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Gnade aus Nürnberg

Der Kicker klaut uns weiter die Freizeit – und wirft wichtige Fragen auf.

Seit es dieses neue Internetz-Dingens gibt, besitzt manch einer von uns drei Gehirnhälften (oder eben doch wieder nur zwei, weil er, in dem Wissen, eine dritte zu haben, eine seiner beiden ursprünglichen ausgeschaltet hat). Jedenfalls hat Trainer Baade in einem Post darauf hingewiesen, dass Lizas Welt getwittert hat, dass Kicker Online mit seinem Relaunch kürzlich sein gesamtes Bundesliga-Archiv für unsere zwei bis drei Gehirnhälften geöffnet hat.

Bis dahin reichte der Sprung in die Vergangenheit nur bis zur Saison 95/96. Nun darf, wie beim Trainer geschehen, zum Beispiel nach Belieben rumgestöbert werden, wer vor 28 Jahren jeweils “Mann des Tages” wurde. Der Kicker und die Noten – das sind zwei Dinge, die zusammengehören, wie Dalli und Dalli. Mein erstes Bedürfnis war es deshalb, mal nachzusehen, wie die Bewertungen einer legendären Partie am 29. April 1978 ausfielen. Und siehe da: Notenschnitt 1,8 auf der einen, 3,6 auf der anderen Seite.

Man vermutet ein souveränes 4:1 der Gastgeber. Gerade Borussenfans werden aber wissen (gemeint sind ausnahmsweise beide Lager), dass jenes Spiel nicht irgendeins gewesen ist. Die eine Borussia schlug die andere im Düsseldorfer Rheinstadion mit 12:0. Nüchtern wie eh und je veranlasste das den Kicker jedoch keineswegs zu Standardnoten, die für Gladbach gegen 1 und für Dortmund gegen 6 hätten laufen sollen. Wer 32 Jahre danach dreimal ein “befriedigend” in der BVB-Abwehrreihe sieht, der fühlt sich leicht veräppelt.

Im Zweiten wird’s wohl besser: Saisonrückblick – Die Rückrunde der Borussia

Im Prinzip ist es ganz einfach, das Wechselbad einer Saison in Worte zu fassen. Man blickt einfach zurück und sieht sich an, was man im Laufe von 34 Spieltagen nicht alles in die Tasten gehauen hat. Dabei offenbart sich ebenso Hanebüchenes wie hellseherische Fähigkeiten. Heute im zweiten Teil des Saisonrückblicks: die Rückrunde der Borussia im Schnelldurchlauf.

18. Spieltag: Gladbach 1:2 VfL Bochum

„Fazit des Wochenendes: Neben Schnaps wirken intensive Ablenkung und nervliche Anspannung effektiv gegen ‘Hibbeligkeit“. Sabine Töpperwien bringt selbst nach Bad Hersfeld eine Schippe Leben. Hessen sind im Radio zu patriotisch. Und Bochum ist, nach mittlerweile mehr als 12 Jahren ohne Gladbacher Sieg, ein wahrer Angstgegner.“

19. Spieltag: Hertha BSC Berlin 0:0 Gladbach

„Man darf auch durchaus zu spät sein beim Nachschuss, weil entweder der Ball zu schnell von vorne oder der Gegner zu schnell von hinten herangerauscht kommt. Die Toleranz wird jedoch mindestens so schwer strapaziert wie bei einem Betrunkenen, der in die U-Bahn uriniert, wenn für den Nachschuss so viel Zeit bleibt wie für eine ganze Buntwäsche oder eine Fahrt von Frankfurt am Main nach Würzburg (über Landstraße, wohlgemerkt). Und außerdem: Von Juan Arango hätte man erwartet, dass er Elfmeter etwas kreativer verschießt. Manchmal da versagt man selbst beim Versagen.“

20. Spieltag: Gladbach 4:3 Werder Bremen

„Da gegen Bochum beim Stand von 3:0 eine ganze Halbzeit vor der Brust noch viel zu lang war, macht sich nach 18 Minuten mindestens so viel Unbehagen wie Glückseligkeit breit. Vor 32 Jahren beim legendären 12:0 gegen Borussia Dortmund hatten die ‘Fohlen’ fünf Minuten weniger für die ersten drei Treffer benötigt. Ziemlich schwach also, was der VfL gegen völlig desorientierte Bremer zeigt.“

21. Spieltag: FSV Mainz 05 1:0 Gladbach

„Gladbach wie es sinkt und keiner lacht: Ich muss zugeben, dass das anstehende Karnevalswochenende eher die Vorlage für diese Überschrift gegeben hat als die Gladbacher Leistung in Mainz. Denn so apokalyptisch war es beileibe nicht. Womit wir jedoch auch schon beim Hauptkritikpunkt wären: Mal wieder hat die Borussia dominiert, mal wieder hat sie sich Chancen erspielt, für die man beim Mitzählen beinahe auf seine Zehen zurückgreifen muss – mal wieder steht sie mit leeren Händen da.“

22. Spieltag: Gladbach 2:1 1. FC Nürnberg

„Also halten wir einfach fest, dass wir im Grunde sowohl drei Punkte als auch sehenswerte Leistungen wollen. Da der VfL ein Verein ist, der im letzten Jahr nur dem Abstieg entging, weil die anderen ihm mit 31 Punkten einen Bundesliga-Rekord ermöglichen wollten, bleiben wir jedoch völlig un-kölsch. Nämlich bescheiden. Drei Punkte und sehenswerte Leistungen müssen sich innerhalb von 90 Minuten nicht immer überschneiden – solange wir bis zum Saisonende jeweils einen zufriedenstellenden Teil von beidem bekommen.“

23. Spieltag: 1899 Hoffenheim 2:2 Gladbach

„Am Bahnhof Hoffenheim steigen zwölf Leute in die S-Bahn, immerhin die Hälfte outet sich als Stadiongänger. Unser Weg führt zur wohl größten ebenen Fläche des Dorfes: zum Dietmar-Hopp-Stadion. In der Bäckerei Krotz ist das Vorglühen bei Rosinenschnecken und Latte Macchiato bereits in vollem Gange. Maskottchen Hoffi, der leibhaftige Elch, sitzt etwas apathisch im Stuhl daneben und beobachtet das Treiben mit einem Blick wie Veilchendienstag.“

24. Spieltag: Gladbach 1:1 SC Freiburg

„Gladbach war Elfter der Hinrunde, steht in der Rückrundentabelle auf Rang zehn – und ist insgesamt dennoch nur Zwölfter. Gerade hat die Borussia drei Spiele in Folge nicht verloren, gleichzeitig jedoch zwei Dreier hintereinander liegen gelassen. Vorne trifft sie am achthäufigsten, bekommt hinten die sechstmeisten Tore. Logisch, dass auch das Torverhältnis pures Mittelmaß ist. Elf Mannschaften haben mindestens einen Torjäger in ihren Reihen, der mehr Treffer auf dem Konto hat als Gladbachs bester – Roel Brouwers, ein Abwehrspieler. Diese Saison ist so merkwürdig wie sie gleichzeitig schon wieder normal ist. Auf der einen Seite mit tollen Momenten, auf der anderen genauso mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln ausgestattet.“

25. Spieltag: Borussia Dortmund 3:0 Gladbach

„Nachdem Schiri Michael Weiner um halb sieben anpfeift, vergehen knapp drei Stunden, bis ein Stück gebackener Feta-Käse beim Griechen das nächste Highlight bringt. Gut 70.000 Dortmunder werden diese Ansicht vielleicht nicht teilen, weil sie erstens einen 3:0-Sieg ihrer Mannschaft erleben und sich zweitens nach dem Spiel nicht für ein Glas Ouzo und eine Kreta-Platte entscheiden. Aus Gladbacher Sicht steht jedoch fest: Die Borussia hat einen Tag erwischt, den man nicht einmal als grausam, unterirdisch oder – ganz nüchtern – schlecht bezeichnen kann. Denn nach 90 Minuten dominieren ernsthafte Zweifel, ob es diesen Tag jemals gegeben hat.“

26. Spieltag: Gladbach 0:4 VfL Wolfsburg

„Michael Frontzeck sprach den Fans im Nachhinein ein Lob aus, dass sie so ruhig geblieben seien, während das Unheil seinen Lauf nahm. In der Tat kam das Pfeifkonzert nach dem Spiel höchstens einer ruhigen, gemächlichen Ouvertüre gleich. Wobei der Trainer bei seiner Bewertung eine kleine Eigenheit der Zuschauerdynamik übersehen hat: Denn noch schlimmer als ein gellendes Pfeifkonzert ist in der Regel gar kein Pfeifkonzert. Stille nach einem 0:4 spricht nämlich dafür, dass schlichtweg niemand mehr da war, um seinem Unmut mit Fingern zwischen den Lippen freien Lauf zu lassen. Ähnlich war es am Samstag.“

27. Spieltag: 1. FC Köln 1:1 Gladbach

„Wir machen uns etwas enttäuscht auf den Weg. Denn zu feiern gibt es trotz des ersten Punktegewinns nach 0:7 Toren aus zwei Spielen für uns nichts. Es überwiegt die Wut über ein mageres Unentschieden gegen eine Mannschaft, die deutlich gezeigt hat, warum die Stimmungslage im polarisierenden Köln derzeit nur aus Schwarz und keinem bisschen Weiß besteht. Draußen ist es wieder völlig ruhig. Doch diesmal trügt die Stille nicht. Wir dürfen durch eine kleine Schleuse in einer Barriere aus Dutzenden Polizisten raus in die Freiheit. ‘Platzsperre’ lese ich auf einem Schild an der berüchtigten Wiese und frage mich, wann diese Reißleine wohl zum ersten Mal gezogen wird.“

28. Spieltag: Gladbach 1:0 Hamburger SV

„Fußball-Fans haben ja generell den Eindruck, sie seien der Mittelpunkt der Welt. Nicht alle zusammen, sondern jeder für sich selbst. Man steht nicht auf dem Platz. So weit wird es auch nicht mehr kommen, weil zwar alle wissen, dass der Linksverteidiger mit einem 30-Meter-Ball die Seite wechseln müsste, es aber kaum jemand selbst auf die Reihe bringen würde. Und zuhause bekommen wir mangels Motorik kaum den Briefkasten auf. Trotzdem hat sich schon manch ein Fan zum Matchwinner aufgeschwungen – weil er statt der Bratwurst eine Laugenbrezel gegessen oder statt des linken Socken ausnahmsweise den rechten zuerst angezogen hat.“

29. Spieltag: VfB Stuttgart 2:1 Gladbach

„Mittlerweile hat man sich schon so an die verschenkten Punkte gewöhnt, dass man ihnen zwar nachtrauert, nicht jedoch tagelang mit einem Gesicht durch die Gegend rennt wie eine fleischgewordene ‘Schmach von Córdoba’. Letzten August gab ich den Spielberichten dieser Saison den Titel ‘Im Zweiten wird’s wohl besser’. Verbunden damit war die vage Hoffnung, dass das zweite Jahr nach dem Wiederaufstieg tatsächlich mehr Punkte und damit mehr Ruhe bringen würde (schließlich steigen nur gut 25 Prozent aller Aufsteiger, die das erste Jahr überlebt haben, im darauffolgenden wieder ab).“

30. Spieltag: Gladbach 2:0 Eintracht Frankfurt

„Vergangenen Freitag läuft die Schlussphase, wir schreiben diesmal den 30. Spieltag, als rund 48 000 Zuschauer abzüglich einiger Frankfurter die Gewissheit überkommt – ‘nie mehr Zweite Liga’. In München, zumindest beim FC Bayern, werden sie dieses Lied noch nie gesungen haben. In Hamburg wird man sich selbst vor ein paar Jahren, als der HSV nach 21 Spieltagen noch auf dem letzten Platz stand, aufs Verdrängen verlegt haben. Der jeweilige Zeitpunkt, seinem Optimismus freien Lauf zu lassen, sagt auch immer etwas über die Mentalität von Vereinen und Fans aus. In der Spielzeit des Gladbacher Wiederaufstiegs war man sich in Köln zum Beispiel kurz vor der Winterpause sicher, ‘nie mehr’ in die ‘Zweite Liga’ zu müssen.“

