte hat. Zuhause gibt der Blick in den Ticketshop Entwarnung: Er ist Tageskartenbesitzer. Kein Wunder. Denn solch ein Tempo und solch eine Lautstärke würde er wohl kaum bis zur Winterpause durchhalten. Das wird ihm sein Hausarzt schon erzählen.

Abseitsfestival der Borussia

Zum Glück bieten die ersten Minuten nach der Pause kein gefundenes Choleriker-Fressen. Die Borussia weckt kurzzeitig Erinnerungen an vergangene Saison (was für Außenstehende jetzt so klingen mag, als sei sie damals ins Champions-League-Endspiel vorgeprescht). In der Folgezeit ist es nur Schiedsrichter Gagelmann, der den Unmut der 42 000 auf sich zieht. Dreizehn Mal stellen er, seine Assistenten und die Nürnberger Viererkette die Borussia ins Abseits. Zeitweise hat man das Gefühl, Idrissou, Matmour und Co. würden es sogar bei Eckbällen und in der eigenen Hälfte fertigbringen, näher am Tor zu stehen als der vorletzte Gegner. Doch wie es aussieht, liegen Gagelmanns Assistenten stets richtig.

Nach 64 Minuten kommt Bobadilla für Matmour, der nach einer non-existenten Leistung mit überraschend begeistertem Applaus bedacht wird. Unter Umständen können die Zuschauer ihren Beifall als Spende von der Steuer absetzen. Der wieder genesene Argentinier macht es jedoch wenig besser. Schäfer lässt einen Schuss nach vorne abprallen. In einer an für sich geschmeidigen Bewegung legt Bobadilla den Ball am Nürnberger Keeper vorbei – um ihn dann aus der Luft und sieben Metern Entfernung beinahe ebenso hoch übers Tor zu setzen. Die Fahne des Linienrichters bewahrt ihn, zu seinem Glück, vor der Favoritenrolle beim Nicht-Tor des Jahres.

Ein Schuss von Bradley bringt die Borussia derweil nah ans Siegtor. Der Amerikaner, mit einer bärenstarken WM in Südafrika, und Kollege Marx auf der Doppelsechs schlüpften allzu häufig in die Rolle des jeweils anderen. Marx versucht, in der Offensive Impulse zu setzen, während Bradley meist den Ball von der tiefstehenden Innenverteidigung annimmt. Ohne die Energie von Reus, der es sich auf seiner rechten Außenbahn allzu oft allzu gemütlich macht, verpuffen viele Angriffe. Auf der Gegenseite heißt das Duell plötzlich Bunjaku gegen Bailly, das Gott sei Dank mit einem belgischen Sieg endet. Um ein Haar wäre der Saisonauftakt völlig in die Hose gegangen.

Wenn das Vorspiel besser ist als der Sex

Ansonsten ist die Borussia weitaus näher dran am zweiten Treffer. Der eingewechselte Herrmann legt sich den Ball auf den linken Fuß, der Einschlag im Winkel ist schon vorbereitet – doch Torwart Schäfer hat beileibe nicht nur beim Zeitschinden ein glänzenden Tag erwischt. So endet das erste Spiel der neuen Saison eher mit einer Enttäuschung.

Schon gegen Liverpool hatte das Geschehen vor dem Spiel mit der Live-Version von „You‘ll never walk alone“ mehr zu bieten als die gesamten 90 Minuten. Assoziationen, die die Wörter “Vorspiel” und “Sex” enthalten, bieten sich an. Nun trotte ich erneut zum Bus und habe das Gefühl, die Momente vor dem Anpfiff – mit Choreo und „Die Seele brennt“ – hätten das Leben mehr bereichert als das, was anschließend folgte. Die deutlichste Erkenntnis des Tages folgt wiederum erst auf dem Nachhauseweg. Die Shuttle-Busse kommen so schleppend an wie die meisten Angriffe der Borussia. Ist eine Mannschaft also doch nur so gut wie das ÖPNV-System ihres Vereins?

Wühltisch (3) – aus den Fanshops dieser Welt

In Gladbach hat die Verrücktheit das nächste Level erreicht.

Quelle: Borussia E-Shop

Vorbei sind die Zeiten, als noch ein Raunen durch jede Gesprächsrunde ging, wenn jemand beichtete, sich jetzt eine Zahnbürste im Design seines Herzensklubs zugelegt zu haben. Wer in den neuen Katalog der Borussia schaut, dem hakt beim Blick auf Seite 145 glatt der Kiefer aus. DN 600, Klasse B 125 kN, Vollguss ohne Betonanteil – was ein Exemplar von Gullydeckel. 199 Euro kostet das gute Stück, das manch eine friedliche Wohngegend bald in einen Hort für Nachbarschaftsstreitigkeiten verwandeln könnte. Vielleicht erbarmen sich Kölner, Schalker und Dortmunder ja und übernehmen die 25 Euro Versandkosten.

Vielen Dank an Stamm-Kommentator Si für den Hinweis!

Das Ende des Zaubers

Chucks, Jeans, V-Ausschnitt – den Mut zur Eigenwilligkeit in Form von Schnäuzern und Vokuhilas haben die Profis von heute längst verloren. Es regiert die Eintönigkeit. Wobei sie nicht einmal etwas dafür können.

Es gibt einen neuralgischen Punkt im Leben eines Fußball-Fans. Denn irgendwann kommt der Tag, an dem ein Spieler für den Klub des Herzens aufläuft, der jünger ist als man selbst. Fast zwei Jahre liegt dieser Knackpunkt nun schon hinter mir. Am 29. November 2008 debütierte Tony Jantschke für Gladbach in der Bundesliga.

Kinder und Jugendliche neigen dazu, besonders zu heroisieren. Man stellt sich eine Stunde lang in eine Schlange, damit ein Spieler, der für 1,2 Millionen Euro von irgendeinem mittelmäßigen Verein aus Belgien kam, seine Unterschrift auf den Rücken des Trikots setzt. Seine Unterschrift, von der er selbst wohl nicht einmal weiß, wie das kryptische Gekritzel einst zustande kam. Auf der Saisoneröffnung durchbricht der Puls bereits die Schallmauer zur Dreistelligkeit, wenn sich der Neueinkauf aus Paraguay auch nur drei Meter neben einem bewegt, man ihm beim Foto womöglich den Arm über die Schulter legt.

Irgendwann ist das vorbei. Das ist auch gut so. Was nicht heißt, dass es schlecht war, als es noch anders war. Irgendwann im Alter von 18 oder 19 Jahren, wenn einen der Hausarzt schon lange siezt und die Bäckersfrau gerade damit begonnen hat, gewinnt die sportliche Komponente des Fanlebens an Bedeutung. Doppelsechs statt Autogrammkartensätze, vertikaler Fußball statt in die Horizontale zu gehen, wenn der 26-Jährige Mittelfeldspieler aus Skandinavien Bälle auf die Tribüne schießt.

Gestern Abend war wieder so ein Moment der Entzauberung. Ich stelle gerade das Auto im Parkhaus ab, in 30 Minuten beginnt der Film zum 110-jährigen Vereinsjubiläum der Borussia, als eine Gruppe junger Männer in meinem Alter um die Ecke biegt. Ohne Trikot und Stutzen dauert es sagenhafte drei Sekunden, bis ich realisiere, wer da gerade geparkt hat. Man muss hinzufügen: Der junge Profifußballer im Jahr 2010 ist in zivil beileibe nicht leicht zu erkennen. Irgendwo in der Stadt muss es einen Laden geben, in dem sie alle ihre Klamotten kaufen, einen H&M für Jungprofis, in den ein eigener Friseursalon integriert ist, der sich auf einheitliche Haarschnitte spezialisiert hat. Marco Reus, Tony Jantschke, Fabian Bäcker – Stammkunden.

Der Jungprofi 2010 trägt Chucks, dazu eine Jeans mit mindestens einem Loch und vorzugsweise ein T-Shirt mit V-Ausschnitt. Bei mir: keine Chucks, womit ich jedoch ziemlich alleine bin. Im Kleiderschrank: Moment, kein V-Ausschnitt, auch eine Seltenheit. Bei den Hosen: Ok, da ist doch tatsächlich ein Loch – weil ich, ungeschickt wie eh und je, letztens an einem Zaun hängen geblieben bin. Reus, Bäcker und Co. sind es nicht, die die Individualität haben sterben lassen. Sie geben nur fein gefiltert wider, dass sie irgendwo anders gestorben ist – oder auch gestorben wurde.

Juan Arango und Raúl Bobadilla haben deshalb an Sympathie gewonnen, als sie Mittwochabend ins Kino spazierten. Arango sah aus, als sei er noch immer verärgert darüber, dass Javier Bardem damals die Rolle im Coen-Meisterwerk „No Country for Old Men“ erhielt. Und Bobadilla: Der trug Flip Flops zur kurzen Jeans, wie man im Sommer eben so ins Kino geht.

Die Ironie dieses Abends ist es ja, dass ich behaupte, mein Fandasein sei sportlicher geworden, seitdem es Spieler gibt, die nicht nur einen Kopf kleiner, sondern auch jünger sind als ich. Die ich beim Zivildienst eingearbeitet hätte, wenn sie meine Nachfolger beim freudigen Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen gewesen wären. Und was geht mir nach dem Film, der im Übrigen dem zum 100-Jährigen ähnelte und ansonsten lediglich um den Stadionneubau bereichert wurde, nicht aus dem Kopf? Bilder 20- bis 23-jähriger Fußballer, denen der Mut zum Eigenwilligen scheinbar völlig abgeht. Es muss ja nicht immer Mike Werner sein, kein Vokuhila, kein Schnäuzer. Aber vermutlich können die Jungs nicht einmal etwas dafür – sondern geben die Welt nur wieder, wie sie eben ist.

Im Zweiten wird’s wohl besser: Saisonrückblick – Die Rückrunde der Borussia

Im Prinzip ist es ganz einfach, das Wechselbad einer Saison in Worte zu fassen. Man blickt einfach zurück und sieht sich an, was man im Laufe von 34 Spieltagen nicht alles in die Tasten gehauen hat. Dabei offenbart sich ebenso Hanebüchenes wie hellseherische Fähigkeiten. Heute im zweiten Teil des Saisonrückblicks: die Rückrunde der Borussia im Schnelldurchlauf.