31. Spieltag: Schalke 04 3:1 Gladbach

„Mein siebtes Auswärtsspiel war mein letztes für diese Spielzeit. Zwei Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlagen, Bus, Bahn, Auto, viele Kilometer – es hat sich häufig gelohnt. Nun muss ich mich jedoch entscheiden: Habe ich ein glückliches Händchen gehabt, nicht zu den neun anderen Spielen zu fahren, aus denen die Borussia genau einen Zähler holte (in Berlin)? Oder muss ich mich ärgern, nicht häufiger dabei gewesen zu sein? Wie auch immer, fest steht das Ziel, im nächsten Jahr von acht Auswärtsreisen berichten zu können.“

32. Spieltag: Gladbach 1:1 Bayern München

„Breitscheid dürfte auf der Bekanntheitsskala im Westen der Republik schon bald nach dem Kamener Kreuz kommen, Kaiserberg noch hinter sich lassen und auf der Beliebtheitsskala sehr weit unten rangieren. Während der Verkehr langsam völlig zum Erliegen kommt, ertönt im Radio ein enthusiastischer Schrei. Der Reporter in Berlin redet jedoch unverdrossen weiter. Ich bin mir schon sicher, dass innere Unruhe und pralle Sonne mein Hirn auf Stand-by gestellt haben, als die Verursacherin des Aufruhrs zu Wort kommen darf. Sabine Töpperwien ist nach 60 Spielminuten auf einmal meine beste Freundin. Marco Reus hat zum 1:0 getroffen, scheinbar ziemlich ansehnlich – und ich bin in einem ellenlangen Stau schlagartig der einzige, der sich lauthals freut (wer als Borusse mit mir zwischen Essen und Breitscheid gestanden hat, darf sich gerne dazuzählen).“

33. Spieltag: Hannover 96 6:1 Gladbach

„Nach der Pause spart Nils, völlig nachvollziehbar, an seinen Handy-Kosten und schickt nur noch eine SMS mit dem Inhalt: „5“. Ich weiß Bescheid und mache mir nicht einmal mehr die Mühe, innen nachzusehen, wie es diesmal passiert ist. Das 5:1 durch Patrick Herrmann geht es auf demselben Weg. Beim 6:1 scheint dann endgültig sein Guthaben aufgebraucht gewesen sein. Kann ja auch niemand ahnen, dass Hannover zum zweiten Mal in dieser Spielzeit sechs Tore gegen Gladbach erzielt.“

34. Spieltag: Gladbach 1:1 Bayer Leverkusen

„Für Oliver Neuville ist es also das Ende nach sechs Jahren Borussia-Park. Bereits 2007 gingen die letzten von Bord, die das Stadion an seiner Seite eröffnet haben. Keiner hat öfter dort getroffen als Neuville, keiner mehr Spiele absolviert. Deutschlandweit unsterblich gemacht hat ihn jedoch erst der 14. Juni 2006, als er in der Nachspielzeit des WM-Spiels gegen Polen in eine Flanke von David Odonkor rutschte und das Land im Kollektiv in Ekstase versetzte wie vielleicht kein anderer Moment der Nachkriegsgeschichte (nicht in dieser Konzentration, nicht mit dieser Reichweite und dieser Schnelligkeit). Jeder weiß, wie er das „Polen-Tor“ gefeiert hat, das mittlerweile als Synonyme für späte, wichtige und viel bejubelte Tore dient.
All das wird bleiben. Genau wie die Erinnerungen an eine Saison, in der sich eine Hoffnung aus dem August am Ende bewahrheitet hat: Denn im Zweiten wurd’ es wirklich besser.“

Morgen macht eine Exkursion in den Statistik-Dschungel den Abschluss.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 30. Akt. Danteschön

Gladbach 2:0 Frankfurt – das schönste Lied der Saison, ein ungeträumter Traum, kein Pferdepflug aus dem 19. Jahrhundert und ein bestochener Reus.

Fast zwei Jahre ist es jetzt her, dass die Borussia den direkten Wiederaufstieg gepackt hat. Und ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, der für mich damals insgeheim der größte der ganzen Saison gewesen ist. Gemeint ist nicht das 7:1 in Offenbach, nicht das Spiel der Gewissheit gegen Wehen, nicht die Aufstiegsfeier gegen Freiburg. Es war der 28. Spieltag, als Gladbach mit 3:0 gegen Fürth gewann. Marko Marin erzielte die ersten beiden Tore seiner Profikarriere, beide wunderschön. Oliver Neuville gelang sogar noch ein schönerer Treffer, was 37 000 Zuschauer angesichts von neun Punkten Vorsprung auf Rang vier in Sicherheit wiegen ließ, dass alles, aber auch wirklich alles gut werden würde.

Und was machen Fans eines Zweitligisten, der sich nur noch selbst an der Rückkehr ins Oberhaus hindern kann? Sie singen ein Lied. Ein Lied, das nur aus vier Wörtern besteht. Ein Lied, in dem all die Erleichterung steckt, ein unliebsames Abenteuer im Unterhaus zu einem guten Ende zu führen. Ein Lied, das kurioserweise am allerschönsten ist, wenn man es niemals singen muss: „Nie mehr Zweite Liga! Nie mehr, nie mehr, nie mehr!“

Letztes Jahr dauerte es bis zum 32. Spieltag, dass überhaupt jemand den Mut hatte, sich die Abstiegsangst auf die schönste aller Arten von der Seele zu singen. Dante hatte vier Tage nach Colauttis Ekstase-Tor gegen Schalke das Auswärtsspiel gegen Cottbus in der Nachspielzeit entschieden. Rund 3000 Borussen fingen an, dran zu glauben, und posaunten ihren Optimismus in den Lausitzer Abendhimmel.

Marco Reus: Wider die Marin-Vergleiche

Vergangenen Freitag läuft die Schlussphase, wir schreiben diesmal den 30. Spieltag, als rund 48 000 Zuschauer abzüglich einiger Frankfurter die oben beschriebene Gewissheit überkommt – „nie mehr Zweite Liga“. In München, zumindest beim FC Bayern, werden sie dieses Lied noch nie gesungen haben. In Hamburg wird man sich selbst vor ein paar Jahren, als der HSV nach 21 Spieltagen noch auf dem letzten Platz stand, aufs Verdrängen verlegt haben. Der jeweilige Zeitpunkt, seinem Optimismus freien Lauf zu lassen, sagt auch immer etwas über die Mentalität von Vereinen und Fans aus. In der Spielzeit des Gladbacher Wiederaufstiegs war man sich in Köln zum Beispiel kurz vor der Winterpause sicher, „nie mehr“ in die „Zweite Liga“ zu müssen.

Bis zum ersten Freudentaumel dauert es gegen die Eintracht nur sechs Minuten. Karim Matmour jongliert den Ball auf seiner Nase wie ein Exemplar der Tierspezies, die der Bundesliga derzeit von München aus das fürchten lehrt (nein, kein Butt). Und zynisch wie man als Fan bei Aktionen dieser Art so ist, geistern einem schon Gedanken durch den Kopf, in denen es um Artisten und Zirkusse geht. Doch Matmour bereitet der Vorstellung schnell ein Ende. Über Marx und Bradley landet der Ball blitzschnell bei Bobadilla, der Nikolov überlupft. Kurz vor der Torlinie widerlegt Marco Reus dann endgültig jegliche Ähnlichkeiten mit Marko Marin, die ihm nachgesagt werden. Gegen Chris erwischt der 20-Jährige den besseren Absprung und vollendet mit dem Kopf, was Bobadilla sehenswert eingeleitet hat. Man könnte meinen, Reus hätte danach vor lauter Erleichterung sogar eine neue Frisur gehabt, seinen Namen in Martin umgeändert, aus seiner Rückennummer eine 87 gemacht und 17 Kilo zugelegt. Wie auch immer: Gladbach führt mit 1:0 und jubelt über ein Tor der Marke „ganz früh, ganz wichtig“.

Eine Woche zuvor hat die Eintracht noch ernsthafte Europacup-Ambitionen angemeldet. Nun wirkt die Borussia so, als ginge es darum, mit dem Gegner durch einen Sieg die Plätze zu tauschen. Wir wissen, dass nach diesem System sogar Österreich einmal Weltmeister war. Wir wissen deshalb auch, dass es ziemlich unrealistisch ist. Vorerst muss eine andere Taktik her, um den ersten Europacupeinzug für die „Elf vom Niederrhein“ seit 14 Jahren so unverhofft herbeizuführen wie Schnee im Juli. „Fairplay-Wertung“ lautet das Stichwort, das in den vergangenen Jahren schon mehrfach durch Borussia-Park und Bökelberg geisterte. 2002 hatte der VfL kein Losglück, 2007 kaufte man in der Winterpause Steve Gohouri, woraufhin der stete Fall in der Fairplay-Wertung besiegelt war.

Diesmal liegt Gladbach nach 30 Spieltagen auf dem zweiten Rang, punktgleich mit dem SC Freiburg. Der Erste, der FC Bayern, wird sich für die Champions League qualifizieren, Dortmund und Bremen aller Voraussicht nach für die Europa League. Dem 1. FC Nürnberg ist man bereits ein wenig enteilt. Behält Deutschland seine gute Position in der europaweiten Wertung und setzt Jogi Löw sich nicht allzu vehement für den vermutlichen Absteiger in spe ein, den SC Freiburg, dann könnte ein Traum wahr werden, den bisher niemand geträumt hat.

Pioniergefühle für Daems – Problemkind Bobadilla

Dass sie fair und ohne böse Fouls scheinbar am besten spielt, beweist die Borussia bereits in Hälfte eins. Frankfurt gelingt so viel wie einer Amateurmannschaft am Mittag nach der Weihnachtsfeier. Hinten sorgt das für viel Gelassenheit. Wobei es in einer Abwehr mit Dante ja durchaus immer gelassen zugeht. Vorne wirbelt das Laissez-faire in Person von Raúl Bobadilla, der mit einem sehenswerten Schlenzer beinahe das 2:0 erzielt. Später wird sich zeigen: Der Mann ist keiner für die leichten, sondern einer für die schweren Dinger. Mit Juan Arango entledigt sich derweil ein anderes Sorgenkind seiner und vor allem unserer Sorgen. Nachdem „Aranstand“ zuletzt viel besser als Nachname zu ihm gepasst hätte, nimmt er diesmal die Zweikämpfe an und beackert die linke Seite nicht mehr so behäbig wie mit einem Pferdepflug aus dem 19. Jahrhundert. So soll es sein.

In den ersten Minuten nach der Pause hat Frankfurt noch immer keinen Wind vom geplanten Platztausch mit der Borussia bekommen. Stattdessen pflügt Chris in der 56. Reus um, als habe er sich Arangos Hightech-Pflug geliehen. Während Reus am Spielfeldrand behandelt wird, darf Gladbachs Venezolaner sich zur Belohnung den Ball zum Freistoß zurechtlegen. Dante steht in der Mitte „sträflich frei“, vermerkt der „Kicker“. Mit seinem dritten Saisontor überholt der Brasilianer doch tatsächlich Lukas Podolski. Bei den Top-Funden zum Suchbegriff „sträflich“ geht es bei Google übrigens um asiatische Autobauer, Kindstode, vernachlässigte Stammkunden und den Straßenbau. Sportthemen tauchen erst vorne auf, wenn man ein „frei“ hinzufügt. Diese Sprache ist wie Privatfernsehen am Nachmittag: Grausam, aber man kann es trotzdem nicht sein lassen.

Die Eintracht tritt so überraschend schwach auf, dass sich selbst Borussenfans nach einer Stunde sicher fühlen. Die Nordkurve greift so tief in die Liederschublade, dass die Angst um sich greift, beim nächsten Tor könnte „Die Hände zum Himmel“ als Jingle ertönen. Nur vier Minuten nach Dantes 2:0 hat Bobadilla den nächsten Treffer auf dem Fuß. Auf links ist Daems erst von Arango auf die Reise geschickt worden und bekommt dabei nach langer Offensivabstinenz durchaus Pioniergefühle. Dann gibt er dem Borussia-Park mit einem lässigen Hackentrick das Gefühl, der VfL sei unerlaubt auf dem Transfermarkt aktiv geworden. Aber Bobadilla macht allein vor dem Tor deutlich, dass das nicht der Fall war, jedoch dringend geschehen muss.

Da das Spiel entschieden ist und man sich intensiv mit anderen Dingen beschäftigen kann, entflammt die vergebene Großchance des Argentiniers lebhafte Diskussionen auf den Rängen. Die einen wollen ihn direkt wieder verkaufen. Andere wollen ihm noch eine Chance geben, glauben aber nicht an den Durchbruch. Und eine Fraktion von erheblicher Größe ist fest davon überzeugt, Bobadilla werde uns schon bald so viel Freude bereiten wie eine Carrerabahn einem Achtjährigen zu Weihnachten. Verkaufen: Blödsinn, finde ich. Durchbruch: Derzeit nur schwer vorstellbar, finde ich. Die fußballerischen Fähigkeiten von Bobadilla sind unumstritten. Bislang war er am erfolgreichsten, wenn er mannschaftsdienlich und geradlinig spielte. Da das viel zu selten passiert, scheint der 22-Jährige eher an einer mentalen Blockade zu leiden. Für einen, der sich seit 2006 in deutschsprachigen Gefilden aufhält, dürften Eingewöhnungsprobleme zudem längst keine Rolle mehr spielen. Zumal er seine Eltern ja immer auf der Brust bei sich hat. Fest steht: Bobadilla ist eine Baustelle. Fest steht aber auch: Mindestens ein Jahr mit unermesslicher Geduld sollte man ihm noch geben. Schließlich haben wir schon Skoubo, Heinz, Kahê und Rafael überlebt – auch wenn es knapp war.

Heile Welt im Borussia-Park

In der verbleibenden Spielzeit hat der Gegner aus Hessen nichts dagegen, dass die Partie das Motto „Was fürs Torverhältnis tun“ erhält. Doch anscheinend ist Marco Reus von Roel Brouwers bestochen worden. Mit seinem siebten Saisontor hat er den Niederländer nämlich eingeholt. Falls Brouwers zwar keine Torprämie, dafür jedoch eine für den ersten Rang in der internen Torjägerliste im Vertrag stehen hat, würde etwas Schmiergeld Sinn ergeben. Also tankt sich Reus erst mit marin’esker Geschwindigkeit durch die Abwehr, um dann an Oka Nikolov zu scheitern. Kurz darauf will er den Mazedonier nach einem Arango-Pass der Superlative lässig überlupfen. Doch der dienstälteste Frankfurter, fast so lange im Verein wie Marco Reus auf der Welt, hat keine Lust, ein „Tor des Monats“ zu fangen.

Fast im gesamten Verlauf der zweiten Halbzeit hat sich der 35-Jährige zudem die üblichen Schmährufe anhören müssen, denen Torhüter in nur wenigen deutschen Bundesligastadien entgehen. Nikolov stellte sich nach einem vermeintlichen Zusammenprall mit Bobadilla tot und attackierte den Argentinier vehement, als der Ball im Aus war. Wenn es keine Fairplay-Wertung zu gewinnen gäbe, würde ich sagen, die Pfiffe hat er sich redlich verdient. Nach dem Spiel flogen übrigens keine Flaschen in die Nordkurve.

Außerdem ist der Borussia-Park ab einem gewissen Zeitpunkt viel zu sehr damit beschäftigt, den So-gut-wie-Klassenerhalt zu feiern. Da vergisst die Kurve ab der 83. Minute sogar regelmäßig das Pfeifkonzert für den Eintracht-Keeper. Kurz vor dem Ende bekommt Bobadilla noch die nächste Gelegenheit, sein viertes Saisontor zu erzielen. Ob „Die Hände zum Himmel“ wirklich ertönt wäre, werden wir jedoch nie erfahren. Anstatt einen der beiden Mitspieler neben ihm zu bedienen, schließt Bobadilla den Konter alleine ab und trifft nur das Außennetz. An einem rundum gelungenen Abend ist er der einzige Reibungspunkt weit und breit. Sechs Torschüsse hat er abgegeben, einige davon so aussichtsreich wie ein 6er im Lotto bei 49 angekreuzten Zahlen – doch am Ende ging er, wieder einmal, leer aus.

Von einer ziemlich heilen Welt im Borussenland zeugen jedoch die Ereignisse nach dem Spiel. Die Nordkurve bitte Bobadilla zum Tanz – weil sie die Hoffnung auf den Durchbruch noch nicht aufgegeben hat. Dann gibt sie ihm, wie bestellt, erst „eine H“, dann „eine U“, „eine M“, „eine B“ und schließlich „eine A“. Fertig ist die „Humba“ zum Klassenerhalt. Gewinnt Freiburg am kommenden Spieltag nicht und holt Hannover bei den Bayern keinen Punkt, dann ist der Ligaverbleib auch auf dem Papier perfekt.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 28. Akt: Genugtuung³

Gladbach 1:0 Hamburg – einfach nur Genugtuung, sonst nichts.

Fußball-Fans haben ja generell den Eindruck, sie seien der Mittelpunkt der Welt. Nicht alle zusammen, sondern jeder für sich selbst. Man steht nicht auf dem Platz. So weit wird es auch nicht mehr kommen, weil zwar alle wissen, dass der Linksverteidiger mit einem 30-Meter-Ball die Seite wechseln müsste, es aber kaum jemand selbst auf die Reihe bringen würde. Und zuhause bekommen wir mangels Motorik kaum den Briefkasten auf. Trotzdem hat sich schon manch ein Fan zum Matchwinner aufgeschwungen – weil er statt der Bratwurst eine Laugenbrezel gegessen oder statt des linken Socken ausnahmsweise den rechten zuerst angezogen hat.

„Die Welt dreht sich doch nicht um Dich“, meinte meine Freundin letztens, als sie mit im Stadion war und ich ihr erklären wollte, warum wir nicht den naheliegendsten Treppenaufgang zum Block nehmen können, sondern noch rund 100 Meter laufen müssen. Laut Artikel 3 des Grundgesetzes darf niemand wegen seines Glaubens diskriminiert werden. Den Aberglauben hatten die Väter unserer Verfassung damals wohl nicht im Sinn. Manchmal hat man es nicht leicht, wenn man etwa sein Trikot aufgrund einer sagenhaften Siegesserie wochenlang nicht wäscht.

Gott sei Dank haben Anhänger der Borussia nur äußerst selten mit diesem Problem zu kämpfen. Viel näher liegt das Gefühl, man müsse etwas ändern, irgendeinen genialen Schachzug des Aberglaubens durchführen, um den VfL wieder aus der Sieglosigkeit zu befördern. Die Karnevalssession erlebte gerade ihren Höhepunkt, als Gladbach am Freitagabend nach Altweiber mit 2:1 gegen den 1. FC Nürnberg gewann. Es folgten zwei Unentschieden gegen Hoffenheim und Freiburg, zwei Pleiten gegen Dortmund und Wolfsburg sowie das 1:1 im Derby gegen Köln. Nach dem Nürnberg-Sieg hatte die Borussia Tuchfühlung zu den einstelligen Tabellenplätzen, lag elf Punkte vor dem Relegationsplatz und so manch ein Bekloppter (auch ich, im untersten aller Unterbewusstseins) träumte davon, mit einem sagenhaften Endspurt noch auf Rang sechs zu springen.

Mit den Träumen war es schnell vorbei. Der VfL legte mit den Spielen gegen Dortmund und Wolfsburg (höchste Heimpleite seit 1998) seine schlechtesten Saisonleistungen hin. So manch einem Träumer und „Langweilig!“-Rufer (auch mir) wurde klar: Mit 30, 31 Punkten kann man selbst in einer Saison, in der sich so viele Mannschaften sagenhaft unterirdisch präsentieren, noch absteigen. Es ging nach den Niederlagen von Hannover und Nürnberg sowie dem Remis der Freiburger also um nichts Geringeres als einen Riesenschritt in Richtung Sorglosigkeit und Klassenerhalt.

Ein Magen-Darm-Virus als gutes Omen

Die Liste der guten Omen und abergläubischen Handlungen war lang. Erstmals seit 17 Spielen konnte ich mir wieder ein Trikot überstreifen, ohne Bibendum, dem Michelin-Männchen, ernsthafte Konkurrenz zu machen. Sprich, ich zog erstmals seit dem Auswärtsspiel beim HSV überhaupt wieder eins an. Damals siegte Gladbach mit 3:2, beendete die schwerste Krise dieser Spielzeit und machte sich auf, um aus den letzten sechs Partien der Hinrunde noch zehn Zähler zu holen. Michael Frontzeck hatte sich bei der Zusammenstellung der Mannschaft fürs Rückspiel scheinbar ebenfalls daran erinnert. Mit Friend und Matmour brachte er die beiden Stürmer, nach deren Einwechslung im vergangenen Oktober die Wende folgte. Tobias Levels wird ein weniger schönes Wochenende verbracht haben – mit Magen-Darm-Virus. Für ihn rückte Tony Jantschke in die Startelf – wie zuletzt im Februar gegen Nürnberg, als der VfL sein bis dahin letztes Spiel gewann. Um sicherzugehen nahm ich den richtigen Eingang, wechselte den Treppenaufgang und ließ die Bratwurst weg. Wobei Letzteres eher der undankbaren Anstoßzeit um 17:30 Uhr geschuldet war. Eine Wurst oben drauf hätte das Sonntagsschnitzel wohl nicht gut geheißen.

Das Spiel hatte kaum begonnen, da fühlte ich mich bereits bestärkt in meinem Glauben, es könne endlich wieder einmal etwas werden mit einem Dreier. Karim Matmour brachte den ersten Dornbusch zum Brennen, als er Frank Rost schon in der zweiten Minute einer TÜV-Kontrolle für Torhüter über 35 unterzog. Kurz darauf teilte Rob Friend das Meer mit einem gelungenen Kopfball, der dem HSV-Keeper die nächste Plakette einbrachte.

Doch es war schnell vorbei mit den biblischen Wundern. Die erste Hälfte brachte über weite Strecken zwar auch keine Plagen, verstärkte aufgrund von chronischer Ereignislosigkeit jedoch hartnäckig den Sommerzeit-Jetlag. Ruud van Nistelrooy phantomisierte durch den Gladbacher Strafraum wie eine Fata Morgana. Arangos Körpersprache machte den Eindruck, die Uhr sei nicht um eine, sondern um 25 Stunden vorgestellt worden. Es passierte praktisch nichts. So manch einer rutschte bereits sachte den Sitz herunter, klimperte mit den Augen oder musste sich kräftiger auf den Wellenbrecher stützen, als die Ereignislosigkeit so jäh beendet wurde wie das alte Jahr am 31. Dezember um 23 Uhr, 59 Minuten und 59 Sekunden.

Ein Arango-Freistoß segelte augenscheinlich so ungefährlich in den Strafraum, dass 52 000 schon wieder die Augen schließen wollten. Doch plötzlich war er da, phantomhaft wie sein Landsmann van Nistelrooy in besten Zeiten, kaltschnäuzig wie Gerd Müller. Roel Brouwers schaltete nach kurzem Durcheinander schneller als alle anderen und beförderte den Ball zum siebten Mal in dieser Saison über die Linie. Unter den Augen von Bondscoach van Marwijk brachte er sich so nicht nur für die WM-Verteidigung der Niederlande ins Gespräch, sondern untermauerte gleichzeitig Ansprüche auf die vereinsinterne Torjägerkanone und die der Bundesliga-Abwehrspieler. Mit Daniel van Buyten (6 Saisontore), Maik Franz, Per Mertesacker, Naldo und Mats Hummels (je 5) ist die Konkurrenz nicht nur namhaft, sondern ebenso treffsicher in diesem Jahr.

2008: Campingplatz – 2010: WM-Nominierung?

Vor zwei Wochen widmete ich an dieser Stelle Tobias Levels einen Huldigungs-Absatz. Roel Brouwers macht genau wie Levels eigentlich gar nicht den Eindruck, sich so etwas einmal zu verdienen, wenn man ihn über den Platz laufen sieht. 192 Zentimeter bewegen sich eher ungelenk durch die Gegend. Der 28-Jährige ist nicht mit der besten Technik gesegnet. Wenn er den Ball quer passt oder dem Sechser vor ihm überlässt, könnten Spötter meinen, man müsse Angst um seine Knöchel haben. Doch da es niemand in der Welt böse mit dem fröhlichen Niederländer meinen kann, ist da in erster Linie die Geschichte eines Mannes, der sich von einem Zweitligaaufsteiger erst zu einem Bundesligaaufsteiger hochgearbeitet hat und nun die Abwehr einer Mannschaft stabilisiert, die sich in der sorglosen Zone der höchsten deutschen Spielklasse eingenistet hat. Auch ein Verdienst von Brouwers. Nicht nur wegen seiner nunmehr sieben Saisontore, die schon in der letzten Spielzeit für die vereinsinterne Torjägerkanone genügt hätten. Jetzt hat er sich ins Blickfeld von „Oranje“ gespielt, das momentan unter einem Innenverteidiger-Mangel leidet. Wenn es für die Niederlande im Juni gegen Dänemark, Japan und Kamerun geht, könnte einer dabei sein, der sich das selbst wohl nicht erträumt hätte. Noch zur EM 2008 war Roel Brouwers, frisch kahlgeschoren nach dem Aufstieg der Borussia, als Tourist in die Schweiz gereist. Nicht in der Manier eines Günter Herrmann – sondern mit Freunden auf den Campingplatz. So geht das eben im Fußball.