18. Spieltag: Gladbach 1:2 VfL Bochum

„Fazit des Wochenendes: Neben Schnaps wirken intensive Ablenkung und nervliche Anspannung effektiv gegen ‘Hibbeligkeit“. Sabine Töpperwien bringt selbst nach Bad Hersfeld eine Schippe Leben. Hessen sind im Radio zu patriotisch. Und Bochum ist, nach mittlerweile mehr als 12 Jahren ohne Gladbacher Sieg, ein wahrer Angstgegner.“

19. Spieltag: Hertha BSC Berlin 0:0 Gladbach

„Man darf auch durchaus zu spät sein beim Nachschuss, weil entweder der Ball zu schnell von vorne oder der Gegner zu schnell von hinten herangerauscht kommt. Die Toleranz wird jedoch mindestens so schwer strapaziert wie bei einem Betrunkenen, der in die U-Bahn uriniert, wenn für den Nachschuss so viel Zeit bleibt wie für eine ganze Buntwäsche oder eine Fahrt von Frankfurt am Main nach Würzburg (über Landstraße, wohlgemerkt). Und außerdem: Von Juan Arango hätte man erwartet, dass er Elfmeter etwas kreativer verschießt. Manchmal da versagt man selbst beim Versagen.“

20. Spieltag: Gladbach 4:3 Werder Bremen

„Da gegen Bochum beim Stand von 3:0 eine ganze Halbzeit vor der Brust noch viel zu lang war, macht sich nach 18 Minuten mindestens so viel Unbehagen wie Glückseligkeit breit. Vor 32 Jahren beim legendären 12:0 gegen Borussia Dortmund hatten die ‘Fohlen’ fünf Minuten weniger für die ersten drei Treffer benötigt. Ziemlich schwach also, was der VfL gegen völlig desorientierte Bremer zeigt.“

21. Spieltag: FSV Mainz 05 1:0 Gladbach

„Gladbach wie es sinkt und keiner lacht: Ich muss zugeben, dass das anstehende Karnevalswochenende eher die Vorlage für diese Überschrift gegeben hat als die Gladbacher Leistung in Mainz. Denn so apokalyptisch war es beileibe nicht. Womit wir jedoch auch schon beim Hauptkritikpunkt wären: Mal wieder hat die Borussia dominiert, mal wieder hat sie sich Chancen erspielt, für die man beim Mitzählen beinahe auf seine Zehen zurückgreifen muss – mal wieder steht sie mit leeren Händen da.“

22. Spieltag: Gladbach 2:1 1. FC Nürnberg

„Also halten wir einfach fest, dass wir im Grunde sowohl drei Punkte als auch sehenswerte Leistungen wollen. Da der VfL ein Verein ist, der im letzten Jahr nur dem Abstieg entging, weil die anderen ihm mit 31 Punkten einen Bundesliga-Rekord ermöglichen wollten, bleiben wir jedoch völlig un-kölsch. Nämlich bescheiden. Drei Punkte und sehenswerte Leistungen müssen sich innerhalb von 90 Minuten nicht immer überschneiden – solange wir bis zum Saisonende jeweils einen zufriedenstellenden Teil von beidem bekommen.“

23. Spieltag: 1899 Hoffenheim 2:2 Gladbach

„Am Bahnhof Hoffenheim steigen zwölf Leute in die S-Bahn, immerhin die Hälfte outet sich als Stadiongänger. Unser Weg führt zur wohl größten ebenen Fläche des Dorfes: zum Dietmar-Hopp-Stadion. In der Bäckerei Krotz ist das Vorglühen bei Rosinenschnecken und Latte Macchiato bereits in vollem Gange. Maskottchen Hoffi, der leibhaftige Elch, sitzt etwas apathisch im Stuhl daneben und beobachtet das Treiben mit einem Blick wie Veilchendienstag.“

24. Spieltag: Gladbach 1:1 SC Freiburg

„Gladbach war Elfter der Hinrunde, steht in der Rückrundentabelle auf Rang zehn – und ist insgesamt dennoch nur Zwölfter. Gerade hat die Borussia drei Spiele in Folge nicht verloren, gleichzeitig jedoch zwei Dreier hintereinander liegen gelassen. Vorne trifft sie am achthäufigsten, bekommt hinten die sechstmeisten Tore. Logisch, dass auch das Torverhältnis pures Mittelmaß ist. Elf Mannschaften haben mindestens einen Torjäger in ihren Reihen, der mehr Treffer auf dem Konto hat als Gladbachs bester – Roel Brouwers, ein Abwehrspieler. Diese Saison ist so merkwürdig wie sie gleichzeitig schon wieder normal ist. Auf der einen Seite mit tollen Momenten, auf der anderen genauso mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln ausgestattet.“

25. Spieltag: Borussia Dortmund 3:0 Gladbach

„Nachdem Schiri Michael Weiner um halb sieben anpfeift, vergehen knapp drei Stunden, bis ein Stück gebackener Feta-Käse beim Griechen das nächste Highlight bringt. Gut 70.000 Dortmunder werden diese Ansicht vielleicht nicht teilen, weil sie erstens einen 3:0-Sieg ihrer Mannschaft erleben und sich zweitens nach dem Spiel nicht für ein Glas Ouzo und eine Kreta-Platte entscheiden. Aus Gladbacher Sicht steht jedoch fest: Die Borussia hat einen Tag erwischt, den man nicht einmal als grausam, unterirdisch oder – ganz nüchtern – schlecht bezeichnen kann. Denn nach 90 Minuten dominieren ernsthafte Zweifel, ob es diesen Tag jemals gegeben hat.“

26. Spieltag: Gladbach 0:4 VfL Wolfsburg

„Michael Frontzeck sprach den Fans im Nachhinein ein Lob aus, dass sie so ruhig geblieben seien, während das Unheil seinen Lauf nahm. In der Tat kam das Pfeifkonzert nach dem Spiel höchstens einer ruhigen, gemächlichen Ouvertüre gleich. Wobei der Trainer bei seiner Bewertung eine kleine Eigenheit der Zuschauerdynamik übersehen hat: Denn noch schlimmer als ein gellendes Pfeifkonzert ist in der Regel gar kein Pfeifkonzert. Stille nach einem 0:4 spricht nämlich dafür, dass schlichtweg niemand mehr da war, um seinem Unmut mit Fingern zwischen den Lippen freien Lauf zu lassen. Ähnlich war es am Samstag.“

27. Spieltag: 1. FC Köln 1:1 Gladbach

„Wir machen uns etwas enttäuscht auf den Weg. Denn zu feiern gibt es trotz des ersten Punktegewinns nach 0:7 Toren aus zwei Spielen für uns nichts. Es überwiegt die Wut über ein mageres Unentschieden gegen eine Mannschaft, die deutlich gezeigt hat, warum die Stimmungslage im polarisierenden Köln derzeit nur aus Schwarz und keinem bisschen Weiß besteht. Draußen ist es wieder völlig ruhig. Doch diesmal trügt die Stille nicht. Wir dürfen durch eine kleine Schleuse in einer Barriere aus Dutzenden Polizisten raus in die Freiheit. ‘Platzsperre’ lese ich auf einem Schild an der berüchtigten Wiese und frage mich, wann diese Reißleine wohl zum ersten Mal gezogen wird.“

28. Spieltag: Gladbach 1:0 Hamburger SV

„Fußball-Fans haben ja generell den Eindruck, sie seien der Mittelpunkt der Welt. Nicht alle zusammen, sondern jeder für sich selbst. Man steht nicht auf dem Platz. So weit wird es auch nicht mehr kommen, weil zwar alle wissen, dass der Linksverteidiger mit einem 30-Meter-Ball die Seite wechseln müsste, es aber kaum jemand selbst auf die Reihe bringen würde. Und zuhause bekommen wir mangels Motorik kaum den Briefkasten auf. Trotzdem hat sich schon manch ein Fan zum Matchwinner aufgeschwungen – weil er statt der Bratwurst eine Laugenbrezel gegessen oder statt des linken Socken ausnahmsweise den rechten zuerst angezogen hat.“

29. Spieltag: VfB Stuttgart 2:1 Gladbach

„Mittlerweile hat man sich schon so an die verschenkten Punkte gewöhnt, dass man ihnen zwar nachtrauert, nicht jedoch tagelang mit einem Gesicht durch die Gegend rennt wie eine fleischgewordene ‘Schmach von Córdoba’. Letzten August gab ich den Spielberichten dieser Saison den Titel ‘Im Zweiten wird’s wohl besser’. Verbunden damit war die vage Hoffnung, dass das zweite Jahr nach dem Wiederaufstieg tatsächlich mehr Punkte und damit mehr Ruhe bringen würde (schließlich steigen nur gut 25 Prozent aller Aufsteiger, die das erste Jahr überlebt haben, im darauffolgenden wieder ab).“

30. Spieltag: Gladbach 2:0 Eintracht Frankfurt

„Vergangenen Freitag läuft die Schlussphase, wir schreiben diesmal den 30. Spieltag, als rund 48 000 Zuschauer abzüglich einiger Frankfurter die Gewissheit überkommt – ‘nie mehr Zweite Liga’. In München, zumindest beim FC Bayern, werden sie dieses Lied noch nie gesungen haben. In Hamburg wird man sich selbst vor ein paar Jahren, als der HSV nach 21 Spieltagen noch auf dem letzten Platz stand, aufs Verdrängen verlegt haben. Der jeweilige Zeitpunkt, seinem Optimismus freien Lauf zu lassen, sagt auch immer etwas über die Mentalität von Vereinen und Fans aus. In der Spielzeit des Gladbacher Wiederaufstiegs war man sich in Köln zum Beispiel kurz vor der Winterpause sicher, ‘nie mehr’ in die ‘Zweite Liga’ zu müssen.“

31. Spieltag: Schalke 04 3:1 Gladbach

„Mein siebtes Auswärtsspiel war mein letztes für diese Spielzeit. Zwei Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlagen, Bus, Bahn, Auto, viele Kilometer – es hat sich häufig gelohnt. Nun muss ich mich jedoch entscheiden: Habe ich ein glückliches Händchen gehabt, nicht zu den neun anderen Spielen zu fahren, aus denen die Borussia genau einen Zähler holte (in Berlin)? Oder muss ich mich ärgern, nicht häufiger dabei gewesen zu sein? Wie auch immer, fest steht das Ziel, im nächsten Jahr von acht Auswärtsreisen berichten zu können.“

32. Spieltag: Gladbach 1:1 Bayern München

„Breitscheid dürfte auf der Bekanntheitsskala im Westen der Republik schon bald nach dem Kamener Kreuz kommen, Kaiserberg noch hinter sich lassen und auf der Beliebtheitsskala sehr weit unten rangieren. Während der Verkehr langsam völlig zum Erliegen kommt, ertönt im Radio ein enthusiastischer Schrei. Der Reporter in Berlin redet jedoch unverdrossen weiter. Ich bin mir schon sicher, dass innere Unruhe und pralle Sonne mein Hirn auf Stand-by gestellt haben, als die Verursacherin des Aufruhrs zu Wort kommen darf. Sabine Töpperwien ist nach 60 Spielminuten auf einmal meine beste Freundin. Marco Reus hat zum 1:0 getroffen, scheinbar ziemlich ansehnlich – und ich bin in einem ellenlangen Stau schlagartig der einzige, der sich lauthals freut (wer als Borusse mit mir zwischen Essen und Breitscheid gestanden hat, darf sich gerne dazuzählen).“