Der zweite Durchgang brachte zwar keinen weiteren Treffer von Brouwers. Dennoch gelang es ihm an der Seite von Dante eindrucksvoll, Bondscoach van Marwijk ein paar Argumente mehr mit auf den Heimweg zu geben. Wenn beide einmal nicht auf der Höhe waren, retteten die Abschlussschwäche des HSV, Logan Bailly oder die Fahne des Schiedsrichter-Assistenten. Wenige Minuten nach der Pause waren die beiden Letztgenannten gemeinsam aktiv. Van Nistelrooy spielte sich zum ersten Mal nennenswert in den Mittelpunkt. Doch seinen Schuss, im Abseits stehend, entschärfte Bailly, der ansonsten wenig zu tun hatte, glänzend. Bald darauf war auch schon Schluss für „Van the Man“. In 27 Minuten Einsatzzeit brachte Paolo Guerrero exakt so viele Ballkontakte zustande wie der Niederländer, den sie in Hamburg scheinbar zum Messias auserkoren. Ob man einen Weltklasse-Stürmer kurz hinter dem Zenit beim Stand von 0:1 aus Sicht der eigenen Mannschaft nach 63 Minuten vom Platz nimmt, darüber kann man mit Sicherheit streiten. Doch sich um Kopf und Kragen ihres Trainers reden, das sollen die HSV-Fans dann doch bitte selbst übernehmen. Wer gerade einmal keine Probleme hat, muss sich ja nicht gleich der des Gegners annehmen.

Nachgeholt: die Nachspielzeit aus dem Derby

Das Siegen ist bei der Borussia in dieser Saison eine leichte Sache (gut, so leicht auch wieder nicht, denn dann hätte sie es sicher öfter getan). Legt man das, was sie falsch gemacht hat, und das, was richtig gelaufen ist, auf die Waagschale, spiegelt sich ein Übergewicht an richtigen Handlungen meist in einem Dreier wider. Über weite Strecken fand der VfL die richtige Mischung aus Stürmen und Verteidigen, nutzte die Schwächen des Gegners diesmal besser aus als zum Beispiel noch in Köln. Frontzecks Wechsel waren logisch, konsequent und gut. Erst ließ er ein funktionierendes System in Ruhe walten. Als die Hamburger den Druck erhöhten, nahm er Friend – der mit dem Ball so richtig nur in der Luft oder im Strafraum etwas anfangen kann – vom Platz und brachte mit Bobadilla einen laufstarken Mann, der den Ball so lange halten kann, dass es einen in anderen Phasen eines Spiel ja eher schon gestört hat.

Nur ein Freistoß-Festival des HSV in der Schlussphase gab der Angst noch einmal einen Nährboden. Doch wie so viele Versuche des Gegners verpufften auch die „aus dem Stand“. Nach Ablauf der 90 Minuten erhielten 52 000 Borussen minus X noch eine Antwort auf ihre Frage, wohin eigentlich die Nachspielzeit aus dem Derby verschwunden ist. Denn genau die Sekunden, die Felix Brych damals zu früh abpfiff, ließ sein Namensvetter Zwayer nun nachspielen. Und so vergingen noch nervenaufreibende drei Minuten, bis es endlich hieß: Arme in die Luft recken, „Jaaaa!“ schreien, genießen.

Genugtuung – in jeder Hinsicht

14-mal hat die Borussia in dieser Saison geführt, fünfmal hat es am Ende nicht zum Dreier gereicht, gleich dreimal trotz eines Zwei- oder Drei-Tore-Vorsprungs. Dieses 1:0 gegen Hamburg ist also alles andere als selbstverständlich gewesen. Zumal es Gladbach in eine solch komfortable Situation versetzt hat, dass nun, sechs Spieltage vor dem Ende, genau ein Zähler pro Spiel schon definitiv zum Klassenerhalt reichen würde – selbst wenn Hannover, Freiburg, Nürnberg und Co. alle ihre ausstehenden Partien gewinnen. Darüber, dass das ziemlich unwahrscheinlich ist, herrscht wohl kein Gesprächsbedarf. Zum selben Zeitpunkt hatte Gladbach im letzten Jahr 23 Punkte auf dem Konto. Nun gibt es für mich bis zum Saisonende noch genau zwei Ziele: sechs Zähler einfahren, um die “Mission 40″ mit einem Jahr Verspätung doch noch zu vollenden, und am liebsten schon am 31. Spieltag auf Schalke die Klasse halten. Denn eine Woche darauf gegen die Bayern werde ich nicht dabei sein können.

Ein Dreier gegen den HSV war besonders wohltuend. Nicht nur, weil die Borussia selten beide Saisonspiele gegen eine Mannschaft gewinnt (seit 2001 gelang es in der Bundesliga erst zum siebten Mal). Sondern auch, weil sich die Anhänger des Klubs aus dem Norden in der Hinrunde von einer so arroganten Seite gezeigt hatten („Was wollt Ihr überhaupt hier?“), dass dies schon damals auf dem Fuß bestraft wurde. Etwas Wasser auf die Mühlen meiner Antipathien gab es zudem noch nach dem Spiel gestern, als ich unter anderem mit meinem Bruder zum Bus ging. Ein paar HSV-Fans trotteten an uns vorbei, als einer meinen Bruder, der bekanntlich das Down-Syndrom hat, plötzlich mit einem flugs komponierten „Lied“ bedachte – „so sehen Mongos aus“. Wenn in der Halbzeit schon zum Kampf gegen Rassismus aufgerufen wird, sucht man sich in Hamburg scheinbar andere Gruppen zum Diskriminieren. So etwas habe ich bei all denen Stadionbesuchen mit meinem Bruder, auch auswärts, zum ersten Mal erlebt. Aber immerhin erhielt der HSV-Fan die Höchststrafe: Nein, keinen Schlag ins Gesicht. Aber fünf Stunden mit dem Zug nach Hause dümpeln, mit einer bitteren 0:1-Pleite im Gepäck, das kommt dem schon sehr nah. Ganz anders als ein Sieg nach zuletzt fünf Spielen ohne.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 27. Akt:
(Tor-)Tour de Rhein

Köln 1:1 Gladbach – ein Besuch beim Zahnarzt; eine Anfahrt in Etappen; Bilder wie auf einem G8-Gipfel; ein Ball, der nicht rollte, als er sollte; “keine Vorkommnisse”, die es nicht gab; ein bisschen Ekstase; mehr Ärger.

Letzten Freitag, A57, kurz nach 13 Uhr: Mehr als sieben Stunden sind es noch bis zum Anpfiff dieses merkwürdigen Fußballspiels, über das man in den letzten Tagen so viel gesprochen hat, ohne wirklich darüber zu reden. Zumindest nicht über diese 90 Minuten zwischen 20:30 und 22:15 Uhr. Die Autobahn stimmt bereits, nur die Fahrtrichtung noch nicht. Die Richtung heißt Nimwegen, nicht Köln. Das Ziel ist eine Zahnarztpraxis in Xanten am Niederrhein, nicht das RheinEnergieStadion. Noch sind Nils, Chrissi und ich nämlich ticketlos.

Zwischen Bohrer, Mundschutz und Sprechstundenhilfen verbirgt sich jedoch keine geheime Karten-Oase, sondern lediglich der Arbeitsplatz von Christoph, meinem Sitznachbarn im Borussia-Park. Nachdem das Ticketportal beim Beginn des Vorverkaufs unverzüglich zusammengebrochen war wie eine alte Frau, der man plötzlich einen Kleinwagen auf die Schultern lädt, ist der füllende und bohrende Borusse meine letzte Derby-Hoffnung gewesen. Weil die übriggebliebenen Fanclub-Tickets jedoch so spät ankamen und man die guten Stücke ja nicht per Einschreiben durch die Welt schicken will, beginnt die Auswärtsfahrt nach Köln für uns drei also mit einer Tour vom südlichen an den nördlichen Niederrhein.

Gibt man bei Google Maps das Stichwort „Niederrhein“ ein, landet die Pfeilspitze des roten Ballons in einer Häuseransammlung namens Spilling. Die liegt zwischen Ossenberg und Borth, wo sich wahrscheinlich nicht einmal Fuchs und Hase gute Nacht sagen, weil sie dafür viel zu weit voneinander entfernt leben. Das klingt fast schon nach großstädtischer Arroganz meinerseits. Aber wer als Niederrheiner aus dem Dreieck Mönchengladbach-Krefeld-Düsseldorf kommt, der empfindet die Region um Xanten schon als Einöde, wenn auch natürlich als durchaus schöne.

“Mission Derbykarten” – erfüllt; “Mission Aberglaube” – noch nicht

Um kurz nach zwei parken wir das weit und breit einzige Auto mit Kennzeichen VIE in der Nähe des Xantener Stadtkerns. Während ich losziehe, um die „Mission Derbykarten“ zu vollenden, machen sich Nils und Chrissi auf ins Zentrum, um ein Netz „Babybel“ zu kaufen. In ihrem Fall ist es eine „Mission Aberglaube“, denn mit ein paar der roten Wachsfladen ging es im letzten Jahr nach Köln, um dort einen 4:2-Auswärtssieg der Borussia zu bejubeln. Man will sich am Ende ja nichts vorwerfen müssen.

Als ich nach einer schnellen Führung durch das Behandlungszimmer in Borussia-Optik (mit Raute an der Wand) zum Parkplatz zurückkehre, fehlt von den beiden Einkäufern noch jede Spur. Wartend stehe ich an Chrissis Auto gelehnt mitten in Xanten, schlage ungeduldig die Tickets in die Handflächen und frage mich, wie man so lange für so wenig Käse brauchen kann. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, als beide um die Ecke biegen – in ihren Händen kein Käse, dafür auf ihren Gesichtern ein breites Grinsen. Ein Reporter der Rheinischen Post hat sie zusammen mit einem Praktikanten abgefangen, um mit ihnen ein kurzes Interview für die Rubrik „Was geht… in Xanten?“ zu machen. Anstatt „nichts, wir holen nur unsere Derbykarten ab“ zu antworten, sind sie stehengeblieben und haben den armen Lokaljournalisten erst einmal brav seine Fragen stellen lassen – bis der langsam stutzig wurde, warum sie in Boisheim Handball spielen („Hä? Was ist das denn?“). Ein Foto wurde auch noch geschossen, so dass Nils und Chrissi scheinbar viele Zeitungsleser am nördlichen Niederrhein vergangenen Samstag am Frühstückstisch begrüßt haben. Denn das mit dem Wohnort außerhalb von Xanten, das wollte der Reporter schon irgendwie hinbiegen.

Nachdem wir die „Mission Aberglaube“ schnell noch zu Ende gebracht haben, Chrissi jedoch mit dem Kauf eines Schokoriegels alles kaputt gemacht hat, nähern wir uns dem RheinEnergieStadion wieder ein bisschen und fahren erst einmal nach Hause. Schnell noch die Zwischenetappe namens „Riesen-Schnitzel“ absolviert. Dann geht es mit dem Wagen von Nils in die Domstadt. Nach all den Diskussion über Krawalle, über das Polizeiaufgebot und mit den Erinnerungen ans letzte Jahr im Kopf, könnte man meinen wir brächen auf zum Auslandseinsatz nach Kabul. Dabei soll es doch angeblich immer noch Fußball sein. Mein treuester Auswärts-Mitfahrer hat morgens mithilfe eines Föns noch schnell seinen Gladbach-Aufkleber von der Heckklappe entfernt. Man weiß ja nie, wem der so ins Auge fällt. Einen provisorischen „Baby an Bord“-Aufkleber haben wir so kurzfristig nicht mehr auftreiben können.

Bilder wie beim G8-Gipfel – in Köln-Müngersdorf

Bevor wir am Stadion ankommen, erfahren wir schnell noch am eigenen Leib, warum keine Stauschau ohne Köln-Bocklemünd und -Lövenich auskommt und die arme Stadt Euskirchen immer so in Misskredit gerät, weil man fälschlicherweise davon ausgeht, dort sei immer Stau. Etwas schneller voran geht dann in direkter Nähe des RheinEnergieStadions. Neu-Müngersdorf öffnet gerade erst seine Pforten, als wir aus dem Auto steigen. Viele Rautenträger sind dem Aufruf gefolgt, früh anzureisen. Von Kölnern noch so gut wie keine Spur. Übertroffen werden beide Fanlager um kurz nach halb sieben nur noch von einer Gruppierung: die trägt Grün und Blau, in den meisten Fällen Helme und einige sind zu Pferd unterwegs.

Das Bild auf der Wiese vor dem Stadion gleicht denen, die man von G8-Gipfeln aus dem Fernsehen kennt. Einerseits stimmt es einen traurig, weil es immer noch Fußball ist (zumindest in meinem romantisch-verträumten Hirn) – die Welt-Sportart, die so viele Leute in ihren Bann zieht, weil sie grundlegend so simpel ist, dass eine Dose als Spielgerät und vier Steine zur Tormarkierung genügen. Andererseits ist das Aufgebot den Vorkommnissen der letzten Jahre, besonders der im vergangenen, absolut angemessen. Eingebrockt hat das der breiten Masse ein kleines Grüppchen, das nicht einmal einen Prozent aller Derbyzuschauer ausmacht. Hinzu kommen ein paar, die vermutlich nicht einmal ins Stadion gehen. Fertig ist, so sehe ich das, der Anfang von einem Ende, das noch keiner kennt.

Knapp zwei Stunden vor dem Anpfiff ist alles friedlich. Langsam versinkt die Sonne hinter den Bäumen. Wenn etwas passieren sollte unmittelbar am Stadion, dann, da sind wir uns sicher, sobald es dunkel ist. Im Vorfeld war besonders über die Ansetzung das Spiel diskutiert worden. Der Polizei schwante Böses. Selbst Michael Frontzeck sagte, er hätte es „von Beginn an nicht verstanden“. Immer wieder wurde spekuliert, Sky wolle sich hohe Einschaltquoten sichern. Wobei es wiederum schleierhaft bleibt, warum ein Pay-TV-Sender anstelle seiner Abonnentenzahl mehr an seiner letztendlichen Zuschauerzahl interessiert sein sollte. Fragen über Fragen, nur eine Antwort – Freitagabend, 20:30 Uhr, live, in Farbe und in der Dunkelheit.

Wirklich “keine Zwischenfälle”?

Eine Stunde bevor es los geht, füllt sich allmählich der Gästeblock. Nicht jedoch im Inneren, sondern draußen auf der Empore, von wo man die Wiese vor der Kölner Arena bestens im Blick hat. Es ist trügerisch ruhig. Nur das monotone Rattern des Polizeihubschraubers, der pausenlos über dem Stadion kreist, schneidet in die Stille hinein. Plötzlich fällt uns auf, dass sich auf dem rechten Teil der Wiese, dem vor dem Gästeblock, immer mehr Gestalten versammeln. Die Polizei hat schon einen Beleuchtungswagen aufgestellt. Als wenig später die nächste Fuhr mit Gladbacher-Sonderbahnen unweit des Schauplatzes ankommt, wird es noch voller. Nach und nach positionieren sich die Einsatzkräfte, bilden eine menschliche Barriere zwischen beiden Gruppen. Die eine – schwarz-weiß-grün – will, so ist der Eindruck, einzig und allein den Weg vom Bahnsteig zum Gästeblock hinter sich bringen. Rund 300 Meter sind es. Die andere Gruppe, die auf der Wiese, will wohl nur das, wofür einem langsam die Worte ausgehen. Sie sind abgelutscht und man findet keine neuen. Es geht um fliegende Fäuste. Involvierte hört man immer wieder von einem „Adrenalin-Kick“ sprechen. Von oben, aus sicherer Entfernung, sieht es nach Auswüchsen einiger Hirnloser aus. Fraglich, wie aber ein Stresshormon ausgeschüttet werden soll, wenn im Kopf das nötige Nervengewebe fehlt, um das Signal zu geben: ‚Adrenalin marsch!‘.

Derweil haben die Einsatzkrätze Mühe, beide Gruppen zu trennen. Anstatt standhaft zu bleiben, lassen sie sich zurückdrängen – wohl Teil einer Deeskalationstaktik. So sind nach ein paar Minuten nur noch einige Polizeiwagen und eine menschliche Trennwand aus vier, fünf Reihen dazwischen. Es werden Böller gezündet, jedoch nur vereinzelt. Die Kölner Seite markiert singend ihr Revier. Hundegebell fliegt durch die Dunkelheit. Das Szenario ist merkwürdig: Hunderte schauen von Logenplätzen dabei zu, wie wiederum Hunderte sich nahezu Stirn an Stirn stehen. Die große Schlägerei bleibt aus, so dass sich ein paar Dutzend Kölner den provisorisch aufgestellten Bauzäunen widmen. Als die ersten Elemente umkippen, sehe ich schon wieder das Schlimmste kommen – wie im letzten Jahr, als von unten Raketen und Flaschen in den Gästeblock flogen und Fans, die vor dem Eingang anstanden, attackiert wurden. Doch nicht die Polizei, sondern die ziemlich engagierten Security-Leute beruhigen die Lage erst einmal. Pfefferspray wird eingesetzt. Ein Ordner zögert nicht lange, als ein Kölner Angreifer – nennen wir ihn mal so – über einen Zaun steigen will und bringt ihn mit einem beherzten Tritt zu Fall. Die zu Fall gebrachten Zäune werden so provisorisch wieder aufgerichtet wie man sie dort platziert hatte. Letztendlich gelingt es der Polizei mit ihren Pferden, die beiden Lager endgültig zu trennen und die brisante Lage so zu entschärfen.

Wer bei der Rekapitulation der Ereignisse den Überblick verloren hat, dem kann die nachfolgende Grafik vielleicht auf die Sprünge helfen. Die weißen Gebäude auf der Wiese stehen nicht mehr, sehen ohnehin aus wie Zelte (vielleicht weiß ja jemand mehr). Die Farbe Rot habe ich bewusst nicht mit “Fans des FC” bezeichnet – das würde den Kern der Sache nicht treffen.

Von all dem wird in der gemeinsamen Pressemitteilung der Kölner Polizei und der Bundespolizei am nächsten Tag nichts stehen. Am Ehrenfelder Bahnhof sei der Umstieg von Gladbacher Fans in die Sonderbahnen der KVB „ohne Vorkommnisse“ von statten gegangen. Weiter heißt es, die Bahnen seien auf der Aachener Straße in Richtung Stadion „vereinzelt mit Plastikbechern beworfen“ worden. Außerdem ist von „mehreren Sachbeschädigungen an den Sonderzügen“ die Rede. Anscheinend sind wir schon so abgestumpft von den Ausschreitungen vergangener Wochen, Monate und Jahre, dass die Vorkommnisse direkt am Stadion einfach so in einen polizeilichen und journalistischen Mantel des Schweigens gehüllt werden dürfen. Fest steht: Die Konfrontation ging nicht von der Gladbacher Seite aus, die Polizei war schnell genug zur Stelle, hatte jedoch redliche Mühe, die Lage zu entschärfen. Jetzt habe ich 778 Wörter allein über das G8-Gipfel-ähnliche Polizeiaufgebot und die Ausschreitungen vor dem Stadion verloren, obwohl ich mich selbst darüber aufgeregt habe, dass im Vorfeld so wenig über das Sportliche gesprochen worden war. Doch irgendwie war es mir Anliegen, mich nicht auch noch dem Tenor eines angeblich vollkommen friedlichen Derbys ohne nennenswerte Zwischenfälle anzuschließen. Es war ruhiger, aber es war nicht ruhig.

Da passt es ins Bild, dass es dem Ball letztendlich versagt bleibt, pünktlich um 20:30 Uhr zu rollen. Laut FC-Pressesprecher Christopher Lymberopoulos warten um diese Zeit noch 25 000 Fans vor den Toren des RheinEnergieStadions. Entweder kann das nicht stimmen oder aber die Kölner Arena hat ihr Fassungsvermögen unbemerkt auf mindestens 60 000 erweitert. Denn nur halb gefüllt ist das eckige Rund zum ursprünglichen Anpfiff beileibe nicht mehr. Trotzdem ist die Entscheidung, zehn Minuten später zu beginnen, vollkommen nachvollziehbar.

Das Ende des musikalischen Leidens

Um zwanzig vor neun bläst Felix Brych mitten hinein ins FC-Vereinslied zum Anpfiff. Damit rückt er nicht nur endlich den Fußball in den Mittelpunkt, sondern beendet auch eine Stunde des musikalischen Leidens. Ich liebe zwar den Karneval, mag es aber nicht, in einem Stadion von den Höhnern, den Bläck Föös, den Räubern, Brings und wie sie alle heißen dauerbeschallt zu werden. Den sangestechnischen Höhepunkt erreicht das Derby in Hälfte eins, als der Gästeblock einen Vau-Eff-Ell-Wechselgesang hinlegt, der jeden Anhänger von Wechselgesängen zum Weinen bringen müsste – und den es in diesem Video noch einmal zu hören gibt. So einfallsreich wie die FC-Fans die akustische Annexion ihres Stadion kontern (mit einem monotonen „Hurensöhne“), spielt ihre Mannschaft in der ersten Halbzeit. Ein Problem gibt es jedoch: Das Spiel der Borussia passt sich dem gnadenlos an, so dass von Fußball 45 Minuten lang nur wenig zu sehen ist.

Michael Frontzeck hat die Fohlenelf zum ersten Mal in der Rückrunde so richtig verändert, ohne das Gelbsperren, Verletzte oder aber Rekonvaleszenten ihn dazu gezwungen hätten. Zu Letzteren zählt zwar Schambeinreizungsauskurierer Thorben Marx, nicht jedoch Patrick Herrmann, der mit 19 Jahren sein Startelf-Debüt im Rheinischen Derby gibt. Außerdem spielt vorne Rob Friend als einzige Spitze. Alle Änderungen machen sich bemerkbar: Marx mimt mit Erfahrung und Ruhe souverän den defensiveren Part der Doppelsechs; Friend hat zwar keine Torchancen, gewinnt aber viele Kopfballduelle und hilft hinten bei Standards aus; Herrmann bringt Kölns Linksverteidiger Womé mehrmals so in Schwierigkeiten, dass der später bei seiner Auswechslung vom eigenen Anhang gnadenlos ausgepfiffen wird.

Die Gründe für so viel Frust auf der Südtribüne häufen sich jedoch noch nicht im ersten Durchgang. Novakovic schläft bei einem Schuss von Pezzoni, den er eigentlich ins Tor lenken muss. Eine Flanke von Brecko (zwei Bundesligatore, beide im letzten Jahr beim 2:4 gegen Gladbach) mutiert zum gefährlichen Torschuss, den Bailly gerade so entschärfen kann. Auf der anderen Seite steht ein Schuss von Reus zu Buche. Ansonsten wird es nur einmal richtig brenzlig für die Kölner Hintermannschaft, als Lukas Podolski (anders als in der Offensive) ausnahmsweise für Torgefahr sorgt, in dem er einen langen, langen, Rückpass Arango in die Beine spielt. Doch anstatt den herbeieilenden Reus zu bedienen, schaufelt Gladbachs Lustlosigkeit in Person den Ball so zaghaft auf den Kasten, als trage er eine Beinprothese, die bei zu viel Einsatz wegfliegen könnte. Torlos geht es in die Pause.

1:0 für Gladbach – Selbstzerfleischung beim FC

Die 55. Minute ist angebrochen, als Marco Reus den Bann bricht. Los geht es an der Mittellinie, gestoppt wird der 20-Jährige erst beim Jubeln an der Eckfahne von Patrick Herrmann, der auch sonst zu den flinksten Fohlen zählt. Dazwischen liegen ein Solo durch die Kölner Hintermannschaft und ein trockener Schuss ins linke untere Eck, der circa 7000 Borussen nach vielen Wochen der Abstinenz wieder einmal in freudige Ekstase versetzt. Und diesmal fließt zweifellos jede Menge Adrenalin.