33. Spieltag: Hannover 96 6:1 Gladbach

„Nach der Pause spart Nils, völlig nachvollziehbar, an seinen Handy-Kosten und schickt nur noch eine SMS mit dem Inhalt: „5“. Ich weiß Bescheid und mache mir nicht einmal mehr die Mühe, innen nachzusehen, wie es diesmal passiert ist. Das 5:1 durch Patrick Herrmann geht es auf demselben Weg. Beim 6:1 scheint dann endgültig sein Guthaben aufgebraucht gewesen sein. Kann ja auch niemand ahnen, dass Hannover zum zweiten Mal in dieser Spielzeit sechs Tore gegen Gladbach erzielt.“

34. Spieltag: Gladbach 1:1 Bayer Leverkusen

„Für Oliver Neuville ist es also das Ende nach sechs Jahren Borussia-Park. Bereits 2007 gingen die letzten von Bord, die das Stadion an seiner Seite eröffnet haben. Keiner hat öfter dort getroffen als Neuville, keiner mehr Spiele absolviert. Deutschlandweit unsterblich gemacht hat ihn jedoch erst der 14. Juni 2006, als er in der Nachspielzeit des WM-Spiels gegen Polen in eine Flanke von David Odonkor rutschte und das Land im Kollektiv in Ekstase versetzte wie vielleicht kein anderer Moment der Nachkriegsgeschichte (nicht in dieser Konzentration, nicht mit dieser Reichweite und dieser Schnelligkeit). Jeder weiß, wie er das „Polen-Tor“ gefeiert hat, das mittlerweile als Synonyme für späte, wichtige und viel bejubelte Tore dient.
All das wird bleiben. Genau wie die Erinnerungen an eine Saison, in der sich eine Hoffnung aus dem August am Ende bewahrheitet hat: Denn im Zweiten wurd’ es wirklich besser.“

Morgen macht eine Exkursion in den Statistik-Dschungel den Abschluss.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 34. Akt: Olli

Gladbach 1:1 Leverkusen – die Morten-Debatte, drei Abschiede, Präsent mit Wirkung, Party mit Punkten, Arangos Serien, Tränen in den Augen, kein “H”.

Nach einer guten Stunde ist das Rätsel gelöst. Oder doch nicht? Ist der Fußballer auf dem Trinkbecher, etwas verpixelt von unzähligen Besuchen in der Spülmaschine, etwa doch nicht Morten Pedersen? Fünf Bundesligaspiele hat der Norweger in der Saison 97/98 für die Borussia gemacht. Vier davon hat sie verloren, dabei kein Tor erzielt – kein Wunder, dass Pedersen nach nur einem Jahr wieder in Richtung Norwegen aufgebrochen ist. Immerhin einen Trinkbecker haben sie ihm jedoch vor jener Saison gewidmet. Und genau dieser Trinkbecher bietet eine Stunde lang Diskussionsstoff bei der traditionsreichen Grillrunde vor dem letzten Spieltag, die Nils zum nunmehr ersten Mal ins Leben gerufen hat.

Um den Tisch sitzt ein halbes Dutzend mit Raute im Herzen. Der Becher kreist. Alle werfen einen Blick drauf, doch niemand blickt durch, wer da mit Armbändern am Handgelenk lässig einen Ball gegen seine Hüfte drückt und dabei lächelt, als habe er sich 34 Einsätze zum Ziel gesetzt. Das silberne Trikot verrät immerhin die Saison. Zum Glück war das ungute Stück an Hässlichkeit so schwer zu überbieten, dass die Borussia es nicht einmal eine ganze Spielzeit lang trug. Nach umfangreicher Kicker-, Fussballdaten- und Gedächtnisrecherche sowie einer Runde Ausschlussverfahren kann es nur einer sein: Morten Pedersen.

Bereits um 11 Uhr habe ich mit Adiletten an den Füßen und einer Flasche Bier in der Hand am Grill gestanden – welch ein Traum, mag sich jetzt manch einer denken. Nils hatte die Runde in der Nacht noch etwas erweitert, als er entfernte Bekannte einlud und ihnen sogar seine Dauerkarte als Pfand anbot, um sie zu überzeugen: Grillen, bei ihm, ab elf – kein Witz. Somit feiert die Saison 2009/2010 einen würdigen Abschluss. Und würdig ist bekanntlich alles, was es so noch nicht gegeben hat.

Also stehe ich um kurz vor halb zwei mit den Jungs im Zug nach Gladbach und mache mich auf zum letzten Akt, Nummer 34 gegen Bayer Leverkusen. Die Saison ist so schnell vorbeigeflogen, dass ich unter dem grauen Niederrhein-Himmel am Stadion das Gefühl habe, Karneval sei gerade vorbei – ein Indiz dafür, dass es weitgehend sorglos zuging im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg. Ich treffe Kerstin, bei der es am Ende so wenig sorglos zuging, dass mit den Meisterträumen auch ihre Tagebuchschreiberei frühzeitig ad acta gelegt werden konnte. Zehn Euro haben wir in die Waagschale gelegt. Bei einem Unentschieden würden wir uns gegenseitig feierlich einen Fünf-Euro-Schein übergeben.

Der letzte Spieltag ist auch ein Tag des Abschieds. Thomas Kleine macht sich auf in Richtung Fürth. Nach 30 Einsätzen in zweieinhalb Jahren, davon nur neun von Beginn an, steht der 32-Jährige nicht als jemand da, der die Gladbacher Vereinsgeschichte nachhaltig geprägt hat. Was er sich höchstens auf die Fahnen schreiben kann, ist die Gewissheit, dass er da war, wenn er da sein musste – und vermutlich da gewesen wäre, wenn er häufiger gebraucht worden wäre. Lob im Konjunktiv eben. Moses Lamidi dagegen hat den Sprung zu den Profis schlichtweg nicht geschafft. Sinnbildlich dafür steht sein Abgang – der 22-Jährige steckt im Stau, als den Abgängen der obligatorische Blumenstrauß in die Hand gedrückt wird. Wer will, der fährt zu diesem Anlass eben nicht im ersten Gang.

Etwas prägender dagegen war die Zeit von Roberto Colautti bei der Borussia. Häufig verletzt, selten treffsicher, mit Hang zum Phantomfußball – das traf zwar meist zu auf den Israeli in seinen drei Gladbacher Jahren. Ein einziger Treffer jedoch hat ihm genügt, um sich in den Geschichtsbüchern zu verewigen. YouTube spricht Bände. Gibt man im Suchfenster nämlich „Roberto Colau“ ein, erhält man nur einen weiteren Vorschlag: Den Namen des 27-Jährigen plus das Stichwort „Schalke“. Mit seinem Treffer zum 1:0 am 31. Spieltag der letzten Saison schoss er die Borussia auf einen Nichtabstiegsplatz. Der Anfang der Rettung. Nach einem langen Pass von Tomas Galasek war es damals, Muttertag 2009, übrigens Oliver Neuville, der den Ball zu Colautti durchsteckte – „mustergültig“ steht dazu im Fußball-Duden. Auch für ihn ist dieses Spiel gegen Leverkusen der letzte Auftritt mit der Raute auf der Brust. Ein Abschied, der diesen Tag noch prägen soll.

Fast drei Monate ohne Stadionbesuch sind eine lange Zeit. Bei der „Elf vom Niederrhein“ hat es kurz vor Spielbeginn den Anschein, jeder klatsche siebenmal so schnell wie sonst, um die wegfallende Anfeuerung bis zum Freundschaftsspiel gegen den FC Liverpool zu kompensieren. Dementsprechend laut hallt die rockigste Vereinshymne der Bundesliga durch den Borussia-Park. Nun sind Begriffe wie „Emotionen“ und „Gänsehaut“ seit einigen Jahren von einer hartnäckigen Inflation befallen. Wenn die „Elf vom Niederrhein“ aus den Boxen hallt, „Samstags middachs“, dann stehen einem die Nackenhaare zu Berge, der Blick wird glasig und das Klatschen etwas unrhythmisch. Das wiederum auch inflationär.

Mit zwei ernsthaften Zielen geht es in den letzten Spieltag. Die „Mission 40“, vor einem Jahr nicht annähernd zu Ende gebracht, könnte mit Verspätung endlich erreicht werden. Außerdem ist der zwölfte Tabellenplatz noch möglich. Wobei der Sprung um einen Rang nach vorne gleich eine zweite Fliege erledigen würde: Den 1. FC Köln hinter sich zu haben, ist dem Niederrheiner gemeinhin so wichtig wie günstiger Kaffee in Holland. Bis auf Patrick Hermann schickt Michael Frontzeck dazu genau die Elf auf den Platz, die die meisten Spiele dieser Saison absolviert hat. Sechs Mann umfasst der „Club der 30er“ diesmal. Gemeint ist nicht das Alter, sondern die Anzahl der Einsätze. So viel Kontiunität gab es beim VfL in der Bundesliga zuletzt vor zwölf Jahren.

Über weite Strecken plätschert die erste Hälfte dahin, als hätten beiden Trainer ihre Mannschaften bereits auf Sommer-Modus gestellt. Nach dem Debakel von Hannover, wo man ihr nicht einmal bescheinigen könnten, dass sie anwesend war, zeigt die Borussia diesmal wenigstens, dass sie nicht so richtig will. Folgerichtig fällt zehn Minuten vor der Pause das 0:1. Marx wird seinem Namen so gar nicht gerecht und leistet sich einen Fehlpass der Marke „kapital“. Den Schuss von Kroos kann Bailly nur abklatschen, wird dabei weder seinem Namen noch seinem Talent noch den Lorbeeren der letzten Saison gerecht. Helmes staubt ab – überraschenderweise nicht sein erster Saisontreffer.

Da solch ein 34. Spieltag ja auch irgendwie als Abbild seiner 33 Vorgänger fungieren soll, geht es mit Trübsal und Pfiffen in die Pause. Falls jede Periode der Saison in dieses Spiel passen muss, stehen die Minuten 34 bis 45 für die Spieltage fünf bis neun. Wobei ein Kopfball von Dante aus der 36. dann stellvertretend für das 2:4 gegen Hoffenheim steht: Im Ansatz sehr gut, sehr aussichtsreich, aber letzten Endes mit dürftigem Resultat.