Nur kurz hat es den Anschein, als wolle der VfL gegen taumelnde Kölner sofort die Entscheidung suchen. Doch stattdessen bläst, ja wer eigentlich?, zum Rückzug in die eigene Hälfte. Trotz Ballbesitz im dreistelligen Prozentbereich stellt der FC jedoch über weite Strecken rein gar nichts auf die Beine. Pierre Womé fällt der Willkür zum Opfer und mutiert zum Pfeifopfer. Sogar die ersten Soldo-raus-Rufe hallen durchs Stadion. Eine Viertelstunde vor dem Ende steht der Rivale aus der Domstadt kurz vor der Selbstzerfleischung. Und was macht die Borussia? Sieht dabei zu, vornehmlich nicht mehr als 30 Meter vor dem eigenen Tor.

„Es kam, wie es kommen musste“, lautet wohl einer der meistgebrauchten Sätze in Bezug auf die Borussia. Meist geht es um Führungen, die leichtfertig verspielt werden. In der 79. Minute landet der Ball nach einer Ecke wieder auf der Außenbahn beim Kölner Tosic. Der Serbe spielt zu Maniche an die Strafraumgrenze. Alle neun Gladbacher, die vor dem Tor stehen, sind scheinbar mit Seilen an der Grundlinie festgebunden worden, die nicht länger als elf Meter sind. Maniche hat alle Zeit der Welt, könnte alle Derbyergebnisse der Geschichte aufzählen, bis ein Borusse ihn angreift – wohlgemerkt geordnet nach der Lufttemperatur am jeweiligen Tag. Dann zieht der Portugiese ab. Es folgen ein zappelndes Netz, mehr als 40 000 jubelnde Kölner und „Poppe, Kaate, Danze“ von Brings – drei nicht so schöne Begleiterscheinungen eines nicht so schönen Ereignisses.

Novakovic nicht zum 2:1 – Gladbach nicht mehr lethargisch

Bevor ich überhaupt gewohnheitsgemäß daran denken kann, dass die Sache mit dem Derbysieg nun vermutlich ganz nach hinten los geht, ist es auch schon fast so weit. Novakovic stellt den vielzitierten Spitznamen, den ihm der Boulevard verliehen hat, Gott sei Dank pantomimisch dar. Es bleibt Sekunden nach dem Ausgleich beim 1:1. Daraufhin igelt sich die Borussia plötzlich wieder aus ihrer Lethargie. Bis zum Abpfiff liegt der Siegtreffer noch dreimal in der Luft: Bobadilla wird jedoch unfair von Geromel gestoppt – für eine gelbe Karte zu spät, für eine Notbremse aber immer noch zu früh. Dann hat der eingewechselte Colautti das 2:1 auf dem Fuß, bräuchte wie Novakovic langsam auch einen Spitznamen, der nicht so euphemistisch ist wie „Cobra“. Zu guter Letzt wählt Bradley nach einem Solo die falsche Option. Anstatt abzuziehen, will er Reus bedienen. Es bleibt jedoch beim guten Willen.

Kurz darauf ist das Spiel aus. Wir machen uns etwas enttäuscht auf den Weg. Denn zu feiern gibt es trotz des ersten Punktegewinns nach 0:7 Toren aus zwei Spielen für uns nichts. Es überwiegt die Wut über ein mageres Unentschieden gegen eine Mannschaft, die deutlich gezeigt hat, warum die Stimmungslage im polarisierenden Köln derzeit nur aus Schwarz und keinem bisschen Weiß besteht. Draußen ist es wieder völlig ruhig. Doch diesmal trügt die Stille nicht. Wir dürfen durch eine kleine Schleuse in einer Barriere aus Dutzenden Polizisten raus in die Freiheit. „Platzsperre“ lese ich auf einem Schild an der berüchtigten Wiese und frage mich, wann diese Reißleine wohl zum ersten Mal gezogen wird. Trotz der Vorkommnisse vor dem Gästeblock ist das Derby vergleichsweise glimpflich verlaufen. Traurig ist es nur, dass man mittlerweile Wörter wie „vergleichsweise“ gebrauchen muss, wenn es um Ausschreitungen geht.

Wir sind fast die Ersten am Auto. Quer durch den Wald von Köln-Junkersdorf geht es Richtung Autobahn. Willich-Xanten-Willich-Köln-Willich: Die „Tour de Rhein“ geht auf die letzte Etappe. „Nächste Woche muss ich mir erstmal wieder einen Aufkleber holen“, sagt Nils und biegt ab auf die A1. Nicht als Derbysieger.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 26. Akt:
Gegen die Wölfe zum Heulen

Gladbach 0:4 Wolfsburg – DVDs in der Business Class, Delura-Gedächtnis-Schüsse, ein Loblied auf Levels, eine Heimpleite von Format, Neuvilles Rückkehr, kein Pfeifkonzert.

Es war klirrend kalt in Kasan, letzten Donnerstag. Das Thermometer sank auf bis zu minus zwölf Grad und das graue Grün ließ so manchen Fernsehzuschauer verdutzt zum Bildschirm rennen, um genauer nachzusehen, ob er nicht aus Versehen auf Schwarzweiß gestellt hatte. Der VfL Wolfsburg holte ein 1:1 beim russischen Meister und machte sich vor dem 26. Bundesliga-Spieltag nicht einmal mehr auf in die heimische Heimat in Niedersachsen. Sondern es ging nur in die Heimat – nach Düsseldorf nämlich, um von dort aus die kurze Anreise über A44 und A61 in den Borussia-Park anzutreten.

Knapp 43 Stunden waren seit dem Abpfiff in der Millionenstadt an der Wolga vergangen, als Günter Perl am Samstag um 15:30 Uhr anpfiff. Fünf Stunden dauert alleine der Flug nach Deutschland. Die Wölfe hatten kurz zuvor noch bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt Fußball gespielt. Nun sitzt man als VW-Zögling zwar mit Sicherheit in der Business Class – was für baumlange Kerle wie Edin Dzeko zumindest genügend Beinfreiheit bedeutet. Spannender wird ein derart langer Flug dadurch aber auch nicht. So gut ist keine DVD. Auch keine Stewardess.

Nun schlich der VfL Wolfsburg in Hälfte eins nicht unbedingt über den Platz wie eine Horde französischer Boule-Rentner. Ein Feuerwerk lieferte er jedoch auch nicht ab, weshalb Torchancen lange Zeit Mangelware blieben. Reus versuchte es mit einem Delura-Gedächtnis-Schuss (für die ganz jungen unter uns und die, die es verdrängt haben: gut ist das nicht). Bobadilla lief mit dem Kopf in einen aussichtsreichen Arango-Freistoß und hätte, wäre er ein begnadeter Kopfballspieler, mehr daraus machen können. Außerdem ließ Meeuwis noch einen aus der Distanz los, ehe Dzeko die erste dicke Chance für die Gäste vergab. Nach einem Stellungsfehler von Brouwers behielt Bailly noch einmal die Oberhand. Der Top-Torjäger musste sich daraufhin eine gewaltige Standpauke von seinem Keeper anhören. Bradley mischte sich ein und gab seinen amerikanischen Senf dazu. Szenen, die davon zeugen, dass derzeit nicht alles im Lot ist.

Wolfsburgs Führungstreffer aus der 41. Minute hat derweil beste Chancen, es aufs Cover des Buches „Aus dem Nichts“ zu schaffen, falls dieses einmal neu aufgelegt wird. Die Rezensionen für das Abwehrverhalten in dieser Szene werden jedoch nicht halb so gut ausfallen wie die für Gerd Binnigs Erstlingswerk bei Amazon. Brouwers baute den zweiten Bock, Gentner grätschte zu Misimovic, der Bailly mit seinem Flachschuss heimerothesk abtauchen ließ. Der Belgier hatte zuvor einen Schritt in die falsche Richtung gemacht, als habe er den Schwierigkeitsgrad eigenhändig erhöhen wollen. Doch stattdessen ging er zunächst einmal „Game over“. Knapp 40.000 hatten eine erste Halbzeit gesehen, der man, anders als noch in Dortmund, abnehmen konnte, dass sie wirklich stattgefunden hat. Dadurch geriet sie zumindest einen Tick besser. Das Resultat blieb jedoch gleich.

Nun ist eine Saison ziemlich lang, 34 Spieltage, das weiß jedes Kind. Und irgendwann in dieser langen Zeit hat man immer wieder mal das Bedürfnis, einen Spieler besonders zu würdigen (oder auch das exakte Gegenteil zu tun), wenn man meint, er hätte es verdient. Tobias Levels ist eigentlich schon länger an der Reihe. Nur gegen Bremen in der Hinrunde hat der 23-Jährige vor dem Abpfiff das Feld verlassen müssen. Nur gegen Nürnberg fehlte er gelbgesperrt. In allen anderen Spielen hat er die rechte Seite von der ersten bis zur letzten Minute beackert wie ein niederrheinischer Bauer seine Felder. Auf und ab, vor und zurück – mit Pferdelunge und Vorbildseinsatz. Zwischen dem Torjäger Brouwers, dem Chuck-Norris-Verteidiger Dante, dem vermeintlichen Marin-Double Reus und den teuren Neueinkäufen Arango und Bobadilla geht eine fleißige und zuverlässige Arbeiterbiene wie Levels immer etwas unter. Dabei gehört der stellvertretende Kapitän zu den konstantesten Borussen dieser Saison. Sein Notenschnitt beim „Kicker“ lässt ihn unter den 20 besten deutschen Verteidigern rangieren. Nicht allzu weit hinter den Nationalspielern Boateng und Beck, gleichauf mit dem Adler-Träger Träsch und noch vor Spielern wie Fritz, Owomoyela und Madlung, die ebenfalls Länderspiele auf dem Buckel haben. Für einen wie Levels, der vom Fußballgott nicht mit dem größten aller Talente gesegnet wurde, ist das eine Riesenleistung. In nur zwei Spielen hat er eine glatte Fünf kassiert, legte zudem vier Treffer auf, was ihn zusammen mit Marco Reus zu Gladbachs zweitbestem Vorlagengeber macht. Dieser Absatz ist schon lang und er könnte noch länger werden. Bleibt nur noch festzuhalten, dass der Mann mit dem holländischen und dem deutschen Pass schon seit mehr als zehn Jahren im Verein ist – und es noch lange bleiben möge.

Allzu schwer hatte es Tobias Levels jedoch auch nicht, sich mit einer 2,5 für seine Leistung gegen Wolfsburg zum mit Abstand besten Borussen aufzuschwingen. Kurz nach der Pause hätte er beinahe seinen fünften Scorerpunkt eingefahren. Der Rechtsverteidiger tankte sich auf der Außenbahn durch wie eine entschlossene Hausfrau an der Kasse beim Discounter. In der Mitte jedoch präsentierte sich Bobadilla einmal mehr als völlig überforderte Kassiererin und schoss völlig freistehend höher über das Tor als er davon entfernt war. Storno.

Fußball wäre nicht Fußball, wenn ein Fauxpas dieser Güteklasse nicht postwendend bestraft würde. Brouwers – den man an dieser Stelle ja eigentlich sonst nur erwähnen muss, wenn er mal wieder getroffen hat – leistete sich den nächsten Aussetzer und klärte in einer völlig gefahrenfreien Situation zur Ecke. Bradley wechselte plötzlich die Sportart und stellte eindrucksvoll unter Beweis, warum Amerikaner kein Handball spielen: Sie können es einfach nicht. Den fälligen Handelfmeter haute Dzeko Ballack-like in die Mitte. Ein Tipp an Logan Bailly vielleicht noch: Die Elfmeterschützen der Bundesliga scheinen mittlerweile zu wissen, dass er sich immer ziemlich früh, wie der Keeper auf dem Super Nintendo, in eine Ecke verabschiedet und die Tormitte so verlassen ist wie die russische Taiga.

Nun erlebt man einen Zwei-Tore-Rückstand im eigenen Stadion beileibe nicht jede Woche (auch wenn wir gerade erst einen gegen Bochum hatten). Doch es vergingen nur zehn Minuten, bis das Grauen weiter seinen Lauf nahm. Tobias Levels kassierte seine ersten und einzigen Punktabzüge, weil er Gentner viel zu viel Zeit ließ, um seinen Distanzschuss zu justieren. Dann streifte der Ball auch noch irgendein Körperteil des Gladbacher Rechtsverteidigers, so dass der VfL (eigentlich der richtige, in diesem Fall jedoch der falsche) weiter ins Heimdesaster hineinschlitterte. 0:3.

Ein Torschussverhältnis von 26:19 wirkt zwar nicht annähernd so desolat wie das Ergebnis. Anders sieht es jedoch schon aus, wenn man weiß, dass sich darunter mindestens fünf weitgehend ungefährliche Kopfbälle von Rob Friend mischten. Einen Vorwurf kann man dem Kanadier nicht machen. In Zeiten von Phantom-Stürmern ist man ja froh über jedes Lebenszeichen eines Angreifers. Wenn „Ranger Rob“ im Strafraum ackert, dann müssen ihn die gegnerischen Abwehrreihen wenigstens auf dem Schirm haben. Sonst könnten sie schnell bestraft werden. Wer dagegen Roberto Colautti als Gegenspieler hat, könnte innerhalb von 90 Minuten locker zwei Fremdsprachen erlernen, einen Häkelkurs machen oder endlich die lästige Steuererklärung zu Ende bringen. Erneut schickte Michael Frontzeck gegen Wolfsburg dieselbe Startelf auf den Platz – falls das gegen Köln erneut der Fall sein sollte, läuft irgendetwas falsch.

Bereits eine 0:3-Heimpleite hätte der Borussia ein nahezu historisches Ereignis beschert. Zuhause hatte sie seit dem 30. Oktober 1998, jenem apokalyptischen Freitagabend gegen Bayer Leverkusen (2:8), nicht mehr mit drei Toren im eigenen Stadion verloren. Nicht im weiteren Verlauf der Abstiegssaison 98/99, nicht in Liga Zwei, nicht gegen die Bayern oder irgendein anderes Top-Team, nicht in irgendeiner der vielen Spielzeiten, in der sie arg gebeutelt und Trainer verschleißend in den unteren Gefilden der Tabelle herumkrebste. Damit die Partie gegen Wolfsburg eine realistische Chance erhält, womöglich in zehn oder mehr Jahren erwähnt zu werden, wenn ein Heimspiel wieder einmal derart in die Hose geht, legten Brouwers, Dante und Co. die Latte in der 80. noch ein wenig höher. Dzeko ließ nichts erahnen von zwei Fünf-Stunden-Flügen oder einem miesen DVD-Repertoire. Die Fohlen-Verteidigung war machtlos gegen die Schnelligkeit des Bosniers, Logan Bailly gegen seinen trockenen Schuss zum 0:4.

Michael Frontzeck sprach den Fans im Nachhinein ein Lob aus, dass sie so ruhig geblieben seien, während das Unheil seinen Lauf nahm. In der Tat kam das Pfeifkonzert nach dem Spiel höchstens einer ruhigen, gemächlichen Ouvertüre gleich. Wobei der Trainer bei seiner Bewertung eine kleine Eigenheit der Zuschauerdynamik übersehen hat: Denn noch schlimmer als ein gellendes Pfeifkonzert ist in der Regel gar kein Pfeifkonzert. Stille nach einem 0:4 spricht nämlich dafür, dass schlichtweg niemand mehr da war, um seinem Unmut mit Fingern zwischen den Lippen freien Lauf zu lassen. Ähnlich war es am Samstag.

Ein wenig versüßt wurde das Zuschauen wenigstens von einem kleinen Traum. Oliver Neuville stand nicht nur erstmals seit langer Zeit wieder im Kader, er kam auch ins Spiel für den schwachen Bobadilla. Doch es wurde nichts mit einem Tor des 36-Jährigen. Keine stehenden Ovationen für den dienstältesten Gladbacher in der Bundesliga. Keine Sprechchöre für den bedeutendsten Spieler der Borussia-Park-Ära. Neuville wurde zusammen mit Patrick Hermann eingewechselt, der fast 18 Jahre jünger ist und damit sein Sohn sein könnte, ohne dass die Bild-Zeitung oder ProSieben darüber in einer Real-Doku berichten würden. Hermann kam auf 17 Ballkontakte in 26 Minuten, Neuville blieb bei nur sieben Berührungen ziemlich blass.

Noch vor zwei Wochen gegen Freiburg ging es mit jeder Menge Wut im Bauch nach Hause über abermals verschenkte Punkte. Merkwürdig, wie weit die Borussia auf einmal davon weg ist, überhaupt die Chance zu erhalten, Punkte zu verschenken. 0:4 gegen Wolfsburg – nicht das höchste der Gefühle, sondern lediglich die höchste Heimpleite des Jahrtausends. Und so neu ist das nun auch nicht mehr.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 25. Akt:
Es gab nur keine Borussia

Gladbach Motivbild

Dortmund 3:0 Gladbach – Currywurst, Brinkhoff’s, “Käse Rudi”, Ouzo, Kreta-Platte, das “schönste Stadion der Welt” und ansonsten wenig Leckerbissen.

„So, jetzt sind Sie offiziell ein Dortmunder“, sprach die Verwaltungsbeamtin und drückte den Stempel auf meinen Personalausweis. „Ob Sie es wollen oder nicht.“ Seit fast einem halben Jahr markiert nun schon ein liebloser Aufkleber meinen Wohnortswechsel. Über die Definition von „Heimat“ und „Zuhause“ lässt sich in epischem Ausmaß diskutieren. Fest steht, dass die Postleitzahl 44263 den Ort markiert, an dem ich wohne, seitdem mein Ausweis den besagten Stempel erhalten hat. Was die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Fußballverein angeht, gibt es keine Ausweise (zumindest nicht solche, die Pflicht sind). Keinen Stempel, kein Meldeamt für Anhänger der schönsten hauptsächlichen Nebensache. Und überhaupt sind Fans ja viel zu sesshaft, um so etwas nötig zu haben.

In der Fußgängerzone von Dortmund-Hörde ist viel los an diesem Samstagnachmittag. Auf dem Markt werden Wurst und Käse versteigert. Die ersten schwarz-gelben Flecken fallen ins Auge. Um halb drei. Vier Stunden vor Anpfiff im Signal-Iduna-Park. Mittendrin spaziere ich mit meinem Vater, meinem Bruder und Nils. Sie sind gekommen, um mit mir mein erstes Heimspiel in der Fremde zu erleben – oder auch den ersten Gastauftritt zuhause. Je nach Geschmack.

Es gibt kaum zuverlässigere Gradmesser für die Freundlichkeit in einer Stadt, als die Reaktionen auf gegnerische Fanfarben. In Köln wäre schwarz-weiß-grün keine allzu gute Idee. Hamburger hatten im letzten Jahr nur ein müdes Lächeln für uns übrig. Zumindest die HSV-Fans, mehr Rückendeckung gab es in St. Pauli. Und in Frankfurt hatte ich auf dem dunklen Fußweg vom Stadion zum Bahnhof bisweilen das Gefühl, nicht wirklich willkommen zu sein. Mit Hoffenheim dagegen verhält es sich ein wenig wie mit Spielern, die weniger als die Hälfte aller Partien absolviert haben – eine Bewertung fällt schwer. Nicht nur dem „Kicker“.

Der erste Test steht vor der Currywurst-Bude an. „Seid ihr von Mönchengladbach?“, fragt der Besitzer aus seinem Laden heraus, der praktisch ein schmaler Hausflur ist, durch dessen Tür die Manta-Platten im Akkord nach draußen gereicht werden. Die Schals um unseren Hals ersparen eine Antwort. Er komme aus Viersen, also auch vom Niederrhein, sagt der Wächter des heiligsten Fast-Food-Gutes im Ruhrpott. Für wen denn dann heute seine Herz schlage, will ich wissen. „In mir stecken zwei Seelen“, gibt er zu offen zu. Man kann eben weder die Heimat noch das Zuhause im Stich lassen.

Während wir in der spätwinterlichen Sonne stehen und uns die Currywurst schmecken lassen, schlendern im Minutentakt Leute in Biene-Maja-Farben vorbei. „Unser Bier schmeckt übrigens so wie wir spielen“, sagt einer und deutet auf die Brinkhoffs-Flaschen auf dem Stehtisch. „Warum? Ich find’, es schmeckt doch ganz gut“, versuche ich es mit Ironie, was vielleicht nicht gut, aber genauso wenig schlecht ankommt. Kein Kommentar ist in Dortmund eben auch ein Kommentar. Kurz darauf nimmt ein Mädchen auf Essenssuche Kurs auf die Imbissbude. „Nä, hier nicht!“, entfährt es ihr trotzig und plötzlich gar nicht mehr hungrig, als sie uns entdeckt. Bevor wir dem Niederrhein-Kollegen aus Viersen das Geschäft kaputt machen, brechen wir auf. Es ist schließlich 15:30 Uhr, Bundesliga-Zeit.

Fußball in der Kneipe: ein holzgewordener Traum

Die Begeisterung in der Fußball-Kneipe hält sich natürlich in Grenzen, als wir einkehren. Ein kurzes Raunen, dann ist jedoch schon Ruhe. Das Dutzend BVB-Fans ist viel zu beschäftigt mit Karten, Korn und Co., um sich daran zu stoßen, dass vier schwarz-weiß-grüne Borussen zwischen schwarz-gelben Wimpeln, Postern und Fahnen auf ihre Bier-Ressourcen zugreifen wollen. Lederjacken, Uralt-Jeans und ehemalige Vokuhilas, aus denen mittlerweile Leslie-Mandoki-Matten geworden sind, dominieren das Bild. Nach zwei Minuten habe ich bereits freundschaftlich eine Hand auf der Schulter, deren Besitzer mir versichert, dass es „schon in Ordnung“ ginge. Immerhin stünde ja fest, dass „zumindest eine Borussia gewinnt“. So ganz stimmt das zwar nicht. Aber da beide zusammen auf jeden Fall zwei Punkte holen werden, wollen wir mal nicht so sein.

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Während das Inventar der Kneipe den holzgewordenen Traum eines jeden Kellerbarbesitzers darstellt, stammen neben dem aktuellen Mannschaftsfoto des BVB einzig die beiden Flachbildfernseher aus dem neuen Jahrtausend. Ok, die Frikadellen in der durchsichtigen Vitrine vielleicht auch noch. Als Lukas Podolski zum 1:0 für Köln trifft, herrscht rege Schadenfreude. Vier Gäste teilen die Begeisterung nicht ganz. Etwas stiller ist es ein paar Minuten zuvor gewesen. Schalke führt bereits nach einer Viertelstunde mit 2:0 in Frankfurt. Dennoch kein Grund, an einem Samstag in Dortmund Trübsal zu blasen. Die Spielautomaten laufen heiß. Ein Vertreter der Mandoki-Fraktion erzählt, wie er mal an einem einzigen Nachmittag 500 Euro gewonnen habe, „oder D-Mark oder so“. Jedenfalls „an einem einzigen Nachmittag”!

Die nächste Etappe führt uns bereits zum Stadion. Das Kinderkarussell auf dem Markt dreht sich noch immer unverdrossen. Dafür packt „Käse Rudi“ aus Holland so langsam seine Sachen. An der U-Bahn-Station werden wir von vertrauten Klängen empfangen. Ich scheine beileibe nicht der einzige „wahre“ Borusse in der Nachbarschaft zu sein. Die „Elf vom Niederrhein“ schallt enthusiastisch durch den Schacht. Wir stimmen ein, keiner protestiert. Dortmund erobert in Sachen fußballerischer Gastfreundlichkeit so langsam einen Spitzenplatz. Dass dies eine der wenigen positiven Erkenntnisse des Tages bleibt, ahnen wir da ja noch nicht.

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Um halb sechs versinkt die Sonne bereits hinter dem Signal-Iduna-Park. Das angeblich schönste Stadion der Welt, wie ein vom Sommerloch geplagter „Times“-Redakteur letztes Jahr befand, macht zwar den Eindruck, dass die Wahl nicht gerade in die Kategorie „hanebüchen“ fällt. Toll sieht es wirklich aus. Doch soll dieser Anblick am frühen Samstagabend wirklich der schönste, berauschendste und wohltuendste sein, den ein Fußballstadion auf diesem Planeten (ohne Wasserfläche immerhin 149 Millionen km² groß) zu bieten hat? Man ist misstrauisch geworden gegenüber Superlativen, seitdem es jedes Jahr einen Jahrhundertsturm gibt.