Und weil die Suche nach Analogien gerade so munter voranschreitet, setzt Dante kurz nach der Pause zum Versuch an, der Saison einen würdigen Rahmen zu verpassen – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einem beherzten Zupfer hält er Helmes von einer Großchance ab. Dafür bleibt ihm die rote Karte erspart (zu Unrecht), die er am ersten Spieltag gegen Bochum gesehen hatte (zu Unrecht). Das Präsent für Schiri Lutz Wagner in seiner letzten Bundesligapartie hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Es läuft die 54. Minute, als der Kick vor ausverkauftem Haus plötzlich eine Bestimmung erhält. Co-Trainer Manfred Stefes setzt zu einem seiner letzten Sprints der Spielzeit an. Der Weg ist in der Regel gut 60 Meter weit. Ein beherzter Fingerzeig von der Eckfahne und schon macht sich einer der potentiellen Joker auf den Weg zur Bank. Als sich diesmal der kleinste der sechs Wartenden in Bewegung setzt, wird es dem Borussia-Park schlagartig warm ums Herz. Stehende Ovationen für einen Spieler, der lediglich sein Aufwärmprogramm abbricht und sich bereit macht für den Einsatz, dürfte es selten geben. Oliver Neuville hat sie sich verdient. Sechs Profijahre in Folge beim VfL: Für Spätberufene der 110-jährigen Vereinsgeschichte, wie beispielsweise mich, ist das eine ordentliche Hausnummer.

Doch bevor das Stadion zu letzten Mal das „i“ in Neuville bis zur Unendlichkeit langzieht (und noch viel weiter), sind die Augen auf Juan Arango gerichtet. Der Venezolaner, bester Vorlagengeber der Saison, hat es fertig gebracht, 23-mal mit vier gelben Karten auf dem Konto aufzulaufen und 28 Spiele in Folge ohne eigenen Treffer zu bleiben. Beides ändert sich nicht, als er den Freistoß von halblinks in den Strafraum bringt. Dafür bekommt Gladbach einen zweiten Top-Torjäger: Roel Brouwers erteilt Stefan Kießling eine Lehrsekunde in Sachen Torriecher und trifft zum 1:1. Acht Mal hat außer ihm nur Marco Reus getroffen. Sensationell.

Dass der Ausgleich durch Brouwers der letzte Saisontreffer des VfL bleibt, kann Reus eine Viertelstunde vor dem Ende persönlich verhindern. Der eingewechselte Friend bedient Oliver Neuville, dem es gegen Reinartz an Gerd-Müller-Qualitäten mangelt. Dafür sieht er einen seiner legitimen Nachfolger – auch als Borusse in der Nationalmannschaft. Doch Reus setzt den Ball in Rückenlage über das Tor. Die Leichten sind nicht seine gewesen in dieser Saison. Vier Minuten zuvor jedoch halten 54 000 richtig den Atem an. Auf links zieht Arango in Richtung Grundlinie, spielt im richtigen Moment den Querpass. Doch in der Mitte ist Neuville entweder einen Schritt zu spät oder der Ball einen zu früh.

Zum Schluss verkommt der Samstagnachmittag zur Party mit Punktspielcharakter. Während Leverkusen nichts aus seinen Chancen macht, zieht eine Polonaise aus dem Block 1900 durch die Nordkurve. Dass weder 40 Punkte noch eine Platzierung vor dem FC am Ende rausspringen werden, ist letztlich egal. Doch dann regt sich etwas auf der Anzeigetafel. Das Frankenstadion kommt ins Bild und mit ihm eine Eins auf der richtigen Seite. Der „Club“ führt, Gladbach ist vorbei an Köln – und das völlig verdient mit gleich sechs Spielern, die häufiger als Lukas Podolski getroffen haben.

Bald darauf ist es vorbei. Lutz Wagner beendet mit seinem Schlusspfiff die Saison und gleichzeitig zwei Bundesligakarrieren – seine eigene sowie die von Oliver Neuville. Die allgemeine Heiterkeit eines Stadions, das sich fühlen darf wie eine Mutter am 23. Dezember, wenn alle Weihnachtseinkäufe erledigt sind, nutzt Schiri Wagner für eine einmalige Ehrenrunde. Für die ganz großen Emotionen ist es jedoch direkt danach an der Zeit. Oliver Neuville verabschiedet sich und plötzlich wird mir klar, dass es demnächst niemanden mehr geben wird, dessen Name sich in dieser unnachahmlichen Weise singen lässt: „Oliver Neuville, Oliver Neuville, Olli, Olli, Oliver Neuville.“

„Hinsetzen!“ Die Humba will der 37-Jährige, noch mit Tränen in den Augen, kurzerhand mit einem „U“ beginnen. „Nä, Moment. Hab’ ich falsch gesagt“, bemerkt er sofort seinen Fehler. Vor dem für Schweizer, zumindest für die francophonen, traditionell schwierigen „H“ will sich einer wie Neuville nicht drücken. Nach dem „B“ ist kurz Pause, bevor Gladbachs 27 eine paar Grüße den Rhein hoch sendet: „Gib’ mir ein ‚Scheiß FC Köln‘“ – schon häufiger ein Fall für den Ermittlungsausschuss gewesen. Doch Kasey Keller ist nach seinem legendären Abschied 2007 ebenfalls ungeschoren davon gekommen.

Für Oliver Neuville ist es also das Ende nach sechs Jahren Borussia-Park. Bereits 2007 gingen die letzten von Bord, die das Stadion an seiner Seite eröffnet haben. Keiner hat öfter dort getroffen als Neuville, keiner mehr Spiele absolviert. Deutschlandweit unsterblich gemacht hat ihn jedoch erst der 14. Juni 2006, als er in der Nachspielzeit des WM-Spiels gegen Polen in eine Flanke von David Odonkor rutschte und das Land im Kollektiv in Ekstase versetzte wie vielleicht kein anderer Moment der Nachkriegsgeschichte (nicht in dieser Konzentration, nicht mit dieser Reichweite und dieser Schnelligkeit). Jeder weiß, wie er das „Polen-Tor“ gefeiert hat, das mittlerweile als Synonyme für späte, wichtige und viel bejubelte Tore dient.

All das wird bleiben. Genau wie die Erinnerungen an eine Saison, in der sich eine Hoffnung aus dem August am Ende bewahrheitet hat: Denn im Zweiten wurd’ es wirklich besser.

Eine Zusammenfassung der Saison 2009/2010 mit den besten Momenten gibt es noch im Laufe der Woche. Also: Augen offen halten.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 33. Akt: Verzerrte Welt

Hannover 6:1 Gladbach – ohne Worte, viele Worte, kein Abstecher nach Hannover, ein Abstecher nach München, keine Meisterfeier.

Ich durfte ja schon viel erleben diese Saison: Heimspiele im Borussia-Park, Auswärtsspiele live vor Ort (Anreise per Zug, per Auto), Partien auf dem heimischen Sofa, Radio-Konferenzen im Stau, Radio-Konferenzen in der Einöde einer hessischen Jugendherberge, gemeinschaftliches Sky-Gucken in Studentenkneipen, Eigentor-Exzesse in Irish Pubs, Odysseen auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt und sogar Spiele, die ich gar nicht verfolgen konnte. Eine weitere, beinahe absurde Möglichkeit wäre mir wohl selbst nie in den Sinn gekommen. Doch als vor wenigen Wochen eine E-Mail von einer Event- und Marketingagentur in den Posteingang flatterte, war klar, dass der 33. Akt dieser Saison wieder eine ganz neue Geschichte schreiben würde.

München-Fröttmaning, Samstag um kurz nach 13 Uhr. Wie ein Seehund, der sich am Strand in der Sonne aalt, liegt die Allianz-Arena zwischen Bahngleisen und Autobahn. Es herrscht überraschend viel Betrieb für diese Uhrzeit. Entweder scheint der Biergarten vor der Arena die Menschen anzuziehen. Oder aber dort sitzen mehr als zwei Stunden vor Anpfiff jede Menge erfolgloser Ticketjäger, die sich resignierend ein, zwei, drei Weißbier gönnen. „Suche Karte“ – mindestens ein Dutzend solcher Schilder mit unmissverständlicher Petition hat man mir auf dem Weg unter die Nase gehalten. Entgegnet habe ich weder ein „nein“ noch überhaupt etwas – und das obwohl ich den FC Bayern an der Mehrheit aller Tage im Jahr so gut leiden kann wie eingewachsene Fußnägel und ein Hemd mit schwarz-weiß-grünen Karos trage (was man wohl ein Statement der subtileren Art nennt).

Ohnehin habe ich um diese Zeit noch nicht einmal selbst ein Ticket. Anders als die hilflosen Suchenden, kann ich jedoch mit Gewissheit sagen, dass sich das bald ändern wird. Um viertel nach eins ist es so weit. Ich halte einen Umschlag mit meiner Adresse in der Hand. Darin verbergen sich neben einer Eintrittskarte noch ein verpixelter Anfahrtsplan sowie ein Blatt mit „organisatorischen Hinweisen“. Dort erfahre ich: „Ein ausgewähltes Büffet sowie kalte und warme Getränke stehen für Sie bereit.“ Und: „Wir empfehlen Ihnen sportlich-elegante Kleidung.“

„Wir“, dahinter steckt die Deutsche Telekom. „Ich“ bin, genau wie 24 andere Gäste des FCB-Hauptsponsors, als Fußball-Blogger, potentieller Kunde, Fan und Mensch gekommen. Damit wäre das Rätsel auch gelöst, was mich am 33. Spieltag nach München verschlagen hat, während die Borussia 600 Kilometer weiter nördlich in Hannover antritt. T-Home will mit Partner Microsoft sein Entertain-Programm samt Liga-Total-Paket ins Gedächtnis rufen, Neuigkeiten vorstellen und den Anwesenden Gelegenheit zu Fragen und Feedback geben. Dafür steht vor dem Spiel ein Techniker vom Entwicklungsteam Rede und Antwort. Er selbst habe von Fußball nur wenig Ahnung, gibt der Mann zu, während er sich mit der Fernbedienung durch Blitztabellen, Archive, Live-Ticker und Highlight-Portale klickt. Soll wohl signalisieren: Wir arbeiten so akribisch, dass wir eigentlich nur Tageslicht zu Gesicht bekommen, um fünf Händen voll Bloggern in der Telekom-Loge der Allianz-Arena unser Programm zu erklären.

Legendenbesuch beim Mittagessen

Fünf Rolltreppen führen hinauf in eine Art Nebenwelt. Auf jeder Ebene lächeln Hostessen in dirndlartiger Aufmachung die werten Gäste freundlich an. Freitagabends würde man die Nettigkeit anders deuten. Man fühlt sich gut, gemocht, irgendwie wichtig. Dabei liebt man doch nur Fußball. Spargel, Sauce Hollandaise, Schweinefilet, Lachshappen und Roast Beef natürlich ebenso – aber selten an einem Samstag um halb zwei, sondern eher sonntags bei Mutter am Tisch. Auf dem Klo sind alle VIP-Gäste dann wieder Menschen. Angeblich hinterlässt jeder zweite nach dem Spargel-Verzehr diesen markanten Geruch.

Während ich die Roast-Beef-Scheiben auf dem Vorspeisenteller gerade sorgfältig seziere, fällt mir fast die Gabel aus der Hand. Ist er das? Da genau vor mir? Gerade durch die Tür hereinspaziert? Ja, er ist es. Der „Bomber der Nation“, 68 Tore in 62 Länderspielen, 365 Bundesligatreffer bei 427 Einsätzen, geboren in Nördlingen, mittlerweile 64 Jahre alt. Gerd Müller. Der erste Einfall: Er ist klein. Der zweite: Vonwegen „kleines, dickes Müller“, eher kleines Müller, aber im Gegensatz zu anderen Ex-Kollegen figurentechnisch gut ein Schuss. Als Beweis dient das Erinnerungsfoto: Einen Kopf größer als Müller, aber selbst an der Playstation wahrscheinlich nicht mit annähernd so vielen Toren. Wenn man bedenkt, wie viele unbekannte Hände der 64-Jährige in seinem Leben schon geschüttelt haben muss, auf wie vielen Fotos er nett gelächelt hat – womöglich wird er den Siegeszug der Digitalkameras verfluchen. Man sieht es jedoch nicht. Dafür lächelt er zu nett.

Vier Fernseher hängen an der Logenwand. Auf einem wird die Konferenz laufen, auf einem das Schalke-Spiel und auf einem die Partie, die einige Meter weiter unten völlig realistisch, authentisch und greifbar zu sehen ist. Fernseher vier reißen sich die anwesenden Club-Fans unter den Nagel. Und bereits nach sieben Minuten habe ich das Gefühl, sehr gut damit leben zu können. „Schon zwei Riesenchancen für 96. Geht schlimm los“, schreibt mir meine Mutter per SMS. Was fatalistisch anmutet, bestätigt sich erstmals nach 16 Minuten. Ich beobachte das Treiben unten auf dem Platz und sitze zurückgelehnt im flauschigen Logensessel, der, anders als es im Fernsehen aussieht, nicht mit Schaumstoff gepolstert ist, sondern einen Überzug hat, der an einen Bierpavillon erinnert. Mein Handy klingt. Nils ruft an, so wie wir es bei einem Tor in Hannover vereinbart hatten. Ich hechte schnell in die Loge und sehe das Unheil bereits auf dem rechten, dem Konferenz-Monitor.

Kaum habe ich wieder draußen Platz genommen, da wird das Opernpublikum erstmals zum Festival-Volk. Lahm hat in die Mitte geflankt und Müller (Thomas) mit der Brust das 1:0 erzielt. Nur zwei Minuten später heißt die Reihenfolge Lahm-Ribéry-Müller. Das Resultat ist dasselbe. Die Bayern führen nach 20 Minuten mit 2:0 und die erste Frage – die nach Sieg, Remis oder Niederlage es Rekordmeisters – scheint beantwortet. „Schi bum, schi bum“, die Spider Murphy Gang ist kaum verhallt, da klingelt es erneut. Nils überbringt die Botschaft, mit der zu rechnen war. Hannover zieht mit den Bayern gleich und benötigt nur vier weitere Minuten, um den Spitzenreiter zumindest in der Spieltagswertung zu überflügeln. „Was’n da los?“, wollen die ersten wissen. „Peinlich“ ist da bereits das einzige Adjektiv, das für mich einigermaßen adäquat wirkt.

Schaulaufen vor Edes, Ulis, Kalles und “Motzkis” Augen

Das Geschehen in der Allianz-Arena gleicht derweil schon zu diesem Zeitpunkt einem Schaulaufen. Die Bayern könnten aus Bochum mühelos Hannover machen, zeigen jedoch Gnade. Direkt unter uns sitzt die Führungsetage, die Beletage der Bayern-Fans: Uli Hoeneß, Karl Hopfner, Kalle Rummenigge, davor Helmut Markwort, weiter rechts Gerd Müller, noch weiter rechts Paul Breitner, auf der linken Seite Edmund Stoiber, dahinter steht Matthias Sammer (vielleicht nicht unbedingt FCB-Anhänger) und spricht mit Willy Sagnol. Bei einem Abstecher auf den Flur kommt mir Alfons Schuhbeck entgegen und sagt „Servus“, als würde ich und nicht meine Mutter dauernd die „Küchenschlacht“ gucken. Und mittendrin bin ich, bestelle ein Bier beim Kellner, der aussieht wie Jonathan Pitroipa. Als ich mich doch entscheide, ein Glas zu nehmen, nimmt er mir die Flasche aus der Hand, schüttet ein – als ob ich das nicht selbst gekonnt hätte. Doch womöglich sitzen in der Davidoff-Lounge, die so abseits vom Spielgeschehen liegt, dass die Anwesenden denken müssen, sie säßen in einem Kaufhaus-Café, wirklich Menschen, die sich ihr Bier selten selbst einschenken und trotzdem nie aus der Flasche trinken.

Als ich gerade einen Abstecher nach drinnen mache, werde ich live Zeuge der nächsten Hiobsbotschaft aus Hannover. Peinlich, peinlicher, am peinlichsten, ein Gegentor durch Mike Hanke. Der Ex-WM-Fahrer jubelt so ausgelassen wie einer, der nach einem schlimmen Unfall ein Spenderbein erhalten und nun nach dreijähriger Abwesenheit gleich in seinem Comeback-Spiel einen Treffer damit erzielt hat. Dabei ist es lediglich sein erster in der Saison. Wie sehr ihn das trotzdem erleichtert, davon zeugt ein beherzter Hüpfer über die Werbebande, der für manch einen Torschützen schon die Eintrittskarten für eine Videokassette von „ran fun“ bedeutet hat. Doch sogar der Bandenhüpfer gelingt Hanke – und die Borussia liegt zur Halbzeit mit 0:4 hinten. Um herauszufinden, wann die ersten 45 Minuten eines Spiels zum letzten Mal eine solche Schmach gebracht haben, muss man in den Oktober 1998 springen. Leverkusen führte zur Pause ebenfalls mit 4:0 und gewann am Ende mit 8:2 am Bökelberg.

Bevor es weiter geht mit Hälfte zwei, ist der Techniker der Telekom erneut an der Reihe. „Klicken wir doch mal hier“, kündigt er an, was kommt, um die Live-Ticker-Option von Liga Total zu demonstrieren. „Och, muss nicht sein“, versuche ich, ihn zu stoppen, als er die Wiederholung von Mike Hankes Treffer anvisiert. Ich kann von Glück reden, dass die 24 Blogger-Kollegen zu gebannt das Geschehen unten auf dem Platz verfolgen und über verschiedene Kanäle ihren Vereinen folgen, um das Ausmaß der Gladbacher Schmach mit genügend Häme zu überschütten. Gerade bei Nürnbergern und Bochumern wird die Borussia nach diesem Auftritt keinen Stein im Brett haben.

Hannover gegen Gladbach: Niedersächsische Torgarantie

Nach der Pause spart Nils, völlig nachvollziehbar, an seinen Handy-Kosten und schickt nur noch eine SMS mit dem Inhalt: „5“. Ich weiß Bescheid und mache mir nicht einmal mehr die Mühe, innen nachzusehen, wie es diesmal passiert ist. Das 5:1 durch Patrick Herrmann geht es auf demselben Weg. Beim 6:1 scheint dann endgültig sein Guthaben aufgebraucht gewesen sein. Kann ja auch niemand ahnen, dass Hannover zum zweiten Mal in dieser Spielzeit sechs Tore gegen Gladbach erzielt.

Währenddessen entscheidet sich der Titelkampf (in-)direkt vor meinen Augen. Nach 55 Minuten ist der lauteste Jubel des gesamten Tages in der Allianz-Arena aufgebrandet. Getroffen hatte nicht der Gastgeber, sondern Bremen auf Schalke. Früher dauerte es ein paar Sekunden, wenn nicht gar Minuten, bis sich derart frohe Kunde in einem Stadion herumgesprochen hatte. Heutzutage geht auch das schneller. Nach 64 Minuten macht Hugo Almeida alles klar. Die Bayern-Blogger Probek, Kaisergrantler und Zechbauer dürfen im Jubel über die Meisterschaft sogar noch ein besonderes Bonbon genießen. „Uli, Uli! 2:0 Bremen!“, hallt es aus der Loge, woraufhin sich der Meister aller Rostbratwürstchen umdreht und ein süffisantes Grinsen nach oben schickt. Den Mann in weißer Stoffhose mit der Max-Schautzer-Frisur, der mit seiner barbusigen, blonden Lebensabschnittsgefährtin vor Freude einen merkwürdigen Ringelrein tanzte, wird Hoeneß dabei sicherlich auch gesehen haben. Die Fruchtgummis in Meisterschalen-Optik wirken unter diesen Voraussetzungen, bei drei Punkten und 17 Toren Vorsprung, auch wieder standesgemäß. Dazu gibt es für zwischendurch auch noch kleine DFB-Pokale in der Rudi-Assauer-Version mit schiefem Sockel. Was man in der Veltins-Arena wohl nascht? „Nimm zwei“ vielleicht?

Aus 17 Toren macht Thomas Müller kurzerhand 18. Sein Spaziergang durch die Bochumer Abwehr lässt zwei Gerüche durchs Stadion wehen. Für Müller riecht es schwer nach Südafrika, 20 Jahre hin oder her. Der VfL Bochum dagegen macht den Eindruck, als habe er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Auch der vierte Freistoßtreffer von Fuchs in dieser Saison, der das bayerische Torpolster wieder auf ein Plus von 17 senkt, ändert daran wenig. Wie es sich für Logenpublikum gehört, sitze ich gerade im gedämpften Magenta-Licht und ziehe mir ein Törtchen rein, als das kurze Raunen durch die Arena geht

Meister wider Willen? Nö, ist immer so.