Ein Spiel, das niemals stattfand?

An dieser Stelle könnte nun der Hauptteil dieses Textes beginnen, unter Umständen sogar der Höhepunkt. Doch nachdem Schiri Michael Weiner um halb sieben anpfeift, vergehen knapp drei Stunden, bis ein Stück gebackener Feta-Käse beim Griechen das nächste Highlight bringt. Gut 70.000 Dortmuner werden diese Ansicht vielleicht nicht teilen, weil sie erstens einen 3:0-Sieg ihrer Mannschaft erleben und sich zweitens nach dem Spiel nicht für ein Glas Ouzo und eine Kreta-Platte entscheiden. Aus Gladbacher Sicht steht jedoch fest: Die Borussia hat einen Tag erwischt, den man nicht einmal als grausam, unterirdisch oder – ganz nüchtern – schlecht bezeichnen kann. Denn nach 90 Minuten dominieren ernsthafte Zweifel, ob es diesen Tag jemals gegeben hat.

Als wir den Gästeblock betreten, liegt Logan Bailly gerade auf dem Rücken und wird behandelt. Ein Ärzteteam hängt über ihm wie eine ganze Staffel „OP ruft Dr. Bruckner“. Angesichts der späteren Leistung des Belgiers kann es sich höchstens um kosmetische Maßnahmen gehalten haben. Und passend zum Mediziner-Motto läuft er kurz darauf „ganz in Weiß“ auf. Zwar ohne Blumenstrauß, dafür jedoch mit einem gewissen Sascha-Hehn-Schwarzwaldklinik-Touch, wie im Forum jemand anmerkte. Bailly ist über weite Strecken der einzige, der Normalform erreicht. Bei Zidans Schuss zum 2:0 in den Winkel könnte ein Übergreifen zumindest die Chancen erhöhen, den Ball zu halten. Hinzu kommen ein paar verunglückte Abschläge und –würfe. Was unterm Strich jedoch immer noch reicht, um sich von zehn plus drei quasi nicht existenten Mannschaftskameraden abzuheben.

Der Abpfiff kommt geradezu plötzlich. “Ihr könnt nach Hause fahr’n”, hatte die Südtribüne angestimmt und dazu weiße Taschentücher geschenkt – da schmerzt die Fan-Seele. 90 Minuten sind dahin geplätschert wie die Niers an einem verregneten Novembertag. Der VfL brachte ganze drei Torschüsse zustande. Höchstens Bobadilla, der frei vor Weidenfeller den Abschluss solange aufschob wie ein Paruretiker den Gang zum Stehpissoir, sorgte einmal für etwas Gefahr. Fünfzehn Flanken verzeichnet das Konto von Gladbach. Eine einzige fand einen Abnehmer – gemeint ist vermutlich die Ecke, nach der Colautti zum Kopfball kam. Merkwürdigerweise durfte der BVB sich bei den ersten beiden Toren munter durchs Mittelfeld passen, bevor Stellungsfehler und verlorene Zweikämpfe das Unheil besiegelten. Folgendes Foto zeigt eine gravierende Schwäche auf: die einzelnen Mannschaftsteile sind nicht miteinander verknüpft.

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Im Bild, bei einem Abstoß von Weidenfeller, steht die Viererkette zwar auf einer Linie, die beiden Sechser zentral davor. Dafür klafft eine 20 Meter große Lücke zwischen Defensive und Offensive. Gleich drei Dortmunder werden bei einem einigermaßen geglückten Abstoß keinerlei Probleme haben, den Ball anzunehmen und sich zu überlegen, was man damit anfangen könnte.

Never change a losing team?

Vielleicht läuft derzeit personell nicht gerade alles rosig. Die Elf, die am letzten Hinrundenspieltag gegen Leverkusen begonnen hat, ist seitdem nur sechsmal verändert worden. Zum Auftakt gegen Bochum ersetzte Lamidi den verletzten Friend, Daems kehrte zurück nach seiner langen Pause. Colautti rückte darauf gegen die Hertha wieder in die Mannschaft. Gegen Nürnberg spielte Jantschke für den gesperrten Levels, wurde danach gegen Hoffenheim wieder ausgetauscht. Zudem ersetzt Meeuwis seit dem Spiel gegen den “Club” den verletzten Marx. Drei Änderungen aufgrund von Sperren und Verletzungen, drei Änderungen aufgrund von abgelaufenen Sperren und geheilten Verletzungen: nicht einmal hat Michael Frontzeck in den letzten acht Partien leistungsbedingt gewechselt. Doch aus acht Partien seit der Winterpause stehen gerade einmal zwei Siege zu Buche. Das mögen zwar exakt so viele sein wie in der Hinserie. Dass es gleichzeitig keinerlei Diskussionsbedarf gäbe, stimmt aber auch nicht.

Filip Daems spielt hinten ungewohnt fehlerreich, setzt vorne keinerlei Akzente. Michael Bradley wirkte zuletzt elanlos, ließ mehrere Chancen liegen, die der Borussia Punkte gebracht hätten (zum Beispiel in Hoffenheim und gegen Freiburg). Marco Reus hat in der Rückrunde nur gegen Bremen und Nürnberg überzeugt (kurioserweise wurden beide Spiele gewonnen), wirkt, als bräuchte er eine kurze Verschnaufpause. Vorne spielt Raúl Bobadilla inzwischen zwar um einiges mannschaftsdienlicher, ackert gewohnt viel. Dafür agiert er weiter glücklos im Abschluss, hat die Gala-Leistung gegen Bremen nicht zum großen Durchbruch nutzen können. Zu guter Letzt hat Roberto Colautti zwar schon dreimal den Fuß hingehalten (seine Treffer fielen allesamt aus höchstens zwei Metern Torentfernung). Trotzdem wirkte er dabei so überzeugend wie ein wie Staubsaugervertreter vor der Haustür. Hinzu kommen die Personalien Neuville oder Bäcker. Über den einen wird scheinbar nicht einmal mehr geredet, der andere darf nach gelungenem Debüt sein Glück zumeist nur noch in der Regionalliga versuchen. Ist Kontinuität etwa gleichzusetzen mit dem Credo “never change a losing team”?

Frontzeck fordert “Reaktion” gegen Wolfsburg

„Wir haben über Monate stabil gespielt, deshalb kann man sich auch mal eine solche Leistung erlauben“, meint Michael Frontzeck zum Spiel in Dortmund. Die Wortwahl wirkt etwas unglücklich. Denn all die mitgereisten Borussen wird das nur wenig trösten. Leistungen wie diese mögen passieren. Dass man sie sich „erlauben“ darf, klingt nach einem merkwürdigen Freifahrtschein. Ich habe bisher nur einmal höher als 0:3 verloren im Stadion. Daraus kann man entweder schließen, dass mir ein 0:6 in Berlin oder ein 1:7 in Wolfsburg bislang aus purem Glück erspart blieb. Oder aber man stellt fest: Pleiten dieser Art sind einfach nicht die Regel. Gleichzeitig fordert der Trainer jedoch auch „eine Reaktion“ gegen Wolfsburg. Die haben derweil zurück in die Spur gefunden und die letzten vier Pflichtspiele allesamt für sich entschieden.

Aus drei Spielen ohne Niederlage sind plötzlich drei ohne Sieg geworden. Längst kein Grund, große Misstöne anzustimmen und etwas vom Zaun zu brechen. Solange die Reaktion, die Frontzeck einfordert, auch in die Tat umgesetzt wird. Die Borussia spielt noch gegen die ersten vier Mannschaften der Tabelle, gegen sechs der ersten Acht und nur zwei Mannschaften, die derzeit hinter ihr stehen (so wenige sind das nicht). Aus genau diesen neun Partien (damals fünf auf fremdem Platz) gab es in der Hinrunde sagenhafte vier Dreier bei insgesamt vierzehn Zählern. Kein schlechtes Omen für den Schlussspurt und für ein äußerst versöhnliches Saisonende. Wie das mit den Omen aussieht, hat jedoch das Spiel in Dortmund gezeigt: Nach Heim-Unentschieden hatte der VfL bekanntlich stets einen Auswärtssieg eingefahren. Sieht so aus, als ob dies nur für Nullnummern im Borussia-Park gelten würde. Wie die Weichenstellung gegen Wolfsburg auszusehen hat, müsste demnach klar sein. Erst 0:0, dann Derbysieg.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 22. Akt:
Lange nicht so päpstlich wie der Papst

Gladbach Motivbild

Gladbach 2:1 Nürnberg – Holland-Bier, Kirschlikör, ein Foul, kein Pfiff, der Papst, andere Konfessionen, andere Sitten und ein guter Freund.

Zu wohl keiner anderen Zeit im Jahr ist der Niederrhein ursprünglicher und heimatverbundener als an den Karnevalstagen. Und deshalb verwundert es nur wenig, dass selbst ein Gespräch am Rosenmontag – mit Indianer-Federn auf dem Kopf, verwischter Schminke im Gesicht und pfandfreiem Dosenbier in der Hand – nicht ohne ein Thema auskommt, das die Region bestimmt wie kaum ein anderes: die Borussia aus Mönchengladbach.

Drei Tage lag das 2:1 des VfL im Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg zu diesem Zeitpunkt schon zurück. Doch die Diskussionen hielten an zwischen Holland-Bier und Kirschlikör: War es wirklich so ein klares Foul vor dem Siegtreffer durch Rob Friend? Und wenn ja, muss man sich dafür entschuldigen, wenn man auf diese Weise das erhält, was man sich über 90 Minuten redlich verdient hat? Den Sieg.

Die Antwortkombination dürfte Ja-Nein lauten. Karim Matmour mag nicht zum Kopfball abgehoben sein, um mit Club-Torwart Schäfer Luft-Pogo zu tanzen. Doch da der Keeper in seinem Fünfmeterraum einen ähnlichen Status genießt wie der Papst im Petersdom, wäre ein Pfiff von Schiri Meyer logisch gewesen. Spätestens seit den Weihnachtsfeiertagen weiß man aber auch, dass selbst im heiligen Zentrum des Katholizismus die Sitten rauer geworden sind. Benedikt XVI. war bekanntlich von einer verwirrten Frau zu Fall gebracht worden. Die Dame erhielt, anders als Karim Matmour, einen Platzverweis durch die schweizer Schiedsrichter. Dennoch ließ die anglikanische Kirche in der Nachbetrachtung aus England verlauten, so etwas wäre auf der Insel mit Sicherheit nicht abgepfiffen worden.

Dass der Fußball ein merkwürdiges Spiel ist, muss man eigentlich nicht mehr andauernd wiederholen. Es zu unterlassen, fällt jedoch schwer. Da kehrt man nach einer an für sich bitteren Niederlage aus München heim, die Brust vor lauter Stolz bis zum Kinn angeschwollen. Zwei Wochen darauf stimmt ein ebenso knappes 2:3 beim Tabellenführer in Leverkusen nicht mehr ganz so froh, weil man sich in den entscheidenden Situationen schlichtweg dämlich angestellt hat. Die Rufe nach schnöden Siegen werden laut. Fährt man dann solch einen Dreier der Marke „Mund abputzen“ ein (wie am vergangenen Freitag), ist sich die Rautenwelt jedoch auch nicht so sicher, wo der nun wieder einzuordnen ist.

Also halten wir einfach fest, dass wir im Grunde sowohl drei Punkte als auch sehenswerte Leistungen wollen. Da der VfL ein Verein ist, der im letzten Jahr nur dem Abstieg entging, weil die anderen ihm mit 31 Punkten einen Bundesliga-Rekord ermöglichen wollten, bleiben wir jedoch völlig un-kölsch. Nämlich bescheiden. Drei Punkte und sehenswerte Leistungen müssen sich innerhalb von 90 Minuten nicht immer überschneiden – solange wir bis zum Saisonende jeweils einen zufriedenstellenden Teil von beidem bekommen. Mit 750 Reisekilometern vor der Brust darf der Fokus am Freitag gegen Hoffenheim jedoch gerne auf dem Punkte-Teil liegen. Denn Schönheit ist auswärts bekanntlich ein Fremder. Drei Zähler dagegen sind ein guter Freund.