Wenige Minuten später werde ich erstmals Zeuge des seltenen Treibens, wenn ein Verein Deutscher Meister wird. Für mich jedoch kein Anlass, mit dem Gedanken eines Verrats zu spielen und überzulaufen. Ganz im Gegenteil sind diese Bilder eher ein Antrieb, um es in den nächsten 50 Jahren selbst einmal zu schaffen – um schlichtweg schöner zu feiern. Mit der Borussia, auch wenn das nach diesem Auftritt in Hannover absurder denn je klingt. Während der FC St. Pauli und seine Fans unter ähnlichen Voraussetzungen die Aufstiegsnacht zum Tag machen, gibt es unten auf dem Platz weder exzessive Jubeltrauben noch Weißbierduschen. Edmund Stoiber hat schnell ein Gläschen Sekt in der Hand, Uli Hoeneß und Konsorten schütteln Hände. Der Stadion-DJ schickt zwar ein paar vermeintliche Partykracher ins Rund. Doch die ganz große Sause bleibt aus.

Am späten Abend werde ich mit Probek und dem Kaisergrantler vor dem Augustinerkeller in der Münchener Innenstadt stehen und etwas rumphilosophieren. Wir werden auf das Selbstverständnis als Fan zu sprechen kommen und ich werde wissen wollen, ob man die 22. Meisterschaft der Vereinsgeschichte sowie die neunte in den vergangenen 14 Spielzeiten etwa nicht mehr feiert, als gäbe es kein morgen mehr. Die Antworten werden eher nach einem „nein“ klingen. Ein Champions-League-Titel, das sei das, wonach man als Bayern-Fan strebt. Fernab der Realität ist der Ansatz keineswegs. Schließlich könnte es für beide bereits der zweite ihres Fandaseins werden, während ich wohl noch ewig auf den ersten Meistertitel warten muss.

Eine Stunde nach Spielende zieht eine Polonaise durch die Loge. „Ein Schuss, ein Tor, die Bayern“, stimmt das gute Dutzend an, von denen einige sich am nächsten Morgen nicht mehr an ihren Jubelzug erinnern werden können. Wiederum eine Stunde später, mittlerweile hat der Tag mit Kartoffelsalat und Frikadellen auch ein kulinarisches Ende gefunden, kehren wir zurück ins echte Leben. Draußen gibt Uli Hoeneß zwar noch fleißig Autogramme und Hermann Gerland stellt sich vor dem Bauch des Stadion, sozusagen am Nabel, ebenso den wartenden Fans wie Mark van Bommel. Die ersten Grüße aus der Wirklichkeit regnet es gleich vom Himmel, ein paar Tropfen zum Aufwachen.

Wie Eisschnelllauf auf Teflonpfannen

Am nächsten Tag sitze ich auf den obersten Stufen im Olympiastadion. Statt der üblichen Dröhnung Marienplatz, Frauenkirche usw. habe ich mich bei einem zweiten Kurzbesuch in München für ein Alternativprogramm entschieden. Mittlerweile scheint der Austragungsort der Sommerspiele ‘72 und des WM-Endspiels zwei Jahre später alles zu sein, nur kein Stadion im ursprünglichen Sinne mehr. Dort, wo Paul Breitner damals vom Elfmeterpunkt und Gerd Müller aus der Drehung traf, steht momentan das riesige Zelt des Circue du Soleil. Von Ballartisten zu Hochseilartisten, von Spaßvogel Maier zu Clowns in der Manege.

Wieder fallen einzelne Tropfen vom Himmel, Biergarten-Wetter sieht anders aus. Doch womöglich ist es einfach das passendste Wetter, um die Bild am Sonntag durchzublättern und die Statements der Borussia zur Havarie von Hannover zu lesen. Michael Frontzeck spricht von einem „Ausrutscher“ und kann sich glücklich schätzen, dass – nein, eigentlich kann er sich gar nicht glücklich schätzen. Wenn das 1:6 nämlich ein Ausrutscher gewesen ist, dann müsste man die gesamte Saison mit einer Eisschnelllaufrunde auf Teflonpfannen vergleichen. 16 Niederlagen hat der VfL inklusive der Pokalpleite gegen Duisburg kassiert. Neun mit nur einem Tor Unterschied sprechen dafür, dass es sehr oft sehr knapp war und Gladbach einige Punkte liegen gelassen hat. Allein fünf Niederlagen mit mindestens drei Toren Unterschied (0:3 in Bremen, Freiburg, Dortmund, 0:4 gegen Wolfsburg und 1:6 in Hannover) in dieser Saison lassen die Frontzeck-Erklärung jedoch ziemlich abgedroschen und geradezu albern-unverschämt erscheinen.

Hinweise auf ein Motivations- bis hin zu einem Charakterproblem offenbart bereits der Vergleich mit dem 1:1 gegen die Bayern. Als der Rekordmeister kam und damit die Chance, den Meister in spe vor vollem Haus ein wenig zu ärgern, zeigte der VfL eine absolut konzentrierte, motivierte, eben eine einwandfreie Leistung. Gegen Hannover lohnt es sich offenbar nicht, die Schuhe richtig zuzuschnüren, die Stutzen hochzuziehen und das Trikot in die Hose zu stecken, um im vorletzen Spiel der Saison beispielsweise den letzten Platz der Auswärtstabelle zu verlassen. Oder den 40. Punkt einzufahren. Oder den mitgereisten Fans einfach nur ein Dankeschön zu bereiten.

Sieben Zähler und zwei Siege mehr als letzte Saison sind es derzeit – keine Welt. Nur drei Tore weniger hat die Borussia kassiert, nur drei mehr geschossen – irgendwie erschreckend. Das letzte Spiel gegen Leverkusen wird am Ende nun doch wegweisender sein, als wir alle jemals gedacht hätten. Es geht darum, mit Anstand aus einer Spielzeit zu gehen, von der man dachte, sie stünde nicht für einen, sondern gleich für drei Schritte nach vorne. Falls die Borussia sich nun nicht aufrafft, könnte es jedoch heißen: Drei vor und zwei zurück. Hingehen werde ich dann trotzdem jede Woche. Keine Frage. Auch ohne Spargel, Lachs und Legendenbesuch.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 32. Akt: Breitscheid

Gladbach 1:1 Bayern – Nervennahrung, Leidgenossen, ein Autobahnkreuz, ein Stau, acht Kilometer, ein Freudenschrei, zwei Saisonziele in Sicht.

Wäre der Durchschnittspuls der Deutschen eine Etappe der Tour de France, stünde samstags um 15:30 Uhr Alpe d’Huez auf dem Programm. Dabei ist es egal, für welches Team man fährt, das Ziel bleibt dasselbe: der Gipfel. Als einziges Problem erweist es sich, dass da oben nicht Platz für alle ist. Maximal die Hälfte darf sich Sieger nennen, theoretisch noch ein paar mehr dürfen sich zumindest so fühlen. Das macht sie Sache manchmal erträglicher.

Letzten Samstag, TU Dortmund, Newsdesk der Campus-Zeitung pflichtlektüre. Um kurz vor halb vier wird es plötzlich unruhig. Studentenhintern beginnen nervös auf den Stühlen hin und her zu rutschen. Knie wippen. Erste Fingernägel werden einem Belastungstest unterzogen. Vorne referiert Oliver Fritsch, direkter sowie indirekter Freistoßschütze, Hartplatzheld und Zeit-Online-Redakteur, über Amateurfußball in Gelsenkirchen. Es soll ein Portal geschaffen werden, das das allsonntägliche Treiben im Kreis 12 beleuchtet. Wir brainstormen einen Namen, wortspielen uns in einen wahren Rausch. Doch rund eine halbe Stunde vor Seminarende starten fünf Pfiffe in fünf deutschen Bundesligastadien ein aussichtsreiches Ablenkungsmanöver.

Kerstin sitzt vor einem Monitor und hat den Leverkusen-Ticker auf bundesliga.de geöffnet. Kollege Daniel vom Hertha-Blog beobachtet das Treiben der alten Dame aus Berlin. Und ich selbst wandere zwischen dem geöffneten Live-Ticker und Kurznachrichten auf dem Handy, die eine “geile Stimmung” diagnostizieren und behaupten: “Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es wäre schlecht”. Die eine kämpft also um die Champions League, der andere gegen den Abstieg und die Borussia gegen den FC Bayern. Das sind drei Schicksale, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch es ist der Pulsanstieg, der verbindet.

Quadratisch, rot, Marzipan: Nervennahrung vor dem Monitor

Diese Saison hat schon viel Improvisationstalent von mir gefordert: Studentenkneipe gegen Köln, Irish Pub gegen Hannover, Weihnachtsmarkttreiben gegen München, Radio-Leiden gegen Bochum und nun eben ein F5-Tasten-Exzess im Rückspiel gegen die Bayern. So kontinuierlich die letzten Spielzeiten in dieser Hinsicht gewesen sind, so turbulent ist es diesmal. Am 33. Spieltag gegen Hannover wird der Schauplatz noch ein anderer, viel kurioserer sein. Mehr dazu aber nächste Woche.

Bundesliga.de ist so serviceorientiert, dass die F5-Taste sogar weitgehend verschont bleibt. Die Herren tickern im Akkord. Aktualisierungen gibt es automatisch. Und das Vereinslogo offenbart bei jedem Eintrag, welcher Klub gerade etwas Nennenswertes fabriziert hat. Mit einer Hand im Mund und einer an der Nervennahrung – Form: quadratisch, Farbe: rot, Sorte: Marzipan – bliebe ohnehin kaum eine Möglichkeit, selbst die Neuigkeiten abzurufen. Doch als die Tafel weg und eine Hand frei ist, wächst das Misstrauen. Zur Sicherheit drücke ich regelmäßig F5, um wirklich nichts zu verpassen. Als sich die erste Halbzeit dem Ende zuneigt, ist auch das Seminar vorüber.

Anschließend walke ich wie eine Ü50-Truppe zum Auto. Sven Pistor verabschiedet sich gerade in die Halbzeit. Es ist 16:17 Uhr. Vor mir liegen 84 Kilometer Heimfahrt. Google Maps veranschlagt dafür 56 Minuten, mit sanftem Druck im rechten Fuß müsste sich der Countdown um ein paar Minuten drücken lassen. Ich sehe mich bereits im Sessel vor dem Fernseher sitzen, ein freudiges Lächeln im Gesicht und eine Führung kurz vor Schluss im Rücken.

Im Dreieck Essen-Ost geht es von der A40 auf die A52. Die Stauschau hat keine Zahlen genannt, die mich sonderlich jucken müssten. A1, A2, A61 – alles nicht mein Problem. Das Ziel vor Augen nimmt deshalb deutliche Konturen an. Doch plötzlich sehe ich gelbe Lichter vor mir. Paarweise blinken sie in die Nachmittagssonne, um zu signalisieren: “Vorsicht! Hier geht gerade nichts.” Für mich bedeutet es so viel wie “Vergiss das mit dem Fernseher!”. Nach zehn Minuten im ersten Gang, die Bundesliga-Schlusskonferenz wird bald beginnen, schickt WDR2 die Staumeldung durch den Äther. Acht Kilometer zwischen Essen-Rüttenscheid und dem Kreuz Breitscheid, Ortskundige sollen den Bereich umfahren – es ist selten ein gutes Zeichen, wenn ein Stau nicht in der Stadt endet, in der er auch beginnt.

Freudenschrei im Schritttempo

Breitscheid dürfte auf der Bekanntheitsskala im Westen der Republik schon bald nach dem Kamener Kreuz kommen, Kaiserberg noch hinter sich lassen und auf der Beliebheitsskala sehr weit unten rangieren. Während der Verkehr langsam völlig zum Erliegen kommt, ertönt im Radio ein enthusiastischer Schrei. Der Reporter in Berlin redet jedoch unverdrossen weiter. Ich bin mir schon sicher, dass innere Unruhe und pralle Sonne mein Hirn auf Stand-by gestellt haben, als die Verursacherin des Aufruhrs zu Wort kommen darf. Sabine Töpperwien ist nach 60 Spielminuten auf einmal meine beste Freundin. Marco Reus hat zum 1:0 getroffen, scheinbar ziemlich ansehnlich – und ich bin in einem ellenlangen Stau schlagartig der einzige, der sich lauthals freut (wer als Borusse mit mir zwischen Essen und Breitscheid gestanden hat, darf sich gerne dazuzählen).

Sofort klingelt das Telefon, Nils ist dran. Im Hintergrund döppt die Nordkurve vor sich hin. Eigentlich gibt es aber gar keinen Vordergrund, weil ich außer den Klängen der Tormelodie kein Wort verstehe. Zeitgleich vibriert auch in der evangelischen Kirche von Anrath ein Handy. Meine Mutter sitzt im Konfirmations-Gottesdienst meiner Cousine und umklammert vehement ihre Handtasche, damit der Pfarrer zwischen Predigt und Abendmahl nicht gestört wird. Die Kirche hat es ja sowieso nicht leicht Zuhause dürfte mein Bruder ausgelassen durchs Wohnzimmer hüpfen. Er hatte sich erfolgreich gegen den Gottesdienst gewehrt und darauf bestanden, dass er als Kompromiss für den Nicht-Stadionbesuch wenigstens Sky gucken darf. Schließlich sei er, anders als meine Cousine, ja schon lange konfirmiert. Vier Rauten im Herzen, vier verschiedene Geschichten, geteilte Freude.

Meister 2010? Vorzugsweise niemand!

Um kurz vor fünf nehme ich Abschied von dem Gedanken, an diesem Tag noch irgendwelche Live-Bilder zu Gesicht zu bekommen. Noch ist nicht einmal die Ruhrtalbrücke in Sicht. Acht Kilometer im Schritttempo sind lang, 90 Spielminuten dagegen mächtig kurz. Zudem trübt Sabine Töpperwien meine, den Umständen entsprechend, ziemlich gute Laune. Miro Klose hat zum 1:1 getroffen. ‘Wohl verdient’, denke ich mir und habe all die FCB-Logos vor Augen, die in Hälfte eins im Live-Ticker erschienen waren. Doch mit dem Remis würde ich gut leben können.

Kurz vor dem Ende, die Ruhrtalbrücke liegt mittlerweile hinter mir, trifft Westermann für Schalke zum 1:0. Ich kann mich revanchieren und Nils eine SMS schreiben, bevor das Tor auf der Anzeigetafel im Borussia-Park verkündet wird. Doch während ich tippe, erzählt Sabine Töpperwien bereits, dass das Stadion Wind bekommen habe von den Ereignissen in Berlin. Wenig später wird Gladbach zum zweiten Mal an diesem Nachmittag im Kollektivjubel versinken und damit schizophrene Züge offenbaren. Wenn Schalke “nie Deutscher Meister” wird, der FC Bayern gleichzeitig aber auch nicht, dann wird es wohl ein Novum in 47 Jahren Bundesliga brauchen. Wobei ich ganz ehrlich bin: Ich könnte damit leben, die Schale ausnahmsweise ungraviert in einer Vitrine an der Otto-Fleck-Schneise zu lassen. Meister 2010? Vorzugsweise niemand.

Was hat es gut getan, im Vorfeld des Bayern-Spiels immer wieder zu hören, der Rekordmeister könne “nur noch in Gladbach stolpern”, oder das Restprogramm halte noch zwei Spiele gegen Abstiegskandidaten “sowie das Duell mit der Borussia” bereit. Potentieller Stolperstein, kein Fahrstuhlverein im Auge der Betrachter – so lässt es sich aushalten. Auseinandernehmen wie der FC Barcelona einen Kreisligisten kann ich das 1:1 leider nicht. Gesehen habe ich schließlich keine einzige Live-Minute, dafür jede Menge Bremslichter. Am Ende des Staus lag auch das Ende von “Bundesliga live”. Als ich zuhause ankam, lief bereits seit einigen Minuten die Sportschau.

Seit Freitagabend ist die Borussia nun auch offiziell gerettet. Letztendlich war es eine Rettung auf Raten, weil der Glaube schon viel länger da war als die Gewissheit. Jetzt gilt es, in den letzten beiden Spielen zwei Saisonziele zu erreichen. Eines lautet: Die Mission 40 vollenden. Das Zweite: Vor dem 1. FC Köln landen. Letzteres Ziel ist dabei nicht einmal auf die bekannten Animositäten zurückzuführen. Es geht allein darum, sich das abzuholen, was man sich sportlich verdient hat. 41 Punkte und Platz elf kämen dem sehr nahe.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 31. Akt: Papstbesuch und Pilgerfahrt

Schalke 3:1 Gladbach – Besuch vom Papst, Pilgerer auf der Reise, das zweitschönste Lied des Fußballs, Neuer Wette mit Nowitzki, die Entscheidung nach 47 Minuten, ein Ziel für nächste Saison.

Fast 23 Jahre ist es jetzt her, dass Papst Johannes Paul II. nach Schalke kam und das Parkstadion in eine Kathedrale verwandelte – sonst geschah das nur alle zwei Wochen bei königsblauen Heimspielen. Da der Pontifex nicht nur Brücken baut, sondern auch die Menschen in Scharen anzieht (oder sollte ich, weil der alte nicht mehr lebt und der neue mit seiner Kirche in einer tiefen Krise steckt, besser sagen: anzog?), wird Gelsenkirchen damals einer Festung geglichen haben. An den Straßen mehr Polizisten als Verkehrsschilder, am Himmel mehr Blaulicht als Sonnenlicht.

Was 1987 wohl ein riesiges Event war, das man damals noch „Gottesdienst“ nannte, findet heutzutage 17-mal im Jahr zwischen Herne und Bottrop statt. Gut 60 000 pilgern dann in die Veltins-Arena. Das Weihwasser ist gülden und kommt aus Zapfhähnen. Korinther spielen nur eine Rolle, wenn Felix Magath mal wieder einen No-Name-Griechen verpflichtet hat. Die Predigt findet in der Kabine statt. Und gesungen wird das, was ein Nicht-Theologe auf dem Zaun mit einem Megaphon vorgibt.

Messe für Messe sind auch eine Menge Pilgerer dabei. Wobei das Wort „Menge“ in seiner Bedeutung stark variiert. Im Badener Land, zum Beispiel in Hoffenheim und Freiburg, schickt der Glaube nur selten Menschen auf die Reise. Zwischen Berlin und Hannover baut man ohnehin lieber Autos, keine Archen. Anderorts machen sich jedoch meistens mehrere tausend Gläubige auf den Weg. Und wer irgendwann in die Kirchengemeinde Borussia aufgenommen wurde, für den gleicht der Weg in die Ferne meist einem Aufenthalt in Fátima oder Lourdes – man hofft auf ein Wunder und erlebt selten eines, obwohl man fest dran glaubt.

Als der Sonderzug um kurz vor halb zwei in Gelsenkirchen ankommt, sind wir – mein Bruder, meine Mutter, Nils und ich – noch der festen Überzeugung, dem ersten Gladbacher Sieg in der Veltins-Arena beiwohnen zu dürfen. Die Sonne scheint auf den Platz hinter dem Hauptbahnhof, es ist friedlich, die Dönerbuden- und Trinkhallenbesitzer reiben sich die Hände – und die mitgereisten Borussen dürfen sich erst einmal auf ein paar Minuten Haft, jedoch ohne Handschellen und Gitterstäbe freuen. „Auf Schalke“ ist das Usus. An für sich hat man kein Problem damit, in einer Fußgängerzone gesammelt und von Polizisten zuvorkommend mit netten Anweisungen durch ein Megaphon bedacht zu werden. Ein wenig fühlt man sich gar wie der Papst im Jahre 1987 – wichtig und unfehlbar. Die Grenzen zwischen Bewachen und Beschützen sind fließend an einem Samstagnachmittag hinter dem Bahnhof in Gelsenkirchen.

Vor ihrer ersten richtigen Auswärtsfahrt mit Bus und Bahn hatte ich meiner Mutter noch mitgeteilt, sie könne sich darauf einstellen, sechs Stunden lang keinen Schalke-Fan aus nächster Nähe und hautnah zu sehen. So war es 2007, als ich das abstiegsweisende 0:2 im Stadion sah. So ist es auch auf dem Weg vom Bahnhof zu Deutschlands größter Sporthalle. Bus, Einsatzwagen, Bus, Einsatzwagen, Bus, Einsatzwagen – wer das Treiben vom Bürgersteig aus beobachtet, könnte den Eindruck gewinnen, Gelsenkirchens Busfahrer seien so ortsfremd, dass die Polizei ihnen den Weg weisen muss.

Malocherklub mit Gazprom-Millionen

Vom Bus in den Gästeblock führt schließlich ein schmaler Weg, der am Ende zum Tunnel wird, immer an der Betonwanne für das ausfahrbare Spielfeld entlang. Dann rechts herum, zum Treppenaufgang in den Oberrang – und schon ist es vorbei mit den 2007er-Parallelen. Wir stehen inmitten königsblauer Scharen, die mit Bier und Bratwurst ihr obligatorisches Stadion-Abendmahl zelebrieren. Wer sein letztes Auswärtsspiel in Köln besucht hat, wer von der Polizei selbst „auf Schalke“ erst einmal zwischen Dönerbuden und Ein-Euro-Läden eingefriedet worden ist, der wundert sich ziemlich. Oben im Gästeblock kommt auf zwei Borussen mindestens ein Schalker. Keine Trennwände, keine zusätzlichen Ordner – während der Weg zum Stadion dem Papstbesuch glich, regiert nun das Laissez-faire. Eskalationstechnisch ist das völlig unproblematisch. Zwar sucht niemand eine Fanfreundschaft. Aber soll Schalke sich doch ziemlich widersprüchlich als Malocherklub mit Gazprom-Millionen und Schulden-Kilimandscharo präsentieren. Immerhin waren wir schon fünfmal Meister in der Bundesliga. Wie lange das her ist, muss ja niemand wissen.

Das schwarz-weiß-grün-königsblaue Miteinander im Oberrang ist eher nervend als fahrlässig. Ist sich ein Block einig, für wen sein Herz schlägt, springt man zusammen auf und vergräbt auch zusammen die Hände im Gesicht. Schwierig wird es also, wenn man bei jeder Schalker Halbchance aus lauter vermeintlicher Vorfreude aufspringen muss. Da bleibt man am Ende lieber stehen und lässt die Leute von hinten mehrfach den Eintrittspreis wiederholen, den sie für diese Sitz(!)platzkarten hingeblättert haben.

Neben Nils hat kurz vor dem Anpfiff Gott sei Dank ein königsblauer Anhänger der ruhigeren Sorte Platz genommen. Mein treuester Auswärtsmitfahrer sitzt auf Platz 1 in der Reihe, unter meinem Hintern prangt die 2. Voller Vorfreude hecken wir aus, wie ich dem Schalker auf der 32 kurz vor dem Abpfiff beim Stand von 2:1 aus Borussensicht meine Platz anbiete und frage, ob er sich auf der Zwei nicht wohler fühle. Bereits nach vier Minuten scheint der Plan Konturen anzunehmen. Arango beweist einmal mehr Konditor-Fähigkeiten und sendet einen Pass in die Gasse wie drei Stücke Schwarzwälder Kirschtorte. Doch frei vor Neuer entreißt Reus dem noch besser positionierten Bobadilla die Kuchengabel und verhindert die frühe Führung. Was die gegen Schalke wert sein kann, hat der VfL im Hinspiel freudig am eigenen Leib erfahren dürfen.

Stattdessen springen in der 8. Minute vor uns zwei Schalker auf, weil Farfán an der Strafraumgrenze aussichtsreich wirbelt. Das 1:0 durch Rakitic dürfen sie also gleich im Stehen bejubeln. Farfán legt ab und der Kroate zimmert den Ball wie eine Kriegserklärung aus rund 20 Metern ins Netz. Schnell versuche ich mich der Parallelen zum sagenhaften 3:2 in Hamburg zu vergewissern: Unter der Woche beim Friseur gewesen, Nils mit Kater in den Zug, vor dem Stadion ein Foto gemacht, drinnen ein Bier getrunken, Sonnenschein bestellt, Deniz Aytekin als Schiedsrichter nominiert und nun auch noch ein frühes Tor kassiert – trotz des Rückstandes sieht alles nach einem mehr als gelungenen Auftakt aus.

Die Anfangsviertelstunde ist gerade rum, als die Borussia den Wagen wieder aus dem Kiesbett zieht und zum Überholmanöver ansetzt. Bailly drischt einen Abschlag weit in die gegnerische Hälfte. Bobadilla lässt unter anderem Bordon im Kopfballduell aussehen wie ein Relikt des Papstbesuches vor 23 Jahren. Als Gladbachs trinkfester Lamborghini-Fahrer in Richtung Tor rennt, überkommt Manuel Neuer scheinbar wieder einer dieser ADHS-artigen Anfälle. Als habe er eine Wette mit Dirk Nowitzki laufen, dass er in einer Saison mehr Ballkontakte hat als der NBA-Star Punkte erzielt, stürmt Neuer dem Ball entgegen. Doch Bobadilla ist schnell genug, um dem Reserve-Adler den Ball aus den Händen zu spitzeln, in denen er ihn eindeutig noch nicht hatte. Zum Tor sind es noch einige Meter, weshalb mein inneres Auge einmal mehr das alptraumhafte Hacken-Video aus Wolfsburg abspielt. Doch Bobadilla entscheidet sich dagegen, den Ball auf der Linie zu stoppen und wie damals auf dem Bolzplatz, als Kopfballtore doppelt zählten, mit der Stirn über die Linie zu stupsen. Es steht plötzlich 1:1 und der zuletzt viel Geschmähte schwingt sich zum Spezialisten im Überwinden eilig herauslaufender Torhüter auf – wie gegen Mainz, wie gegen Bremen.

Und dann ist es da, dieses zweitschönste Lied nach „Nie mehr Zweite Liga“. Inbrünstig schreien es rund 7 000 mitgereiste Borussenfans in die Veltins-Arena wie einen neuen Nummer-Eins-Hit: „Ihr werdet nie Deutscher Meister!“ – auf der B-Seite übrigens ausgestattet mit den Bonus-Tracks „Und schon wieder keine Schale, S04“ sowie „Ein Leben lang – keine Schale in der Hand“. Ich weiß, ich bin ein Fähnchen im Wind. Nach dem 2:0 in Leverkusen hatte ich noch gönnerhaft verkündet, Schalke dürfe jetzt ruhig den Titel holen oder, wie Vitali Klitschko es im Interview vor dem Spiel nannte, „Bundesmeister“ werden. Doch spätestens im Trubel des Ausgleichs ist es vorbei mit der Großzügigkeit. Da DFB und DFL sich mit Sicherheit nicht durchringen werden, dieses Jahr zur Abwechslung gar keinen Meister zu küren, wird es wohl die Truppe aus dem Süden machen müssen, die ich schon zu oft in meinem Leben mit der Schale gesehen haben, als dass ich mich noch aufs Blut darüber aufregen könnte. Wie gesagt, liebe Schalker: Fähnchen im Wind. Wer weiß, was nächste Woche kommt.

Strikter Ablaufplan wie in Hamburg – fast

In der Phase nach dem 1:1 macht die Borussia, wie Michael Frontzeck es sagen würde, „ein richtig gutes Auswärtsspiel“. Die Konter gehen geschmeidig runter wie eine geölte Jalousie am Abend. Sogar Filip Daems verspürt Lust auf Angriffsfußball. Einmal erobert Dante den Ball in der eigenen Hälfte und spielt einen Doppelpass, der erst nach 60 Metern vollendet wird, als er höchstpersönlich knapp am Tor vorbeiköpft. Alles scheint sich brav an den Ablaufplan à la Auswärtssieg in Hamburg zu halten – bis die letzte Minute der ersten Hälfte anbricht.

Schalke bekommt noch eine Ecke – eine von zu vielen Standardsituation gegen eine Mannschaft, die darin ein Diplom hat, während sie spielerisch eher in Richtung mittlerer Reife tendiert. Den Kopfball von Kuranyi kann Bailly noch nach vorne abwehren, ehe Farfán den Rebound versenkt. Vor dessen Kopfball ist Brouwers jedoch von Kuranyi aus dem Weg geräumt worden wie eine Mülltonne nach der Entleerung. Die anschließende Flugeinlage des Niederländers wird zuhause solange nachgestellt, bis feststeht: Zählen dürfen hätte der Treffer nicht. Das sieht der Comebacker in spe nach der Partie jedoch anders und beteuert, Brouwers habe ihn in einer anderen Szene auch geschubst, was nicht geahndet worden sei. Mit Argumentationsketten wie dieser hat sich manch ein Sandkastenstreit schon zur handfesten Auseinandersetzung mit Förmchen- und Eimerwürfen hochgeschaukelt.

Lässt man die Pinkelpause auf blitzsauberen, aber merkwürdig aufgeteilten Toiletten außen vor, fällt das, was kurz nach der Halbzeit passiert, in die Kategorie „Doppelschlag“. Dante holt Gavranovic, gerade erst von Magath eingewechselt, im Strafraum von den Beinen. Wer den Schalker Trainer kennt, möchte fast meinen, genau das habe er damit im Sinn gehabt. Den anschließenden Elfer setzt Rakitic durch Baillys Achselhöhle. Und ich frage mich immer noch, ob ich jemals einem Gladbacher Torwart beiwohnen durfte, der einen Elfmeter entschärft. Da werde ich mir wohl weiterhin das Video von Uwe Kamps’ vier Paraden im Pokal-Halbfinale 1992 in der Endlosschleife reinziehen müssen.

Sehenswert mitgespielt, fohlenhaft gekontert, leere Hände

Nun könnte man die letzten 43 Spielminuten unendlich aufbauschen, bis jeder, der diese Zeilen liest, sich sicher ist, dass der Sportschau-Bericht einer strengen Zensur unterworfen wurde. Nur war das leider nicht der Fall. Festzuhalten bleiben ein Freistoß von Arango sowie drei dicke Chancen für Schalke, aus dem 3:1 mehr zu machen, als das 3:1 verdient gehabt hätte. Michael Frontzeck wechselt in der 75. Minute zum ersten Mal aus. Zu diesem Zeitpunkt liegt die Borussia seit fast einer halben Stunde mit zwei Toren hinten. Herrmann für Matmour ist ein Positionswechsel eine Viertelstunde vor Schluss, Colautti für Reus riecht dann schon nach grenzenloser Offensive. Unterm Strich ist dieses Spiel also nach 47 Minuten entschieden gewesen. Als es das noch nicht war, hat Gladbach sehenswert mitgespielt, in Ansätzen fohlenhaft gekontert und stand am Ende dennoch mit ganz leeren Händen da.

Mein siebtes Auswärtsspiel war mein letztes für diese Spielzeit. Zwei Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlagen, Bus, Bahn, Auto, viele Kilometer – es hat sich häufig gelohnt. Nun muss ich mich jedoch entscheiden: Habe ich ein glückliches Händchen gehabt, nicht zu den neun anderen Spielen zu fahren, aus denen die Borussia genau einen Zähler holte (in Berlin)? Oder muss ich mich ärgern, nicht häufiger dabei gewesen zu sein? Wie auch immer, fest steht das Ziel, im nächsten Jahr von acht Auswärtsreisen berichten zu können.

Nach dem Abpfiff in der Veltins-Arena geht die Polizei wieder auf Nummer sicher. Nicht dass der Frust über das Überholmanöver des 1. FC Köln in der Tabelle so groß ist, dass ihn irgendjemand loswerden will. Alle Gästefans werden in den Shuttle-Bussen gesammelt, bevor es nach knapp 45 Minuten endlich losgeht in Richtung Hauptbahnhof. Bus, Einsatzwagen, Bus, Einsatzwagen, Bus…

Bilder von der Auswärtsfahrt nach Schalke gibt's auch auf Facebook.